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Wiener Morgenzeitung · 1923-11-20 · Heft 1712 (20.11.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1712 (20.11.1923)
Date
1923-11-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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^nzeltmmtncrBIOOO Wien: Zum Abholen in der Expedition,II.,Taborstr.1-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafikl monatl. K 28.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma GoIdschmiedt.I. Bez., Wollzeile 11. Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tsehecho-Slowakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. ost.K 22.000. Deutschi.: Mon. o st. K 28000. F rankr.» Belgien: Monatl. Frcs. 8 MT Nach *ahl «»*«!> ■•• bei PreiierhohunjreD Vorbehalten Kr. 1712 V lener Me«. Dienstag, 20. November 1923 Tscheche-5>lownn<«il tschech. K 1.~ Italien: Monatl. 10 lAre, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon. 75 Lewa, 8 c h w e i z und das übrig« Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien. lI.,TaborstraBsel—-3 Telephone: 44-0-38.43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,25-282 Tel.- Adr.: „Morgenzeitung* Wien Oesterreichisches Postspar: kassen- Konto Nr. 150.693 mmmcmmmmmmmmmt 5. Jahrgang Das akademische Faustrecht. —y. Wien, 20. November. Die antisemitischen Krawalle an den Wiener Hochschulin-stituten haben Pünktlich wieder begonnen. Sie gehören nun einmal in das Politische Bild Oesterreichs und lassen sich ihren Platz durch nichts streitig machen. Sie haben jetzt einen besonders bösartigen Charakter angenommen, wohl im Hinblick auf die heute erfolgende Konstituierung des neuen österreichischen Nationalrates. Sie sollen den Zusammenhang zwischen Politik und wissenschaftlichem Betrieb demonstrieren in der Art, wie er hier bodenständig ist. In Oesterreich ist man im Abbau der Kultur begriffen. Die Budgetierung des Staates geht in allem und jckem von der Magenfrage als dem Zentrum aller Entwicklung aus und sieht alles andere, wie etwa die.Vorsorge für die wissenschaftliche Ausbildung der Jugend, als eine lästige jüdische Erfindung verächtlich an." Wer boshaft wäre, könnte jetzt eine hübsche Studie über das Kapitel vom jüdischen Materialismus und vom nichtjüdischen Idealismus schreiben und damit für kommende Zeiten einen Einblick in die Kulturgeschichte dieser Jahre vorbereiten. Es könnte gezeigt werden, mit wÄcher unheimlichen Systematik die politische Führung der Deutschen im Reich und in Oesterreich daran arbeitet, das Volk in der geistigen Entwicklung zu hemmen. Der Lehr- und Lernbetneb verkümmert, an die Stelle der Forschung tritt ein mechanisches Abschnurren veralteter Formeln, die Bibliotheken verdorren, Bücher und Materialien sind unerschwinglich teuer geworden, der Austausch geistiger Forschungsergebnisse mit dem Ausland ist schon jetzt eine leere Feiertagsfloskel. Die Generation, die jetzt an diesen Hochschulen erzögen wird, müßte mit Granen in die öde Zukunft starren, die ihr den . wissenschaftlichen Wettbewerb mit den Söhnen anderer Nationen zur/Unmöglichkeit macht, und sie müßte, wenn sie geradlinig denken könnte, gegen diese Vertorfung den schärfsten Protest erheben. Sie tut das nicht, sondern will die Juden von den Hochschulen wegtreiben. Sie versieht nicht, daß sie kein abgeschlossener Beruf ist, sondern nur im lieber gang lebt. Sie hat sich ein politisches Lexikon znrechtgelegt, das statt aus Begriffen ans Worten besteht und sie glaubt, daß die ewige Wiederholung solcher Worte und ihre Unterstreichung mit Faust und Gummiknüttel irgend etwas beweise und an der Tatsache, an dem kontinuierlichen Verfall des deutschen Geisteslebens, etwas ändern könnte. Mer dieses Lexikon ist zugleich auch die Grundlage des politischen Systems in Oesterreich, und man muß dies heute hervorheben, an dem Tage, an dem sich die Volksvertretung wieder versammelt. Bei den Wahlen ist gerade die Partei der infamsten Hetze und zugleich der absoluten politischen Begrifflosigkeit geschlagen worden. Aber das System bringt es mit sich, daß dieses Votum der Wählüvschaft unbeachtet bleibt und daß die Großdeutsche Partei, die parlamentarische