Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1682 (20.10.1923)
- Date
- 1923-10-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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EtazelmramierKIOtN) Wien: Zum Abholen in der Expedition,II.,Taborstr.1-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Strassenverkauf in Wien durch die .Kolporteure der Firma Goldschmiedt, I. Bez., Wollieile 11. Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tschecho-Slowakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. Mk. 800.000. Deutschi.: Mon. ostK 28000. F r a n k r., Belgien: Monatl. Frcs. 8 r Nachzahlungen "WW Prellerhöhungen Vorbehalten »r.1682 T«chaclio«8lowikili tschech. K 1.— W rener Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon.90 Lei Bulgarien Mon. 75 Lewa. Schweiz und das übrig« Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien,!!., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44*0*38,43-3-19, /.b-6 Uhr abds. 19-483,25-282 TeL- Adr. :„Morgenzeitang*' Wien Oesterreichisches Postspar k aasen-Konto Nr. 150.692 Wim. Samstag. 20. Lltober 1923 3. gahrgaag » Wahlzett von 7 Mr früh bis 8 Uhr abends. — Zeder verforse sich mit dem Stimmzettel der Jüdischen Wahlgemeinschaft! — ♦ Achtung! Unserer heutigen Nummer liege» Stimmzettel bei! Jüdische Wühler und Wählerinnen! Morgen ist Wahltag. Wenn Ihr alle geschlossen die Liste der Jüdischen Wahlgemeinschaft wählet, dann ist der Sieg errungen! Wenn die Kandidaten der Jüdischen Wahlgemeinschaft gewählt werden, so habt Ihr: 1. Vertreter im Nationalrat, 2. Vertreter im Gemeinderat, 3. Vertreter in den Bezirksverwaltungen, 4. Vertreter in den Steuerkommisfionen. Gewählt wird morgen Sonntag den 21. Oktober von 7 Uhr früh bis 5 Uhr nachmittags. Wählet nur die Lifte der Jüdischen Wahlgemeinschaft! Die Wahl ist geheim! Niemand kann den Wähler kontrollieren, niemand kann erfahren^ wie Ahe gewählt. -hahl, weil auf dem Stimmzettel nur die Bezeichnung der Partei, nicht aber der Name des Wählers fteht. Wenn Ihr keinen Stimmzettel erhalten habt, so holt ihn aus dem nächsten Agitattonslokal der Jüdischen Wahlgemeinschaft. Die Adressen sind in der „Wiener Morgenzeitung" täglich zu lesen. Jeder Stimmzettel einer anderen Partei als der Jüdischen Wahlgemeinschaft ist zu zereitzen! Vergesset Nicht, ein Personaldokument zur Legitimierung vor der Wahlbehörde mitzunehmen: Geburts- oder Trauschein, Heimatsschein, Paß, Arbeitsbuch, Dienstkarte, Gewerbeschein, Diplom oder ähnliches. Der Ort des Wahllokales ist im Flur Eures Wohnhauses durch amtlichen Anschlag bezeichnet. Wenn Ihr alle jüdisch wählt und Euch weder durch Drohungen noch durch Verlockungen beeinflussen lasset, ist unser Sieg sicher! Ihr müßt wählen, Ihr müßt jüdisch wählen, Ihr müßt in allen Be-zirken jüdisch wählen, nicht anders als jüdisch! Da wir zum Sieg jede Stimme brauchen, müßt Ihr Euch überzeugen, ob Eure Verwandten, Freunde, Bekannten jüdisch wählen. Es kommt auf jede Stimme an! Eine einzige Stimme kann für den Sieg entscheiden! * Achtung! Mische Wühler! Von gegnerischer Seite wird behauptet, baß die von der Jüdischen W ah lgemeinschaft zur Verteilung gelangenden und den Wählern zugeschickten Stimmzettel ungültig seien, weil sie nicht das Datum des Wahltages enthalten. Diese Behauptung ist ein böswilliges W a h l m a n ö v e r! Die Stimmzettel der Jüdischen Wahlgemeinschaft entsprechen allen gesetzlichen