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Wiener Morgenzeitung · 1923-10-28 · Heft 1690 (28.10.1923) · p. Seite 12

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1690 (28.10.1923)
Date
1923-10-28
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 Wien. Sonntag Wiener Morgenzeitung. 23. Okober 1923 Nr. 1690 1 RIEDISCHE JUGEND „Mgul." „Aber daß der Schaffende sei, dazu selber int Leid not und viel Verwandlung." (Nietzsche.) Heilig sind die Stunden zwischen Tag und Nacht, heilig find die kreisenden Dämmerungen, heilig ist der „Gilgul h.inefesch". -- Wenn der Engel um Mitternacht auszieht, um an die Flügel des Hahnes zu rühren, daß sie aufschlagen. dee mal schlagen in den Schlaf der Narbt, wenn du da durch die ganz engen Gassen gehst, wo das Gemäuer im Staub der Straße kriecht und in die Pfütze des Grabens getaucht/ist, so kannst du den ,,M i t g a l g e l i m" begegnen. Sie sind ganz schwarz im Gesicht: doch ihre Augen sind so hell, daß du dich in ihnen spiegeln kannst. So hell sind ihre Augen. Und sie tragen lange weiße Tücher um ihre dürren, hohlen Knochen und Hitschen ziellos und traumhaft zwischen den Schatten der Nacht dahin. Ta kannst du ihnen begegnen. Und ansprechen darfst du sie nicht, denn ihre Rede ist flammende Glut und könnte dich verzehren. Sie kommt aus den tiefsten Tiefen und dringt ans den fernsten Fernen, ans dem Urquell allen Schaffens, ans dem Urgrund des tiefsten Leidens. — Und wenn sie dich streifen, du darfst ihnen nicht enttveichen und nickt anfschreftn vor ihrer Nähe; nein, das darfst du nicht. Tenn du darfst nicht erschrecken vor dir. . . Das sind die M i t g a l g e l i m": die ewig Suchenden, die ziellos Irrenden, die ewig Wandernuden, die sich ewig Wandelnden; die bloß lebten, aber nie waren, die am Wege starben zwischen Tag und Nacht traumhaft dahingingen, die an ihrem „Sein" vergingen, die nicht zu Ende gingen, die nie „verendeten", die „Ewigen". Und die werden wieder geboren, immer wieder geboren, und schaffen geheimnisvoll fort und wirken schattenhaft weiter, im Brausen der Zeiten, im Werden der Werte, in allem Geschehen, im großen Leiden schaffen sie fort, bis sie „ Erlösung" darin finden. Sie sind das große Leiden, die sich ewig Wandelnden.- Und du kannst ihnen um Mitternacht begegnen und ihre Augen leuchten dir aus den engen Ritzen nackten, gebrochenen Gemäuers und ihre weißen Tücher blinken nach dir fo seltsam bleich und durch ihre hohlen Knochen pfeift ein Lied nach dir, dunkel und fern ... Es streifen dich Worte an, geheimnisvolle Worte in dunkler Mitternacht und ihre heiseren Stimmen klappern nach dir; dock du darfst nicht erschrecken vor ihrer Nähe, nein, das darfst du nicht. Tenn du -darfst nicht erschrecken vor dir . . . Doch sie sind auch um dich am Tage und lauern nach dir aus dem Licht wie nachtentstiegene Träume. Da aber ist das Licht in ihren Augen erloschen und sie blicken traurig und trüb nach dir. Toch da gleichen sie dir und ihm und chm; sie gehen an dir vorüber und du achtest ihrer nicht und schweigst dich an ihnen vorbei-ja, sie sind auch um dich am Tage; doch da gleichen sie dir und ihm und ihm.