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Wiener Morgenzeitung · 1923-10-28 · Heft 1690 (28.10.1923) · p. Seite 9

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1690 (28.10.1923)
Date
1923-10-28
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 1690 Men, Sonntag Wiener MorgenMturrg. - 28. mUt 1923 Sette 9 Bühne und Kunst. Max Modrs „Improvisationen im Juni". (Erstausführung im Bürgtheater am 27. Oktober.) Ms man aus der Generalprobe auf die Helle, herbstlich sonnige Ringstraße trat, war alles doppelt schön. Ein Neider Dramatiker hat uns froh gemacht. Er ist nicht .cur, wie das bei begabten Zeitgenossen Regel ist, unerhört ge-. wandt, gewitzigt, hat es nicht nur nmchört weg, wie.Svenen zu bauen, Dialoge All führen, Worte und Ereignisse All unterstreichen sind: Er hat auch eilt Herz, ein starkes, junges Herz. Er bejaht die zertrümmerte Welt und er logt Hand an, sie Vru «nfznbauen. - . Man stellt den ucifcu Dichter Mtax üliohr vor, wenn man den Helden dieses Stückes sprechen läßt, diesen jungest, neuen Europäer, der das Zeug in sich fühlt, Leides zu überwinden: Die seelellvernichtende Macht des goldenen Kalbes und den trostlose,! Nihilismus der Nachkriegslueuschen Europas. Er sagt: „Ich sehe, wie der Niagara niederstürzt und Lawinen über Schluchten brausen. Ist die Welt tot? Ich sehe, wie ein verhungertes Kind vor einem Droschkengaul steht, der vor einer Schenke wartet, lind das Kind betrachtet den Droschkengaul. lind der Droschkenganl betrachtet das Kind, llud zwischen den beiden stummen Augen tanzt verbindend und freudig der Aether der Ewigkeit. Ist die Welt tot?" Mit diesem Zitat und mit der Andeutung jener, gegen die es gerichtet ist, haben wir auch scholt den Inhalt dieser bunten, scharfkantigen, tvitzigcn und was in diesem Falle das Wesentliche ist, herrlich romantischen Komödie erzählt. lieber die Welt des Dollars und seiner gefügigen Sklaven siegt der junge Europäer, der das ganze Chaos seiner Zeit in sich trägt, ohne sich davon Niederdrücken zu lassen. Und er tut mehr. Er erlöst den kranken, todesmüden Epigonen der Busineß-Welt. In einer herrlichen Szene, erfüllt vom Jubel gnkunftsfwher Jugend, wird dies berisinnbildlicht. Der Held, der junge Europäer, läßt im Hess des Herrensitzes, auf welchem das Stück spielt, zur Feier des neuen Bundes, den er mit zwei jungen Menschen aus jener anderen berstenden Welt des Dollars schloß, die in Käfigen gefangenen Adler, Bussarde und Falken los. Hell rauscht der Zug der Vögel über den Baumwjpftln, und -drei frohe, junge Menschen grüßen die Befreiten. ,Muropa ist tot! Es lebe der Europäer!" steht als Motto in der Buchausgabe. * Das Buvgtheator blieb dem neuen Dichter nichts schuldig. Mehr ott das: Auguste 'Wilbrandt-Maudi us, die verehrungswüvdige Greisin, spielt mit, und was sie uns an diesem Abend gibt, ist über alle Maßen herrlich. Ihr gehört, der ganze erst« Mt, und trotz der ausgezeichneten Vorstellung, trotz dieser bunten, geistvollen, an Shaw geschulten und mit einem tüchtigen Schuß Stevrcheim gemengten Dialoge, trotz der köstlichen Frische und des poetischen Schwunges der späteren Akte, in denen man Frau Wilbrandt nicht mehr sieht und hört, bleibt der Eindruck, den ihr Walten auf der Szene ymterließ, bis zum letzten Fallen des Vorhanges haften. Und darüber hinaus Miß sich der Dichter mit dieser Frau in die Ehren des Abends teilen. Es soll sein Stolz sein! Frau Wilbvandt gibt eine greife Fürstin, die den Tod ihres Gatten lricht überleben kann und will und mit heiterstem Gleichmut ihren freiwilligen Tod vorbereitet. ,Mr Fürst ist bereits ganz eingefallen und verändert. Was soll er sich denken von mir? Ist er irgendwo glücklich, so muß ich dabei sein. Ist er irgendwo unglücklich, so muß ich erst recht dabei fein. Und ist er ganz verschwunden, so muß ich auch verschwinden." Man mutz diese schönen, in ihrer Einfachheit tiefen Worte ans -dem Munde der Frau Mlbvandt hören. Und man muß zugegen sein, wenn sie mit dem jugeMichen Helden des Stückes Zwiesprache hält. Ihre Ueberlegenheit, ihr gütiges Begreifen, die strahlende Freude in ihren Augen, daß sie in der letzten Lebensstunde noch diesem