Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1701 (8.11.1923)
- Date
- 1923-11-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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November. (Tel. der „Wiener Morgenzeilung".) Heute ist endlich Ruhe eingetreten. Vereinzelte Ansammlungen und Plünderungsvers u ch e konnten von der Schutzpolizei, die in Panzerautos die Hauptstraßen des Unruhegebietes abstreiste, leicht zerstreut werden, ohne daß es zur Anwendung von Waffen kommen mutzte. Ein Nundgang durch das Scheünenviertel liefert sehr traurige Bilder. In der alten Schönhauferst r a tz e, in der M ü n z st r a tz e, in der G o r m a n nst ratze, in der Grenadier st ratze und in der Dragoner st ratze sieht es wie in einem russischen Pogromort ans. Haus für Haus ist hier ausgeplündert worden, Möbelstücke, Haushaltungsgeräte, Fensterflügel, Türen liegen auf der Straße. Die Nollbalken sind durchstoßen. Viele Ladenbesitzer haben die Löcher mit Brttttrn verstopft. An hundert Leute liegen mit schweren Verlegungen ln den Krankenhäusern; wie viele in häuslicher Pflege sich befinden, ist unbekannt. Heute wogte eine tausendköpfige Menschenmenge durch die von dem Sturm betroffenen Straßen, doch ereignete sich, wie schon erwähnt, kein e r n st e r e r Z w i s ch e nf a ll. Doch darf man sich keiner Täuschung darüber hingeben, daß die Pogromgefahr schon vorüber ist. Die Flugblattverteilung der Hakenkreuzler dauert fort, der Münchener „Völkische Beobachtet wird in tausenden Exemplaren verschenkt. Die Herabsetzung des Brotpreifes hat eine gewisse beruhigende Wirkung geübt. Für alle Fälle hat aber der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten einen Bereitschaftsdienst eingerichtet, der in dringenden Fällen eingreisen sott. In den frühen Morgenstunden hat gestern eine Massenflucht der jüdischen Bewohner des ganzen Scheunenviertels eingesetzt. In großer Zahl haben sie sich bei Verwandten und Bekannten in anderen Stadtteilen in Sicherheit gebracht. Der Polizeipräsident hat die Polizeiorgane angewiesen, bei etwaigen weiteren Plünderungen und sonstigen Bedrohungen der öffentlichen Sicherheit mit aller Schärfe und unter Anwendung aller verfügbaren Mittel gegen die Ruhestörer vorzugehen. Demgemäß konnte die Behörde gestern die Situation beherrschen, wozu auch der Aufruf d er Gewerkschaften das Seine beitrug^ der die Arbeiter auf die Hetztätigkeit der antisemitischen Hakenkreuzleragitatoren aufmerksam machte und sie davor warnte, sich zu Judenverfolgungen mißbrauchen zu lassen. Die politische Krise dauert unverändert fort. Die Regierung Stresemann konnte sich noch immer nicht ergänzen und setzt ihre Verhandlungen fort. Die Deutschnationalen wollen jetzt ins Kabinett eintreten, verlangen jedoch eine noch schärfere Rechtsdrehnng des Kurses. Das Zentrum zögert, die Demokraten lehnen alle Forderungen der Nationalen ab. Die Völkischen werden im Reichstag die Revision der Weimarer Verfassung im föderalistischen Sinn verlangen, was also den vollen Sieg Bayerns besiegeln würde. Die Regierung hat sich übrigens mit allem Eifer auf die Unterwerfung unter Kahr eingerichtet. Sie hat die Reichswehr nach Thüringen geschickt, um dort den Terror der proletarischen Hundertschaften zu brechen, von dem man bisher nie etwas gehört hat. Viel dringender wäre der Kanipf gegen die Hitler-Regimenter. Aber das von Stresemann zu erwarten, wäre ungerecht. In der Koburger Gegend, wo diese Sturmtruppler ihr Unwesen treiben, ist für die jüdische Bevölkerung eine Zeit des tränend ollsten Martyriums gekomen, dem sie schutzlos preisgegeben ist. Die Verordnung der bayrischen Regierung, die auch in Koburg eine Reihe von Juden answeisen will, hat in den Kreisen der Freischärler eine Resonanz gefunden, wie sie einsichtsvolle Leute erwartet und befürchtet haben. In der Stacht zum Montag hat sich in dem etwa zwei Stunden von Koburg entfernten Altenhausen ein unerhörter Vorfall zugetragen. Zwanzig bis dreißig bewaffnete und uniformierte junge Burschen kamen in das Dorf und mnstellten zivei Häuser, in denen jüdische Familien wohnen. Die Fenster und Türen wurden ein-! geschlagen und die Bewohner herausgeholt. Man