Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1690 (28.10.1923)
- Date
- 1923-10-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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toter am Vschtche^iewaKH t tschech. K1.- Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon.- 90 Lei, Bulgarien,Mon. 75; Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Fres. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43^3-19, ab6Uhrabds.l9-483,25-282 Tel- Adr.:„Morgenzeitung“ Wien Oesterreichisches Postspar* lcassen- Konto Nr. 150.693 Wien. Sonntag. S8. Mober 1923 8. Zahrgang Bisher 170 Familien verttieben. — BermSgensbeschlagnahme und Fnterder gesamten bahrischen FAdenschast k Originalbericht der „Wiener Morgenzeit ung". ElnzeInmumerE100l¥ Wien: Zum Abholen in der Expedition, II.,Taborstr. 1-3, oder in einer Verschleisstellc. (Trafik) monatl. K 28.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt,I. Bez., Wollzeile 11. Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Ts c h e c h o-S,l owa k e i: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. ost.K 22.000. Deutschi.: Mon. ost.K 28000. F r a n k r., Belgien: Monatl. Frcs. 8 (QOr* Nachzahlungen'VS bei Preiserhohunyon Vorbehalten —y. Wien, 28. Oktober. 9lr. 1690 im „Die Franzosen gehen mit Ausweisungen aus dem Ruhrgebiet vor! Familien, die seit Jahrzehnten dort leben, müssen den Wanderstab ergreifen! Ihr .Hausgerät wird beschlagnahmt!" Wie lange ist es her, seil alle deutschen Blätter diese Entrüstungsruse ausstießen? Jeder güldentschc Verein überfloß von Teilnahme für diese armen, unschuldigen Opfer der Politik, Kundgebungen, sogar Theaterstücke und Gedichte gab's in Menge. Nur die gallische Ueberhebung, so deklamierte man, bringt es fertig, sich an Unschuldigen zu vergreifen, ihnen die Heimat zu rauben und sie in das Elend der Fremde und des Mitleids zu jagen. Nun hat in Bayern Herr Kahr seine Diktaturmaschine in Gang gesetzt. Da Berlin marxistisch regiert, so ist der Antimarxismus seine Devise. Er befolgt sie genau in dem Sinne, der heute mit dem Wort Marxismus verbunden wird. Er weist die Juden aus. Wir veröffentlichen auf dieser Seite unseres Blattes Berichte, die aus vertrauenswürdiger Quelle stammen und in ihrer unsentimentalen Sachlichkeit eher zum Herzen sprechen als die poetischeste Darstellung es vermöchte. Diese Berichte geben nur den Beginn dieser „Münchner Geserah" wieder, sie lassen die Größe des noch kommenden Unglücks aber schon ahnen. 170 Ausweisungsbefehle sind bereits erflossen, die noch nicht Vertriebenen erwarten den Ukas, befürchten die allgemeine Vermögensbeschlagnahme oder die Zwangsinternierung. Die Differenzierung zwischen Ost- und. Westjudentum ist bereits aufgegeben. Es geht genau Jo wie in Ungarn. Die bayrische.'Diktatur ist nicht imstande, gewesen, die Verwaltung zu reformieren. Dje allgemeine deutsche Not konnte von München nicht abgewehrt werden. Drei Wochen regiert dieser Kahr und es gibt in München, der Hauptstadt eines Agrarlandes, kein Brot, keine Lebensmittel. Hungerunruhen sind auch dort tägliche Erscheinung, Bäckerläden sind geplündert worden. Ist das das Glück des Antimarxismus, der von Hitler und Kahr und Ludendorff verheißene neue Segen? In den offiziellen Berichten aus München kommen diese Unruhen nicht vor. Da wird stets von Bayern und vom Reich, von den Reichswehrbefehlen des Generals Lossow gesprochen und es wird vorgetäuscht, daß das ganze Volk keine anderen Sorgen hätte als den politischen Hochverrat der bayrischen Treuhänder. In Wirklichkeit liegen die Dinge aber weit gefährlicher, und da die berechtigte Angst vor einer wuchtigen Empörung der betrogenen verhungernden Massen besteht, so fiihrt der General'staalskommissär, weil er nichts anderes trifft, die Befehle des Hitler wenigstens auf dem jüdischen Ge-, biet aus. Im Morgengrauen erscheinen seine Schergen in den jüdischen Häusern, suchen nach Devisen, beschlagnahmen diese und die Wohnungen und weisen aus. Das geschieht von einem Staat, der über die Not der Ausländsdeutschen bittere Klagen führt und zu deren Verbreitung Propagandastellen eingerichtet hat, der über Vergewaltigung durch die Entente sich beschwert, ja diese Vergewaltigung zur Grundlage seiner ganzen Politik gemacht hat. Das geschieht von den Organen eines Volkes, das in Zorn gerät, wenn es von Franzosen Boche genannt wird und wenn ihm die Erzählungen