Rückendeckung für die Organisation des Mordes und der inneren Unruhe, ihre Ministerstühle und damit die Macht behält. Man konnte bis zum Termin der Wahlen immerhin glauben, daß ein ansehnlicher Teil der Bevölkerung diese Partei der politischen Floskel und der Hinterhältigkeit stützt. Aber der 21. Oktober hot gerade das Gegenteil bewiesen und gezeigt, daß die österreichische Wählerschaft die ruhige sachliche Arbeit am-Staate gefördert. wissen. will. Mit Hilfe der Sozialdemokraten wird dieses Urteil in dem wichtigsten Punkt ins Konträre abgebogen und es tritt das Resultat zutage, daß die antisemitische Hetzparole wieder immun wird, die jüdische Wählerschaft dagegen ohne die Möglichkeit der entsprechenden Antwort dasieht. , Es ist die Ironie des Zufalls, daß sich der erste Exzeß der Krawallsiudenten gerade gegen einen der Sozialdemokratie angehörenden / jüdischen Professor richtet- und daß diese Partei nunmehr, sicherlich sehr gegen ihren Willen, irgend etwas gegen die 'Universitätsschande unternehmen muß'. Mer was. immer, siellut, es wird von den großdeutschen Protektoren' der völkischen Schreier sabotiert werden. Man ist' auf den Ausweg verfallen, die Vorlesungen zu Mieren; von seiten der Arbeiterschaft scheint wieder der Gedanken der gewaltsamen Selbstjustiz ventiliert zu werden. Beides ist unrichtig, weil es einen der Gründe des Uebels außer acht läßt, den von den völkischen Professoren verübten Mißbrauch der Autonomie der Universitäten. Man wird an der Hochschule den Lehrbetrieb nur daun sichern foulten, wem» mau die Autvechtevbaltung der Ordnung der Die Botschasterkonferenz gegen die Rücstehr des kxkronprinzen und für eine gemäßigte Militiirkontrolle. 6ht englisch-franMches Kompromiß. Paris, 19. November. Die Sitzung der Botschafterkonferenz, die um 11 Uhr 30 Plinuten begonnen hatte, wurde um 13 Uhr 35 Minuten beendet. Es wurde eine grundsätzliche U e b e r e i n st i m m u n g betreffend die interalliierte^ Kontrolle erzielt. Das Abkommen wird den interessierten Regierungen zur Genehmigung unterbreitet werden. Die ftanzösische Abordnung legte zwei Resolutionsentwürfe bezüglich der Wiederaufnahme der Milihürkont rolle und der R iyf kehr des Kronprinzen vor. Die anderen alliierM Delegationen legten den Standpunkt ihrer Negierungen dar. Nach einem längeren Gedankenaustausch einigte man sich auf den Entwurf eines Kompromisses, der der französischen nnd der englischen Regierung zur Ratifizierung vorgelegt wird. Die Konferenz wird um 18 Uhr wieder zusammentreten. Der nachmittags zusammengetretene französische Mini st er r a t hat die von P o i n c a r e in den Verhandlungen über die Gegenmaßregeln der Botschasterkonferenz eingenommene Haltung e i n st i m m i g g u t g e h e i ß e n. Keine Sanktionen! In der Abendsitzung der Botschasterkonferenz ist, wie ,,^n» transigeant" meldet, eine Einigung zwischen dem englischen und dem französischen Standpunkt zustande gekommen. Deutschland wird zunächst gefragt werden, ob es den Exkronprinz e n a u s z u w e i s e n gedenke. Es werde jedoch noch nicht mit Sanktionen gedroht. Sodann wurde die Sitzung auf morgen vertagt, da der englische Botschafter die letzten Instruktionen seiner Negierung noch nicht schalten hat. Mn libemtzr Lieg % — London, .19. November«. Als .erste.Partei sind die Liberalen-mir aller Kraft' in die Wahlschlacht eingetreten. Schon am ersten Tage haben die drei größten Männer dieser Partei, Bald>w t n, CH u r chilI nnd Lloyd G e o r g e. zu den. Wählern gesprochen. Am bemerkenswertesten wären die Ausführüngen Lloyd Georges, der unter großem Beifalle erklärte, es sei nötig, nicht« einen^ Schutz gegen die französischen Fabriken, sondern gegen die französischen Militaristen zu suchen. Es sei beklagenswert, daß gegen den britischen Handel von politischen Persönlichkeiten Intrigen gesponnen werden. Englands Kredit werde zerstört, sein Handel verkrüppelt, weil.es der Regierung nicht gelungen sei, die Ruhe in der Welt herzustellen. Poi neare. der. „dem armen Ententebabh ein wöchentliches Bad von Schwefelsäure gebe, um es weiterhin fröhlich zu erhallen", habe vorgestern eine Rede gehalten, die die Entente zu beenden drohe. Die frühere Regierung habe, die Alliierten zusammengehalten, bis die Apostel der neuen Regierung kamen und dann sei die Lage beklagenswert geworden. Amerika wollte Seite an Seite mit England die europäischen Angelegenheiten in vernünftiger Weise regeln. Sie hätten Frieden machen können und der Handel hätte wieder hergestellt werden können, aber die Regierung habe dies verdorben. Solange diese Leute am Ruder säßen, sei Großbritannien im Rate Europas ohne Belang. Die Liberalen seien allein dazu ausgerüstet, die. Lage zu behandeln.