stellte sie vor ein Standgericht und verurteilte sie zum Tod durch Erhängen. Schließlich scheinen aber den Leuten doch Bedenken ausgestiegen zu sein, so daß ihre unglücklichen Opfer nur jämmerlich verprügelt wurden. Während der Gerichtskomödie wurden Geld und Wertsachen aus den Wohnungen geraubt. Nach einem Telegramm der „Bossischen Zeitung" ans Koburg sind von den Hakenkreuzlerbanden neue Einberufungen ausgegeben worden. In Bamberg wurden von der Stnrmtruppe Wiking, bei der auch der Herzog von Koburg eine große Rolle spielt, die neu eingetretenen Mannschaften vereidigt. Auch in Nürnberg ist das Pogromgesindel an der Arbeit. Ein heute von einer Berliner Zeitung veröffentlichter Brief entwirft die folgende Schilderung: „Die Judenhetze hier in Nürnberg ist unbeschreiblich. Kein Mensch besucht mehr den andern am Abend. Es ist unmöglich, daß wir zum Vater gehen könnten, auch wenn wir mit der elektrischen Bahn fahren würden. In der Nacht vom Samstag aus Sonntag wurden Plakate an alle Litfaßsäulen geklebt, >aß Judenblut so viel wie möglich fließe« solle. Jeder, der dafür etwas tut, wird nicht nur nichi bestraft, sondern für seinen Dienst für das Vaterland belohnt. Kahr duldet das und der hiesige Polizeikommissar airch. Die Polizei ist angewiesen, sich' b e i Uebers8llen nicht zu zeigen und nichts dagegen zu tun. Eine Menge von Bekamt in wurde an den letzten Abenden von halb 9 bis halb 12 Uhr überfallen, mit G u m m i k n ü t t e l n ans sie einqehauen und gestochen. Der Sohn eines bekannten Arztes vom städtischen Krankenhaus wurde gestochen, dessen Freund dabei verletzt, ein Rechtsanwalt mit seiner Frau zu Boden geschlagen, wobei er bewußtlos liegen bli-b. Dasselbe geschah in einem Lokal. Als die Polizei kam, sagte sie, d agegen mache sie nichts. Zwei Bekannte wurden verprügelt. Dasselbe passierte einem jungen Mann, der viel bei uns verkehrt, am Wege bis zu seiner Wohnung. -Er rief zwei Polizisten, die in der Nähe waren. Sie aber mischten sich nicht darein. Ich könnte noch Hunderte G eschichten mit Namensnennung erzählen. Außerdem gibt es Hunderte von Ausweisungen. Neulich wurde der Junge eines Rechtsanwaltes derart verprügelt, daß er bewußtlos und überall blutend liegen 6 blieb." Die Ausweisungen in München. Dem „Vorwärts" zufolge handelt es sich bei den aus München ausgewiesenen Juden größtenteils um polnische Staatsangehörige, die aus den ehemals österreichischen Gebietstellen stammen. Einige der Ausgewiesenen sind heute noch nach Oesterreich zuständig. Polen und Oesterreich haben bei der bayrischen Regierung gegen die Ausweisungen Protest erhoben und eine Zurücknahme oder wenigstens eine Milderung der Aus- Iveisungen verlangt. In einigen Fällen waren die Proteste van Erfolg begleitet, wenigstens soweit österreichische Staatsangehörige in Betracht kamen. In den politischen Kreisen Berlins erregt ein Brief großes Aufsehen, den der Münchener Kardinal Faulhaber an den Reichskanzler gerichtet hat und in welchem der Kardinal die Föderalisierung der Weimarer Verfassung verlangt. Er wendet sich gegen die Hetzereien der Rechtsradikalen und fragt, wie berufene Staatsmänner auf die Dauer den Mut aufbringen sollen, in der Regierung die Lasten der Verantwortung zu tragen, wenn alle Kundgebungen und Maßnahmen der Regierung mit unfruchtbarer, rein negativer Kritik, statt mit positiver Mitarbeit beantwortet werden? „Wenn nicht alle sittlichen Mächte ohne Unterschied der Konfession, des Standes und der Partei Zusammenhalten", fährt der Kardinal scrt, „wie soll en wir den Haß abbauen, der blindwütig über unsere Mitbürger oder über andere Volksgruppen in Bausch und Bozen ohne Schuldnachweis von Kopf zu Kopf den Stab bricht, oder den Bürgerkrieg nährt, der unabsehbare neue Verwüstungen anstiftcn und die Verelendung unseres armen Volles durck Selbstzerfleischuna besiegeln würdet Wirtschaftliche Depression und 8«den> frage. (Von unserem Berliner Korrespondenten.) Ter Antisemitismus dieser Zeit setzt die Befreiung a-ys der heute schwer auf Deutschland lastenden wirtschaftlichen Depression für identisch mit einer seinen Wünschen entsprechenden gewaltsamen Lösung dar Judenfvage. Nach Münchner