- Und einmal dachte ich, wir wären alle „Mitgalg e l i m", ja, wir alle. — In einer klarer! Sommernacht war's. Erinnert ihr euch daran? Wir saßen auf einer Park bank. Es tvar, wie wenn über den Sand zu unseren Füßen Tabbatstille hinrieselte. In jener Sommernacht )var es. Wir sangen da viele, viele Lieder. Und um uns standen viele Leute und andere faßen auf den Bänken ringsum. Und die alten Männer wiegten ihre Köpfe hin und her und strichen mit ihren 'harten Händen über ihre langen Bärte. Tann blieben sie wieder still, wie wenn sie sich an e'.was erinnerten, und senkten ihre Häupter nach vorne, daß die Bartspitzen die Oberlippe berühren konnten und schmiegen dann lange. — Und ich stülpte meinen Rockkragen hoch übers Kinn und da fühlte ich mich von meinem eigenen heißen -bauch angeweht-und da war es mir eben, wie wenn ich irgendwo fern entrückt wäre, wie wenn ich ein „Mitgalgel" wäre, wie wenn wir alle „Mikgalgelini" wären. — Erinnerst du dich: es kam dann noch ein Ma„.n daher, ganz langsam ging er an uns heran und blieb dann, nahe unserer Bank, stehen und sah traurig und ernst nach uns. Tann ging er langsam und ernst Wecker. Er hatte einen langen, schwarzen Mantel an und einen langen, schwarzen Bart. . . Ta-- war einer von den,Mikgalgelim", dachte ich?.r,ut. — Tie gehen am Tage unter den Menschen um und haben traurige, dunkle Augen und reden nicht viel und antworten wenig-sie schaffen, an ihrer „Erlösung" schafft,.' sie. '.as ist das Mysterium des „Gilgul", meine Brüder. ' >id einmal dachte ich, wir waren alle , Mitgalgel im", alle, die wir traumhaft -zwischen Tag und Nacht >i und ziellos irren zwischen dem Abend und >u'n und uns in unserem Schaffen zu „erlösen" ',nn wir alle. — — Jaakow Mesch orer Dom Mau-Weiß. Lieber Freund! Deinem Wunsche gemäß, will ich Dir meine Gedanke-n beschreiben, die mich beseelten, als ich gestern nach dem Vortragsabend im Mt-Blan-Meiß heimsing. Ich war stets der Dlan-M«:iß-Bcw-egung skeptisch gegenübergestanden, für mich war si-e nie mehr als ein Knabenhort unter jüdischer Flagge. Sie schien mir nicht - fähig für ernste Aufbauarbeit in tot Ga'lnth, noch weniger in Ei»; Israel. Auch hörte ich viel gegen den westindischen Einschlag von seiten meiner ostjüdischen Freunde sprechen. Nun aber bin ich anderer Meinung, nachdem ich einmal hinter die Kulissen gesehen, nachdem ich den Wvrleu des iugeudlich.'i: Führers Thalhemicr, der aus Deutschland hierher kam, gelauscht habe; denn mit Spannung hörte ich Satz für Satz von den Beslrebu-ngen der Ansi'dl'.mg^ der Errichtung von Werkstätten, der Getd.mfbringung, keine Uebertreibun-gen, keine unerreichbaren phantastischen Ju-gendillusionen, sondern alles war klar und die bereits gerührten Verhandlungen und Erfolge lieferten den Beweis der Räch* tkgkcit. Ta war nichts zu hären von Soldatenspielen und Generalkonimando, aber umso interessanter, daß diese. Jugendlichen wieder den Glauben an die Alttorität der Eltern fanden und von einer Verarbinno unsr.er Traditionen war auch nicht die Rcd.g es kam mir erst zum Bewußtsein, wie vorschnell unsere Gennnunasgenossen urteilen nnd als Tr. Klaber als nächster Redner über die Einstellung der Alt-Blau-Weißen in den Gesamtbnud sprach und die Verbindungsmöglichkeit und Arbeitsfähigkeit der Eck.'rn bände erörterte, da kam mir die Ueberzeugnng, daß dieser Bund Blau-Weiß nicht nur keine Spielerei, sondern ein Weg zum Aufbau unseres Landes und zur Verinnerlichung unftrer Kulturarbeit bddenlet. Kein Wort von hoher Politik wurde gesprochen, Freunde unter strenger Führung des Leckers Dr. Lichtwitz, der sehr energisch seine Leute zu dirigieren versieht, sind mit ernsten Problemen beschäftigt, ohne aber dabei weltfremd die Schwierigkeiten und Hemmungen zu übersehen. Ter Wunsch Dr. Weisls, Palästina- Fragen in allgemeinen Volksversammlungen zur Diskussion zu stellen, wird abgelehnt, man hält sich nicht für berufen, derartige sicherlcch wichtige Fragen zu besprechen und will nur im kleinen Freundeskreis all die Dinge beraten — ist dies nicht eine bei