^ Llodd George wieder? [ B g.ldw i n führte..in Berdley aus. die Arbeits» losigkeit fei-ehr Problem, das dringend eine Lösung verlange. Dieser Zustand sei hauptsächlich auf die politische und * wirtschaftliche Desorganisation Europas infolge des Krieges zurückzuführen. In Ue-bereinstim'mnng mit der von der Reichskonferenz bekräftigten Politik werde er fovtfcchren, an der Wiederherstellung eines wirklichen Friedens in Europa zu arbeiten. Seit der Besetzung des Ruhrgebietes sei es klar geworden, daß England einer Lage gegenüberstehe, die, auch wenn sie sich nicht verschlimmere, wahrscheinlich für Jahve nicht normal werden würde. Die Desorganisation Europas in Verbindung mit dem Zusammenbruch der Währungen und den hohen Tarifen in der ganzen Welt habe das gesamte Feld des auswärtigen Handels verengt. Lloyd George redivivus? In politischen Kreisen bricht sich die Auf» fassung Bahn, daß der einzige Mann, der in dem kritischen Moment die Entente cordiale und den Versailler Vertrag aufrechterhalten könnte, Lloyd George sei. Es wird von einem künftigen liberalen M i n i ft eriu m gesprochen, in dem Lloyd George der e influßreichste Mann wäre, und dem auch Lord Gr eh angehören würde. Dieses Ministerium ist von Churchill in seiner letzten Rede in großen Linien skizziert worden. A squith würde der Chef des neuen Ministeriums sein. Frankreich und das Ruhrgediet. Paris, 19. November. Die Agence Havas veröffentlicht folgende offiziöse Note: Einzelne Blätter scheinen den Sinn gewisser Worte in der gestrigen Rede des Ministerpräsidenten in Neuilly nicht verstanden zu haben. Er hat erklärt: „Wir sind im übrigen entschlossen, die auf Grund des. Friedensvertrages besetzten Gebiete nicht zu räume u, bevor nicht alle in - dem Versailler Vertrag -Unterzeichneten Klauseln vollkommen ersiillt sind." Diese Worte haben sich nur auf die besetzten Gebiete auf dem l i n k e n R h e i n u f e r und auf die Brückenköpfe bezogen. Es versteht sich von selbst, daß sie sich nicht auf -das R u h r g e b i e t beziehen können,, über das ohne 'ein .vorheriges Uebe re inkommen zwischen -Frankreich und'Belgien : keinerlei - Entscheidung . getroffen .werden kann. : dazu gesetzlich berufenen Behörde überträgt. Die anderen Quellen, aus' denen die Verhetzung fließt, die moralische Verpestung unseres öffentlichen Lebens kann. man mit den derzeit bestehenden politischen Mitteln kaum beheben. Hier muß die Judenschaft Oesterreichs selbst eingreisen und durch Organisierung ihrer so bedeutsamen politischen Kräfte ein Forum schaffen, das diesem akademischen Jaustreckt und keiner Anwen- Freilassung des Berliner Vertreters des New' Narker „Vorwärts". Aus Berlin meldet I. T. A.: Der aus Befehl de» Militärkommandos verhaftete Berliner Vertreter Ser New-Aorker jüdischen Tageszeitung „V o r w ä r t s", gegen den die Beschuldigung erhoben wurde, er habe in seinen Berichten nach New-Dork die Pogrombewegnng gegen die Juden in Berlin und Deutschland übertrieben dargestellt und auf diese Weise die Staatsautorität im Ausland gefährdet, wurde nach sechstägiger Haft wieder auf freien Fuß gesetzt. Das B e r- .sähren gegen den jüdischen Journalisten wurde eingestellt. : düng, auf welchem Geibiete immer ein Ende setzt und die Mhrer dieses Systems an die Grenzen ihrer Macht erinnert. Die jüdische Oesfentlichkell darf doch nicht un- , tätig bleiben und den Schwindel dlllden, der hinter der Kulisse der Sanierung vor sich geht. Die Ralliierung der Juden und ihr politischer Zusammenschluß ist ein Gebot der jüdischen die sich mit Wiener Spezies des Faustrecktes nienuris Minden wird.

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