Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1923-10-21 · Heft 1683 (21.10.1923) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1683 (21.10.1923)
Date
1923-10-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2979076-2980477-2980765--16512-3003433
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

EMzeunnnerklOOO Wien: Zum Abholen in der Expedition, II„Taborstr.l-3, oder in einer Verschleisstelle {Trafik) .monatl. K 28.000 Strassenverkauf in Wien dtireh die Kolporteure der Firma Goldschmiedt,!. Bez., WoIIzeile 11. . Mit Postversand für Wien n. Oesterr. monätl. K 28.000 Ts eh e e h o-81 owa le e i: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. P o I en: Mon. Mk, 800.000. Deutsch!.: Mon. ost.K 28000. Frau kr., Belgien:. Monätl. ■ Fres. 8 BV Naehtahlungen "WB bei Preiierhohunpen vorbebeUeo' lener C.o-Slowakei f tschech. K 1.f . Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon. 90Lei, Bulgarien Mon. 75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Fres. 3 Redaktion u. Administration Wien, II.,Taborslrassel—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab6Uhrabds.l9-483,25-282 TeL« Adr. :„Morgenieitttng*' Wien Oösterreichisches Postsparkassen -Konto Nr. 150.693 «NWWffMWVWVWNWM«! Rr. 1883 Mim. Sonntag. 21. Sttober 1923 S. Jahrgang tzehetwShlen! Wählet IMch! J . , ’ —y. Wien, 21. Oktober. Heute, jüdische Frauen und Männer, geht ihr wählen. .Ihr werdet Misch wählen. Alle Parteien, die sich um den besten Platz an der Futterkrippe in dieser Republik raufen, verhehlen nicht ihre Wut und ihre Enttäuschung darüber, daß ihr euch selbst zu Worte meldet, daß ihr über euch nicht hiuweggehen lassen wollt. Euch stehen Parteien gegenüber, ihr seid das Judentum Wiens. Ihr hübt euch zusammengefuuden in dem festen unerschütterlichen Entschluß, heute zum Judentum 'zu stehen und, wie immer der einzelne es auffaßt, es doch nach außen hin als eine Gemeinschaft zu bekennen. Es gehören sicherlich starke Herzen und harte Nerven dazu, in diesem Meer von Haß frei und offen die Zugehörigkeit zu dem Volk zu verkünden, das alle Haffen, weil es alle fürchten. Aber dieses Bekenntnis ist zugleich Ehre uixb Rnhm. Wir bekennen, daß wir dem Voll angehören, das niemals andere unterdrückt hat, das niemals aufgehört hat, für Freiheit und Recht zu kämpfen und zu leiden. ' In der abgelaufenen Wahlkampagne haben in ungezählten Versammlungen unsere Redner, Frauen und Männer, zu euch gesprochen. Ihr habt reichlich Gelegenheit gehabt/ das zu prüfen, was die Jüdische Wahlgemeinschast euch und den anderen Bürgern dieser Republik sägt. Wir bringen euch und den anderen die Wahrheit. Wir wollen ein klares, unverfälschtes Verhältnis herbeiführen; wir wollen, daß Juden durch Juden vertreten werden;' daß überall dort, wo über öffentliche Dinge entschieden wird, auch die Stimme der Juden vernommen wird; daß über euch, über eure Arbeit,, euren Fleiß, euren Ernst, eure' Sachlichkeit auch eure eigenen Vertreter mitberaW.^ Wir WlW^kWß dieser Staat, in dem wir leben und dessen Schicksal wir teilen, in Ruhe und Frieden sich ordne und die schweren Zeiten des Krieges und Nachkrieges überwinde. Wir wollen, daß jeder ehrliche Arbeiter die Frucht seiner Mühen genieße, daß die Arbeit und nur die Arbeit die Grundlage des Zusammenlebens der.Menschen bilde. Wir wollen, daß der Krieg verschwinde, daß Völker, Stände und Klassen ihre Streitfragen auf dem Wege friedlicher Beratung aufklären. Dieses Programm ist nicht erst jetzt und nicht erst für diesen Wahltag ent standen. Es ist das Programm der jüdischen Ge meinschaft. Was an diesem Programm kann den Ausbruch des. Hasses rechtfertigen, den die Bildung der Jüdischen Arbeitsgemeinschaft erregt hat? Wie erklärt es sich, daß alle Parteien, so sehr sie durch Programme und Welt anschauungen. getrennt