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Wiener Morgenzeitung · 1923-11-17 · Heft 1709 (17.11.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1709 (17.11.1923)
Date
1923-11-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Entzenmnmennuut) Wien: Zum Abholen in de: Expedition,ILTaboratr.1-3, oder meiner Verschleisstelf' fTrafik) monatl. K 28.0tk Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt, I. Bez., Wollzeüe 11. Mit Postversand kur Wien u, Oesterr. monatl. K 28.000 Ts ch ec ho-S 1 owa k e i: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. ost.K 22L00. Deutsch!.: Mon. ost.K 28000. Franke.. Belgien: Monatl. Frcs. 8 WU' N«eb**hlunjen *VC wi PreUerhöhunyen vorbensltee Nr. 1709 teuer Wien. Samstag, 17. November 1923 00 Tscheche»-Slowakti« tschech. K 1.— Italien: Monatl. 10 Ure, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon.75 Lewa, Schwei und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien. II.,Tahorstrassel—-3 Telephone: 44*0*38,43-3*19, ab 6Uhr abds. 19-483,25-282 Tel.« Adr.:„Morgenzeitunjj“ Wien O österreichisches Postspar« kassen-Konto Nr. 150.693 S. Jahrgang Der Krebsgang. —y. Wien, 17. November. Mit dem Rücktritt Strefemanns, der nur mehr eine Frage von Stunden ist, verschwindet der Gedanke der großen Koalition nunmehr endgültig. Es war dies der Gedanke, in das Leben des deutschen Voltes einen neuen Sinn zu bringen, die Aussöhnung mit der Uebermachl der durch das Kriegsende geschaffenen Politischen Verhält isse zur tragenden Idee der deutschen Republik zu machen. Die Aufgabe war durch die revolutionäre Entwicklung zuerst der Sozialdemokratie zugefallen. Als diese einsehen mußte, daß sie die wirtschaftlichen Bedingungen in dem Kampfe zwischen Besitz und Arbeit nicht mit einem Schlage ändern könne, weil doch diese auch vom Ausland mitbestimmt werden, trat sie zurück und übergab den Staat an das Bürgertum. Die deutsche. Sozialdemokratie hat sich niemals durch besondere politische Klarsicht ausgezeichnet und ihr Eintreten stir den Krieg hat dies bis zum Grad der Katastrophe bewiesen. Daß sie aber die revolutionäre Entwicklung überschätzte, das hätte dieser Partei nicht zustoßen dürfen, die doch die Machtgmppierung in der Bevölkerung kennen und sehen nmßte, wie zielsicher die im November 1918 niedergerannten Elemente an dem Aufbau ihrer Position arbeiteten. Die Sozialdemokratte hat sich von ihnen Schritt für Schritt zurückdrängen lassen und sie ist heute kaum in der Lage, selbst der Anwendung von Gewalt sich zu widersetzen, weil sie ihre Autorität keiner Probe auszusetzen wagt. Das Bürgertum, das am Ende des Krieges mitgerissen worden war, ist natürlich viel rascher den Krebsweg gegangen.. Ihm war die Revolution nicht der Anlaß zum großen Umlernen, nicht der unerbittliche Zwangs aus einer verlogenen historischen Auffassung zur Wahrheit zu gelangen, daß das deutsche Volk genau so wie jedes andere sich selbst verwalten könne nick daß der Antrieb nicht in dem Befehl irgendeines. Hoses und seines MachtaPParatzeS' sondern in dem . Volk selbst, in einer ethischen Auffassung vom Staat und seinen Gliedern liege. Das deutsche Bürgertunl sollte seine Angelegenheiten selbst ordnen und aus sich die schöpferische Fähigk^t zu einer völlig muen Einstellung zu den Dingen entwickeln. Die Korsettstangen, die das Gefüge des Obrigkeitsstaates zusammenhielten, der bureaukratische