Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1687 (25.10.1923)
- Date
- 1923-10-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Witüftt NrovKtWeriunZ. 2a. Oktober 19*23' Nr. im Mrisch-Sberschlesten. von unserem nach Beuchen entsandten Speztalberichterstatter. Ee'üc 2 - - - Wien. Donnerstag Regierung die R e i ch s o e r fa sf u u g j]c o r och c lt bahr, und sich in o f s e n e r R e b e l l i o n Mc deutsche Republik befinde. Tie vereinigte sozialdemoiratisckie Partei der Pfalz habe die Initiative ergriffen zur Bildung eines selbständigen Staates im Verband des Reiches, damit. die durch das Vorgehen dev bayrischen Machthaber schwer gefährdete Pfalz dem Deutschen Reiche erhalten bleibe. Die Partei sei bemüht, die anderen politischen Parteien der Pfalz zu bewegen, sich an der Bildung einer neuen provisorischen Regierung zu be^te öligen. gibt auch reichstreue bayrische Truppen. Berlin, 24. Oktober. Wie von sozialdemokratischer Seite >uitgeteklt wird, hat ein Teil der bayrischen Truppen in München und an anderen Orten die Verpflichtung auf die bayrische Regier it ng abgelc h n t ,nir der Begründung, daß der Cid ans die Reichsderfassnug geleistet worden sei. Ein Ultimatum der Gewerkschaften. Berlin, 24. Oktober. (Tel.-Komp.) Die G e w c rkschäften haben der Reichsregierung ein Ultmvatum überreicht, worin die sofortige Ausgabe von wertbeständigem Geld gefordert wird. Ferner wird die Bereitstellung von Le'bens-mitteln verlangt. , Falls die Reichsregicrnng diese Fordenmgen nicht erfüllen sollte, «wollen die Spi tzen Organisationen zu weiteren Maß nahm e n greifen. Die Spitzerrorganifationen der Arbeiter- und Beamtenv^vbäude vrhandelten gestern mit der Reichsregievuug über den bevorstehenden Beamtenabbau. Die Organisationen wandten sich gegen die Absicht der Reichsregierung, nicht nur alle Beaurte, die das 65. Le'bensjahr vollendet haben, in den Ruhestand zu versetzen, sondern auch sämtliche Bealntenamvärtev zu entlassen. Nach einer offiziösen Mitteilung -hat die Reichsregierung angesichts der trostlosen Finanzlage des Reiches eine Berücksichtigung bec Vorschläge der Organisationen a b g e l e h n t. Die Reichsregierung läßt offiziös den Beginn der Ausgabe größerer Mengen wertbeständiger Zahlungsmittel für die -nächsten Tage ankündigen und teilt mit, daß Ende dieser Woch. noch täglich acht Millionen wertbeständigen Geldes hergestellt werden sollen. Ferner wurde die Herstellung von Zwischen scheinen der Goldanleihe beschlossen, die auf dem Bruchteil eines Dollars lauten werden. Konferenz der Ministerpräsidenten beim Reichskanzler. Berlin,- 24. Oktober. Die für heute anbe.raumte Sitzung des Reichsrates wurde abgesagt. Dafür treten die M i n ifte r p rä s i -d e n t e n heute zu einer Besprechung beim Reichskaüßler Tn .^ der Reichskanlei zusammen. Ict bayrische Gesandte v. P reger legte die bayrische Auffassung des Konfliktes dar, und erklärte, Bayern sei durchaus reichstreu, habe aber den Wunsch nach einer Milderung der Ueberspannuug des unitarischen Gedankens in der Reichsverfassung. Der Reichskanzler führte namens der Reichsregierung ans, die Ernennung des .Herrn v. Kahr zum Genera lstaatskommissär in Bayern habe die Gefahr mit sich gebracht, daß rechtsradikale Kreise in anderen Teilen des Reiches ihre Stunde für gekommen hielten- und zu Gewaltschritten verleitet wurden. Dieser Gefahr habe der Reichsausnahmezustand Vorbeugen sollen. Nach längerer Besprechung wurde folgende Erklärung einstimmig arrgenommen: In -dem Konflikte Mischen Bayern und dem Reich stellen sich die Vertreter der Länder einmütig auf den Standpunkt der ReichsregLerung. Sie halten eine schnelle Regelung der Personalfragen für notwendig. Um ähnlichen Konslriten für die Zukunft dorzübeugen, verlangen die, Länder einmütig die baldige Umwandlung des