Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1695 (2.11.1923)
- Date
- 1923-11-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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EIizelnmerKlOOO Wien: Zum Abholen in der Expedition, II.,Taborstr.l-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt, I. Bez., Wollzeile 11. Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tschecho-Slowakei: Mon. K 17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. ost.K 22.000, Deutschi.: Mon. ost.K 28000. F r a n k r., Belgien: Monatl. Frcs. 8 DM- Nachiehlunyen "W> «ei Preiaerhöhungefi Vorbehalten Wiener T scheeho -SlowaKVf tschech. K 1.- Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon.75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Free. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19* ab6Uhrabds.l9-483,25-282 Tel.- Adr. :„MorgenzeitangM Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 RHHHMHHBBBMBHOHHMHBHMHHRHHii 91t. 1695 Wien, Steifes, 2. November 1923 8. Fahrgang Das deutsche Problem. —y. Wien, 2. November. Aus dem jüngsten Expose des tschechischen Außer:- Ministers Benesch vor der Prager Kammer erfährt man, daß das deutsche Problem die Welt-Politik beherrscht. Herr Benesch, der aus Paris und London zurückgekehrt ist, deutete an, daß sich sein Staat an einer Sanierungsaktion, ähnlich der für Oesterreich begonnenen, beteiligen würde, und vielleicht darf man aus diesersehr vorsichtigen Aeußerung herauslesen, daß sich die direkt beteiligten Kabinette, nämlich jene der Weststaaten, über die Ornndzüge eines solchen Planes gegenwärtig zu verständigen suchen. Die Anregung Englands auf Bildung einer neuen inoffiziellen Reparationskommission, die unter Anteilnahme der Vereinigten Staaten die Zahlungsfähigkeit Deutschlands prüfen soll, wird heute durch die plötzliche Abberufung des Berliner englischen Gesandten sensationell akzentuiert. Dieser Schritt kann nur bedeuten, daß England die Krise vor dem entscheidenden Kulminationspunkt angekommen sieht. Der wahre Kern der Sache kann nicht verhüllt werden, daß nämlich Deutschland als Staat überhaupt nicht mehr zahlungsfähig ist. Das Reich, das Verpflichtungen in neuer Form auf sich nehmen soll, hat die alten Reparationslasten nicht tragen können oder wollen. Wären.diese Kontributionen oder Schadensersatzleistungen heute sicherer, wo das Reich sich in Auflösung bestndet und wo das' Kabinett Stresemanu, das letzte Koalitionsminrsterium, durch den Austritt der Sozialisten seine Basis verliert? Selbst wenn man in der bayrischen Meuterei die Ansätze zu einer Herstellung der Reichseinheit erblicken wollte, so muß man erkennen, daß auch dieser Plan dadurch den. Tcdeskeim erhalten hat,. ..daß. er sich auf militaristisch-diktatorischer Grundlage ausbaut und nur nach einem furchtbaren Bürgerkrieg sein Ziel erreichen, dann aber jedenfalls noch weit geringere Aussichten auf deutsche Zahlungen bieten könnte. Die deutsche Reparationsfrage ist geflissentlich vom ersten Augenblick an von dem kein finanziellen Konzept auf das politische transkribiert worden. Man sieht heute, nach dem Verlust des Ruhrlandes, schon viel klarer und erkennt, daß alle deutschen Regierungen in ihrem Bestreben, mit Frankreich zu einer Verständigung zu kommen, von der aufs Großverdiener: und Wenigzahlen eingestellten Schwerindustrie aus Schritt und Tritt verraten wurden. Die Ersüllungspolitik wnrde sabotiert, ihre hauptsächlichsten Vertreter wie Erzberger und Rathenau von gedungenem Gesindel ermordet. Daß Frankreich sich der ihm darbietenden Hilft bediente, ist selbstverständlich. Der Prozeß Fuchs- Machaus hat über die Zusammenhänge zwischen Paris und den deutschen Annexionisten viel Klarheit verbreitet und es war schon damals deutlich zu sehen, daß der Vormarsch der französischen Truppen über den Rhein bis an den Main nur die Einleitung zu dem Drama bildete, das jetzt begonnen hat. Was Rathenau und Wirth noch verhindert hatten, war nach der Beseitigung beider in Fluß gekommen und nur der sofortige und unbedingte Eintritt des Reiches in den Völkerbund hätte Deutschland Lust schaffen und die pazifistische Stimmung in England ermutigen können. Aber die Stinnes-Presse, die mit ungeheuerlichen Geldmitteln eine Wiederholung der nationalistischen Hürrapropaganda ins Werk setzte, bewährte sich auch jetzt und schlug