Militarismus und die Theorie, daß der Monarch Eigentümer und Herr des nationalen Besitzes, waren zerbrochen. Mer dieses deutsche Bürgertum, das sich sein bißchen Recht und Verfassung in blutigen Konflikten mit der Autorität hatte ertrotzen müssen, war durch den falschen Glanz der wilhelminischen Zeit geblendet. Die Schuld an Krieg und Kriegsende sah es nicht dort, wo sie lag, bei der vermessenen Herausforderung der ganzen Welt durch die gepanzerte Faust, sondern bei sich selbst. Nicht der „größenwahnsinnige Kadett" Ludendorff hatte den Krieg verloren, sondern das Hinterland. Dieses qni pro quo, diese Vertauschung und Eskamotage der Begriffe, mußte der deutschen Republik zu einer reich fließenden Quelle des Giftes werden. So wurde der Boden geschaffen, auf dem die Kahr und Ehrhardt und Hitler sich ausleben konnten, und so wurden immer weitere Kreise dafür gewonnen, sich mit Haut und Haar der Bewegung $u widmen, die hinter einem dicken Dunst von nationalistisch-geschwollenem, mystisch und mythisch aufgeputztem Gewäsche den brutalsten Egoismus der Partei und Klasse, den Profitsinn der Großverdiener verbirgt, deren. Agitationszentrale der Monarchismus war und wieder werden soll. Ihnen ist das Bürgertum verfallen. Es hat sich so lange einreden lassen, daß es einen Staat nicht selbst leiten kann, daß es dies heute felsenfest glaubt. Jeder Fabrikant, der sich mit seinen Arbeitern überwirft, jeder Handlungsreisende, der eine P.ofelware nicht nach Lust verkaufen kann, jeder Offizier, dessen Vorbildung nicht siir einen neuen Berus ausreicht, schreit nach der Monarchie, zumindest.aber nach einer Diktatur. Jedes Volk ist stark, so lange es an sich glaubt und so lange es in der Selbstbestimmung, in der demokratischen Ordnung seiner Beziehungen zu den einzelnen und zur Umgebung die Idee seines Lebens erblickt. Ein Volk ist eine Gesamtheit von Menschen. Der einzelne Mensch wird sich nur behaupten, wenn er selbst für sich sorgt und unnötige Reibungen mit - anderen vermeidet. Ein Volk muß das Zusammenleben aller so okdnen, daß jeder selbst im eigensten Interesse Träger des Gesamtwillens zu sein anstrebt. Der Staat ist dabei nicht mehr als eine Organisationsform, die ihr Leben voni Volt erhält, ein dienender Avvarat zur Regulie- Zas englische Parlament geschlossen. Baldwin gegen die Mente mit Frankreich. — Ruhttrieg und Arbeitslosigkeit. — Jas Mißtrauensvotum der Arbeitervartei abgelehnt. Die Rede über die außen- und innenpolitische Lage, welche der englische Premierminister in Beantwortung des von Ramsah M a c d o n a l d eingebrachten Mißtrauensantrages im Unterhause hielt, ist vor allen: dadurch bemerkenswert, daß sich Baldwin wieder-einmal gegen Frankreich wendet und mit der Auflösung der Entente droht. Die politischen Dilettanten und Desperados in Deutschland werden sich wahrscheinlich wieder müßigen Hoffnungen auf eine Sprengung der'Entente hingeben. Es darf aber nicht vergessen werden, daß Baldwins Worte in einem Augenblicke gesprochen find, da er und seine Partei vor einem Wahlkampf stehen, in welchem die Gegner des konservativen Kabinetts dessen Versagen in der Außenpolitik zu einem Mittel der Wahlpropaganda gemacht haben. .Baldwin ist daher genötigt, eine für den Wahlkamps berechnete agitatorische Geste zu machen. Die Loslösung Englands von seinem bisherigen Verbündeten Frankreich ist trotz des diplomatischen