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Wiener Morgenzeitung · 1923-11-01 · Heft 1694 (1.11.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1694 (1.11.1923)
Date
1923-11-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Tschactio-Slowakei t tschech. K 1«— 11 a l i e n: Monatl. 10 Lire, Ru in a n i © n Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon.75 Lewa Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Wien: Zum Abholen in der Expedition, II.,Taborstr.l-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 ötrassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmied^ I. Bez., Wollzeile 11. Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 lener Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1— 3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,25-282 Tschecho-Slowakei: Mon. K17. Jugoslawien Mon. Dinar40, Polen: Mon. ost.K 22.000. Deutschi.: Mon. ost.K 28000. Frankr Belgien: Monatl. Frcs. 8 MT Nachzahlungen Bei Preiaerhohuniren Vorbehalten ■ Tel- Adr.: „Morgenzeitung“ Wien Oasterreicbisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Wien. Donnerstag. 1. November 1923 Nr. 1694 9. Fahrgang Die bayrische Srdmmgszelle. —y. Wien, 1. November. Die Lage der Juden in Bayern verdüstert sich Immer mehr. Vorgestern und gestern ist eine Reihe von Ausweisungsverfügungen wirksam geworden, die anderen treten im Laufe dieser Tage in Kraft. Den Vertriebenen ist verboten worden, ihre Unternehmungen oder Waren zu veräußern, so daß sie bettelarm auf die Wanderschaft ins Exil müssen. Aus einer Menge von bayrischen Orten liegen Mitteilungen über steigende Aggressivität der Hakenkreuzler vor, in einem Städtchen wurden sieben jüdische EiMohner unter der Angabe, eine Rauferei angestistet zu haben, verhaftet und von einem Gefängnis zum anderen geschleppt. Ganz so, wie wir das in den jüdischen Auszeichnungen' des Mittelalters lesen können. Und je weiter sich der zwischen dem bayrischen Nationalismus und dem Reich ausgebrochene Konflikt entwickelt, je näher der völlige Zusammenbruch der Reichsautorität und des Reiches selbst heranrückt, umso schwerer wird die Situation für die jüdische Bevölkerung das erste und wehrloseste Opfer dieses modernen Flagellantentums. Die bayrische Politik erklärt sich für antimarxistisch. Ihre Führer kennen von Marx wahrscheinlich kaum den Namen. Alber sie fassen unter dieser Bezeichnung alles zusammen, was ihnen nicht genehm ist, was nicht . ihrer Richtung entspricht und was den inneren und den äußeren Frieden als das höchste Ziel jeder politischen Arbeit auffaßt. In Bayern gilt dies als Verrat am deutschen Volk, und da die Juden nun einmal da sind, ist es ihre durch Tradition befestigte Funktion, als erste dafür bestraft zu werden, daß es einige Millionen Deutsche gibt, die in Ludendorff und Kahr durcha us kein». "Jdealgestalten erblicken wollen. *• ' Die Juden werden gemaßregelt, weil sie existieren, weil sie angeblich eine politisch homogene Gruppe bilden und weil man sie für das Unglück, das Deutschland betroffen hat, vasch und gefahrlos verantwortlich machen kann. Es ist, wenn man Juden ausweist, nichts zu riskieren. Nach der Kriegstheorie Bernhardts, die heute in Deutschland noch genau so maßgebend ist wie ehedem, muß man an der entscheidenden Stelle die möglichste Stärke zeigen. Da sich Bayern entschlossen hat, gegen Frieden und Demokratie Krieg zu fuhren,' und da es die Juden als Pazifisten und Demokraten bekämpfen will, so ist es an dieser Stelle sehr stark. Wäre das Nationalgefühl wirklich so echt, so sollte man meinen, daß Bayern zuerst gegen Poincare anstürmen will. Aber Poincare hat Soldaten und Waffen; man riskiert zu viel. Die Juden sind unbewaffnet und darum leicht zu besiegen. Es ist auch nicht nötig, neue Formen des Feldzuges auszudenken. Man findet in der Geschichte genug Vorbilder und Ludendorff hat die Technik des Ausweisens in Belgien und Frankreich so gut erprobt, daß er ganz gut als Meister gelten kann. Dieses Vorgehen hat in allem eine außerordentliche Achnlichkeit mit den Maßregeln, die in Ungarn den Kampf zum Schutze der Rasse einleiteten. Die Aehnlichkoit liegt auch darin, daß die große Presse sich um die ganze Sache nicht kümmert. Nehmen wir zum