jeden Widerspruch nieder. Deutschland blich ohne Rückendeckung, ohne Freundschaft; das, was Frankreich erreichen wollte, das alte Mißtrauen gegen Deutschland zu vertiefen, brachte ihm fast mühelos, wenngleich wahrscheinlich für hohes Bestechungsgeld, das Chauvinistengeschrei, die neue Parole vom nationalen Krieg. In England und in Amerika hörte man den Lärm, wollte ihn vielleicht hören. Man weiß ja, daß dieses heutige Deutschland keinen Krieg nach außen führen kann, daß die Geschütze und Mineniverfer und Granaten nur nach innen wirken können. Aber man sieht, daß das entwaffnete Deutschland auf einmal wieder Geschütze und Granaten hat — vielleicht sind es französische — und wird verstimmt. Frankreich bleibt im Ruhrlai'd, Deutschland verzehrt seine letzte Kraft im Bürgerkrieg. Und es ist in diesem Treiben so gar nichts Großes and Befreiendes! In den Befreiungskriegen, an die umn heute oft erinnert, und die zu einer höchst honorrgen und romantischen Episode hinaufgelogen worden stnd, gab es doch immerhin Männer wie Fichte, Stein, Hardenberg. die an die sittlichen und bauenden Abberufung des englischen Botschafters ans Berlin. ReichMe und Panik. Berlin, 1. November. (Tel. d. ,Mr. Morgenze,itung".) Die Ereignisse in Deutschland treiben rasch dem Höhepunkt zu. Die auswärtigen Vertretungen sind in Permanenz und Konferenzen im Auswärtigen Amte finden ununterbrochen statt. Sensation erregt die heute bekanutgewordenr Abberufung des englischen Botschafters Lord d'Abernon, die vielleicht mit den englischen Schritten zur Herbeisührung einer Reparationskonferenz zusammenhängt, vielfach aber auch als ein sehr ernstes Symptom dafür gilt, daß das Ausland den vollen Ausbruch der Krise für bevorstehend hält. Der Reichskanzler Stresemanu ist erkrankt und mutzte die für gestern vormittags angesetzte Aussprache mit den Führern der Sozialdemokraten absagen. Die Forderungen dieser Partei gehen, wie schon berichtet, dahin, es sei der militärische Ausnahmszustand aufzuheben, mit Bayern reiner Tisch zu machen, in Sachsen die Reichswehr abzuberufen und die Entlassung der in die Reichswehr aufgeuommenen Hakenkreuzler zu verfügen. Die Annahme oder Ablehnung dieser Bedingungen entscheidet über das Verbleiben der. Sozialdemokraten in der Koalition. Durch die; EokMNkWNK HLLLsrMan«s<- -•'7 ' die Wohl einen politischen Charakter trägt, ist diese Entscheidung wieder verschoben. Es soll heute wieder eine Konferenz stattfinden, aber es wird Wohl auch vor der nächsten Reichstagssitzung am Dienstag keine besondere Wendung zu erwarten sein, falls nicht Hitler bis dahin seinen Aufmarsch an der thüringischen Grenze beendigt hat - und losschlägt. i In Sachsen hat sich die Aufregung einigermatzen gemildert. Die neue Regierung unter dem Vorsitz des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Fellisch tritt heule abends zusammen. Der Reichspräsident Ebert hat seine Verfügung, die den VolksparteileL Heinze als Reichskommissär mit der Bestrafung Sachsens betraut hatte, z urückgezogen. Heinze ist nach gut verrichtetem Auftrag nach Berlin zurückgekehrt und hat Herrn Fellisch den Platz geräumt. Fellisch, ein 39jähriger Mann, stammt aus Posen, ist gelernter Handschuhmacher, war Redakteur der radikalen „Chemnitzer Volköstimme" und gehörte dem Kabinett Z e i g n e r als Wirtschastsminister an. Seine Wahl bedeutet keine Richtungsänderung der sächsischen Sozialdemokratie, bei der sich die Berliner Einflüsse wohl taktisch, aber nicht prinzipiell durchzusetzen vermochten. Einstweilen ist den Generalstreik abgebrochen worden mit Rücksicht daraus, datz -das-Land wieder eine verfafsungsmätzige Regierung hat. Man darf sich aber nicht darüber täuschen, datz eine Versumpfung der großen Reichskrise unmöglich ist. Die Panik wächst und mit ihr die p o l i t i s ch e Unruhe, die durch allerlei geflissentlich betriebene Vertuschnngsmanöver noch gesteigert wird. Der rechtsradikale „Lokalairzeiger" bezeichnet heute die Meldungen über die Hitlerschrn Rüstungen als übertrieben. Damit'steht, jedoch im Widerspruch, datz die thüringische Regierung telegraphisch das Einschreiten der Regierung gefordert hat. Der Hitlersche Generalslab hat> in Hildburghausen Listen für die Aushebung von Pferden aufgestellt und nimmt sogar Requisitionen von Futtermitteln vor. An verschiedenen Grenzpnnkten ist die Polizei in G