sind, sich doch in dem Kampf gegen alles Jüdische finden? Daß wir da sind, daß wir unser Recht heischen, daß wir keine Sklaven sein wollen, die die Plantage stumm und widerspruchslos bebauen, daß wir den Peitschenhieb nicht demütig annehmen wollen, daß wir die Taktik des Schweigens wegwerfen, das hat ins Schwarze und ins Rote getroffen und dar um der blutunterlaufene, weißglühende Zorn. Die In den unterstehen sich, einen eigenen Willen^ zu haben! Vergleichet das,, was wir wollen, mit dem, was die Kandidaten der anderen Parteien, die zu euch gekommen sind, als Ziel der Politik erklären. Wir wollen den Frieden, sie wollen Krieg mit aller Welt. Sie raufen um Ministerstühle, um Macht, um die Möglichkeit der Unterdrückung. Sie wollen nicht, daß der Staat, die Gesamtheit gedeihe, sondern daß ihre Klasse von den anderen lebe. Sie hassen uns und Haffen einander Keiner gönnt den: anderen ein Stück Brot. Alle leben noch in' der stickigen Luft des Krieges itrt'b ihr tägliches Gebet ist nicht Frieden und Versöhnung, sondern Rache. Wie Rudel von Wölfen stehen sie gegeneinander, alle zusammen aber gegen uns. Weil wir fleißig und unver drossen arbeiten, weil wir alle Menschen als Kinder des einen Gottes ansehen, der die Erde allen gemeinsam gegeben hat, weil wir das einzige Volk sind, das aufbaut und nicht zerstört.. Weil wir Oesterreich retten wollen, weil wir nicht dulden wollen, daß dieses Land ein Opfer der Hetzer und Schieber werde, weil wir den Weg zur Sanierung gezeigt und geöffnet haben, darum malen sie ihre mchtswürdigen Sudeleien Wider uns' an die Wände. Darum wollen sie uns aus Laden und Sürdierstube jagen, darum wollen sie uns dqs bürgerliche Recht entreißen,, darum wollen,sie unsere Kinder, in.Unwissenheit stoßen, darum all das,.was seit Jahr und Tag wider uns ausgesonnen, ausgeführt und unwidersprochen gelogen wird. Sie haben zweierlei Recht: Der jüdische Steuerzahler wird schärfer ungefaßt als der n'Revoh Heute ist Wahltag. Wenn Ihr alle geschlossen die Liste der Jüdischen Wahlgemeinschaft wählet, dann i st d e r Sieg errungen! Wenn die Kandidaten der Jüdischen Wahl ge meinschaft gewählt werden, so habt Ihr: 1. Vertreter im Nationalrat, 2. Vertreter im Gemeinderat, 3. Vertreter in den Bezirksverwaltnngen, 4. Vertreter in den Steuerkommissionen. V r , Wählet ÄttJvMfe der Jüdischen WahMmdinschast! Die Wahl ist geheim! Niemand kann den Wähler kontrollieren, niemand kann erfahren, wie Ihr gewählt habt, weil auf dem Stimmzettel nur die Bezeichnung der Partei, nicht aber der Name des Wählers steht. Wenn Ihr keinen Stimmzettel erhalten habt, so holt ihn aus dem nächsten Agitationslokal der Jüdischen Wahlgemeinschast. Die Adressen sind in der „Wiener Morgenzeitung" zu lesen. Jeder Stimmzettel einer anderen Partei als der Jüdischen Wahlgemeinschaft ist zu zerreißen; Vergesset nicht, ein Personaldokument zur Legitimierung hör der Wahlbehörde mitzunehmen: Geburts- oder Trauschein, Heimatsschein, Paß, Arbeitsbuch, Dienstkarle, Gewerbeschein, Diplom oder ähnliches. Der Ort des Mahllokales ist im Flur Eures Wohnhauses durch amtlichen Anschlag bezeichnet. Wenn Ihr alle jüdisch wählt und Euch weder durch Drohungen noch durch Verlockungen beeinflussen lasset, ist unser Sieg sicher; Ihr müsst wählen, Ihr müßt jüdisch wählen, Ihr müßt in allen Bezirken jüdisch wählen, nicht anders als jüdisch! Da wir zum Sieg jede Stimme brauchen, müßt Ihr Euch überzeugen, ob Eure Verwandten, Freunde, Bekannten jüdisch wählen. Es kommt auf jede Stimme an! Eine einzige Stimme kann für den Sieg ent scheiden! In. Oesterreich wich heute der Nationalrat nen gewählt. Diese Körperschaft, die -bisher aus 183. Mitgliedern bestand, soll nunmehr 165 Mitgliederzählen^ die - auf 25 Wahlkreise verteilt sind. Bisher besaßen die Ehristlich- ,'ozialen 85, .die