Beispiel wieder die Wiener Presie, die Judenpresie. Sie hat dem Horthy die Mauer gemacht und ihn durch ihr Schweigen ermuntert. Sie hat über die Ausweisung der Ruhr-Eisenbahner durch die Franzosen blutige Tränen geweint. Aber sie hat bis heute kaum davon Kenntnis genommen, daß in der großen Hauptstadt München 170 jüdischen Familien Wohnung und Vermögen geraubt worden ist. Wären das Albanesen, was würden wir zu lesen bekommen! Welche Elegien und kritffchen Untersuchungen! Aber da es sich um Juden handelt, so ist es nicht fair, von der Sache zu sprechen. Auch die Angst vor den Wiener Hakenkreuzlern spielt da mit. Und ' so bliebe dieser gange ruchlose Skandal unbekannt, wenn sich nicht das bewußte Judentum seiner Pflicht, erinnern würde, der Oeffentlichkeit zu sagen, daß hier von Angehörigen der durch den Friedensvertrag so sehr vergewaltigten Nation ein Verbrechen der Gewalt verübt wird, und daß dieses Verbrechen von denen begangen wird, die über die Unsittlichkeit des Friedensvertrages am meisten schreien. Die „Wiener Morgenzeitung", das einzige jüdische Organ Mitteleuropas, stellt dies fest uüd solange dieses Blatt am Leben fft, wrrd es nicht möglich sein, über Scheußlichkeiten, wie sie jetzt in Bayern von verantwortlicher Stelle geschehen, das Dunkel des Schweigens zu legen und sie dem. Urieil des öffentlichen Gewissens zu entziehen. 1 Ne Vaterlandler fordern die Matur. Berlin, 31. Oktober. (Bericht der „Wiener Morgenzcitung".) In den Regierungskreisen ist man heute, da keine «men verschlechternden Momente eingetreten find, optimistisch gestimmt. Das unbefangene Publikum kan« diese Meinung nicht teilen. Der Aufmarsch der Hitler-Truppen an der Grenze Thüringens vollzieht sich mit einer Präzision, die auf gute, sachgemäße Leitung schließen laßt, und das scheinbare Einlenken Bayerns verfolgt nur den Zweck, den Landsknechthaufen Zeit zu schaffen. Die Rüstungen sind besonders in der Gegend von Krön ach wahrzunehmen. In Nordbayern nehmen die Einbevufungen von Zivilpersonen einen immer größeren Umfang an. Ebenso werden Pferdekänfe in großer Zahl abgeschlossen. An verschiedenen Stelle« der Grenze sind neuerdings Geschütze in Stellung gebracht worden und an anderen Stellen sind neue Abteilungen von Hakenkreuzlern eingetroffen. An vermiedenen Orten der bayrisch-thüringischen Grenze haben Grenzüberschreitungen von MNitärgardisten stattgefunden. In der Umgebung von Ko bürg werden Schar fschietz Übungen abgehalten. Auch in anderen Gegenden wurde, ein Anwachsen der Kampftruppen wahpgenommen. Um was es sich bei diese« Borvereitnngen handelt, geht aus einem an S t re s em a-n » gerichteten Telegranim der vaterländischen Verbände Bayerns hervor. Sie er- Frage nur in einer dMifch-nMonnle« nnd lehne« den General Seekt, den Ches der Reichswehr, als unzuverlässig ab. Inzwischen setzt auch Stinnes seine Fischerei im Trüben fort. Er hat heute mit der Interalliierten Kontrollkommission in Düsseldorf verhandelt und das Abkommen über die Lieferung der Ruhrkoyleu an Frankreich (natürlich gegen gute Bezahlung auf Kosten deS Reiches) soll vor dem Abschluß stehen. Nach Mitteilungen aus völkischen Kreisen soll Sttnnes' Direktor, Minonx, einer der kommeuden Diktatoren sein. Die Sozialdemokraten haben das ultimativ gestellte Verlangen der Kommunisten quf Bildung einer gemeinsamen Front abgelehnt. Erwähnt sei, daß der Antrag der Berliner Radikalen, den Reichspräsidenten Ebert ans der Partei auszuschlleßen, keine Mehrheit finden wird. Ob die Partei in der Koalitton bleibt, ist bisher noch nicht entschieden. In Frei verg in Sachsen sind» wie m der Sitzung der sozialdemokratischen Funktionäre mitgeteilt wurde, bei den Zusammenstößen mit der Reichswehr 27 Arbeiter ums Leven gekommen. Die verwendeten Truppen sollen, wie es heißt, gar nicht der Reichswehr, sondern dem gegen Sachse« operierenden Teil der Hitler-Armee angehören. Es find Studenten und Mitglieder des aufgelösten Geheimbnndes „Stahlhelm". Im sächsischen Landtag wurde der Abgeordnete Fel lisch (Sozialdemokrat) mit 46 Stimmen zum Ministerpräsidenten gewählt. 18 Stimmen entfielen auf den Abgeordneten Kaiser (Deutsche Bolkspartei). 