Uebergewichtes, welches England in den Orientfragen erzielt hat, gerade durch die Verhältnisse im Orient sehr schwierig, und es darf nicht vergessen werben, daß' England stets bereit war und sein wird, seine europäische Politik seinen Drientinteresftn unterzuordnen. Mag auch dadurch die wirtschaftliche Schwierigkeit sür England durch die Ausschaltung seiner wichtigsten europäischen Wsatzgebiete wachsen/ so darf doch nicht übersehen werden, daß die Entwicklung der ^rhältnisse in Deutschland nicht so airssieht, als oft für die englischen Jndustrieprodukte in övsehbäret Zeit der deutsche Markt in Betracht käme. Darauf weist auch Baldwins Rede deutlich hin, in welcher klar ausgesprochen wird, daß die Schutzzollmaß n a h me tt, für welche das Kdbinett die Ermächtigung durch die Entscheidung des Landes anruft, vorwiegend gegen Deutschlands Jmportkonkurrenz gerichtet sein sollen. Diesen Tatsachen wiirde sich auch die heutige Opposition im Falle eines Sieges.der Arbeiterpartei und einer Verstärkung der Position der beiden liberalen Parteien nicht verschließen können. Deutschland kann heu^e, da seine Menteuerpolitik es an den Rand des Abgrundes gebracht hat, weit weniger aus England rechnen, als wenn es mit einer maßvollen, vernünftigen, auf ein Uebereinkommen mit Frankreich gerichteten Erfüllungs- Politik an der Konsolidierung seiner Verhältnisse gearbeitet hatte. Das muß man sich heute, gerade am Vorabend der englischen Wahlen, in Berlin und in den anderen Nestern der deutschen politischen Unreife wohl eingestehen.. Nachstehend der genaue Bericht über die Unterhausdebatte: Macdonald griff in der Begründung seines Tcvdelsvotums vor allem die Außenpolitik/der Regierung an, welche er als nervös «und tölpelhaft bezeichnete. Er bemängelte vor allem, daß die britische Regierung es zugelassen häbe, das amerikanische Projekt zur Lösung des Rcparat'ionsproblems durch die französischen Vorbehalte wirkungslos zu machen. Die britischen Märkte in Mitteleuropa seien durch, die Schuld der Regierung. zerstört und eine WirtschastskombiNation gegen England gelbildet worldcn. Cs sei eine groß« moralische Geste von seiten Englands in der gesamten europäischen Politik notwendig. Premieomimster Baldwin erklärte in seiner Erwide-. vung, im gegenwärtigen Augenblick sei in der auswärtigen Politik das notwendigste Ding unbegrenzte G e d u l d. Der Übergang zum Frieden könne nicht durch Schaffung neuer Feindschaften - in Europa boschleunigt werden. Es sei daher die Politik der Regierung eine Lösung der europäischen rungdes Verkehrs und zur Verhinderung von Verbrechen. Ihm einen Selbstzweck, eine geistige Funktion, zuzuschreiben und so zum Herrn über Leben und Tod zu machen, — diesen grundlegenden Fehler des deutschen Volkes hat der Krieg nicht aufgehoben. Dieser ^hler hat Millioneir Menschen das Leben gekostet, hat ein blühendes Wirtschaftssystem zertrümmert. Das deutsche Volk will sich ihm heute wieder hingeben. Aber unter wesentlich geänderten Voraussetzungen. Ist für die einen dor.vreußllche Staat mit seinen Hohenzollern Lage in Übereinstimmung mit den Verbündeten herbeizuführen. Als die Verhandlu>ngen mit Amerika begonnen haben, glaubte die Regierung, daß sie tatsächlich einen ernsthaften Fortschritt zur Lösung >der Frage herbeiführen werde. Aber wiederum waren, wie schon so oft im heurigen Jahre, ihre Bemühungen nicht infolge ihres Vorgchens. noch