militärischen Ausnahmezustandes in einen zivilen. Im Einverständnis mit dem Reichskanzler halten die Vertreter der Länder es für erwünscht, daß Verhaiedluirgen über die fernere Gestaltung des Verhältnisses von Reich und Ländern zu geeigneter Zeit eingeleitet werden. Im Anschlüsse erklärte der Reichskanzler, die Bereitwilligkeit der Reichsregierung zur Verständigung. Die Reichsregierung sei ferner zu Verhandlungen über die Selbständigkeit der Länder ^bereit. Schließlich sei die Reichsregierung gewillt, sobald die Verhältnisse es irgendwie gestatten, den Reichsausnahmezustand vollständig aufzuheben oder den militärischen Ausnahmezustand in einen zivilen umzuwandeln. Dev Reichstag tritt nächste Woche zusammen. Berlin, 24. Oktober. Der Zusammentritt des Reichstages ist ans nächste Woche verschoben worden. Deutschland ersucht neuerdings die Reparationskommission um Prüfung der Leistungsfähigkeit. Berlin, 24. Oktober. .Heute ist der ReParationskommission in Paris eine Note der deutschen Regierung überreicht worden, worin darauf hingewiesen wird, -daß die. deutsche Regierung an: 23. Jänner der Reparationskonunission nütgeteil-t habe, daß sie wegen der Besetzmrg des Ruhrgebietes die Reparationslieferungen an die daran beteiligten Mächte, einstelle, und daß daraufhin die Reparationskommlssion alle deutschen Anträge auf Nenregeluirg der Reparationsfrage als hinjällig bezeichnet habe. Unter. Bezugnahme auf die . Ernst e hl. u n,g. he-s. paff» v'e N" ' W; d -e r it a U jr s ' 'stellt~ die dLv.tfche' Re- Die Zahl der oberschlesischen Juden ist in den letzten Jahrzehnten ständig zurückgegangen. .Im Jahre 1910 betrüg sie nur noch 18.662 unter 2,029.949 Einwohnern, also nur 0,89 Prozent. Einzelne Gemeinden stich beinahe ganz ausgestorben. In Zülz lebten 1828 1109, 1910 nur noch 20 Juden. Man sollte meinen, daß eine so geringe Zahl auch dem heißblütigsten Teutomanen kaum Anlaß zur Bekämpfung bietet. Nichtsdestoweniger ist der Judenhaß in Oberschlesien augenblicklich auf einem Höhepunkt angelangt, beit man noch vor kurzem nicht für möglich gehalten hätte. Der bekannte Oberleutnant Roßbach hat die Aeußerung getan, daß er aus Oberschlesien ein zweites Bayern machen wolle.'Was die Stimmung den Inden gegenüber anlangt, ist diese Aufgabe glänzend gelöst. Die Exzesse waren von langer Hand vorbereitet. Das g r ö ß i n d u ft r i c 11 c Interesse an dem Bestehen der nationalistischen Selbstschutzorganisationen als Gegengewicht gegen sozialistische, vor allem aber kommunistische Arbeitergruppen i>at zu einer ungeahnten Stärkung des Rechtsradikalismus geführt. Mit Hakenkreuzen oder den Insignien anderer nationalistischer Gruppen versehene Personen trifft man auf allen Gruben, in allen Werken imb großen Fabriken. Viele der Leute arbeiten gar nicht. Sie wohnen in den StÄten, besonders auch in Besitzen, sind formell irgend einem Werke attachiert Und stehen in Reserve, falls man sie „braucht". Es ist erstaunlich, daß, obzwar für die wirklich arbeitende Bevölkerung und die Flüchtlinge ans dem polnisch gewordenen Oberschlesien zweifellos eine Wohnungsnot besteht, für diese eben charakteristischen Elemente sich doch immer noch Raum findet. Während eifersüchtig darüber gewacht wird, daß nicht etwa irgend ein armseliger ostjüdischer Proletarier ein Zimmer bekommt, sind für diese Leute stets Wohnungen frei. Eine große Anzahl von ihnen stammt aus Bayern. Man sieht sie von Zeit zu Zeit in Gruppen durch die Straßen ziehen. Ungehindert singen sie das berühmte Erhardt-Lied von der Judenrepublik. Niemand stört sie. Unter sich sind sie häufig wenig einig. Da ihre Führer selbstherrliche Landsknechtsnaturen sind, gibt es oft Streitigkeiten unter ihnen, die wohl auch nachträglich mit sachlichen Differenzen erklärt/werden. So teilte sich vor wenigen Tägen .sogar