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Wiener Morgenzeitung · 1923-10-26 · Heft 1688 (26.10.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1688 (26.10.1923)
Date
1923-10-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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MMMNMV7KNWV Wie,»,: Zun» Abholen in der LLpvdlti6n,Il.,1'aborsv.l-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) „monatl. KJ 28.000 Strassenverkauf in Wicn durch die Kolporteure der Firma Goldschmiede I. Bez.t Wollxeileil. Mit Postversand für Wien n. Oeaterr. monatl. K:28.000 Tscheche-Slowakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. P ,61 e n: Mon. Mk. 900.000, Deutsehl.: Mon. ost.K28000.Fr attkr., i Belgien: Monatl. -Frcs. 8 HW- N«eb-salil*s*«ft PreigerKohuns«» Vorbehalten lener Fccnwckto >S(ow|Rvi' tschceh. K 1i- Italien: Monatl. 10 Lire .Rumänien Mon. 90 Lei Bulgarien Mon.75 Lewa Schweiz und das übrig« Ausland monatlich Ffts. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrassei4—3 Telephone: 44-0-38,43t3t1 9. ab 6Uhr abds. 19-483,25-282 Tel- Adr. :„MQrgenzeitunz* Wien Oesterreidnsehes Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Rr. 1688 Wien. Freitaz, 26. Lktober 1928 >. Aahrgang Der österreichische Geist. —y. Wien, 26. Oktober. Da streiten Ehristlichsoziale und Sozialdemokraten mit einander, wer bei den Wahlen gesiegt hat. Zum Schluß weiß keiner nix. besiegt hat der Geist, der über den Wahlen schwebte, der Geist des Hasses und der Niedrigkeit. Wochenlang warfen sie einander ihre Juden vor, malten fratzenhafte Gestalten an die Straßenecken und ließen es an nichts fehlen, um ja nur die Wahlstimmung auf die Juden abzulenken. Nun sind die Wahlen vorbei; die Gesinnung der Gosse hat sich aber noch nicht vöNg abreagieren können. Sie ist gerufen worden und will sich nicht damit begnügen, daß den Wiener Juden am Sonntag ihr politisches Recht auf Vertretung im Nationalrat abgeschwindelt wurde. Sie findet, daß das etwas Negatives ist, etwas, was das Volk nicht ganz kapiert. Man muß ihm ganz dick kommen. Das, was die großen Parteien geleistet haben, ist ja ganz anständig und kann sich sehen lasien. Aber es scheint notwendig; den Mafien das „Juden hinaus!" auch körperlich vorzusühren und die bildhafte Sprache der Plakatkunst in die einfache Ausdrucksweife des Mannes von der Straße umzuwandeln. Und so geschah es. Die Studenten—wo es um Ideales geht, find immer die Studenten da — besetzten wieder einmal einen Hörsaal, und schrien so lange Saujud und Judengesi-ndel, bis der jüdische Lehrer wieder ging. - Der Rektor hat am schwanken Brett seine Mißbilligung ausgesprochen. Das ist immerhin etwas. Bisher. hat man.ganz andere Aussprüche am schwanen Brett gelesen, . Beschlüsse, die dorn . Exzeßstudententmn Ermutigung brächten und ihm dys Recht zuerkannten, zur. Rettung deK-deuffcheu.,BM fö Äüd' zw ftMch und der Ankündigung strenger Strafen-ist hei dem heutigen Stand der Dinge wenig arrzusangen. Der Geist der Plakate ist's, der die Stunderegiert urch so lange es solchen Geist gibt, find alle Maßnahmen vergebens. Wenn die Häkenkreuzkammer gestern noch hörte, daß man die deutsche Jugend und Hochschubkultur und Geistesbildung vor den Auswüchsen des bekanntermaßen volksschädlichen Judentums schützen müsse, wie soll sie heute verstehen,/daß ihre Art des Schutzes unter