Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1706 (14.11.1923)
- Date
- 1923-11-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Delegiertentag der österreichischen Zionisten Hat an den beiden Feiertagen dieser Woche stattgefunden. Die Beschlüsse und Resolutionen, zu denen er gelangt ist, bieten der neuen Leitung ein reiches Arbeitspensum, dessen größter Teil naturgemäß auf die mit der Errichtung des jüdischen Heimes in Palästina zusammenhängenden Angelegenheiten sich bezieht. Ebenso groß ist gleichzeitig die Ausgabe der hinter der Leitung stehenden organisierten Zionisten. Sie haben die Leitung darin zu unterstützen, dem in striktester Form ausgesprochenen Willen des Delegiertentages zu entsprechen, die Arbeit für Erez Israel auf die breiteste Basis zu stellen und allen Kreisen des österreichischen Judentums die Möglichkeit der Mitarbeit zu erschließen. Für alle Gruppen, die sich zum Judentum bekennen, denen das Jndentunl ein lebendiger Begriff ist und die in der Erhaltung und Fortentwicklung jüdischer Art und Geistigkeit eine Bereicherung der Menschheitskultur sehen, wird die Gelegenheit geboten, ihre Anschauungen auf einem Gebiet zu erfüllen, das jedem jüdischen Herzen teuer ist und das durch die politische Gestaltung in den Bereich der internationalen Politik gebracht worden ist. Erez Israel ist heute kein Problem des Sentiments, sondern der politischen Wirklichkeit. Dies hat auf die jüdische Welt sehr stark eingewirkt. Das Ziel, das dem Zionismus vorschwebte, die Palästina-Frage der jüdischen Gesamtheit näherzubringeu. ist zu einem aussichtsreichen Anfang gelangt. Das Verantwortungsgefühl der breiten jüdischen Oeffentlichkeit in bezug auf den Aufbau einer jüdischen autonomen Wirkschast in Palästina ist geweckt worden. Die österreichischen Zionisten haben im Verlaufe der letzten Wahlkampagne int Vereine mit einer anderen jüdischen Gruppe einen technischen Zweckverband gebildet. Der Parteitag hat dies gutgeheißen. In dieser Gemeinschaft sehen wir die praktische Möglichkeit, die Palästina-Arbeit in größerem Maßstab in Angriff zu nehmen. Diese Ansicht hat auch der Delegiertentag ausgesprochen und so die Synthese zwischen der national-politischen Tätigkeit der Zionisten in den Diafporaländern und der Aufbauarbeit für Palästina vollzogen. Wir begrüßen dies als eine sehr wertvolle Errungenschaft. Die österreichischen. Zionisten halben seit jeher in ihrer übergroßen Mehrheit den Inhalt des Baseler Programms so verstanden, daß die Zionisten in dem Kampf für das jüdische Recht nirgends fehlen dürfen und daß sie als aktive Gruppe selbständig übe.rall dort aufzutreten die Pflicht haben, wo sich die Gelegenheit hierfür ergibt. Das Wort Novdaus, daß der Zionismus die Rückkehr znm Judentum vor der Rückkehr ins Judenland ist, hat in Oesterreich ebenso wie in der Tschecho-Slowakei und in Polen die Farbe und die Kraft eines politischen Programms erhalten. Die den: Judentum feindliche Entwicklung, die in der Zeit seit dem Kriege an verschieidenen Punkten Europas die Form des politischen, ja sogar des faktischen Programms angenommen hat, führte in Oesterreich automatisch zu dem Versuch der Schaffung einer jüdischen Einheitsfront. Sie Hai sich, da sie erst knapp vor dem Zeitpunkt der Wahlen und auch da nur rudimentär zustande kommen konnte, nicht voll auswirken können. Aber sie wird und muß jetzt auf Grund der bei den Wahlen gewonnenen Erfahrungen ausgebaut und befestigt werden. Es ist heute erwiesen, daß zumindest in einem Fünftel der Wiener Judenschaft das volle Empfinden lebt, daß es nicht geduldet werden dürfe, daß die politische Entwicklung sich ohne, also gegen die Juden vollzieht. Diese gesunde, aus tiefster Uebevzeugung stammende Stimmung positiver zu gestalten und sie für den Aufbau unserer jüdischen Position in Palästina fruchtbar zu machen, ist der Sinn der vom Zioniste.ntag gefaßten Beschlüsse. Sie können sich zunächst nur an die Zionisten, an alle Zionisten wenden, aber wer die Zeichen der Zeit zu deuten versteht, wird erkennen, daß sie an das gesamte Judentum appellieren und ihm sagen, daß