von den Greueln in Belgien zu Gesicht kommen, das. geschieht von einem System, das mit der Arroganz des großen Verbesserers austritt und bisher nichts als seine blanke Ideenlosigkeit beweisen konnte. Wenn man nicht mehr weiter kann, so geht man auf die Inden los. Staat und Volk gewinnen nichts dabei, aber den Massen wird vorgeschwindelt, daß man in ihrem Interesse handelt. So ist das Rezept in Horthy- Ungarn gebraut worden, so ist es jetzt in Bayern. Im Leben des jüdischen. Volkes aber tut sich ein neues Elendszentrum auf -und wieder liegt ein traurig-aktueller Beweis für die Judenschaft aller Länder vor, wie notwendig es ist, zum innerer! Zusammenschluß zu kommen und sich politisch zu organisieren. Für uns in Oesterreich, den nächsten Nachbarn unserer bayrischen Brüder, besteht diese Pflicht doppelt Und dreifach, denn auch hier regt. sich dieser bayrische Geist, der zwischen München und Budapest seine Fäden spinnt und für den das Judentum das erste Ziel seiner lichtscheuen Pläne ist, die auf die politische Restauration hinauslauftn und die durch antijüdische Maßregeln den Massen schmackhaft gemacht werden. Wir müssen eine jüdische Gemeinschaft schaffen. Vor allem aber nmß für das bayrische Judentum, dem der weiße Schrecken den Mund verschlossen hat, rasch gehandelt werden« Das so lange drohende Unglück ist in einer solchen Ausdehnung über die hiesige Judenschaft gekommen, daß ihre Stimmung unbeschreiblich geworden ist. Das Kahrsche System hat unmittelbar nach seinem Beginn mit den Jndenausweisungen begonnen. Den Vorwand bieten Hausdurchsuchungen, die gewöhnlich in den ersten Morgenstunden in der Zeit von 4 Uhr früh bis 6 Uhr früh stattfinden, und bei denen nach ausländischen Devisen gefahndet wird. Dies trifft in der Hauptsache Kaufleute und Jndustrieunternehmer, die aus geschäftlichen Gründen Devisen halten müssen. Die Devisen werden beschlagnahmt; wenn sich keine vorfinden, so werden Sachwerte, wie zum Beispiel Teppiche als verfallen erklärt und die Wohnungsinhaber erhalten den Auftrag binnen zehn Tagen das Land zu verlassen, widrigenfalls sie abgeschoben werden. Berufung ist zulässig, jedoch ohne aufschiebende Wirkung. Die Maßregel wird..einfach mit „Bereicherung^ begründet. Ktt ganzen find. bis 'züm.Heutigen Tage 170 solche Ausweisungen SUMM MWH von denen ein großer Teil schon am Dienstag den tz0. Oktober fällig wird. Es sind aber nicht, wie absichtlich verbreitet wird, aus dem Osten zugewanderte Juden betroffen, sondern auch Juden aus Preußen, aus anderen deutschen Staaten und aus Oesterreich, darunter Leute, die seil 60 Jahren in Bayern leben und vielfach sehr angesehene Stellungen bekleiden. Den Ansgewiesenen wird gleichzeitig die. Wohnung genommen und es ist durch eine eigene Verordnung der Wohnungstausch mit Inden verboten worden. Es ist auch zu bemerken, daß keiner der Ausgewiesenen, denen ja ihr Barverwogen abgenommen wird (unter der Erklärung, daß es als Sicherstellung für eventuelle Steuerrückstände zurückgehalten werden müsse), die Mittel für eine Uebersiedlung mit Hab und Gut besitzt. Es ist kaum zu beschreiben, welche Panik unter der gesamten Judenschaft herrscht. Es kommt vor, daß eingesessene bayrische Juden, die Ausgewiesenen beglückwünschen, daß sie aus diesen Zuständen herauskommen. Wo sich Juden auf der Straße zeigen, werden sie von der Hitler-Jugend angefallen, beleidigt, mißhandelt, ohne daß irgend etwas zu ihrem Schutz geschieht. Es herrscht der Eindruck, daß eine allgemeine Konfiskation des Vermögens der Juden geplant wird, und in den antisemitischen Kreisen wird die Forderung verbreitet, die gesamte jüdische Einwohnerschaft des Landes irgendwo in Oberbayern zwangsweise zu internieren. Die antisemitische Verhetzung hat die breiten Massen in solchem Grade ergriffen, daß jüdischen Hausfrauen vielfach der Verkauf von Brot und Lebensmitteln verweigert wird. Es ist aber auch Pflicht, zu erwähnen, daß viele Nichtjuden sich der Ausgewiesenen, angenommen und sich für sie verwendet haben. Daß dies in allen Fällen erfolglos geschah, ist nicht ihre Schuld. * . Die Diktatur des wittolsbachischon Reaktionärs Si ahr und der mit ihm verbündeten Haken kro uzler in München hat nach „bewährtem" Muster mit der „Säuberung" Münchens begonnen. Man ist nicht umsonst, mit. dem weißen Budapest seit Jahr und Tag verbrüdert und das weiße München will 'durch die Tat beweisen, daß es in