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Wiener Morgenzeitung · 1923-11-06 · Heft 1699 (6.11.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1699 (6.11.1923)
Date
1923-11-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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HnzelnuninerKIOOO Wien: Zum Abholen in der Expedition,II.,Taborstr.1-3, oder in einer Verschleisatelle (Trafik) monatl. K 28.000 Strassenverkäuf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt, I. Bez., WoIIzeile 11. Mit PostVersand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Ts ch e c h o-S 1 owa k e i: Mon. K17. Jugoslawien: Mod. Dinar40. Polen: Mon. ost.K 22.000. Deutschi.: Mon. ost;K 28000. F r a n V r., Belgien: Monatl. Frcs. 8 HW- Nachzahlungen *W oei PreiaerhBhunjren Vorbehalten lsehecho-Slowak«! t lsche«h> K 1«— Italien: Monatl. 10 Eire, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon.75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,25-282 Tel,- Adr.^Morgenzeitung" Wien tm Oesteneichisches Postspar* kassen-Konto Nr; 150.693 ■BRMMBMI Nr. 1699 Wien. Lienstag, 6. November 1933 5. Jahrgang M Zudenausweifungen in Bayern. Die Intervention des Zionistischen Landeskomitees bei Minister Doktor Grünberger. Palmare md feine Helfer. —y. Wien, 6. November. Die Diskussion Mer die Einberufung einer Reparationskonferenz löst sich in einen zwischen den Alliierten spielenden Streit um Borbehalte auf. Erst formulierte das Washingtoner Kabinett die Bedingungen, unter denen es gestatten werde, daß amerikanische Privatpersönlichkeiten an der Konferenz teilnehmen. Dann antwortete Frankreich mit dem deutlichen Hinweis auf seine eigenen Schulden und mit. der Reparationskommission, in der es bisher wenigstens die Mehrheit der Stimmen besaß. Die Phantasie der verschiedenen zum Interview gestellten Sachverständigen 'sah bereits das Konferenzzimmer vor sich. Es sollte in Berlin liegen und Deutschland sollte zur Ausweisleistun-g und Auskunsterteilung zugelassen werden. Aber damit hat es noch gute Wege. In Washington ist wieder Unsicherheit eingetreten. Man versichert dort, man habe niemals den Versailler Vertrag antasten wollen, und es bestehe somit kein Grund, weshalb eine unverbindliche Konferenz nicht stattfinden solle. Welchen Wert aber bei den derzeitigen Verhältnissen in Deutschland eine solche Aussprache hätte, ist schwer einzusehen, es sei denn, daß ein Schock reisefteudiger Diplomaten gute Gelegenheit zum Diätenschinden erhält. Was die Konferenz sestzustellen hätte, die Frage, ob und wieviel Deutschland zu zahlen hätte, das kayn ohne sonderliche Anstrengung schon heute gesagt werden. Deutschland als Staat kann heute gar nichts mehr zahlen, dagegen wäre es möglich, daß seine Kriegs- und Friedensgewinner die Leistungen des Vertrages auf sich nehmen. Herr Poincare hat dies in einer Rede in der Vorwoche bereits angedßnteL. -Er hat, erkennen lassen, daß Deutschland seine Kohlen- und Erzmagnaten dazu zwingen möge, das ihre zur Erleichterung der Verpflichtungen des Staates beizutragen. Aber dieser Vorschlag kann heute nur ironisch gemeint fein. Denn die Kreise, aus die Poincare mit ausgestrecktem Finger hindeutet, sind heute damit beschäftigt, Deutschland zu zerschlagen und zu ersticken. Sie haben das Reichskabinett zu einer mitleidig belächelten Marionette gemacht, die sie mit flinken Fingern in Bewegung halten, und üben dieses Spiel so lange, bis die Condottieri an der thüringischen Grenze mit ihren Vorbereitungen fertig find. Dort sind, mitten in Deutschland, zwei kriegsstarke Regimenter auf Befehl der bayrischen Regierung im Aufmarsch, requirieren und fouragieren und warten auf den Befehl zum Marsch nach Berlin. Es sind Korpsstudenten, Mittelschüler, Arbeitslose. Ihr politischer Plan ist einfach: Inden morden und bei Juden plündern. Das primitivste.Rechtsempfinden ist ihnen benommen worden. Wenn die bayrische Regierung Juden ausweisen und ihr Vermögen konfiszieren darf, so denkt sich ein so junger Bursch nicht viel dabei, wenn er dazu auch noch den Mord fügt. Er wird von niemandem zur Rechenschaft gezogen, ja, er hat doch gelernt, daß Juden vogelfrei sind und daß ihr Vermögen von rechtswegen ihnen gar nicht gebührt. Er macht sich überhaupt nicht viel Gedanken. Krieg ist und da ist doch alles erlaubt, was den Feind