niemand beiseite bleiben darf, wenn die so arg bedrohte Zukunft des Judentums auf der Basis der Demokratie und des sozialen Rechtes in der Diaspora sowohl als auch in Palästina gesichert werden soll. Palästina ist noch nicht jüdisch; wir haben nur einen vom internationalen Recht anerkannten Besitztitel. Ihm Loben zu geben, Palästina wirklich jüdisch zu niachen, soweit dies möglich ist — das kann nur geschehen, wenn die jüdische' Gesamtheit alle in ihr liegenden geistigen und materiellen' Kräfte mobil macht. Jede jüdische Vereinigung, die auf dem Boden des Judentums steht und dies bekennt, kann hier ohne die geringste Preisgabe ihres Sonderstandpunktes mitgehen, weil Erez Israel allen zugesagt, wurde und allen gehört. Wer dies anerkennt, muß sich den Bestrebungen auschließen, die auf die Errichtung einer großen jüdischen Gemeinschaft hinauslausen, die unsere Rechte hier wie in äfrtf m Mm m m lä&m Mm A Neuwahlen Freitag Auslösung London, 13. November. (Reuter.) Premierminister Bald Win hat im Unterhaus mitgeteilt, daß das Parlament am 16. d. aufgelöst wird. (Die Wahlen werden wahrscheinlich am 4. oder 5. Dezember stattfinden.) Sie Mitteilung an die Arbeiterpartei. London, 15. November. (Havas.) Wie verlautet, hat Premierminister Bald Win heute früh Ramfay Macdonald und Heu de rso n benachrichtigt, daß er dem König die Auflösung des Parlaments Vorschlägen werde. tziniaung der Liberalen. London, 13. November. (Wolfs.) Asqirith und Lloyd George haben sich heute in einer Besprechung über einen gemeinsamen Wahlfeldzug verständigt. Ser deutsche achrkser hat keinen Paß zur Einreise erhallen. Berlin, 13. November. (Tel. der ,Mr. Morgenztg.") Tie von Brüssel aus verbreitete Meldung, daß dem früheren deutschen Kaiser von der Reichsregierung ein Patz zur Reife nach Deutschland ausgestellt worden sei, wird heute amtlich dementiert. Ser deutsche Kronprinz in Sei« ekngetroffen. Breslau» IS. November/ (Wölfs.) Der ehemalige deutsche Kronprinz ist heute kurz nach 6 Uhr abends iw Automobil auf Schloß Oels eingetroffen. Sie außenpolitischen Gefahre« der deutsche» gudenhetze. Ein Auftuf des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus. Der Vorstand des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus in Berlin hat einen Aufruf erlassen, in welchem insbesondere ans die außenpolitischen Gefahren der deutschen Judenhetze für Deutschland hingewiesen wind. In dem vom früheren Reichskanzler Fehrenbach, dem früheren Reichsminister Gothein und Fischer, dem früheren preußischen Minister S ü d e k u m und anderen Persönlichkeiten gezeichneten Aufruf heißt es unter anderem: Die verzweifelte Stimmung, die sich weiter Massen bemächtigt hat, wird von gewissenlosen antisemitischen Hetzern dazu ausgeuützt, das Volk zur Plünderung jüdischer Geschäfte, zur Mißhandlung jüdischer Bürger zu verführen und damit Vorgänge heraufzubeschwören, die an die dunkelsten Zeiten des Mittelalters, an die s ch w ä r z e st e n B l ä t t e r deutscher Geschichte erinnern. Katholische Kirchensürsten haben ihre Glaubensgenossen aufgerufen, solchen blindwütigen Fanatikern entgegenzutreten. Die Not unseres Volkes wird nicht gelindert, sondern verschärft, wenn die geordnete Versorgung mit Äebensmitteln, Kleidern und Hausbedarf durch Plünderung und Verfolgung unserer jüdischen Mit- Hürger aufs schwerste gestört wird. Erstmalig seit Kriegsausbruch scheinen sich jetzt die Sympathien der moralisch denkenden Kreise aller Völker wieder dem deutschen Volke zuzuweuden. Deutschland i st verloren, wenn es ihm nicht gelingt, in dieser Zeit dem Ausland die Ueberzengung beizubringen, daß es noch das alte Kulturvolk von hoher Sittlichkeit ist. Sie deutsche Regierung verhaftet eine» Mischen ZournMften. Wegen der Berichte über die Berliner antijüdischen Exzesse. Berlin, 13. November. (Tel.