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Wiener Morgenzeitung · 1923-11-04 · Heft 1697 (4.11.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1697 (4.11.1923)
Date
1923-11-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Deutschlands letzter Kamps. —y. Wien, 4. November. Die deutsche Sozialdemokratie hat ihre Vertreter tot Kabinett Stresemann, die Minister Radbruch, Schmidt und Sollmann abberufen. Der Beschluß gehorchte dem Zwang, der von Bayern ausgeübt wurde. Dort fasten jetzt die Entscheidungen über Deutschland, deren Ziel, die Gegenrevolution, nicht mehr mit Politischen Mitteln verfolgt wird. Der Volksstaat Bayern hat eine Armee gegen Mitteldeutschland in Marsch gesetzt und damit die Politische Entwicklung der Gewalt überantwortet. Der Zeitpunkt ist nicht nur gut gewählt, er ist auch gut vorbereitet worden. Denn alles, was sich jetzt in Deutschland zuträgt, ist ein lückenlos anschließendes Glied in der langen Kette, die seit dem Krieg erzeugt wurde. Fast genau fünf Jahre sind es, seit die Revolution der Heimkehrer die deutsche Republik geschaffen hat. In diesen fünf Jahren haben die Republikaner nichts, ihre Gegner dagegen alles getan, mm sich zu befestigen, und wenn heute der Reichskanzler versucht, das in seine Atome zerfallende Reich mit dem. Notverordnungsartikel der Weimarer Verfassung zusammenzuhalten, so ist das nur mehr die letzte, müde Anstrengung der Pflicht. Herr Stresemann verspricht sich wahrscheinlich selbst nichts mehr von dem Plan, die aus den Fugen gegangene Wirtschaft als Leiter einer Minderheitsregierung, ohne Mehrheit im Reichstag, ohne das Vertrauen der Arbeiterschaft, ohne Autorität wieder einzurenken, lieber seine Kräfte kann niemand und selbst ein Riese an Mut und politischer Lebensfreude müßte in Kürze der verzweifelten Erkenntnis weichen, daß der entscheidende Sieg der Reaktion kaum mehr abgewehrt werden kann. Die Sozialdemokratie Deutschlands, die. große, stolze Bewegung der Internationale, ist machtlos, ausgeschaltct. Sie hat ihre Minister abberufen müssen, nachdem sie bis an die äußerste Grenze des Nachgebens und Sichfügens gegangen war, um die letzte Katastrophe noch für wenige Tage aufzuhalten. Die sozialdemokratische Partei, die mit so viel Schuld an dem Schicksal des Reiches belastet ist, hat einen hohen Mut gezeigt, als sie die Verantwortung für den Ansnahmszustand und für die militärische Niederwerfung der sächsischen Hungerrevolten auf sich nahm. Ihr Opfer ist vergeblich gebracht worden. Sie steht ratlos und wehrlos zwischen rechts und links, zwischen der Kahr-Rebellion und dem kommunistischen Abenteuerwahnsinn, zwischen den Extremen, die einander gerne die Hand reichen werden, um zuerst die demokratische Republik und alle, die sich noch zu ihr bekennen, über den Haufen zu werfen. Zwischen Hakenkreuz und Sowjetstern wird alles eingepreßt, was an Frieden und Vernunft glaubt, und so sehr die Ziele der beiden radikalen Flügel auseinandergehen, so sehr eint sie der Haß gegen die Weimarer Verfassung. Sie wollen den Geist morden und es gibt niemanden mehr, der ihnen wehren könnte. Die bürgerlichen Parteien, das Zentrum und die Demokratie, sind durch den Terrorismus von rechts verschüchtert und zermürbt. Die Deutsche Volkspartei, die das schwerreiche Jndustrmnagnatentum umfaßt, fördert die Konterrevolution, wie sie alles unterstützt hat, was den sozialen Fortschritt sabotierte und das Reich in den unlösbaren Konflikt mit Frankreich trieb. Herr Stresemann mag es ehrlich gemeint haben, als er nach dem Cunoschen Debakel neue Wege zu gehen versuchte. Aber seine eigene Partei fiel ihm in den Rücken. Die Stinnes und Genossen, die bei einer Verständigung des Reiches mit Frankreich zu zahlen hätten, wandten