Budapest in die Schule gegangen ist. Das. Kahr-Rogiine hat in der letzten Zeit. mit Jud e n answe i snngen begonnen, deren Brutalität jeden Vergleich mit Bu'dapest aushält. Während die offiziöse bayrische Preßagentnr den Anschein Hervorrufen möchte, als haMe .es sich lediglich uni dies Ans- Weisung von „lästigen Ausländern", muß daran festgehalten wenden, daß man es hier mit einer an tisemitis chcn Maßnahme zu tun har, welcher produktiv länge Inden der verschiedensten sozialen Schichten zum Opfer falten, denen sich nichts anderes nachsagen läßt, als daß fie Juden find. München, 27. Oktober. Gestern ist eine größere Gruppe ausgewiesener Juden samt ihren Kindern aus München in Wien, angelangt,, durchs Wegs Kauftcnte oder Angestellte, welche die Ausweisung nach jahrelangem Aufenthalt in München ereilte, ohne daß sie irgendeines Vergehens gegen die Gesetze oder die öffentliche Ordnung bezichtigt ' werden könnten. ' Ter Firmenvertreter I. W., der gestern morgens aut München in Wien einlangte, teilte uns auf unser Befragen folgendes mit: Ich bin in Wien geboreu,' nach Oesterreich zuständig, und wohne seit 1899 in' München. Mein Aufenthalt wurde nur durch meine Kriegsdienstzeit im Felde unterbrochen. Vor etlichen Tagen wurde in meiner Wohnung eine Hausdurchsuchung vorgenommen, wobei die Amtsorgane einen Gummiknüttel in meiner Wohnung fanden und beschlagnahmten, ein in München nicht gerade ungewöhnliches Requisit, das ich mir aus Gründen des p e r s ö ul i ch e n Schutzes anschaffte, als die Situation für Juden immer beängstigender wurde. Die Amtsorgane fragten mich nach meiner pol.it i schen G e s in nun g und -interessierten sich dafür, ... ■ v.; , ■ -7 ' -welche Zeitungen ich lese.' : '■ Bald darauf erhielt ich die Ausweisung, die auch meine $v:.u. Mutter eines acht Wochen alten Kindes, eine geborene Münchner i n, betraf. Die Ausgewiesenen müssen Bayern auf eigene Kosten verlassen, ihre Wohnungen werden beschlagnahmt. Eine Intervention beim Diktator Kahr, welche die zionistische Ortsgruppe unternahm, um eine Rücknahme dieser Verfügungen zu veranlassen, blieb ohne Erfolg. In den letzten Tagen sind allein von meinen Bekannten etwa vierzig jüdische Familien ansgewiesen worden, darunter Juden aus Preußen und Inhaber großer Geschäfte. Einem Zigarettensabrikanten wurde die Mitnahme seiner Maschinen, nach Berlin verwehrt, einem von der Ausweisung betroffenen Peklzhändler Wurden sämtliche kostbaren Pelze beschlagnahmt. Die Hakenkr-euzler tragen ein immer drohenderes Gehaben zur Schau, sie sind militärisch eingekleidet und scheinen sich zum Losschlagen zu rüsten. Die Juden wer» den mit ständigen Drohungen von diesem lichtscheuen Gesindel! verfolgt. Ihr Refrain lautet: Die ausländischen Inden müssen hinaus, dann werden wir mit den heimischen fertig werden! Kennzeichnend für die Situation ist, daß den jüdischen Kauffenten und jüdischen Wbhnungsin'habern in geschlossenem Kuvert Karten zugestellt werden, welche völlig den Fahrkarten der bayrischen Eisenbahnen gleichen und den folgenden Text tragen: „Frerfahrkarte nach Jerusalem, gültig ab jeder deutschen Station, ' nicht übertragbar, hin und nicht wieder zurück." - > ...Die antisemitische Brutalität - der bayrischen Reaktion fällt — was besonders, angemerkt werden muß — in einen Zeitpunkt, da man in. Deutschland über die Ausweisung von Deutschen in Polen besondere Entrüstung zur ■ Schau trägt.. Sitte RegiemngMse in Holland. Das Flottengesetz. Haag, 27. Oktober. (Tel. der „Wr. Morgenzeitinng".) Die Kammer hat dem Gesetzentwurf über die Verstärkung - der' Kr-iegWo,tte für Niederländisch-Jndien mit 50 gegen 49 -Stimmen abgel e h n t, Weshalb die Regierung Rnyl - de -Beerenbrook ihre Demission smgeveicht hak. Wie Ihr Korrespondent erfährt, handelt es sich wohl nur um eine f.o x ln c CI e' De nt is'sron der gegenwärtigen - Regierung und'in der holländischen Politik dürfte eine wesentliche Aenderung nicht zm erwarten sein. .Das Flottengesctz bezweckte eine starke Vermehrung, der Flotte in den Kolonien in Niederländisch-Jndien, um gegen einen eventuellen Angriff Japans geschützt zn sein. Das Gesetz war eine Schöpfung des bekaunten klerikalen Politikers E o l e y », der zu seiner Durchführung auch an die Spitze, des Finanzministeriums trat. Die durch die Katastrophe ht Japan hervorgexusenen Aenderungen rn j der Machtpolitik auf dem Stillen Ozean haben rnHwischm