-Komp.) Der Berliner Korrespondent des jüdischen sozialistischen Tagblattes „Forward" in New-Iork, der Journalist Lestschinsky, ist am vergangenen Freitag von der politischen Polizei verhaftet worden, weil er angeblich über die Vorfälle im Berliner Ghettoviertel übertriebene Nachrichten nach Amerika telegraphiert hatte. Nach Intervention des sozialdemokratischen Parteivorstandes wurde er, wie der „Vorwärts" berichtet, nachmittags aus dem Polizeipräsidium entlassen und in Hausarrest gebracht. Samstag nachmittags wurde er jedoch ans Anordnung des Militävbefchlshabers General Horn zum zweiten Male j e st g e u o m m e n und ins Gefängnis gebracht^ in kuglaud. Presseftimmen. London, 13. November. (Tel. der „Wr. Morgenztg/^) Alle Zeitungen, rrnt Ausnahme der „Morningpost", kritisieren den Beschluß B a l d w i n s, Neuwahlen zu veranstalten. Die „Morningpost" schreibt, daß Baldwin mit der Ausschreibung von Neuwablerr als mutiger und e h r l i ch e n M a n n gehandelt habe. „Daily Mail" dagegen hält das Jahresende nicht für den geeigneten Zeitpunkt zu Neuwahlen. Die „Wcstminster Gazette" und die übrigen liberalen Zeitungen besprechen den Beschluß Baldwins im Hinblick auf den Ernst der außenpolitischen Lage und meinen, daß die Autorität der englischen Regierung während die Wahlperiode notwendigerweise eine Einbuße erleiden müsse und damit das Prestige Englands herabgesetzt werde. In den Kreisen der auswärtigen Korrespondenten hat diese Maßregel große Erregung hervorgerusen. Es wird befürchtet, daß die Militärbehörde Maßnahmen gegen die Freiheit der Berichterstattung überhaupt vorbereitet. 8ine enzlisch-Mische Fnterdentio». London, 13. November. (Tel. d. „Wr. Morgenzertung".) Die Präsidenten des Jüdischen Board o f Deputies und d e.r Anglo Iewish A s s o c i a t i o n häben beim englischen Außenministerium in Angelegenheit der Judenauswelsungen in Bayern und der Judenexzefse in Berlin interveniert. Das Joint Foreign Committee hat bereits Schritte unternommen, um eine direk'te Interde nt io n Englands bei der deutschen Regierung zu veranlassen. Knilling nicht nach Berlin gefahren. München, 13. November. Eine amtliche Verlaut» harung bezeichnet die Blättermeldung, daß Ministerpräsident Knilling nach Berlin gereist sei, als falsch. Sie französische Zustimmung zur Sachverstöndlgenkonferenz. Paris, 13. November. Der Vorsitzende der französi» schen Delegation in der Reparationskommission hat in der heutigen Sitzung folgende Erklärung abgegeben: Die französische Delegation ersucht die Reparationskommission, soweit dies möglich, einen Tag fe st z u s e tz e n, an dem die Deutschen über die in ihrer Note vom 24. Oktober gemachten Vorschläge gehört werden sollen, um die Durchführung des Artikels 234 des Versailler Vertrages zu sichern. Es erscheint angemessen, nachdem die Deutschen gehört sein würden, ein Komitee von Sachvevständiigen einzuberufen, das den Auftrag erhalten wird, die deutsche Zahlungsfähigkeit im gegenwärtigen Augenblick abzuschätzen und der Reparationskommission die Elemente für die Entscheidung zu liefern, durch die sie die deutschen Zahlungen für die Jahve 1924, 1925 und 1926 festsetzen soll. Wiedereröffnung der französischen Kammer. Paris, 13. November. (Wolfs.) Die Kammer hat heute nachmittags ihre Arbeiten wieder ausgenommen. Poincare erklärte, für Interpellationen über die äußere Politik stehe er am kommenden Freitag zur Verfügung. Er könne heute nicht antworten, weil er wegen zweier wichtiger Fragen, der R ü ck k e h r des Kronprinzen^ nach Deutschland und der Militarkontrolle zu größerer Reserve verpflichtet sei. Wolle die Kammer heute über diese Interpellationen verhandeln, so müsse sie es mit einer anderen Regierung tun. Ser Prozeß gegen den Mörder Saskaloivs. Prag, 13. November. (Tschecho-flow. Preß-Bnr.) Bor dem Prager Schwurgericht hat heute die Verhandlung gegen den Attentäter Athanas N i k o l ow begonnen, der am 26. August d. I. der: bulgarischen Exgesandten in Prag Daskalow durchrbret Schüsse aus einer Pistole getötet hat. Die Anklageschrift lautet auf das Verbrechen des Mmchelmordes und aus das Vergehen gegen die Sicherheit des Lebens. Der Angeklagte gibt an, einer Gehermorganisation angehört zu haben, die sich die Befreiung M a z e d o n i e n s zürn Ziel gesetzt hatte. Durch diese Gcheirnorganisation sei Daskalow zum Tode durch Ev- WeLsu verurteilt worden-