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Wiener Morgenzeitung · 1923-11-24 · Heft 1716 (24.11.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1716 (24.11.1923)
Date
1923-11-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ElnzelmnmnerKIflOO Wien: Zum Abholen Inder Expedition, II., Taborstr. 1-3, oder in einer Verschleisstelle § Trafik) monatl. K 28.000 trassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt,I.Bez., Wollzeile 11. Mit Poatversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tach e ch o-S I owa k ei: Mon. K 17. lugoslawien: Mon. Dinar 40. P o 1 e n: Mon. 8st.K 22.000. Deutschl.i Mon. ost.K 28000. F r an k r., Belgien: Monatl. Frca. 8 DU' Naohtahlunje» TW bei Preiaerhohunjren Vorbehalten Nr. 1716 mmmmnmm Wien. Samstag. 24. November 1923 r«chccho4io«aR«i t tschech. K 1.— Italien: Monatl. 10 Ure, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon. 75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Free« 3 Redaktion u. Administration Wien, n.,Tahorstrassel—3 Teleohone: 44-0-38,43-3-19, ah 6 Uhr abds. 19-483,25-282 Tel- Adr. :,,MorgemettangM Wien Oesterreichischiei Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 i. Jahrgang Las rserttauemvotum abgelehnt. — GesamtdemWon des Kabinetts. — Lie Staatskrise ausgebrochen! Der AbrWllugsbeseit des Generals. —y. Wien, 24. November. Der Kommandant der deutschen Reichswehr Ge- Tteral Seeckt hat als Inhaber der vollziehenden Gewalt eine Verordnung erlassen, durch welche alle Putschorganisationen der Nationalsozialisten und der Kommunisten in ganz Deutschland aufgelöst werden. Die Berfiigung entspricht sicherlich einem weitverbreiteten Verlangen, aber es ist abzuwarten, ob der General die Macht und den Willen hat, seiner Anordnung Gehorsam zu verschafsen. General Seeckt, ehemals Stabschef Mackensens, gilt als ein Gegner Lndendorffs und hat nach dem Kapp-Putsch den Aufbau der Reichswehr übernommen. Er hat der Republik den Treueid geleistet, darf aber doch nicht als Republikaner oder gar als Demokrat angesehen werden. Es ist allerdings auch nichts von ihm bekannt geworden, lvas auf besondere Feindschaft gegen die Republik schließen ließe. Seine politische Stellung ist vollständig unbekannt, und darum ist es auch unmöglich, in seiner erwähnten Verfügung einen Akt von Freundschaft oder Gegnerschaft zu dem Deutschland von heute zu erkennen. Anders steht es natürlich mit der Wirkung, die. diese Verordnung aus die deutsche Oeffentlichkeit haben muß. Die Putschovganisaüonen, die heute das deutsche Volk in beständiger Unruhe erhalten, sind die Exponenten bestimmter politischer Richtungen, und die Parteien, die mm gelungen werden sollen, .auf ihre Komitatschis zu verzichten, werden dies kaum ohne den Versuch der Gegenwehr tun. Die. Banden, die heute noch in Mitteldeutschland stehen und auf den Befehl Ehrhardts zum Marsch nach Berlin warten, bilden eine. Armee, die nach ihren eigenen Gesetzen lebt und jenen Geist pflegt, den General Seeckt in seinem bekannten Armeebefehl vom September 1920 bei der Fünfzigjahr-Feier der Schlacht von Sedan gepriesen hgt und den er in der Reichswehr und im Volk erhalten wissen will. Dieser Geist greift heute wiederum nach der Macht in Deutschland. Die Diktatur, die' errichtet werden soll, ist nichts anderes, als der Vollstrecker dieses Geistes, sie wird von den Kreisen gefordert, die vor nun fast zehn Jahren Deutschland in den Krieg getrieben haben. Wenn sie nun tatsächlich wieder zur Herrschaft gelangen, so würde dies für die Feinde Deutschlands das Signal sein, die Entwicklung mit noch schärferem Mißtrauen zu verfolgen. Die Botschafterkonserenz hat sich denn auch in diesem Gedarrkengang zur Wiederherstellung der Militärkontrolle iiber das Deutsche Reich entschlossen und dem General Rollet ganz bestimmte Instruktionen erteilt, die gegenwärtig von den Mächten der Entente noch überprüft werden. Es ist sicher, daß sich diese Militärkontrolle auch für die Frage der Kampsvevbände und der sonstigen Mörderorganisationen