uns schon selten gewordene Bescheidenheit, denn diese Akademiker beherrschen sehr wohl die zionistischen Fragen, si« kennen sehr wohl die Lage in Palästina, sie kennen auch unsere Führer, ihre Vorzüge und Fehler, aber sie arbeiten an sich s e l b st und für die Jugend. Es handelt sich ihnen um mehr als den richtigen Schritt beim Marsche, sie haben ein Ziel und einen ehrlichen Willen, dies zu erreichen. Wenn ich Dir dies heute schreibe, so tue ich es, weil ich überrascht war, von dem, was ich gehört habe, und möchte Dich nur bitten, doch auch über diese Dinge öffentlich zu berichten, denn dies wäre gewiß eine Unterstützung für die Blau-Weiß-Siedlung, und Werkstätten werden viele Gesinnungsgenossen mit Begeisterung zur Verfügung stellen, wenn sie bloß die Berichte über diese Vorbereitungen gehört haben tverden. Mit Schalom Dein alter Israel. War erwart« ich vom Leben? Wir beginnen mit der Veröffentlichung der e.inqelan'gten Arbeiten des Preisausschreibens 2. Ich erwarte vom Leben die Erfüllung meines innigsten Wunsches, nämlich das hebräische Pädagogium zu besuchen und Lehrerin zu werden. Tann habe ich mein Lebens-! ziel erreicht, das hohe, große Ziel, das mir schon in Iber Volksschule vorgeschwebt und mein ganzes Denken nnd Sinnen in Anspruch genommen hat. Vorläufig werde ich noch öfters große finanzielle Hindernisse überwinden müssen; denn ich bin arm, sogar sehr arm. Aber das macht nichts.' Wenn man nur ein bißchen Mut hat, den Kampf mit dem harten Schicksal aufzunehmen, wenn man die Felsen und Riffe im Menschendasein nicht scheut, dann, dann kommt: man auch endlich ans Ziel. Welch unbeschreibliches Glück, wenn man seine Mühe und rastlose Arbeit vom Erfolge gekrönt sieht, wenn das Ideal zur Wirklichkeit geworden ist! In einsamen Stunden, da ist es mir oft zu Mute, als ob die geheimnisvolle Ungewißheit weiche und mein Zukunftsbild sichtbar werde: Eine Kolonie in Erez Israel. Steile, dicht bewaldete Felsen und am Fuße derselben, wie hingehaucht, einige kleine Häuschen, neugierig aus dem zarten Grün der Bäume hervorlugend. Und in der Schule dieser Ortschaft, da waltet eine junge Lehrerin ihres Amtes. Die Kleinen hängen, mit großer Liebe an ihr und freuen sich immer auf die Schulstunden. Sie aber ist glücklich in der Ausübung ihrer Pflicht, sie weiß, welche Verantwortung auf ihr ruht, und sucht die ihr anvertrauten Kinder zu guten Juden zu erziehen, zu Juden, die nur das Wohl ihres Volkes wollen. Ihr Leben fließt still und zufrieden dahin, und wenn sie einst vor dem höchsten Richterstnhl steht, kann sie miß ruhigem Gewissen sagen: „Ja, ich habe mein Leben gut auszunützen gewußt!" Und um dieses Zukunftsbild zu verwirklichen, werde ich alle meine Kraft zusammennehmen, und kein Hindernis scheuen, mag auch der Weg dahin noch, so «stell und dorn«»- voll sei«. Nmi Mifowm W , , Midrasch. Dies ist die Entstehung des Himmels urch der Erde, da diese geschaffen wurden am Tage, da Haschom (der ewige) Elohim (Gott) fertigte Himmel und Erde. (Genesis: 2, 4.) Haschein (das Teiragramm) ist die göttliche Eigenschckst nnd das Prinzip der Gnade (Barmherzigkeit). Midath Harachamim; Eiohim ist die göttliche Eigenschaft und das Prinzip der Gerechtigkeit: Midath Hadin. M i d r a s ch R a b a: . . . Ein Gleichnis: Ein König hack wertvolle leere Gefäße: da sagte er sich, fülle ich dieselben mit heißen Getränken, so würden sie zerspringen, mit kalten würden sie brüchig: was tat der König? Er mengte kalte und warme, füllte die Gesäße damit und sie blieben erhalten. So auch der Ewige: Wenn ich die Welt vermittels der Barmherzigkeit (Midath Harachamim) erschaffe, so würden die Vergehen groß, wenn aber vermittels der Eigenschaft des strikten Rechts (Midath Hadin), so kann die Welt nicht bestehen bleiben; ich erschaffe sie daher mit der Eigenschaft der Barmherzigkeit und der der (Vrechtigkeit; und sie möge bestehen. ' * Fern sei cs von dir, solches zu tun; zu töten den Gerechten mit deni Frevler, daß der Gerechte sei wie der Frevler. Fern sei es von dir. Der Richter der ganzen Erde sollte nicht üben Gerechtigkeit? (Genesis 18, 25.) Midrasch Raba: Rabbi Levi sagte: Der Richter der ganzen Erde übe keine Gerechtigkeit! Denn, wenn du willst, daß die Welt bestehe, so kann es keine strikte Gerechtigkeit geben; wenn du aber striktes Recht willst, so kann die Welt nicht weiter existieren. Warum saßt du den Strick an beiden Enden: Du willst Gerechtigkeit und die Welt. Begnüge dich mit einem. Und wenn du nicht von der Eigenschaft der Gerechtigkeit (Midath Hadin) abweichst, ist die Welt verurteilt, unterzugehen . . . Salo P—n. Mbich. Von Josef Wertheimer. Ein Wörtchen geht von Mund zu Munde, Sein Ursprung ist uns unbekannt; Doch Zeugnis gibt'8 vom Bruderbunds, Der mild dem Leid sich zugewandt. Wo sich ein menschlich Weh verschließet, Die Pilgerfahrt wird schwer und schwül. Da» Wörtchen von den Lippen fließet Und „Näbich" sagt da» Mitgefühl. Me Fmchen, die der Gram gezogen Füllt aus das Wort mit seiner Saat, Und rasch, so wie der Pfeil vom Bogea, Folgt ihm die hilfteich fromme Tat. Tritt uns da» Alter morsch entgegen. Ein früh gebeugter Jugendmnt. Wir sprechen ihm de» Wörtchen» Segen, Wer Mitleid braucht, ob Christ, ob Zud'! So nennt es immerhin verdorben, In Sprach' und Brauch mag'S also sein; Doch hat'» bas Bürgerrecht erworben, Denn au» dem Herzen stammt eS rem. Ein Sckibolet für da» Erbarmen, Pflanzt sich'» in Israel fort und fort — O haltet fest an diesem warmen. An diesem milden, guten Wort! Und wenn verronnen einst die Stunden, Wo ihr dem Mitleid selbst geweiht, Unch euch geheilt die Seelenwnnden Die weisere, die dess're Zeit; O laßt da» Wörtchen nicht verhallen, Und nicht verweh'n de» Mitleids Hauch; Wo Herzen weinen, laßt e» schalle«, Wo Geister dulden, tön' e» auch. Bo« der Schönheit. ... Und wenn ich Ihnen raten darf, so werden Sie meh^ Vorteil finden, zu suchen, wo Schönheit sein möchte, als ängstlich zu ftagen, was sie ist. Ein« für allemal bleibt sie uner< Härlich. Sie erscheint uns wie im Traum, wenn wir die Werke dev großen Dichter und Maler, kurz aller empfinden, den Künstler betrachten, es ist ein . schwimmendes, glänzende» Schattenbild, dessen Umriß keine Definition erhascht. Einige haben versucht, die Schönheit wie einen Schmetterling zu fangen und mit Stecknadeln für den neugierigen Betrachter festzustecken; es ist ihnen gelungen; doch ist es nicht anders damit, wie mit dem Schmetterlingfang. Das arme Tier zittert im Netz, streift sich die schönsten Farben ab, und wenn man es ja unversehrt erwischt, so liegt es doch endlich steif und leblos da. Der Leichnam ist nicht das ganze Tier, es gehört noch etwas mit dazu, noch ein Hauptstück, und be; der Gelegenheit, wie bei jeder anderen, ein sehr notwendiges Hauptstück: das Leben, der Geist, der alles schön macht. Genießen Sie Ihre Jugend und freuen Sie sich, Eck terlinge um Blumen fliegen zu s-eheu. Es gehe Ihnen Herz und die Augen dabei über. Und lassen Sie nup die fi feindliche Erfahrungssucht, die Sommervögel tötet und men cn'^'emckr-, alten ober kalten Leuten. Goethe. (14. Juli 1' Briefkasten. (■>, Leider nicht geeignet 19

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