Strafe gestellt werden soll? Diese akademische Jugend hat ja nichts anderes gelernt, , als daß die jüdischen Studenten ihr den Platz wegnehmen; sie ist von den akademischen Lehrern darauf gedrillt worden, jüdische Lehrer als gefährliche Konkurrenten zu beseitigen. Daß man dem einen Notstand durch Vermehrung der Plätze, dem anderen durch, geistige Anstrengung der nichtjüdischen Professoren beikommen Knute — so weit reicht die Logik nicht. Und sohin ist jede Mißbilligung des Gepfuis nur ein Schlag ins Wasser. Freilich wäre es doch endlich an der Zeit, das Privileg des akademischen Bodenseine versammelte Erbschaft aus dem Mittelalter, auszuheben. Es gibt kein Privileg für Raufen und Prügeln, und so wie in.einem Säuferlvkal die. Polizei -Ruhe schafft, so muß es für jedes Lokal gelten, und sei es selbst die Universität. Das Gesetz mutz siir alle gelten, für den alkoholisierten Bauernjogel so gut wie für den studentischen Nichtstudenten, der sich fernes Mangels an guter Erziehung allzu laut rühmt. Um wieder von den Wahlen zu sprechen. Der Herr Bundeskanzler -hat, wie man vernimmt, die Verhandlungen mit den Großdeutschen wieder begonnen, um sie zum Festhallen an der Koalition zu bewogen. Wohl verstanden, der Herr Kanzler beginnt damit. Ist es möglich, daß die Regierung, die sich nach dem soeben von seinen Wählern glänzend abgelehnten Frank sehnt, diesem Protektor der Umversitätsskandale und Vorkämpfer des arischen Hochgedankens, wehe tun und etwas gegen seine Schützlinge unternähmen wird? Dieser Frank ist ja ein Symbol dieses Staates, er verkörpert ja mit den antisemitischen Idealismus, der bei Juden bettelt, jüdisches Geld an sich zieht und.das Judentum auf offener Straße,, aber nur wenn das Ausland nicht gerade zusieht, amvürgt. Dieses System regiert und der Ausfall der Wahlen hat, wie die Fortdauer der Hochichulschweinerei zeigt, daran nicht das' mindeste geändert. es der Sozialdemokratie ernst darum zu tun Ware, die Hochschule und die Wissenschaft dem Volk zu erobern, dann hätte sie schon längst dazu übergehen müssen, die .Hochschulen den futternevdigen, arisch-beflissenen Wifienschastsschuftern aus den Händen zu nehmen und so wie jede andere Institution dom souveränen Volk zu unte.;-m. Wem sind die Diener und poffirc er denn für das, was sie tun und nicht tun, oeraytu/örtlich? Der Kammer der deutschvölkischen Studentenschaft. Nicht aber dem Gesetz.. der Stresemann. Vor dem Generalstreik. Berlin, - 26. Oktober. (Eigenbericht der „Wiener Morgenzeitung".) Die Art, wie der Generalstaatskommifiär Kahr in Bayern sein als Antimarxssmus bezeichnetes System ausübt, hat in der Pfalz 'bereits zu einer -Gegenaktion Anlaß gegeben. Auf einem Kreistag in L u d wi g sb u r g ist die Proklamievung der Unabhängigkeit versucht worden, und hier ist auch der erste Fall zu verzeichnen, daß die.- französischen Behörden offen in den Auflösüngspvcgeß eingreifen. Es ist anzunchmen, daß diese letzten Auswüchse des Separatismus auf die deutsche Oeffeutlich-! Seit doch soweit wirken werden, daß die Bewegung lokali siert werden kann. Sie hat freilich heute noch weitere. Fortschritte zu verzeichnen. In Aachen ist das Regigrungsgebäude wre-der von Dortens Leuten besetzt worden, in der bekannten. Seidensabriks'stadt Crefel d, die Kaiser Wilhelm seinerzeit durch seine Tauzhuisaren auszeichyete, hcit die Polizei