Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1693 (31.10.1923)
- Date
- 1923-10-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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EIozeJmraiinerKIOOO Wien: Zum Abholen in der Expedition, II., T aborstr. 1 -3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik), monatl. K 28.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt, I. Bez., Wollzeile 11. Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tschecho-Slowakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. ost.K 22.000, Deutschi.: Mon.öst.K28000.Frankr., Belgien: Monatl. Frcs. 8 mT Nachzahlungen -M, bei Preiierhohunzen Vorbehalten Wiener Tschecho-Slowakei t tschech. K 1.— Italien: Monatl. 10 Lire, Ru m a n i en Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon. 75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborsbrasse 1—3 Telephone: 44*0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,25-282 TeL- Adr.: „Morgenzeitung“ Wien Oesterreichisches Postspat* kaasen-Konto Nr. 150.693 Rr. 1693 Me«. Mittwoch. 31. Atober 1923 3. Flchrgang Der Ausmarsch Kahrs. —y. W i e tt, 31. Oktober. Der deutsche Reichstag soll am Freitag zusammenkreten, falls der Reichskanzler bis dahin eine Aeußerung über die politische Lage abgeben kann. Falls ihm dies unmöglich scheint, würde der Reichstag erst am Dienstag sich versammeln. Es ist somit fiir eine halbwegs tragsähige Ordnung der innerpolitrschen Verhältnisse nur eine sehr karge Frist gegeben, innerhalb deren die an der Sprengung der Reiches arbeitenden Elemente ihr Werk ungestört sortführen können. Es ist immer, so, daß gerade auf der Seite der Reaktion die stärkere Aktivität liegt, und in dem Deutschland von heute, in dem die bürgerliche Demokratie jedwede Initiative verloren hat, ist dies ganz besonders der Fall. Der Wille Bayerns, das den jetzigen Zeitpunkt für die Herbeiführung der Konterrevolution für den günstigsten hält, ist auch in Berlin bestimmend geworden. Das Königreich Hitler ist gerüstet nnd verfügt über eine ansehnliche Macht. Die demokratische, sozialdemokratische und kommunistische Presse ergeht sich in detaillierten Antithesen, in denen die so verschiedene Behandlung Bayerns und Sachsens auseinandergesetzt wird. Aber in der Politik spielt Moral und Recht nur in Feiertaasreden eine Rolle, und schon Schiller hat die Norm aufgestellt, daß man im Rechte wohnt, wenn man im Besitze ist. Bayern hat Maschinengewehre und Sturmdivisionen, Hitler hat einen Generalstab nnd Kahr ist sein Prophet. Er läßt verkünden, daß die gesamte Presse Münchens hinter ihm stehe. Das ist einerseits eine Konsequenz des Ausnahmszustandes, verschärft durch die Knüppelhewen mit dem Hakenkreuz, andererseits abep ist es wirklich'so wert gekommen, daß hie bürgerliche Presse ganz auf die geistige Richtung der Reaktion eingeschworen ist. Das Stinnes-Geld trägt gute Früchte, und die paar liberalen Blätter, die es noch in Berlin und in Frankfurt gibt, sind nnr mehr einsame Schwimmer auf der Wirbelslut. . Herr Hilserding, der nach feinem Sturz den Berliner Sozialdemokraten zurief, ihre Lage sei verzweifelt geworden, hat sehr wahr gesprochen. Das rote Sachsen ist in den Händen der Militärkamarilla, die Regierung unter demütigenden Formen hinausgeworfen und der Rcichskommiffär Heinze, ein erprobter Freund Helfferichs, will eine neue Regierung bilden. Der Aufmarsch der bayrischen, auf Lossow vereidigten Reichswehr- und Hitler-Divisionen richtet sich von Bamiberg aus gegen das zweite sozialistische Land, gegen die thüringischen Industriestädte und gegen Weimar, den Geburtsort der jetzt in Trümmer geschlagenen Verfassung. Es scheint, daß sich in Deutschland genau der gleiche Vorgang vollzieht wie in Ungarn und in Italien, wo die Sozialdemokratie, vom Kommunismus im Rückenmark gebrochen, durch die Energie des bewaffneten Nationalismus sich überraschen ließ. Die deutsche Sozialdemokratie kann sich zu keinem raschen Handeln entschließen. Mit der Papiermark läßt sich kein Generalstreik führen und so muß sie auf das Mittel, von dem die Kapp-Revolution weggeblafen wurde, verzichten. Tritt sie aus der Regierungskoalition aus, so ist die Militärdiktatur des. Genemls