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Wiener Morgenzeitung · 1923-11-03 · Heft 1696 (3.11.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1696 (3.11.1923)
Date
1923-11-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Sie Staatrkrife. — zwangLeinbemsungen in Badem. — Die Panik der Hausfrauen. — Massensterben der Ander. Traurige Lehren. —y. W i e n, 3. November. Einer Abordnung ausgewiesener Juden, die bei Herrn v. Kahr vorsprach, wurde geantwortet: „Ich - begreife nicht, warum Sie in München bleiben wollen. Vielleicht werden Sie bald froh sein, daß Sie nicht mehr in München sind!" Es scheint demnach, daß der bayrische Gesetzgeber noch schärfere Pfeile im Köcher hat. Es wird versichert, daß nach der Ausweisung der „ausländischen" Juden die Stellung der bodenständigen bayrischen Juden unter Fremdenrecht verfügt werden soll, so wie das die rassenschützlerischen Verbände in ihren Traktätlein seit langen Jahren fordern. Es ist aber auch noch viel Schlimmeres möglich, und die Tatsache, daß in Nürnberg die nationalsozialistische Sturmtruppe als Ordnungspolizei organisiert wurde, bei welcher Gelegenheit jüdische Passanten lebensgefährlich verletzt wurden, spricht sehr deutlich. Wir konnten kürzlich über gut organisierte Pogrome in Beuthen berichten, und was sonst in den letzten Tagen aus dem gesamten Deutschen Reich gemeldet wird, zeigt, daß die Juden weder ihrer bürgerlichen noch ihrer menschlichen Existenz sicher sind. Alle Beteuerungen des israelitischen StaatZbürgerverbandes, alle Veröffentlichungen von Listen jüdischer Kviegsgefallener sind wertlos. Der Blutglaube des Antisemitismus hat auf Deutschland übergegriffen und man muß sich die entsetzliche Panikstimmung vergegenwärtigen, in der das deutsche Judentum diese Tage durchlebt. Es war in vergangenen Jahren, wenn der Pogronrruf aus dem zaristischen Rußland über die Grenzen drang, ein tiefes und stolzes Empfinden, das das^ufschL.JMMnr7dUrchdr.ang, daß„cheiuns" solche Dinge unmöglich seien. Es gab freilich der Anzeichen fiir das Gegenteil genug und im deutschen Reichstag, in den Prövinzlandtagen fielen bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit böse Worte von den Stützen der Nation. Aber man tobte sich, gegen die wehrlosen russischen Asylflüchtlinge aus, die die königlich preußische Polizei durch das Reich hetzte, und die Bodenständigen hüteten sich, einen allzu lauten Beweis der nationalen Solidarität zu geben. Sie waren gut deutsch bis in die Knochen und ließen sich, wie die oft gehörte Phrase lautete, an deutschem Patriotismus von niemandem übertreten. Der Judenhaß braute irgendwo draußen, weil im Osten: er war nur eine voriibergehende Erscheinung, hervorgernfen durch das brutale zaristische System, welches gegen die Juden seine verwerflichen Polizeibüttel entsendete und von ihnen Pogrome organisieren ließ. Die deutschen Juden waren fest in ihrer Verachtung solchen Tuns und sie sandten und sammelten fleißig Geld. Die politische Lösung der Judenfrage? Der Zionismus? Nein, der ist utopisch und außerdem nicht vereinbar mit der deutschen Staatstreue ... Im Krieg starben dann die jüdischen Männer und Söhne zu tausenden vor dem Feind, zahlten mit Blut und Leben für den Schutz, den das Reich ihnen geboten, für das gleiche Recht. Und nun mahnt sie dieses selbe deutsche Voll in furchtbarem Ernst an ihr Judentum., Sie werden inne, daß ihr ganzes politisches -"ein auf Sumpfboden steht und daß es nicht genügt, sie das tausendfache Leid ihrer Zeit mit ihrer Umget tragen. Sie tragen auch noch ihr jüdisches Leid. Sie werden inne, wie wahr Herzls Wort ist, daß der Jude den Antisemitismus mit sich trägt, daß der Kriegszustand für uns niemals endet und höchstens unter dem Eindruck einer sprunghaften Kulturerhöhung für kurze Zeit ruht. Der Weltkrieg zerbricht außer anderem auch die Fiktion, daß eine vollständiges Aufgehen des jüdischen Elements in feiner Umgebung möglich ist, er zerbricht aber auch die Lüge, daß es wünschenswert sei. Niemals