sich an die Okkupationstruppen und verkauften Volk und Vaterland an die schwarze Schmach. Herr Poincare hat sie in seiner letzten Rede in Revers gebrandniarkt. Er liebt den Verrat, aber nicht den Verräter. Freilich macht er vorerst mit ihm dos Geschäft. Weshalb auch nicht? Es haben sich Frankreich so viele Verräter angeboten, daß es füglich annehmen konnte, es mit der Mehrheit des deutschen Volkes zu tun zu haben. Die Vertreter der Rechtsbolschewiken — vielleicht auch der Linksbolschewiken — gingen im Pariser Auswärtigen Amt ein und aus; sie reichten den Dorten und Smeets, früher ' königlich preußische Staatsanwälte, die Klinke. Sie alle holten sich Ratschläge und 'Geld. Daheim schrieb die Rechtspresse ihre Giftartikel gegen Marxisten und Juden, gegen den jüdischen Geist, der auf Geheiß Frankreichs das deutsche Volk zerstört und zersetzt. Ein nicht unbeträchtlicher Aufwand an Phantasie und Fabulierkunst wurde daran gesetzt, dem deutschen Volk dse Ueberzeugung beizubringen, paß die Revublik ein Werk der Juden sei. und obwohl B e r l i n, 3. November. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung.") Das „8 Uhr-Blatt" meldet aus Weimar, daß verschiedene, aus Nordbayern eingetroffene Reisende umfangreiche Vorbereitungen organisierter Hakenkreuzlerverbände an der thüringisch - bayrischen Grenze beobachtet haben. Meistens waren es junge Burschen, die aus Befragen erklärten: „Jetzt geht es nach Berlin!" Oberleutnant Ehrhardt soll sich dem Blatt zufolge immer noch in K o b u r g aufhalten. Ehrhardt führt den Oberbefehl über die völkischen Organisationen. An Ultimatum Kahrs. Berlin, 3. November. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung.") Die „Germania" und der „Borwärt s" bringen Meldungen über ein U l t i m a t u m, das Herr von Kahr und die vaterländischen Verbände der Reichsregierung zugestellt hätten. In dem Ultimatum wird gefordert, daß die Reichsregierung binnen 24 Stunden eine Militärdikkatnv erricht^ Rach dem „Vorwärts" soll Herr von Kahr außerdem die Regierung Knilling gestürzt haben. Auch im Reichstag und anderen politischen Kreisen waren derartige Meldungen verbreitet, ohne daß sie bisher endgültig beglaubigt wären. Fst das wirMch ein Dementi? Berlin, 3. November. Das durch einige Zeitungen wiedevgegebene Gerücht, Bayern habe der Reichsregierung ein Ultimatum zugohen lassen, wodurch befristet die Einsetzung einer Diktatur verlangt wurde, andernfalls ein Vormarsch bayrischer Kräfte ans Berlin erfolgen werde, ist nach einer telephonischen Mitteilung der bayrischen Staatsregierung an den Reichskanzler völlig aus der Luft gegriffen. (Auffällig an dieser amtlichen Meldung ist vor allem die Feststellung, daß ,-Bayern" kein Ultimatum an Berlin gerichtet habe. „Bayern" ist. ein ganz unbestimmter Begriff und sagt hier gar nichts, zumal >das Ultmiatum dem Herrn v. Kahr und seinen engsten Genossen zugeschrieben wird.) Die bayrische Mittelpartei verlangt de» sofortigcn Mittritt Stresemanus «ad Werts. München, 3. November. Der Landesausschuß der bayrischen Mittelparteh dem auch Juftizminister Gürtner beiwohnte, nahm eine Entschließung an, worin der sofortige Rücktritt der Reichsregierung, insbesondere ihres Führers Dr. Stresemann gefordert wird, dessen Politik den vollen Ruin Deutschlands bedeute. Auch der Amtsverzicht des nicht vom Volke gewählten Reichspräsidenten E b e r t wird verlangt. In der Entschließung wird weiter zum Ausdruck gebracht, daß die bayrische Mittelpartei den Kamps des Generalstaatskommissärs und der bayrischen Negierung gegen den Marxismus unterstütze. die Herrschaft des nationalen Kabinetts Cuno die Vorbedingungen für den grauenhaften Niederbruch gebracht hatte, war die Autorität des „marxistischen" Kabinetts Stresemann