infolge des Vorgchens Amerikas, sondern infolge des Vorgchens der Verbündeten von Mißerfolg begleitet. Es war« -faktisch schr schwer, ins Unendliche eine Zusammenarbeit mit d«n Alliierten zu versuchen, die diese so schwierig gestaltet haben.' Ucber die Frage de'r Arbeitslosigkeit erklärte Baldwin, durch die Besetzung des Nnhrgebietes und ihre Wirkungen auf die Wirtschaftslage Deutschlands' sek die Erholung Europas auf Iahre hinausg«scho!b«n worden. Die Regierung fordere die volle F re i he i t', Zolle auf» z ule gen, falls dies die Situation in einzelnen Industriezweigen erfordern würde. Auf Lebensmittel, so eErte. der Prchner, halb« die Regierung nie Zölle vorgeschlagen. Er sei der Ansicht, daß England durch seine Vorschläge die Arbeitslosigkeit bekämpfen und beseitigen könne und erwarte mit Zuversicht den Urteilsspruch des britischen Volkes. . ’ Nach ihm sprach der frühere-Premierminister; Lloyd George. Er befürchtet, der Wahlkampf 'werde Englawds Position in der' äußeren Politik beeinträchtigen. Lloyd George wies? weiters darauf hin, daß, wenn auch die Mahler dem Premierminister di« geforderte Ermächtigung geben, das Schutzzoll g e setz nicht vor dem Frühjahr werde eingebvacht werden können. Tie Länder, die durch dieses Gesetz am stärksten betroffen werden sotten, würden jedoch noch vocher die englischen Märkte mit Waren überschwemmen. Der Plan der ReHieruug sei also unüberlegt und eine Gefahr für das Land. Nach Lloyd George sprachen Simon und andere liberale Deputierte sowie mehrere Arbeitervertreter gegen die Politik der Regierung. Sodann wurde der Mißtrauensantrag Maedonalds mit 28ö gegen 190 Stimmen abgelehnt. Das Parlament ist mit einer Thronrede geschlossen worden, in der es unter anderem heißt: Uu» glückseligevweise ist'es nicht möglich gewesen, die Zustimmung der französischen Regierung zu den Vorschlägen, der britischen Regierung zu erlangen, von denen gehofft wurde, daß sie zur Lösung des Reparmionsproblems führen würden. Die Regierung betrachtet mit tiefer Besorgnis die Fortdauer der gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnisse in Europa, die in so weitem Maße von der Lösung der Reparationsfrage abhängen. Die bedenkliche Lage, die sich in Deutschland entwickelt hat, nimmt die Aufmerksamkeit dvr Regierung schr in Anspruch. Die Thronrede besagt schließlich, die Lage des Ackerbaues und das Problem der Arbeitslosigkeit der« ursachten im ganzen Lande weitere tiefe Besorgnis. Trotz aller Bemühungen der Regierung, die dringende Notlage zu erleichtern, befänden sich große Massen britischer Mitbürger noch in beklagenswertem Zustande. Die Regierung sei überzeugt, daß, wenn nicht Maßnahmen zum Schutz und zur Entwicklung des heimischen Marktes getroffen lvürden. keine dauernde Besserung der Lage zu erwarten sei. Vertagung der Parlaments. London, 16. November. Das Parlament hat sich bis zum 20. Dezember vertagt. das große Endziel, so ist es für die anderen der'bayrische mit den Wittelsbachern, der sächsische mit den Wettinern, der thüringische mit fcen Renß-Greiz- Schleizern. Dafür treiben Menschen Unfug mit anderen Menschen, dafür spielen sie mit dem Gedanken des Krieges. Das deutsche Bürgertum, das deutsche Volk glaubt nickt mehr 'an sich. Es sehnt sich nach der Obrigkeit, die ihm das Denken abnimmt und das sandeln kommandiert- '

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