ist uns das so grausam klar geworden wie in diesen Tagen, die wieder das Band des gleichen Schicksals um das jüdische Volk legen und ihm zum Bewußtsein bringen, daß es, ob mit oder gegen seinen Willen, in Ost und West eine einzige untrennbare Einheit bildet. Was.jetzt in Deutschland geschieht und sich vorbereitet, was in anderen Ländern geschehen ist und noch geplant wird, ist wieder eine Bekräftigung der Forderung, daß die jüdische Frage gelöst werden muß, daß das jüdische Volk eine Heimat, seine Heimat erhalten muß. Es tut bitter weh, daß unser natürliches Recht sich auf solche Erfahrungen berufen muß. Sie sind eine traurige, aber eindringliche Lehre fiir jeden Juden, auch hier in Oesterreich. « Berlin, 2. November. (Del. der „Wr. Morgenztg.") Das Kabinett Stresemann liegt im Verscheiden. Die Sozialdemokraten haben, wie aus dem Reichstag verlautet, in einer stark besuchten Fraktionssitzung mit allen gegen 19 Stimmen beschlossen, ihre Vertreter ans dem Reichskabinett zurückzuziehen. Der Beschluß der Sozialdemokraten ist durch die Deutsche Volkspartei, der Stresemann selbst angehört, Provoziert worden. Wahrend das Zentrum und die Demokraten fiir die Forderung nach Aufhebung des militärischen Ausnahmszustandes und energischem Einschreiten gegen Bayern eingetreten waren, hatte die Volkspartei, sicherlich gegen den Willen des Reichskanzlers, aber unter dem Einfluß des Stinnes-Flügels, jede Einigung auf dieser Linie hintertrieben. Es wird immer klarer, daß die Verschwörung gegen das Reich und die Republik schon so weit gediehen ist, daß parlamentarisch' Mittel nicht ausreichen. Die Rechtsradikalen und ihre Presse gehen offen anf den Bürgerkrieg los und vereiteln jede gndere Lösung. Die Kegiernngsbivickg in Sachsen ist mm voltzogen. Der neue Ministerpräsident Fellisch tarntbe in der Nachtsitzung des Landtages vom Präsidenten Winkler vereidigt. Hierauf stellte er das neue Kabinett dem Hause vor. Es setzt sich folgendermaßen zusammen: Fellisch, Ministerpräsident, Lieb mann, stellvertretender Ministerpräsident und Minister des Innern, Held, Finanzminister, Fleiß«er, Minister für Volksbildung, Neu, Justizminister, Gewerkschastssekretär Elsner, Arbeits- Minister. Eine Erleichterung der politischen Situation ist jedoch nicht eingetreten, vielmehr kann man von einer Verschärfung sprechen, da die Deutschs Volkspartei, um ihre Opposition zu manifestieren, den Antrag auf Auflösung des Landtages gestellt hat. Die dieser Partei angehörenden Fabriksunternehmer gehen seit gestern, offenbar auf eine Mirale Order, mit Aussperrungen jener Arbeiter vor, die ««General streik teilgenommen haben. Dies mutz in der gegenwärtigen Situation wie Ekrasit wirken. Von dem Kriegsschauplatz an der bayrisch-thüringischen Grenze wird berichtet, daß sowohl der aus dem Leipziger Staatsgesangnis angeblich entflohene, tatsächlich aber entlasiene Kapitän Ehrhardt wie Hitler sich in Koburg, wo das Hauptquartier der Kampfverbände sich zu befinden scheint, aufhalten. Sehr starker Zuzug von Offizieren nach Koburg wird beobachtet. Der Deutsche Offiziersbund versendet Einberufungsbefehle. Die Persönlichkeiten, an die sie gerichtet sind, erhalte« die Weisung, sich sofort in einem Ort in der Nähe von Koburg zu melden. In den Zeitungen von Koburg ist ein Aufmf des jung deutschen Sturmregiments erschienen, der, wenn seine Angaben ans Wahrheit beruhen, den Beweis liefern würde, daß die b a Y r N ch e R e g i e r u n g an dem strategischen Aufmarsch gegen Thüringen beteiligt ist. Der Aufmf verlangt von den Arbeitgebern Koburgs und seiner Umgebung, daß sie ihre Angestellten, die Einbemfungen erhalten, sofort freigeben und sagt dann: „Wir machen darauf aufmerksam, -aß die bayrische Regierung verfügt hat, der Ausübung der bayrischen Nothilfe keine Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Die Führer der in der Umgebung von Koburg ausgestellten Kampfverbände genießen, wie von sozialistischer Seite berichtet wird, überhaupt die Unterstützung der