Ludendorff die nächste Etappe. Bleibt sie in der Koalition, so muß sie vor dem Proletariat die Verantwortung für all das übernehmen, was in München diküert und in Berlin ausgeführt wird. Unter ihrer Zustrmmuug, ja mit ausdrücklicher Genehmigung des 'sozialdemokratischen Reichspräsidenten Wert sind die Maßregeln gegen Sachsen beschlossen worden, und die Zusage ^tresemanns, er werde erst noch die Beschlüsse ms sächsischen Landtages abwarten, wurde gebrochen. Einer Partei, die man fürchtet, hält man das Wort, weil eben immer und unter allen Umständet die Macht den Ausschlag gibt. Aber man fürchtet die deutsche Sozialdemokratie nicht mehr, sie ist 'nicht mehr die große Partei, sie hat auch nicht mehr das Vertrauen der Massen. Der Kommunismus der russischen Färbung, der sich mit dem bayrischen Hakenkreuztum trefflicher-, steht, hat Ihr. den Willen und die Kraft, genommen. Herr Kahr wird.bald der Herr Deutschlands sein oder dessen, was von Deutschland dann noch übrig.Mn wird.. Es ist kein Zweifel mehr daran, daß unter diesen Aspekten die vow.En'gland vorgeschlagene Reparations- . konferenz nur meyr Kne Totgeburt sein kann. Es fehlen zu emer Prüfung -der Finanzkraft Deutschlands derzeit alle Unterlagen und, zu welcher Summe immer man gelangt, stets wird die Sorge üm den Bestand des Deutschen Reiches und feine Gefährdung durch die innere Genenrevolution alle .Beschlüsse verhindern. Das Ruhr- Ae ewigen Reparationen. Ae totgeborene Konferenz. — Unzulängliche Finanzmaßnahmen Deutschlands. — Entspannung? London, 30. Oktober. Das R eutersch-eBureau erfährt, daß dvs englische Kabinett 'heute über die französische Antwort auf Baldwins Vorschlag betreffend die Reparationskouferenz beraten habe. Ein amtliches Communique ist n i ch.t ausgegeben worden. Es wird für wahrscheinlich gehalten, daß Großbritannien im Hinblick ans die Antwort des französischen Ministevprüsidenten nochmals die Regierung der Vereinigten Staaten zu Rate ziehen wird, um genau.sestzustellLn, bis zu welchem Grade Amerika gewillt fei, beim Werke der Wiederherstellung der europäischen StabMät zu helfen. Im Hinblick auf die zahlreichen Vorbehalte, die Poincares Antwort dem Vernehmen nach enthalte, sei es möglich, daß man zu der Auffassung gelangen werde, daß die vorgeschlagene Sachverständigenkonferenz keine g r o ß e A u s f i ch t auf ein erfolgr-eiches Resultat biete. In gut unterrichteten Kreisen walte indessen - eine gemäßigt optimistische Stimmung Vormund / man erwarte einen werterem M-sinung sau-tausch mit Frankreich. ' Wnerika anerkennt Frankreichs Vorbehalte? Paris, 30. Oktober. Die Agenoe Haivas meldet.'aus Washington: In amtlichem'Kreis«: und im Schatzamt sowie inder Presse ist man der Ansicht, daß die/Erklärungen des französischen Ministerpräsidenten Poi uc a r e in Sampigny keineswegs ein Hindernis für , die Regelung der Reparationen durch die . gegenwärtig ins Auge gefaßte Methode bilden. Das Staatsdepartement anerkennt die Berechtigung des Grundsatzes der Unverletzlichkeit des Rechtes, das die französische Nation aus dem Friedensvertrage besitzt,. und Mt es für möglich, daß ein Finauzplan ausgearbeitet werde, der für alle Beteiligten annehmbar wäre. - Die Meldung, daß Morgan zum Delegierten der Vrveinigre, Staaten für das Sachverständigenkomitee bestimmt worden sei, ist verfrüht. Gin Golvmietengesetz in Deutschland. Berlin, 30. Oktober. Der „Lokalanzeiger" meldet, baß die Reichsvegierung einen Goldmietengesetzentwurf beschlossen M, der am 1. Dezember in Kraft treten und eine' M-uregelung der Mietzinsbildung hevbeiführen solle. Zugrunde gelegt werden die Friedens-Mieten, ustd zwar ist für D e z e m b e r eine Erhöhung um 2 0 Prozent geplant. Diese Grundzifstr soll sich' von: Monat zu -Monat um je 10 Prozent erhöhen, so dvß brnu en Jahresfrist 100 Prozent der.Frie-. d en smie te e r re i cht sein werden. Die monatliche Fri edarrs mietgrundzahl soll jedesrnal mit der Reichsmdexziffer multipliziert werden. Das Produkt soll dam: -die Gesamtmonatsmiie!