Jüngling begegnen ^durfte-- es ist -das Erlebnis dieser Premiere. Prachtvoll frisch, echt bis in die Fingerspitzen, sichtlich beteiligt an der edlen Gestalt, die er zu formen hat, Herr Hennings, der neue Mann des BurgHeaters, bestimmt ein aroßer Gewinn für das vielgeprüfte Ensemble. * Der Titel des Stückes: „Improvisationen im Qmm" ist ein wenig affektiert. Er erklärt sich aus der Rolle eines Stegreifdichters, der durch seine Improvisationen den bedrückten Sohn eines Dollarkönigs erheitern soll. Herr Dannegger hatte seinen bisunn besten Abend. Er stattet den stechen, käuflichen Komödianten mit hllndert ergötzlichen Charakter- Zügen aus und weiß die Monologe, fein Theater auf dem Theater mit Bravour zu bringen. (In einer Szene setzt er zuut Ergötzen der Wissenden einen Hermann Bahr-Kopf und versieht ihn überdies mit jenem Stirnauswuchs, denn die Moses-Statue Michael Angelos trägt.) Voll Verdienst der jüngere Herr Reimers und Frau Mayen. Den Dollarkönig — eine Rolle, in der er sich schon wiederholt, namentlich in Claudels ,-Tausch", bewährte — spielt Herr Heine außerordentlich. Sonst alle Mitwirkenden durchaus aut Platz, wie denn überhaupt dieser Gurgtheatevabend wirklich glanzvoll ist. Das Publikum nahm die Premiere sehr beifällig auf. Für den Autor dankte der diensttuende Regisseur des Abends, Herr Dovrient. * „Auf der Welt sind die Geräusch,: tausendweise, und'nur 'ne Melodie" — sagt ein junges Mädchen in dieser Komödie. To ist das Stück selbst. Viele, viele Geräusche. Aber auch eine Melodie, und eine kraftvoll«, frohe dazu. Wir arüßen den muten Dichter. Otto A b e. l e 8. «ST 1 &e$&m & v ÄS» Tf zu den Jchuhen . pwm&fockea. $ SWintertoffhandtchuhe Engros bestes Fabrikat Export ADOLF TARIER,ii,l , 8 RerserM^ Tevviche Größte Auswahl ^Direkter Import aus Sorten feinster Persien / Eigene Teppiche 7" Erzeugung ben Geschäftsleuten, die an solcher Schaustellung toerbietteu Ersatz leistet, damit sich die Darsteller nicht prostituievei müssen? Die Regie führt Herr Romberg, der jüngst nock am Bürgtheater war. Jetzt fetzt er die ^diversen Bühnenbilder in denen ohne Kunst, a'ber dafür auch ohne Anmut einiß# Perversitäten gezeigt werden, mit Eifer in Szene. Elf« Schilling hat rasende Brunst zu mimen und He« Werne r-Kahle wird mit einer Lustpelitsche traktiert. Aucj sonst gibt es angenehme Rollen in dieser wundervolle» Premiere. O. A. Theater an der Wie«. („Eine Nacht in Venedig" von Johann Strauß.) Dem Theater an der Wien ist ein dankenswertes Untev nehmen prächtig geglückt: es hat Johann Straußens reizend, „Nacht in Venedig" von berujfener Hand leisen Retuschen unterziehen lassen und die würdige und reiche Inszenierung sowie die glanzvolle Darstellung brachten einen wirklich festlichen Abend zustande. Es herrschte Premierenstimmung, es gab stürmische Beifallskundgebungen, Blumen, gewmde und alles, was sonst dazu gehört. Der sprühenden Musik Meister Strauß' merkt man ihre vierzig Jahre nicht an und ihre Frische ist völlig unvermindert; zu wünschen wäre nur, daß. die alten „klassischen" Operetten sich wieder dauernd dem Spielplan einfügen, der von den fragwürdigen Erzeugnissen des modernen Operettenmarktes völlig beherrscht wird. Die „Nacht in Venedig" erschien in neuer Bearbeitung von Erich Wolfgang Korngold. Man weiß, daß der ^hochbegabte Musikdramatiker eine besondere Vorliebe für das heitere Genre hat und er bewies dies durch die Bearbeitung, die 'bei allem Respekt vor Johann Strauß den zeitgemäßen Bedürfnissen Rechnung trägt. Am Dirigentenpult waltete er mit dem schönen Schwung, der Jugend und der Routine des kundigen Dirigenten. Die Darstellung war ganz ausgezeichnet: Kammersänger Tauber fang den Herzog mit gewohnter Noblesse und bot auch schauspielerisch eine schöne Leistung. In den Erfolg des Abends teilten sich Herr Marifch ka, ein trefflicher Carcmello, der gesanglich auch höhere Anforderungen befriedigte, die entzückende Betty Fischer, die Äug' und Ohr in gleicher Weise befriedigte, der humorvolle Herr Jmhofs und das kleine Fräulein Künl als Vertreterin drolliger Komik. Auch alle übrigen Mtwirkenden trugen zun, schönen Gelingen bei. Vortragsabend z. Segaiowirz. Dis Schöpfungen des Dichters Segalowicz zeichnen sich A. Novzari. 