amtlichen Stellen. Die Einberufenen werden in der Kaseme der Landespolizei eingekleidet. Einberufene, die einem Gestellungsbefehl nicht sofort nachkoprmen, werden zwangsweise, zum Teil sogar mit Unterstützung der Gendarmerie, rekmtiert. Bürgerliche sowohl wie sozialdemokratische Blätter verlangen dringend, daß die Regierung diesen Vorgängen ihre Aufmerksamkeit zuwende und erklären die Mit- I teilungen über das Ergebnis der Unternrrlmng für absolut unbeftiedigmdr Die Mark ist nunmehr vollständig znsammengevrochen, was vor allem darin zum Ausdruck kommt, daß zwei Millionen Mark eine österreichische Krone sind. Das Wirtschaftsleben nimmt chaotische Formen an. Die Zahl der Arbeitslosen in Berlin beträgt mehr als 300.000 Personen. In Berlin kostet heute ein Laib Brot zehn Milliarden. Die Stadt Berlin zahlt täglich 42 00 Billionen Unterstützungsgelder an die Arbeitslosen. Die Not an Geldmitteln ist entsetzlich geworden. Die Regierung Hilst sich damit, daß sie durch die Reichsbank die 50 «nd 100 Millionen-Scheine in gewöhnlichem Rotationsdruck Herstellen läßt. Im Stadtverordnetenkollegium wurde über diese Methode heftige Klage geführt und erklärt, daß jeder Buchdrucker in einer halben Stunde diese Scheine nachmachen könne. Das Dollargeld der Reichsbank ist vollkommen aus dem Verkehr verschwunden. Die Hausfrauen verwenden ihr letztes Geld zum Aushamstern von Lebensmitteln, da allgemein dl Ansicht herrscht, daß man in einigen Tagen überhaupt nichts mehr zu essen werde kaufen können. Ans allen Spitalern kommen ^gleichen Meldungen über das Massensterben der Kranken und der Kinder. In einer gestern abgehalteneu Versammlung im Rathaus wurde erklärt, die Sozialpolittk sei vollständig zusammengebrocheu, es können nur mehr dieHilfevonMensch zu Mensch etwas nützen. Stresemann hat die Sozialdemokraten hinansgelehnt. Berlin, 2. November. (Tel.-KoMP.) Heute nachmittags um 2 Uhr erschienen namens der sozialdemokratischen ReiHstagsfraktivn die Abgeordneten Wels, Hermann Müller und Breit scheid beim Reichskanzler, mn ihm die Bedingungen der Fraktion für das Verbleiben der sozialdemokratischen Minister im Kabinett daryulegen. Der Reichskanzler erklärte den soziMemokratischen Parteijuhrevn, daß ihre Forderungen nach seiner Rücksprache mit den Führern der anderen Kvalitionspavteien als unannehmbar angesehen werden müßten. In sachlicher Hinsicht crklärte der Reichskanzler, -daß die von den Sozialdemokraten geforderte Aufhebung des mili- 1 ä r i s che n Ausnahmszustandes mit Rücksicht anf die Ereignisse in Sachsen und an der thüvingifch-bahvischen Grenze unmöglich sei, Dar krmächttgttngrgesetz bleibt Wetter bestehen. Berlin, 2. November. Nach dem Beschlüsse der Sozialdemokratie, ihr Mitglieder aus dem Kabinett zurückzugiehen. begab sich der R e i ch s k a n z l e r zum Reichspräsidenten. um ihn zu veranlassen, das Ermächtigungsgesetz. das nur der gegenwärtigen Regierung Stvesemarm in der jetzigen Zusammensetzung gegeben worden war, auf Grund des Artikels 48 der Reichsverfassung zu erlassen, so daß es also im Vevordnnngswege weiter bestehen bliebe. Reichskanzler Dr. Strese.mann hat nicht die Absicht, zu demissionieren, sondern er will die Geschäfte weiterfühven und Ne drei sozialdemokratischen Reichsminister durch andere geeignete Persönlichkeiten ersetzen. Sevaratiftenkrieg in Aachen. Dynamit und Schwefelsäure. Paris, 2. November. Der A ge nee Havas wirv' aus Aachen gemeldet: Gestern abends sind 1500 Sonderbündler ans Koblenz, Crefeld und Duisburg hier eingetrcffen. Heute vormittags haben sie das Rathaus belagert, das von Feuerwehrleuten, Schutzpolizei und Kommunisten verteidigt wurde, die die Sonderbündler mit Sch weselsäurebomben bewarfen. Mehrere Tore des Rathauses wurden mit Dynamit gesprengt. Es entspann sich ein lebhaftes Feuerg e s M) t. Schließlich erstürmten die Separatisten das Rathaus und hißten um 10 Uhr vormittags die Fahne der ZWinrepublH, Ks soll zahlreiche Verletzte

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