Rezept ist Ausweisung und Enteignung der Juden das Mittel, die in den Abgrund führende wirtschaftliche Entwicklung wieder ins Normale umzulenken. Nach Auffassung der Wiener SoziMemokvcrtie, die unlängst während des Wahlkampfes auf zahllosen Wahl- Plakaten verbündet ward, ist der Jude der Bourgeois, der an allem schuld ist. Rational-Sozialisten und Internats onal-Sozial iften in trautem Einverständnis ihres Urteils. Aber trotzdem stimmt es nicht. Man tut uns Juden zu viel Ehre an, in uns die hauptsächlichen Träger des Nachkriegskapitalismus und der gewaltigen Akkumulation wirtschaftlicher Macht von heutzutage, die Verantwortlichen all der Vorgänge ringsuiuher zu sehen. Die beiden Produzentengruppen, die heute, da der Devisemnangol schärfer als jedweder Schutzzoll alle Einfuhr verhindert, dem innerdeutschen Markt die Grundpreise vorsch reiben und entscheidend auf die Lebenshaltung des deutschen Volkes einwivken, Schwerindustrie und Landwirtschaft, sind fast ausnahmslos nichtjüdifch. Weder Sturmes, Klöckner, Kirdorf, Thyssen noch Doktor Heim und Dr. Noesicke sind Juden. Auch die jüdische Beteiligung an mittlerer und leichter Industrie ist nicht sehr erheblich. 'Mag fein, daß im Handel und im Bereich der Konfektion, namentlich in Berlin, ein jüdischer Einschlag stärker ivahrnehmbar ist. Doch gerade der Handel, dem in dieser Beziehung die Konfektion gileichsteht, ist heute von allen Wirtschaftszweigen machtpolitisch der schwächste, der am wenigsten in einer selbständigen Markt- und Preisgestaltnng befähigte. Von der einen Seite her schnüren ihn die unglaublich schroffen Liesernngs- und Preisbedinigungen dev kartellierten Produzenten ein, gegen die soeben eine KarteMerovdnung durch das Reichskabinett erlassen werden mußte, von der anderen die scharfe Preiskontrolle der Behörden, die die einfacheren Verhältnisse des Handels viel leichter übersehen können als die komplizierten der Produktion. Die Juden sind keine Macht im deutschen Wirtschaftsleben, die sich nur annähernd mit den Machtkomplexen der Urproduktion vergleichen könnte; zwischen wirtschaftlicher Depression besteht nach keiner Richtung irgendein Kausalnexus. Der jüdische Konfoktionär, Händler, Literat, Advokat, Arzt, Angestellte — und der Bankier? den haben längst die mit der Schwerindustrie liierten Großbanken „angegliedert" — ist nicht die Macht, die alles bewegt. Der wirtschaftliche Antisemitismus ist ein Bluff, über den seine Urheber hämisch, die von ihm Betroffenen aber schmeriMch lächeln. Sie suchen in ihren Taschen vergeblich den Reichtum, der ihnen nachgercdet wird. Tatsächlich leidet die Masse der Juden Deutschlands — von Ausnahmen sehen wir ab, denn die Judenfeinde richten ja ihre Vorwürfe ausdrücklich gegen die jüdische Masse — ebenso schwer unter den furchtbaren Zeiterscheiungeu wie die übrige LandesbevMerung der Mittel- und Unterschicht. Vor allem ist dies an der Not der jüdischen Institutionen zu erkennen. Auch fanatische Judengegner erkennen an, daß der Jude für gemeinnützige und soisiatle Einrichtungen mehr als durchschnittliche Gebefrendigkeit bekundet. Daß nun gerade in den letzten Monaten die Aktiven Finanzleistungen der Juden Deutschlands für ihre Einrichtungen, an der Kaufkraft des Geldes, am Goldwert gemessen, katastrophal zurückgegangen sind, ist eh beachtenswertes Zeichen für dm Verlust an Wirtschaftskraft, denn das Gefühl für soziale und kulturelle Verpflichtung ist das gleiche gMieben, eher durch den Anblick zunehmender Not noch gesteigert worden. So kämpfen denn, da die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der deutschen Juden gleich der ihnen entsprechender anderer Bevölkerungsteile in beschleunigter Abnahnre begriffen ist, die großen Organisationen, die des Zionismus wie die der Orthodoxie, des Liberalismus und der Abwehrbewegung, in schwerer Sorge um ihren finanziellen Fortbestand. Die Großgemeinden müssen ihre Verwaltung schärfer einschränken, als es sich mit der Erfüllung ihrer notwendigsten -Aufgabe« verträgt. Kultnrinstitmte werden eingestellt. Wohlfahrtsoinrichtungeu versagen gegenüber, der Menge bevecbtiater Ansprüche. Es kennreich net die beutiae Ent- I i y.L 4