kapitulieren müssen. Üeber Mainz ist der Kriegszustand verhängt worden. Die Judenausweisungen aus München nehnren einen mrmer größeren Umfang an. Der Vorgang geschieht so, daß PölizeK-soder Dehektrvpatrouillen^ ig den Wohünngen ' von ,F)stfremden" erscheinen, die. ausl-Lpdffchsn Noten', oder Wtzx.t>pMeve he schla.gn..g!h,m,e.n; «LyMrts'Wp. HWü Wh TagenaWreisen habeni Der MhülMigstausch - an Jirdem ist un tMägt. -Die Maßregeln treffen aber 'auch Reichsdeutsche jüdische Familien.. Avei Fabrikanten, die seit 40 - Jahren in München wohnen, wurden mit Ausweisung bedroht, jedoch wieder ausgenommen, als sie nvchwiesen, daß sie an der Front gekanepst. haben.' Die Vorgänge im Reich Haiden zu einer Panikartigen Flucht sämtlicher Ausländer geführt. Obzwar ihre Zahl nicht mehr sehr groß ist, wirkt dies doch außerordentlich alarmierend auf die vor Nervosität zitternden Mafien. Der Hunger wächst stündlich, ganze große Gebiet« sind ohne Brot und Mehl, da die Landwirte die Parole Westarps, gegen Papier- Mark nichts zu verkaufen,.-mit Hurrah. befolgen. Die Verschwörung gegen das Reich, die von München aus vorbereitet wurde,' ist schon zie,mlich wett gediehen. In Oberschlesie n, in O.st.p reuße n und 'in Pommern' stehen überall be'waffnete Kräfte, und es scheint, als ob die. Truppenansanemlung. bei.Hof in Sachsen, die zur Bekämpfung der.Hungerkrawalle dorthin gesendet'würbe, nach 'MedigiMihrer. Aufgabe mit den von 'Bayern kommenden Hitler-Trupps .sich vereinigen will. Dann Erde . der Marsch gegen Berlin beginnen. Die so.z i a l i sti s che n G e w e rk s ch a ft e n sehen-heute die Situation schm als-so weit gediehen an, baß sie VenGene ralstreik vorbereiten und der Regierung eine Frist von 48 Stunden zum Ei nsch re ite n gegen. Bayern gestellt, haben. Nach Maus dieses Termins, würden dir Sozialdemokraten aus dex- Regierung .austreten. Darvst Ware der Rücktritt Stresemanns und die Etablierung der Militärdiktaim die nächste Folge.. Es ist nientandem mehr verborgen, daß dies das Ende Deutschlands itt einem Meer von Blut bedenten würde. Nach omer bisher noch unbestätigten Meldung soll dst Ex ka i.serin Zita aus Legueito in. Geiselgasteig Vei München eingetvoffen stim Die Nachricht -ist ziemlich unglaubwürdig, beweist aber, . welche Gerüchte erzählt .und geglaubt werden. Der heutige „Front"-Beuicht. Frankfurt a. R., 25. Oktolber. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Die Lage im Rheinland läßt sich heute abends folgen-dermaßen zu-sanvmenfassen: In Wiesbaden ist ein« Gegenbewegung gegen die Separatisten im Gange. In den Nachmittagsstunden fand dort eine lebhafte Schießerei statt. In Mainz ist das Kreisamt noch in den -Händen der Soüd'evbündler. In Trier hüben die Separatisten die NoliLeidivektion, das Kreisamt und das Rathaus besetzt In B o n n ist das Rathaus heute nach hitzigem Kampfe von der deutschen Polizei zurückgewounen worden. Auch hier gab es viele Verwundete,: -In Dü ren ist ein B es re i u n g s v e r such der Gewerkschaften gestern ^nachts durchfra nz ösische Truppen verhindert worden.