eine' Organisation tveil angeblich ein Teil „bei aller deutsch-völkischen Einstellung doch die Judenexzcsse nicht mitnrachen wolle". Man muß solchen Motivierungen gegenüber sehr'mißtrauisch sein; bisher hat jedenfalls die Erfahrung gelehrt, daß, wenn es gegen die Juden ging,-rührende Harmonie geherrscht hat. Nichts spricht dafür, daß die leitenden Behörden die Exzesse begünstigen, namentlich die Haltung des sozialdemokratischen Polizeipräsidenten, der nicht in Beuthen, sondern in G l e i w i tz sitzt, ist k o rrekt. Er ist . über jeden Verdacht des Paktierens mit den Hooligans erhaben. Trotzdem hat die Polizei versagt. Zunächst ist ihre Zahl viel zu klein für die schwierigen- Verhältnisse der Jndustriegrenzstadt, die mit den Vororten annähernd 100.000 Einwohner umfaßt. Dann aber ist die Stimmung in der Polizei nicht einheitlich. Es gibt sehr wackere, anständige Beamte, die ihre Pflicht tun. Der lächerliche Versuch, die Judenexzesse als gewöhnliche Hunger krawalle zu erklären, nötigte einigen der Schutzpolizisten, mit denen ich »sprach, ein mitleidiges Lächeln ab. Andere Teile der Polizei sympathisieren offen mit den Exzedenten, ihren alten Kriegskameraden, deren draufgängerisches Wesen mit fortreißt und die auch gesinnungsgemäß vielen „Schupogievung m der Note erneut ihre grundsätzliche Bereitwilligkeit zur Wiederaufnahme, der Leistungen aus dem Berfailler Vertrage fest, weist jedoch daraus hm, daß die Enttvicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland der deutschen Regierung, die bereits am 11. August ihre Unfähigkeit zu weiteren Sachliesevuugen habe erklären nüissen, die Möglichkeit genommen halbe, die Finanzierung der Sachleistungen fortzusetzen oder lvieder aufzunehmen. Die deutsche Regierung stellt daher an die Reparationskommisfion den Antrag, gemäß Art. 234 des Versailler Vertrages in eine Prüfung d'er Hilfsmittel'und der Leistungsfähigkeit Deutschlands einzw treten und Vertretern der deutschen Regierung Gelegenheit zu geben, den gegenwärtigen Stand der Hilfsmittel und. der Leistungsfähigkeit Deutschlands darzulegen sowie die Maßnahmen dev Sanierung des Budgets und zur Stabilisierung der Währung initMteilen. Die Teuerung um 340 Prozent gestiegen. Berlin, 24. Oktober. Die Reichstndexziffer für die Le'benslhaltungskosten vom 22. Oktober weist gegenüber der Vorwoche, eine Steigerung nur 340 Prozent auf. Königsberg—Friedrichshafen — eine Billion. Berlin, 24. Oktober. - iTellKomP.) Infolge der vollständigen Eutweriung der Mark nimmt die P vc-.i si'b i.l du n g aus alten» Mbiestu immer pH au t a st i schg re Formten an. Von Donnerstag abends au -werden die leuten", die Ebenfalls von der „Jüdenrepubüt" Nichtwissen wollen, recht mähe stehen. Unter den Antisemiten befinden sich eine Reihe Intellektueller, insbesondere Lehrer, deren Agitation ihre Wirkung auf die Polizeibeamten nicht verfehlt hall Einer der Schutzpolizeibeamten, befragt, was es in Beuthen gegeben habe, antwortete zynisch: „Es tvar nichts weiter, man hat ein paar Juden geschlagen." Als am 5. Oktober der Zug von mehreren Hunderten von Hooligans, die später die Bahnhofsstraße absperrten unb in viehisch roher Weise auf Juden losschlngen, sich in der Nähe der Synagoge in Bewegung setzte, machte ein jüdischer Herr einen der dort stationierten Polizeibeamten darauf aufmerksanl, daß etwas im Gange sei. Statt einz,lgrcifen und dafür zu sorgen, daß der Zug auseinandergehe, was in diesem Augenblick noch ein leichtes gewesen tväre, fuhr der Schupobeamte den Betreffenden grob an, erklärte öhm, er werde ihn arretieren, da er durch solche Bemerkungen provoziere. Interessant für. das passive Verhalten der Polizei ist auch folgender Fall: Eine Frau hält, umstellt von einer zahlreichelc Menschenmenge antisemitische Hetzreden allerrüdester Art. Ein jüdischer