Sozialdemokraten 69, die Großdeutschen 20, >ie Bauern 8 Abgeordnete und die Czernin-Partei den Grafen Ezernin. Davon entfielen auf die 48 Wiener Man-! tatet, 28 Sozialdemokraten, 16 Ehristlichsoziale, 3 Großdeutsche und Graf Czernin. Don den 183 Mandaten des alten Nationalrates waren 168 im ersten Ermittlungsverfahren besetzt, die restlichen 15 waren die R e stst i m m e n- Mandate. Diesmal ist der Vorgang ein anderer. Es wird zunächst in allen 25 Wahlkreisen gewählt. Die Zahl der in einem Wahlkreis 'insgesamt - abgegebenen: gültigen Stimmen wird durch die Zahl der auf den WahlkreisiCitte fallenden Mandate plus 1 dividiert. Der^uotient. Achte- ,955 a t. i5D^ö:n^art‘C,r; i^ic Wahlzahl in der Anzahl det für diese Partei abgegebenen. Stimmen enthalten ist.. EiU daher übrig Weidender Restwird Mr die Reststimme.n der Partei gutgeschrieben. Die Berechnung und Aufteilung dieser Mandate ist das zweite Ermittlungsverfahren, zu dessen Durchführung die 25 Wahlkreise zu vier Wahlkreisver-bänden vereinigt werden, und zwar: Wien, Niederösterveich, Oberösterreich mit Salzburg und Tirol-Vorarlberg und schließ-. lich Steiermark mit Kärnten und dem Purgenland. Es ist ein äußerst kompliziertes Verfahren, an dem Mr den Wähler fürs erste nur das wichtig ist, daß jede Stimme für j e de P a r t e i v o n h ö ch st e r W i ch t i g k e i t ist. Ganz besonders gilt dies natürlich für die jüdische Wählerschaft^ Je einheitlicher sie ihre Stimmen auf die Jüdische Wahlgemeinschaft vereinigt, um so größer wird deren Erfolg. Im Wiener Gemeinderat, der gleichfalls heute neu gewählt wird, ist die Anzahl der Sitze von 165. auf 120 verringert worden. Bisherzählte der Gemeinderat 100 Sozialdemokraten, 60 ChriMchsoziale, 8 Tschechen, 3 altgsbackene Hakenkreuzler, 3 Jüdischnationale (Dr. Ehrl i ch, Dr. Plaschkes und Dr. Pollak-Parnau) und 1 Demokraten (Dr. Schwa rz-Hiller). Diesmal haben die Tschechen keine eigenen Kandidaten aufgestellt. Meil^eitig mit diesen Wahlen erfolgt heute auch noch die Neuwahl der Landtage im Buvgenland, in Steiermark, Kärnten und Vorarlberg. Das Resultat dieser Wahlen ist von Bedeutung für die künftige Zusammensetzung des 'Bundesrates, in welchem bisher die Bürgerlichen und Sozialdemokraten fast gleichstark vertreten waren. * Für die Aufvechterhaltuug der Ordnung am heutigen Tage hat die Wiener. Polizeidirektion die umfassendsten Vorbereitungen getroffen. Obzwar alle Parteien zugesagt hoben, keinerlei „Ordnertruppen" aufzubieten, werden für alle Fälle 6000 Mann Sicherheitswache, .1000 Stadtschutzleute. 800 Kriminalbeamte und 250 Konzeptsbeamte in Dienst gestellt. Der Patrouillendienst wird -von 260 Polizeireitern besorgt. Natürlich ist dafür Vorsorge getroffen, daß auch die' Polizisten ihr Wahlrecht ausüben können. Die Vorschriften für den heutigen Tag sind sehr scharf. Die Wache hat strengen Befehl, keine Ansammlungen zu dulden und jeden zü verhaften^ der im Besitze einer Waffe angetroffen wird. fteigesprochen, der Jude, der ein Schimpfplakat herabreißt, verurteilt. Der jüdische Student wird ausgeischlossen, der jüdische Agent ausgewiesen, der jüdische Arbeiter ffchftaniert. - Das konnte möglich und so^ar zum Gewohnheits- \ I recht erhoben werden, weil es kerne jüdische Vertretung gab. Auch jetzt sollte den Juden durch ein künstlich _ ... . „ , 'ausgearbeitetes Wahlgesetz ihr Recht abgetrieben wer- MtjüdWH'Kckenkxeujkx Mit ' 1 den, Aber Mer. Plan wurde durch die SckcMna der Jüdischen Wahlgemeinschast durchkreuzt und ihr, jüdische Frauen und Männer, werdet heute das eure tun, damit das freche Attentat vollkommen mißlingt und damit aus der Wahlurne eine starke jüdische Vertretung erstehe. Wählet jüdisch! Wählet nur jüdisch! .Bekennet euch zur jüdischen Gemeinschaft! -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.