interessieren wird. Es mag sein, daß die' Anordnung des Generals Seeckt eben nur bezwecken soll, die Waffenbestände und Ausrüstungen der unterschiedlichen Wickinge, Reichsflaggen und jungdeutschen Ordensrnaben rechtzeitig in Sicherheit zu bringen und vor der Neugierde der Kontrolloffiziere zu retten. Die Entwaffnung der kommunistischen Hundertschaften wird der Reichswehr kaum besondere SäMierigkeiten bereiten. General Seeckt wird aber seine ganze Macht aufwenden müssen, um dem bayrisch-deutschen Dualismus zu entgehen. Seine Reichswehr hat zwar die Hitlerschcn Banden überwunden. Ob aber die bayrische Regierung sich in diesem Fall dem Berliner Befehl fügen wird, ist zumindest fraglich. Sie hat die L"ssowsche Meuterei gegen Seeckt gebilligt und unterstützt und sie bricht in sich zusammen, wenn ihr die Rückendeckung der Irregulären durch den Berliner General entzogen wird. In diesem Zwiespalt, der die Schwäche der Reichsregierung verursacht hat und sogar zum Ausbau eines ganzen politischen Systems benützt wurde, steckt heute der Kern des deutschen Problems. Es ist bezeichnend, daß man in Deutschland heute nach dem Strohhalm des militärischen Kommandos greift und sich dem Wahn hingibt, die Flut mit einem Auflösungsdekret-eines Generals zum Halt zu bringen. Dazu sind.die Dinge denn i doch schon zu weit gediehen. Der Weg Deutschlands geht heute zur Diktatur oder — zum Generalkommissariat/ der Entente» Berlin, 23. November. Das Wolffsche Bureau meldet: In namentlicher Abstimmung über das Bertrauensvotnm der Neaieruygsparteien im Reichstag wurden 392 stimmen abgegeben. Hiervon lauteten 15 5 auf Ja und 230 ans Nein. Sieben Abgeordnete enthielten sich der Stimme. Das Vertrauensvotum ist also abgelehnt. Nach der §^stimmung im Reics^aa bol der Reichskanzler eine kurze Mini- DK entscheidende Atzunq de« Reichstage». Berlin, 23. November. Vor Wiederaufnahme der politischen Aussprache i-m Reichstag weiden die drei M iß t ra ne n s vo te n, der D e ut s ch na>t i o na l en, der Sozialde in o traten und der K o m m u n i st e n j verlesen. Der Reichskanzler verlangt eine klare unzweideutige Entscheidung des Parlaments in der Vertrauensfrage. Hieraus bringt namens der Regierungspartei e n der Führer der Fraktion der Deutsch e it.- V o l ks Pa r t e i eim von s e i u e r ’fftrtt* i'fotofe vom Aontrum Uind den Demo träten unterschriebenes Votum ein, das besagt: „Der Reichstag spricht der Relchsvegieru'Ng. das Vertrauen aus." Ms nächster Redner erhält hierauf der demokrati'che Abgeordnete Erkelen'z das Wort, der erklärt, daß die Demokraten dem Gedanken der großen Koalition auch weiterhin ihre Kräfte widmen würben, denn nur so könne die Zerklüftung des deutschen Volkes vermieden werden. Abgeordneter Leicht (Bayrische BoWpartei) führt aus: Der Münchner Putsch war ein Verbrechen am deutschen Volk. Wir sind den Ausführungen des Reichskanzlers Wer das VechMnis des Reiches zu Bayern mit großem Interesse gefolgt, haben uns aber nicht davon Meo-eugen können, daß die Taten der Reichs regte rmng, welche folgen wollen, dem entsprechen werden, was unser Antrag Wer den föderalistischen Ausbau der Verfassung will. Darum können wir einem Vertrauensvotum nicht zu stimmen. Reichswchvminiister Dr. Geßler erklärt: Ich halte es für ein. Unglück, daß wir in einer Zeit, in der die deutsche Nation bedvcht wird, uns gegen den Bürgerkrieg wenden müssen. Die Nationalsozialisten und die K o m m n n i st en, die in ihren Zielen so verschieden sind, sind einzig-in ihrem Mittel, nämlich in der Anwendung der Waffengewalt. Wir kennen die Kanipfpläne von rechts und links und haben uns entschlossen, diesen. Kamps, für die dm Zische demokratische Republik mit den schärfsten Mitteln auszunehmen. Herr b. Kahr war als Vertrauensmann weitester Kreise, auch in NoriddeutlMand bekannt. Als Kahr zum bayrischen Generälstaatskom-. missär ernannt wurde, . wuchs die Gefahr. Wir waren entschlossen, den Kampf auf dom Kampfplatz in Mitteldeutschland aufzunehmen, aber wir durften nicht die ke-mmuiniftischon