71 Abgeordnete waren anlvesend. Die Deutschnationalen hatten vor Beginn der Wahl den Saal verlassen, während sich die Kommunisten der Abstimmung enthielten. Abgeordneter Fellisch nahm die Wahl zum Ministerpräsidenten an, worauf die Sitzung geschlossen und das Haus auf Dienstag den 6. d. vertagt wurde. Berlin, 31. Oktober. Das „8 Uhr-Abendblatt" meldet auZ Weimar: Entgegen allen Erklärungen von bayrischer Seite, daß die von sozialistischen Blattern veröffentlichten Meldungen über die. Vorgänge an Ärr bayrisch-thüringischen Grenze aus der Luft gegriffen feien, wird von absolut einwandfreier und amtlich unterricht'eter Seite feftgestellt, daß feit acht Tagen ein tatsächlicherAusmarsch der rechtsradikalen Kampsorganisationen längs der ba.yrisch-thüringischen Grenze wahrzunehmen ist. Kapitänleutnant Ehrhardt hält sich gegenwärtig in Koburg auf. Er soll den O b c rbefeh l für ein Staudaufgebot führen und die Absicht ha- ^den, nach Thüringen und eveMell «och weiter vor« zu stoßen. Die thüringische Landes'Polizei befindet sich in erhöhter Alarmbereitschaft. Die Grenzposten haben eine beträchtliche Verstärkung erfahren. An der Grenze ist fo r t w ä h r e n d e s S ch i e ß e n zn hören, das von den G e s ch ü tz e n nnd M a s ch i n e n- >gew ehren der Hitler-Truppen herrührt. Die thüringische Regierung hat an den Reichspräsidenten, den Reichskanzler und bat Reichsminister des Innern Telegramme gerichtet, worin die Wiederherstellung versassungsmäß igev Zustände in Nordbayern gefordert wird. ■ . Sie Forderungen der Sozialdemokraten für ihr Verbleiben in der Regierung. Berlin, 31.' Oktober. Die Roichstagsftaktion der Sozialdemokratischen Partei hat in ihrer heutigen Sitzung folgende. Beschlüsse gefaßt: ' Die Sozialdemokratie kann in der Regierungskoalition nur dann verbleiben, wenn folgende Voraussetzungen erfüllt werden: 1. Aufhebung des militärischen Ausnah m s z u st a n d e s. 2. Die Reichsvegierung behandelt das Verhalten der bayrischen Machthaber offen als Verfassung sbrüch und unternimmt im Einklang mit der äSB'5 diegeHMOnen S ch ritte 3. Aufrechterhaltlung der Ruhe und Ordnung in Sachsen ist Aufgabe der Schutzpolizei. Reichswehchibfe kann nur auf Anforderung des Inhabers de.r Z'ivllgewalt herangezogen werden. 4. Sämtliche neuerdings in die Rei ch swehr einge> stellten Angehörigen rechtsradikaler Organisationen find sofort zu entlassen. kl« neuer englischer Vorschlag fft eine Sachverständigenkommission. London, 31. Oktober. (Tel. der „Wr. Morgenzel» tung".) Die englische Regierung hat heute eine neue Note <m die alliierten Regierungen und an die Vereinigte» Staaten gesandt, in der sie den Vorschlag macht, die Sachverständigenkommission im November in Berlin zusammentreten zu lassen. England gegen die RheinrHublik. Eine Note an Frankreich. Paris, 31. Ottober. „Echo de Paris" meldet aus London, es verlaute, daß die englische Regierung heute Frankreich eine Note überreichen werde, worin die separatistische Bewegung in den Rheinlanden als den Wünschen der Bevölkerung nicht entsprechend bezeichnet und die Haltung des Brüsieler und des Pariser Kabinetts als dem Vertrage von Versailles widerstreitend dargestellt werde. Die englische Regierung werde ihren Entschluß Mitteilen, keinesfalls eine separatistische Regierung anzuerkennen. Ein englischer Kohlenkredit fft die deutsche« Eisenbahnen. London, 31. Oktober. (Tel. d. „Wiener Morgenzeitung".) Die Blätter melden, «daß das Kohlenabkommen der Berliner Großbanken zur Deckung des Bedarfes der Reichseisenbahnen in London abgeschlossen und nunmehr endgültig zustande gekommen sei. Die Verhandlungen, die aus der englischen Seite Mae Kenna in seiner Eigenschaft als Präsident der Midland-Bank führt, ergaben, daß ein Syndikat, bestehend aus der Midland-Bank, Rothschild «und Schröder unter Garantie der' Berliner Großbanken für die Kohlenbeschaffung der Reichsbahnen in England vorläufig nur auf sechs Monate drei Millionen Pfund zu den jeweils in London üblichen Zinsen für Handels!red öte einzuräumen einverstanden sei. Wie bereits berichtet wurde, ist der Kredit an die Bedingung geknüpft, daß die Kohlenbestellungen jeweils zu gleichen Teilen bei der Stevenson-Grube und bei den Baldwin-Gruben, die dem Premierminister gehören, erjotze«,

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