bereits vernichtet, als es noch kaum zu arbeiten begonnen hatte. Aus dieser Atmosphäre der Lüge zieht die Kahrsche Diktatur die Folgerung: sie lebt sich gegen die Juden in Bayern aus und sie gibt den hungernden Arbeitern, da sie Marxisten sind, Stockprügel vor den Magen. Vor der wagemutigen Brutalität Bayerns, das Truvven in Deutschland aufniarscbieren läßt und Anstellung der Reichsrahlunge» für Sachllefernnge«. Berlin, 3. November. In Ergänzung der Ersparungsmaßnahmen, zu denen sich die Reichsregierung infolge der katastrophalen Lage der deutschen Finanzen genötigt gesehen hat, ist ein weitere Verordnung über die Aussetzungen der Zahlungen zur Durchführung von Sach liefern ng e n ergangen. Dadurch werden alle Zahlungen auf Grund der laufenden Verträge über Sachlieferngen mit der Wirkung ausgesetzt, daß vom 3. November 1923 an aus diesen Verträgen keine Zahlungen mehr von der Reichsregierung geleistet werden. Um den alliierten Bestellern aber die Möglichkeit zu lassen, die bestellten Waren trotzdem zu beziehen, ist vorgesehen, daß sie die abgeschlossenen Verträge direkt mit den Lieferfirmen auf eigene Rechnung abwickeln können. Auslösung der Betriebsräte. Berlin, 3. November. (Wolfs.) Res chswohrminister D r. -Geßl e, r hat eine Verordnung erlassen, durch die auf Grund der Verordnung des Reichspräsidenten vom 26. September der Reichsausschuß der deutschen B e t.r i e b s r ä t e für das gcmtze RsichsgMe,t aufgelöst und verboten wird. Papiermark und Goldanleihe. Berlin, 3. November. (Wolfs.) Das Reichs» kabinett hat in seiner heutigen Sitzung beschlossen, die Papiermark in eine feste Relation zu einem wertbeständigen Zahlungsmittel zu bringen, gegen das sie zu einem bestimmten Termin eingelöst wird. Gedacht wird dabei an die Goldanleihe. lieber die Höhe der Relation und die Einzelheiten'steht ein Beschluß unmittelbar bevor. Plünderungen in Berlin. Berlin, 3. November. (Wolfs.) Im Laufe!des heutigen Dages ist es namentlich in bem östlichen Stadtvierteln wiederholt zu Plünderungen von Bäckereien und Schlächtereien glommen. Der englische Botschafter nicht abberuse«! London, 3. November. In maßgebenden Kreisen wird erklärt, die Lage bezüglich des Boffchafters d'A b e r n o n sei seit dem Communique vom 31. Oktober, wonach sein Abgang b e v o rst e h e, ohne daß jedoch ein bestimmtes Datum festgesetzt sei, unverändert. Man könne daher die Meldung, wonach das Foreign Office die Abberufung d'Wernons amtlich angezeigt habe, als unrichtig betrachten. England gegen die Sonderbündler. Köln, 3. November. Wie die Kölnische Zeitung" er» fährt, hat der britische Oberkommissär Lord Kilmarnock eine Mitteilung der provisorischen Regierung der Sonderbündler erhalten, die er mit dem Bemerken habe zurückgehen lassen, daß er keine Mitteilung von einer nichtanerkannten Körperschaft annehmen könne. Stinnes und Frankreich. Paris, 3. November. (Tel.-Komp.) Nach Meldungen aus Düsseldorf ist das Abkommen zwischen Stinnes und der Kontrollkommission noch nicht unterzeichnet, wenn auch in den hauptsächlichsten Fragen Einigkeit besteht. Die Verhandlungen werden fortgesetzt. seine Kanonen, gegen Berlin richtet, haben die Sozialdemokraten kapitulieren müssen. Sie Huben kein Mittel anehr. Auch nicht den Generalstreik, denn bei einem Brotpreis, der das Vielfache der Friedensparität erreicht, hat, kann man nicht streiken. Die Zeit für das Stinnessche Direktorium ist da, und was dann ans Deutschland wird, wissen die Götter. Eines ist sicher: Die französische Politik hat ihr Ziel, Deutschland aus seiner Weltstellung zu werfen, erreicht. Dieses Ziel wäre ihr einen neuen Krieg wert gewesen. Den zu führen ersparen ihr die Hitler und Kahr

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