schwächt. Und der Feind ist das eigene Volk, die Republik und die Judendemokratie. Nicht aber Frankreich, das ja für die Mörder Deutschlands eine offene Tasche hat. Und die Vermittler sind die großen Fabriksherren, die mit Stresemann ein Katz- und Mausspiel aufführen, und die jetzt hoffen, alles aus dem Weg räumen zu können, was sie am Verdienen hindert, und was sie vielleicht dazu heranziehen würde, aus ihrem Blutgeld einen Teil zu Deutschlands Verpflichtungen beizutragen. Poincare kann die Lösung des Problems mit guter Hoffnung verschleppen. Er kann sich auf die deutschen Konterrevolutionäre verlassen, die den 9. November, den Geburtstag der Republik, auf ihre Weise feiern werden. Berstiindigung zwischen England, Italien und Belgien. Das Reutersche Bureau veröffentlicht folgende Depesche aus Washington: Zwischen Großbritannien, Italien und Belgien ist eine Verständigung hinsichtlich einer freien und vollstandigen Untersuchung des Reparations- Problems durch ein Sachverständigenkomitee erzielt worden. Am Montag den 28. Oktober erschienen der Präsident des Zionistischen Landeskamitees, Dr. Desider Friedmann, der Vizepräsident Dr. Josef Löwen herz und Gemeinderat Dr. Leopold Plaschkes, nachdem sie vorh-r beim deutschen Gesandten vorgesprochen hatten, beim österreichischen Bundesminister für Aeußeres, Dr. Alfred Grünberger, und hatten mit ihm in Gegenwart des Legationsrates Lukes eine längere Unterredung wegen der Ausweisung von Juden durch den bayrischen Generalstaatskommissär v. Kahr. Der Bundesminister erklärte, man möge ihm Material vorlegen. Es wurde ihm sofort in einigen Fällen die Dringlichkeit der Angelegenheit dargestellt und insbesondere darauf hingewiesen, daß ein Eingreifen spätestens am 1. d. erfolgen müsse, weil die Ausweisungsbefehle bis 1, d., 12 Uhr nachts, b.'still't seien. Der Minister sagte, er. werde sich sofort mit München telephonisch in Verbindung setzen, und bestätigte auf Verlangen der Deputation, daß er unbedingt gewillt sei, e n e r g i s ch e S ch r i t t e in München zu unternehmen, eine Demarche einzuleiten, Repressalien anzudrohen und eventuell im Retorsionswege bayrische Staatsbürger ans Wien ausweisen zu lassen. Die Deputation versprach dem Minister die Beistellung von urkundlich belegtem Beweismaterial, welches auch tatsächlich hergebracht wurde. Die Demarche -xs. österreichsschM ^G<m«Monsuls Dr. Otto Um nachzuweisrü, mit welcher Frivolität die Münchner Hakenkreuzler bei den Ausweisungen Vorgehen, insbesondere der Polizeibevollmächtigte, ein Herr P r ochaska, und einer der ärgsten Denunzianten, der Redakteur des „Völkischen Beobachters", Stolzinger (während des Krieges hieß er allerdings noch Cerny!), seien folgende Fälle angeführt: Ein Jude, Herr I. W., begab sich in ein Wurstgeschäft, um dort einzukaufen. Da trat ein Hitler-Soldat auf ihn zu und forderte ihn ans, ihm Vf gekaufte Wurst sofort auszufolgen. Herr W. weigerte sich, es entstand ein Handgemenge, worauf der Jude einen Schutzmann herbeirief, der sowohl ihn wie auch den Hakenkreuzler auf die Wache brachte. Der Hakenkreuzler wurde sofort entlassen, der Jude in seine Wohnung gebracht, und dort eine Hausdurchsuchung vorgenommen. Dabei fand man einen Gummiknüttel und sechs Revolverpatronen. Am nächsten Tage erhielt Herr W. folgenden Ausweisungsbefehl: „Sie sind der Polizei als Raufer bekannt. Da außerdem in Ihrer Wohnung ein Gummiknüttel und sechs Revolverpatronen gefunden wurden, werden Sie aus Gründen der ösfentlichen Ordnung aus München und dem Freistaat Bayern ausgewiesen und unter einem Ihre Wohnung, München, Schützenstraße 28, an ge fordert. Sie haben die Stadt München bei sonstiger zwangsweiser Internierung spätestens am 1. November, 12 Uhr nachts, mit Ihrer Gattin und Ihren Kindern zu verlassen. Gegen diese Entscheidung steht Ihnen binnen drei Tagen die Beschwerde an den Generalstaatskommissär offen, welcher eine aufschiebende Wirkung nicht zukommt. Sollten Sie die Beschwerde ergreifen, so gilt die Wohnungsanforderung erst vom Tage der Zustellung des abweislichen Bescheides des Generalstaatskommissärs." Oder ein anderer Fall: Herr E. K. wurde wegen Uebertretung des Gesetzes betreffend den unlauteren Wettbewerb im Jahre 1910 zu 100, im Jahre 1912 zu 200 Mark Geldbuße verurteilt. Daraufhin bekam er jetzt nachstehenden Ausweisungsbefehl: „Da Sie wegen unlauterem Wettbewerb vorbestraft sind, werden Sie aus Gründen der öffentlichen Ordnung aus München und dem Freistaat Bayern ausgewiesen usw." Besonders beliebt sind die Revisionen wegen Valutenbesitzes. Diese Revisionen fanden am Montag und Dienstag zwischen 4 und 6 Uhr früh statt und ergaben in einzelnen Fällen ein positives Resultat. Personen, welche keine Devisenberechtigung hatten, wurden die ausländischen Beträge sofort abgenommen und sie erhielten tags darauf die Ausweisung. Personen, welche jedoch Devisenberechtigung hatten, konnten zwar die Beträge behalten, .erhielten aber am folgenden Tage ebenfalls den Ausweisungsbefehl, und zwar mit folgender Begründung, wie zum Beispiel Herr T. R., Kaufmann in München, KauHinLerltrsL» U* Jiitb im Lahre 1882 ohne Vermögen nach München gekommen, besitzen derzeit ein Haus in der Löwelstratze, ein Textilwarengeschäft in der Kauffingerstraße und ein Vermögen von mindestens 1000 Dollar, wie die bei Ihnen vorgrnommene Durchsuchung beweist. Es besteht somit der Verdacht, daß Sie sich wahrend des Krieges widerrechtlich bereichert haben, und Sie werden daher im Sinne der Verordnung vom 28. August 1918 als lästiger Ausländer ausgewiesen." Die Ausweisung trifft stets ganze Familien, im Falle T. R. seine Frau, zwei unverheiratete Kinder, eine verheiratete Tochter und ihren Mann samt zwei Kindern und einen Sohn, der seit vier Jahren auf dem Münchner jüdischen Friedhof begraben liegt. Bezeichnend ist auch die Unverfrorenheit, mit welcher die Machthaber Kahr und Hitler diese Angelegenheiten behandeln. So äußerte sich Kahr zu einer jüdischen Deputation, welche sich an ihn wegen Aufschubes der Ausweisungen wandte: „SeienSiefroh, daßSieschnellgehen können. Wenn Sie noch länger dableiben, weiß ich nicht, ob Sie lebend davonkommen." Noch drastischer äußerte sich, RegiernnMat H e tu i, J* den Betriebsräten der Versicherungsgesellschaft „Phönix", die ihn aussuchten, um den Ausweisungsbefehl bezüglich der österreichischen Angestellten dieser Gesellschaft rückgängig zu machen. Er sagte: „Die Ausgewiesenen sind die Glücklicheren. Auchdie, welchenachMünchen zuständig sind, sollen rasch gehen, bevor sie gehängtwerde n." Intervention der jüdischen Welthilfskonferenz wegen der Judenansweisungen in Bayern. Aus Gens meldet I. C. B.: Der Repräsentant der jüdischen Welchilfskonferenz in Genf, Herr Abevson, fordert das internationale Rote Kreuz auf, im Interesse der Wahrung des humanitären Prinzips in der Angelegenheit der Ausweisung der Juden aus Bayern zu intervenieren. Die Exzesse in Oldenburg. Aus B e r l i n meldet I. C. B.: In der letzten Sitzung des Magistrats und des gesamten Stadtvates von Oldenburg brachte der Sozialdemokrat Heitmann, ein Jude, die in den letzten Tagen in Olden'bürg vorgekommenen Ueberfälle auf jüdische Bürger zur Sprache. Er erzählte, daß auch Mitglieder des Laudestheaters, die Juden sind und als Juden angesehen wurden, mißhanöelt worden sind. Der demokratische Abgeordnete Bulofzer ersuchte um Maßnahmen zum Schutze der jüdischen Bürger. Er be-zeichnete die Angriffe. als Taten von Feiglingen, die sich nicht einzeln, sondern in Rudeln an das Opfer heranwagen. Abgeordneter Bulofzer stellte fest, daß die Ueberfälle von besser gekleideten Leuten ausgeführt worden sind. Der Obe rbü rge rmeiste r von Oldenburg sagte, es foi eine Schande für Oldenburg, daß solche Dinge vorgekommen seien. Cs handle sich bei den Uebevfällen um Radauantisemiten schlimmster Sorte. Die Polizei sei angewiesen worden, mit aller Schärfe gegen die Elemente eingnschrciten. Lützendorfs meldet sich. Herr L u d e n d o r f f, der bisher meistens h i u i c i d c n Kulissen der R eaktio n tätig war und sich öfter dagegen gewehrt hat, als aktiver Antisemit zu gelten, hat nunmehr Farbe bekannt. Die verschiedenen deutschvölkischen und Hakenlreuzler-Blätter, unter anderen auch Hitlers „Völkischer Beobachter", veröffentlichen gleichzeitig einen Artikel Ludendorffs, in welchem die „völkische Diktatur" gefordert wird. Der Genieval verlangt ferner „deutsches, nicht jüdisch-römisches Recht" und fordert zum Kampf „gegen die inneren Feinde: den Kommunismus, den Marxismus, Maminouisinns, Materialismus und das jüdische Volk, als Nara fiten an dem deutschen

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