Hundertschaften im Rücken haben. Wir konnten nicht dulden, daß in dieser Zeit in Laudesregstrungen Kommunisten säßen, die salbst den Umsturz der Weimarer Verfassung gewaltsam erreichen wollten. Der Sinn der Ernennen ung des Generals v. Seeckt zum Inhaber der vollziehenden Gewalt war, der, daß um die deutsche Republik erkämpft wird. . . Wir. sind entschlossen, jeglichen' Versuch eines gnüvaltsämen Umsturzes der Verhältnisse in Deutschland, komme 'er woher er wolle, mit all e n M i ttel n entgegenzu treten.! Der Kommunist Fröhlich rief das Proletariat zum i Kamvf« gegen di« Militäridiktatur. mm be» stervesprechrrng abgehalten und sich hierauf zum Reichspräsidenten begeben, um ihm die Demission des GesnmtkabinettS zu überreichen. B e r l i n, 23. November. Der Reichs- Präsident hat die Demission des Reichskabinetts entgegengenommen und das Kabinett mit der einstweiligen Fortführung der Geschäfte beauftragt« waffneten Aufstand ans. Nachdem der dentschvöM» sche Abgeordnete Henning N'ch gegen das Verbot der Tiöubi'chvölkischen Fveiiheitsparter protestiert hatte, wurde die Abstimmung über die. BertraiiMsfrage Vovgen-ommen, die den Sturz' Stresvmanns zur Folge hatte. Regierungskrise auch in Preuße«? Berlin, 23. November. (Tel. d. „Wiener Morgenzeitung*.) In politischen Kreisen wird erwartet, daß mit dem Sturz des Kabinetts Stresemann auch die Sprengung der $X.oß e,n Ko al.it i o.n rverbunden fein wird... Gerüchte wollen''wissen^ die-Fraktion he^ De n t sche u" Vo l k spart«: beabsichtige, noch heute dom preußischen Ministerpräsidenten Braun ihr Ausscheiden' aus der Koalition mitzureilen. Das Verbot der SeutWMsche« und Kommunistischen Parteien. Berlin, 23. November. (TÄ. d. „Wiener Movgenzertung".) Das Verbot der Deutschvölkischen und der Kommun Pischen Partei erregt außerordentliches Aufsehen, da zum ersten Male politische Parteien im ganzen Reiche verboten werden. Die dem Vevbot boigegebene amtliche Begründung wird eingehend besprochen, zumal nunmehr von amtlicher Seit« der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei borge worsen wird, versucht zu haben, Soldaten der R e i ch s m a ch t zum Ungehorsam zu verleiten und die Regierung des Deutschen Reiches durch einen bewaffneten Aufstand zu stürzen. Auch das Verbot der Kommunistischen aPrtei wird damit begründet, Soldaten der Wehrmacht zum Ungehorsam gegen ihre Vorgesetzten und die BevMerung zum Widerstand gegen die Anordnungen der vollziehenden Gewaill verleitet zu hüben. Das gesamte Vermögen der beiden Parteien wurde beschlagnahmt.. Wie in den Wandelgängen erklärt wird/ steht das Verbot der Nationalsozialistischen Partei auch im Zusammenhang Mit den Vorgängen an der Jnfanterie-Reichsschule in München. Nicht nur die Offiziere, sondern auch die Zöglinge dieser Schule stehen vollständig .unter nationalsozial ist is chem Einfluß, was nicht zuletzt auf die Propaganda des steckbrieflich verfolgten (?) Oberleutnants R o ß b a ch zur-iicktzusühren ist. Angesichts dieser Vorgänge stehe die Auf-lösung der Münchner Infanterie sch ule bevor. Poinrme Wer die uuswstrtige Lage. Paris, 23. November. (Tel. der „Wr. Movgenztg.") Poinare erklärte in der Heutigen Kammersitzung, daß in der Ruhr die Lage unverändert sei. In Beantwortung der Interpellation des Abgeordneten Mare Tangier über die pazifistische Strömung in Deutschland erklärte Poineare unter Gelächter der Versammlung, daß eine Schwalbe noch lange nicht den Frühling mache. Die Tatsache. - daß die Arbeiter von Stinnes, sich beeilten^ in den Dienst der Besatzungbehörden zu treten, sei jedenfalls bedeutungsvoll. Zur Frage der Rückkchr des gclwsstnen Kronprinzen! übergehend, betonte der MinistrpEident. daß der Friede nsvertwg eine VeübammW des ehemaligen Kron- Pri-nzen nicht vorsehe, da dieser auf seine Recht-e verzichtet habe. Eine Wiedereinsetzung der bösartigen Dynastie der Hühenz/llern jcdrch wäre nicht zu ertragen und eine Ge» fahr für den vuroM'chen Frieden- —■sgr*—■

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