1. Be;.. 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Einmal ist sie bis zur Unmöglichkeit raffiniert — unangezogen. püberdies ist ihr vorgeschrieben, das nackte Bein immer wieder hmzuftrecken, damit sich Irgendein Mund daran hefte. Sie langt nicht dazu, die Reine, Vornehme — und sie 'muß es doch tun. überden Großstadtinob, dem diese wirklich hündsiniferable Mache (eine Dranlatisierung des gleichnautigell Roman>es von Ewers) die Kime MM kgM Findet M lein -M, durch einen unverkennbar publizistisch-agitatorischen Einschlag aus, und so ist es nicht verwunderlich, daß die Bilder, Skizzen und Gedichte verschiedenartigster Art, die ihr Berfasfev gestern' vortrng, ein still lauschendes Publikum fanden. Cs sind durchwegs Schilderungen kleinlicher, alltäglicher Begebenheiten aus dem „Städtl", sein pointierte Charakterzeichnungen, die an Genauigkeit und Präzision zu ersetzen versuchen, was sie an Tiefe und Weit« entbehren. Am wirksamsten scheint Segalowicz dort zu. sein, wo eine leis« Romantik eines vom Judentum LoSgerissenen nächzittert und in einem sich stets wiederholenden Refrain schon rein äußerlich Trauer und Schmerz offenbart. Ergötzlich waren die bveitausholenden Bilder aus dem rusiischen Militärdienst, die mit plastischer Eindringlichkeit das kaum verhallte Martyrium des russischen Judentums vor Augen führten. Was wir aus. den Schriften Segalowicz' ahnten, die nun das zwanzigste Jahr in die jüdische Welt flattern, das bestätigte der Dichter als Vorleser: keine das gewöhnliche Maß überragende Individualität, jedoch ein Talent, das sich seiner beschränkten Mittel bewußt ist und deswegen um so sympathischer wirckt. Das zahlreich erfchienone Publikum feierte lebhaft in dem Dichter den noch schlankhaft jugendlichen Jubilar mit der ernst dreinblickenden Cäsarenmiem. s. AuMen Schloß Plonkenwarth. Die großen Wiener Kunstauktionen finden alljährlich im -November oder zu Beginn des Frühlings statt. Die erste der« 'artige bedeutende Veranstaltung der heurigen Saison ist die im Auktionshause Schidlof am 5. November beginnende 'Versteigerung der Kunstwerke und des Mobiliars aus Schloß Plankenwarth. Diese feudale Ritterburg,. welche schon im 13. Jahrhundert die Zugangsstraßen nach Graz beherrschte, enthielt im Laufe der Jahrhunderte wiederholt bedeutende Kunstsammlungen. Infolge des Ablebens des letzten Besitzers wird nunmehr der Hammer des Auktionators in wenigen Tagen die große Zahl der Kunstwerke zerstreuen, welche die weitläufigen Räume des Schlosses zierten. Man findet Kunstmöbel aller Art von . der Gotik angefangen bis zur Biedermeierzeit; alte Bilder, unter welchen ein dreiteiliger Flügelaltar auS der Zeit um 1630 das bedeutendste Stück sein dürfte. Unter den zahlreichen Skulpturen zeichnet sich eine fast le>bensgroße heilige Katharina durch künstlerische Qualität besonders aus. Auch einige gute Lusterweibchen dürften von Kennern heiß umstritten werden. Neben, diesen Werken der bildenden Kunst sind zahlreiche Waffen, Dekorationsgegenstände aller Arten und Epochen, Jagdtrophäen. Spiegel. Luster. Teppiche, kurz alles Erdenkliche vorhanden, was zu einer geschmackvollen und vornehmen Einrichtung gchört. Zugleich mit den Gegenständen aus Schloß Plarlkenwarth wird eine Sammlung aus Privatbesitz versteigert, welche gute Gemälde und Miniaturen sowie kunstgewerbliche Arbeiten des 15. bis 19. Jahrhunderts unifaßt. Die Gemälde weisen vorwiegend erste Namen-der Alt-Wiener und deutschen Schule auf. Unter den Miniaturen sind gleichfalls einige Meisterwerke. Die Namen Daffinger, Anreiter, Peter, Theer sind jedem Wiener Sammler so geläufig, daß es unnötig erscheint, auf nähere Details einzugehen. Den Schluß bildet eine Sammlung der heute schon so seltenen Hyalit- und Lithyalingläser, unter welchen sich -Qualitäten befinden, die selbst in der kürzlich im Museuin für Kunst und Industrie veranstalteten Glasausstellung nicht dertreten lvaren, sowie mne Anzahl von Alt-Wiener Tassen, di« Mößtenteilä ans der Sorgenchal Periode stammen. ' 'Mü 842 4990549291

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