esechte mit Hitler-Truppen gekommen. Wie es in Bayern zugeht, zeigt ein Aufruf der Ländesbauernkammer an die Landwirte, für die notleidende Bevölkerung Lebensmittel zu spenden. Kahr setzt alle — Hunger in Bayern. Energie an die Ausweisung der Juden und er hat, wie bekannt wird, eine Abovdnung den Münchner Kultusgemeinde, die ihm die Milderung der Maßnahmen nahelegte, mit der Bemerkung abgewiesen, er könne für gar nichts garantieren. Unterdessen greift in allen Städten der Hunger um, sich und der erwähnte Aufrus sagt selbst, datz ganze Familien sich nicht mehr Vas Brot verschaffen können. Es ist beschämend, daß das reiche Bayern sich von der nieder österreichischen Bauernkammer einen Waggon Weizenmehl hat schenken lassen müssen. Alles, was die Diktatur bisher zur Linderung der Not versucht hat, ist fchlgeschlagen, weil es diesem System an jeglichem Verständnis fehlt und weil es nur mehr mit Hilfe der Hitlerschen Bajonette sich halten kann. Die Eeparatiftenbewegung. Konflikt zwischen England und Frankreich. London, 1. November. (Teil. d. „Wr. Morgenzeitung".) Wie Ihr Korrespondent von gut unterrichteter Seite erfährt, steht die heute überreichte englische Note an Frankreich über die separatistische Bewegung damit sm Zusammenhang, datz im Foreign Office bekannt wurde, Frankreich habe den Sönderbiindlern gewisse Z u s a g e.n Aber Erleichterung oder gänzliche Erlassung der Reparationszahlungen für die vom Reiche abgetrennten Gebiete gemacht. Dieser Umstand in Verbindung mit den von Frankreich gegenüber den englisch-amerikanischen Vorschlägen gemachten Vorbehalten hat den Anlaß dazu gegeben, datz in der an Poineare gerichteten englischen Note ans die rechtlichen Folgen der Abtrennung einer Provinz von Deutschland hingewiesen wird, welche den Friodensvertrag nicht unterzeichnet habe. Die Unterstützung der separatistischen Bewegung wird hier als Bruch mit demselben Versailler Vertrag angesehen, dessen vollinhaltliche Aufrechterhaltung Frankreich in seinen Vorbehalten bezüglich der Sachverständigenkonferenz fordert. Dem ftanzösischen Ministerpräsidenten wurde gleichzeitig eine zweite Note überreicht, in der vorgeschlagen wird, eine gemeinsame Einladung der Alliierten an die Vereinigten Staaten zu richten, diese mögen durch Vermittlung ihres Beobachters in der Reparationskommission Delegierte in den Sachverst'ändigenausschuß ernennen. Eine identische Mitteilung ist auch in Brüssel gemacht worden. Wie halboffiziell angedeutet wird, rechnet man mit dem Zusammentritt des Sachverständigenausschusses in Deutschland. Poinrare verleugnet die Zeyaratiften. Wie Agente Hcivas meldet, dünste die Antwort des Ministerpräsidenten Poineare ans die englischen Noten wahrscheinlich besagen, daß Franke e i ch und Belgien bezüglich der s e p a r a t i st i s ch e n Bewegung k e iner lei V e r a n t w o rtI i chke i t übernehmen und die Bevölkerung nach ihren: eigenen Willen handeln lassen werden. (Der belgische Anßemuimsie.r Ja spar hat im heutigen Minifterrat in Brüssel die vollständige N e utralität der belgischen Behörden gegenüber der separatistischen Bewegung ftsWstellt.) Bezüglich des Sachderständigenm^schusses wird die Antwort gewisse Aende.rungen des Cntwürfts der gerneinsamen Einladung an die Bereinigten Staaten Verlangei: und insbesondere fordern, datz die Untersuchung sich ausschließlich auf die gegen w ä rtige Zahlungsfähigkeit D e u t s ch l a u d s -erstrecken solle sowie schließlich V o r b e h a l t e bezüglich sämtlicher Rechte der Reparationskrmnnission machen. Die Bergwerksdirekrsren dürfen zurMchren. Düsseldorf, 31. Oktober. (Havas.) Die Befttzungsbehörden halben mehrere wegen Gehorsanrsoeriv e i ger ung verurteilte Berg w e rksdire k t o r e u b e. gnadigt und einer Anzahl von Direktoren die Rückkehr ins Ruhrgobiet gestattet. Kräfte appellierten. Damals stand eine nationale Armee auf. Heute ziehen die geschlagenen Generäle an der Spitze von schwer bewaffneten Landsknechthaufen gegen die unbewaffneten Inder:, gegen Arbeiter, gegen die deutsche Republik. Kein französischer ^Evbseürd" hätte je eine so schöne und billige Erfüllung des alten Traumes erhofft, daß das große, selbst nach der Niederlage noch starke Deutsche Reich ii: solche Wehrlosigkeit persinkt r:nd daß die internationale Politik in solcher Tragik von einem deutschen Problem beherrscht wird.