Herr, der vorbeigeht, wird mit den unflätigsten Ausdriicken beschimpft. Der von ihm -,it Hilfe gerufene Schupobeamte greift nicht etwa ein, sondern beschränkt sich darauf, der Frau in ftenndlichstem, ruhigen Tone zu sagen: „Ja, Ansannnlungen sind verboten." „Ansannnlungen sind verboten." Das ist eigentlich die einzige Maßnahme, zu der man sich nach dem Exzeß vonr 5. Oktober aufgeschwungen hat. Während, nach dem 13. September, als infolge des Falles der Mark hungernde Lercte demonstrierten und drei arrne?lrbeiter am Ring erschossen Nnlrden, ein Erlaß erging, in dein erklärt wurde, daß die Schuldigen ermittelt und bestraft werden würden, ist nach den: 5. Oktober eigentlich rrichts weiter veranlaßt worden, als daß matt Ansaminlungeir von ntehr als fünf Alcit» scheu auf der Straße verbot und Zuwiderhandelnde mit Geldstrafeit bedrohte. - Wie weit die Verhetzung geht, zeigt, daß auch die demokratische Presse in Oberschlesien nicht mehr ohne Gefahr für die Verkäufer mtb Leser verbreitet werden kann. Ar." hier hat die Polizei nicht nur völlig versagt, sondern cs ist direkt festgestellt, daß sich Polizei-, beamte in .den Dietfft der Rowdhreaküou gestellt haben. So stellte ein auf dem ' Franz Josefs-Platz patrouilliereitder Schtlpobeamter am 1. Oktober einen Zeitungsverkäufer des „Abelldblatt", brüllte ihn an, daß er das „Judenblatt" nicht mehr verkaufen dürfe, und ohrfeigte ihn. Die Aussicht, daß mit den Exzessen der letzten Tage die Gewalttätigkeiten gegen die Inden beendet sind, sind gering. Das Banditengesindel sitzt zu fest in Oberschlesien und wird von gewiffen industriellen Kreisen zll sehr verwöhnt und gehätschelt. Bei allem gittert Willen der leitenden Behörden läßt sich nicht verhüten, daß ein beträchtlicher Teil der Sicherheitsbeamten Politisch unzitverlässig ist und, wemc cs gegen die Juden geht, versagt. Hinzu kommt, daß die Feiglinge sich die Abendstunden aussuchen. Bei. der wegen der hohen Kohlenpreise höchst mangelhaften Stmßenbeleuchtung ist,chen Opfern der Exzesse ein Erkennen einzelner aus der Grrippe der HMigans, die erbarnrungslos losdreschen, und gewiß das Wiederevkennen später iunnöglich gemacht. Fast alle Anzeigen bei Polizei und Staatsanwaltschaft sind schon deshalb von vornherein aussichtslos. Man weiß in Oberschlesien nicht, was der nächste Tag bringt. Die Lage der jüdischen Bevölkerrmg bleibt nach wie vor äußerst bedroht. Dr. F. Meyer. erhöht. Gleichzeitig werden die Gütertarife um 200 Prozent gesteigert. Eine. Fahrt zweiter Klasse Berlin- München und zurück wird sich dann auf 12 Milliarden stellen, während für eine Reife von .Königsberg nach Friedrichshafen und zurück in 'der ersten Klasse weit über eine Billiou zu bezahlen sind. In Berlin -ist der Brotpreis -von gestern auf heute von 5,5 auf 7,5 Milliarden gestiegen. Ein Zen-tner Bricketts, der bisher 13,5 Milliarden kostete, mujj heute bereits mit 19 Milliarden bezahlt werden. E i n Kilogramm Rindfleisch stellt sich aus 12 Milliarden, Butl-cr sogar auf 30 Milliarden, Für ein Ei wurden 450 Millionen verlangt. Mn Kartoffelkredit in Dachsen. Dresden, 24. Oktober. (Wolfs.') Llnf Anregung Generalleutnants Müller -haben Harrdel, Industrie und Bankeir -des Fve.istaates Sachsen, vm der dringendsten Not an Kartoffeln abzuheffen, sich bereit gefunden, einen große» ron ziNfentfreien Kredit in wertbeständigem Geld zur Verfügung zu stellen. Dieser wird von einem besonderen Konsortium verwaltet und unter Mitwirkung des^ Wehrkreiskomm-andos dein legitimen KaAofftlhandel eingeräumt .werden, der sich bereit erklärt hat, der. -notleidenden Be volle r-uua der Industviebezirke und Großstädte noch vor Eintritt der Fr-ostperiode Kartoffeln zu anaemessene-u Brä'-u Ar liefern. * Siehe „Wiener Morgenzeitung" vom 21. Oktober 1923. Eifenbahnfahrpreise abermals um 160 Prozent ..