- In Trier >ha-ben die S o-n d« rb ü ud l e r einen neuen V o r st o-ß unternommen und eine Anzahl öffentlicher Gebäude scwie die Zeitungsdvucke.veien, besetzt.; In D u i s b u r g -haben die S e p a r a t iste n . eine Niederlage erlitten. Das Rathaus 'gelangte wieder'- in deutsche Hände. ' In Go ed esberg, Boppart, Soden, Garst e n h e i m und A n d e r n a ch ist die Rheinrepublik proklamiert worden. - \ ’ In Koblenz richteten die Separatisten gegen das Rathaus einen Angriff mit F lam m en we rfe r n, nachdem es vorher von 1000 Sonderbündlern'aus den Fenstern der Nachbarhäuser beschossen worden war. Schließlich gelang es ihnen, in das Rathaus einzudringen. . ' In Aa che n drang heute morgens die deuffche Schupo in 'das ' Regierüngsgebäude' em ' und:' v e r'jia gt e die Sonderbündler..- Plötzlich, fchvitt b ie lig if ch e .G e n dar m e r i-e «M. Md Schüpo, die von r^r Waffe kefnen Gebrauch gemachi'hätte. Die Schüpo wurde mä dem' -RegreMntzSgeibLuVe vevtrieben. Es gab 15 S ch w e r v e r w u n d e' t e., die' Z äh I der Toten ist noch nicht sestgestellt. 30. Beamte wurden von -den Belgiern verhaftet und entwaffnet. Ein Belgier wurde durch einen Fehlschuß einest Separatisten getötet. Jnzlvis.chen unterrichtete die Stadtverlvaltung den englischen Konsul in Aachen von den Vorkommnissen und erklärte ihm, -daß -die belgischen Besatzungstruppen die. Ne ntralität gebrochen und offen Partei für die Sepa-va-tisten ergriffen hätten. Die Arbeiterschaft forderte sofortige Wiederbe-lvaff- -wung der Schupo. Der englische Konsul erklärte sich heuert, in d'iese-m Sinne Schritte 'bei. seiner Regierung zu unternehmen. Während in Hamburg heute vollständige Ruhe herrschte, hat die Tätigkeit der Ruhestörer im B r a m f e l d gegen Mittag stark auf gelebt. In dieser wer-- den fortgesetzt Aufrührer f e st g e n o m m e n. In B armb eck herrscht wieder Rühe. Der hier angÄnchtete Schaden ist sehr bedeutend. Es wird lange Zeit dauern, bis die B a r r i k a d e n, Gräben und umgeschlagenen Bäume Ivieder beseitigt sein werden. Der Reichspräsident hat in einem Telegramm an den Hamburger Senat der Schutzpolizei für die Niederschlagung des Aufruhrs Dank und Anerkennung ausgesprochen. : Die T eu eru ng s u nruhen haben heute auch Berlin selbst nicht verschont. Heute morgens sammelten sich etwa 1200 Personen auf den . Feldern zwischen - Ne u- K.ö l n und' R u d o w an, um dort Kartoffeln' zu' graben. Rach kurzer Zeit sielen verschiedene der Kartoffelgraber auch über'einige gesperrte Felder her. 'Die Polizeibeämten, die die Leute zurückwiesen, würden von der Menge bedroht. Gin Beamter, der auf einen nahen Hügel flüchten mußte, gab m der Notwehr zw ei Schnsse ab, durch:die ein dreize h nj ä h r i g e r K n a b e und ein M ä d ch e n s ch w e r v e r w n n d e t w u r d e n. Die Rheinrepublik unter französischem Schutz. Bonn, 25. Oktober.. .(WM.) Heute um 12 Uhl mittags marschierten auf-Befehl -des Generals. -T i r a r d französische Truppen mit Maschinengewehren, z u m R a tha u s und besetzteu es. Die. grü n/ weiß-rote Flagge ist -wieder gehißt und die. Republik, neuerlich.ausge'rufen. — Da Bonn eine halbe Stunde von Köln,entscrnt liegt und mit dieser-Stadt'dinch ein«' Mirffche Bahn verbunden ist, reicht somit die Kboinrepublik.'W. fast -an die große Rheinmet'ropo-lle heran, die unter e ngl ischer Besetzung steht. ' _ Der f.ran zö sisch e Oberkommifiar in Kobl ey.z bat von Paris die Weisung erhalten, überall, wo die sepavatistische Bewegung von Erfolg' begleitet sei, die Herrschaft der SeParät i st en als. gesetz- «räkrs LMiWMmem

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