^ darstellen. Von der so erve.chneten Mete soll aber der Hausbesitzer nur anfangs 20 Prozent bis schließlich 40 Prozent erhalten, den größeren Rest, den Anteil von 6 0 b i s 80 Prozent wird das Reich -beanspruchen. . Zur Sicherung des Rei chsanspr-uches soll eine. allen anderen Belastungen vorangehende Grunds ch u l d eingetragen werden. - Ein Berbotder H y P o t heke na uf w.e r tu ng steht mit dieser Maßnahme int Zu- , samnreNhang. Der Gesetzentwurf über die Gowniieten, zu dessen -Durchführung -der gesamte Hausbesitz in Zwangskorp o ratro neu zusammengeschlossen werden soll, ist unter die krampfhaften Versuche der Reichsvegierung einzureihen, welche mit unzulänglichen Mitteln eine Stabilisierung der Mark herbeiführen sollen. Es wird nun wieder nach dem Muster aller unzulänglichen Sanierungs- Versuche in Ländern mit zusammvngebrochenen Währungen zu dom Auskunftsmittel drückender Steuern gegriffen welche die mittleren und unteren Klassen belasten, während die Schichten, auf die es ankonffnt, Landwirtschaft und Großkapital, geschont werden. Schon dies zeigt, daß die geplante Gol-dMark oder wie die stabilisierte Mark heißen nuig. nicht dort die entsprechende Deckung -hat, wo sich der größte Teil des Voltsvernvögens befindet. Gänzlich illusorisch aber wird das Problem der durch Reichsverumgensw--^. gedeckten Goldmavk durch die Trennungsbestrebungen im Reiche. Die Sicherheiten verschwinden, wenn das Rheinland sich von Deutschland losgelöst hat, Bayern im Begriffe ist, das Reich zu verlassen und in Mitteldeutschland ein Bürgerkrieg droht, der die als Währungsunterlage dienenden Sachwerte vermindern muß. Mit halben Maßnahmen mitten im Bürgerkrieg kann eine Stabilisierung deutschen 41,^ wenn nach wie vor vA Frankreich das schwerste M i ßt r a neu gegen die deutsche. Wirtschaftspolitik herrscht. Auch Köln löst sich vom Reiche los. . Paris, 30. Oktober. Die Agence Havas meldet auZ Düsseldorf:. In Köln hat sich unter dom Namen „Zcntralwivtfchaftsrat" eine -wahre rheinische Regierung gebildet, die bisher noch nicht öffentlich proklamiert worden ist. Sie umfaßt Vertreter der rheinisch-westfälischen Wirtschaft, der. Gcwerkschaften und der rheinischen ..Behörden. Ihr -Bureau soll aus Adenauer, Vogeler und Hagen zusammengesetzt sein. Die Wahl Adenauers zum Präsidenten berechtigt zu -der Erwartung.. daß die Proklamievung der Autonomie.das Rheinlandes bald erfolgen werde. Bayern verhandelt mit Deutschland. Frankfurt a. Main, 30. Oktober. (Del.-Komp.) Der Münchner Korrespondent -der „Frankfurter Zeitung" meldet, -daß der heutige Ministerrat, an dem Genemlstaatskomnüssär Kqhr und General von Lossow nicht teiInahmeu, das Ergebnis gezeitigt hat, daß Bayern weiter mit der Reichsregierung über 'die-Lösung des Konfliktes -verhandeln wird. Der bayrische Gesandte in Berlin, v. Preger. wird heute nach Berlin zurückkchren. An .unterrichteter Stelle wird erklärt, haß die Lage : eine Entspannung -erfahren habe. Der sächsische Landtag zusammengetreten. Dresden, 30. Oktober. (Tel.-K-0iMp.) Die Lage hat sich durch. Zurückziehung der Reichswchrtruppeu. und deren Ersetzung durch Polizei wesentlich entspannt. Der Lan d t ag ist heute imchmittags überraschenderweise zusam.me ng etret.en und es wird erwartet, daß die Verhandlungen zwischen den: Reichskommissär und' den sächsischen Parteiisührern heute oder morgen zur Bildung einer neuen sächsischen Regierung führen werden. - In den ureisten Privatbetrieben ruht die. Arbeit. In Bautze nist' der .Streik. v o I l k o m m c.it durchgeführt. Auch die Elektrizitäts- und Wasserversorgung ist eingestellt. Die Zeitungen^sind nicht, erschienen. Auch in den übrigen I ud u st r iestädt e.n wird in den größeren Betrieben .gestreikt. gebiet mit seinen geschlossenen Werken und seiner tarbeitslos hungernden Bevölkerung kommt als aktiver Faktor weder für Frankreich noch für Deutschland in Betracht, die neue Rheinrepublik, der sich wahrscheinlich in Bälde die Tore Kölns öffnei: werden, wird sicherlich von dem französischen Protektor aus der Zahluugs- MKMi. .ajuKzeschallel,werden. Bayern-wich mOs wollen und vielleicht bestehen auch gchoime , Zusagen Poincares an Rnpprecht; Oberschtesien^ ist arm, Ostpreußen wird abfallen. Berlin, Thüringens und Sachsen werden die Last'allein nicht tragen. Deutschland ist ein Problem geworden, das viel Blut kosten, aber rei ne:7falls Geld und Reva-ationen bringen kann.