Vorschriften! Lasset E u ch d a h e r nicht i r r e f ü h r e n und benützet nur den Stimmzettel der I ü d i s ch e n W 'a h l g e m e i n s ch a k t! Der sächsische KmW. Eine Entspannung? Berlin, 19. Oktober. (Tel. d. ,/Wr. Morgenzeituug".) Im Mittelpunkt des politischen Interesses stehen noch immer die Vorgänge in Sachsen. In maßgebenden Kreisen herrscht die Ansicht vor, daß dom sächsischen Ministerpräsidenten bei seinen Ausführungen viele Uebertreibungen und Unrichtigkeiten unterlaufen sind. Man glaubt, daß als Folge der geführten Verhandlungen eine Entspannung im Konflikte emtreten dürfte. Heute vormittags stand beim Reichspräsidenten eine B e s p r e ch u n g über die sächsische Frage statt, an der sich der R e i ch s k a n z l e r, der R e i ch s- >w e h r m i n i st e r und der R e i ch s i n n e n m i n i st e r beteiligten. Auch diese Konferenz wird allgemein optimistisch ausgelegt. Die Blätter hoffen, daß bald ein Ausgleich gefunden werden könnte, um die Krise zu beseitigen. Zu diesem Ausgleich hat auch der sächsische Ministerpräsident Dr. Zeigner den Weg gebahnt, indem er sich zu Verhandlungen über die noch strittigen F r ag e n b*. r eit erklärte.. : . ■ -• -t Zusammentritt des Reichstages am 26. Oktober. Berlin,' 19. Oktober. Die nächste Plenarsitzung des Reichstages findet voraussichtlich Freitag den 26. Oktober statt. Einstellung der staatlichen Lohnbeihilfen im Ruhrgebiet. Berlin, 19. Oktober. Nach einer Meldung des „Berliner Tageblattes" aus dem Ruhrgebiet wird die Reichsregierung vom Beginn der nächsten Woche an die L o h nbeihilfeu für die Industrie und den Bergbau vollk o m mene i n stellen. Ta die einzelnen Werke nur für wenige Tage Zahlungsmittel besitzen und diese Zahlungsmittel nur unter schweren Bedingungen, wenn überhaupt, zu beschaffen sind, werden in den kommenden Wochen Feierschichten in großem Umfange eingelegt werden müssen. Entlassungen von Arbeitern werden von den Werken und Zechen nicht beabsichtigt wie auch eine vorübergehende Stillegung der Werke nicht geplant ist. Brot — eine Milliarde! Berlin, 19. Oktober. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Die. Lebensmittelpreise sind, entsprechend der neuerlichen Markkatastrophe weiter in die Höhe gegangen. Die Preise wurden heute um 30 bis 50 Prozent hinausgesetzt. Das Brot wird von morgen arge sangen eine Milliarde pro Laib kosten. Auch die Ve.rkehrsanstalten haben heute ihre Preise verdoppelt. Die Unruhen in Mannheim. Berlin, 19. Oktober. Nach Mirbachs Telegraphenbnreau haben die letzten Unruhen in Mannheim nicht weniger als acht Menschenleben gefordert. Auch die' . Zahl der V er l e tz'te n ist g r o ß. Die Polizei nahm wieder eine große Anzahl von Verhaftungen vor. Ein großer Teil der Verhafteten war im Besitz von W a f f e n, M e ssern und Dolchen. v Eine Spende von einer Milliarde Kronen. Bürgermeister Reumann wird dem unmittelbar nach den Wahlen zusammentretenden städtischen Finanzausschuß einen Antrag vorlegen zur Linderung der Rot des deutschen Volkes und im Gedenken an die Hilfe, die Wien van Deutschland so vielfach erhalten hat, eine Spende von c i n e r M i l l i a r d e K r o n e » sdas sind ungefähr 15 0 Billionen Mark) zu bewilligen. Dieser Betrag soll dem Reichspräsidenten & & c r t zu seiner Versü ft»t ng nach freiem Ermcllrn übergeben werden Das Mrtschaftsvrogramm der Jüdische« Wahlgemeinschaft. 8vb. Wien, 16. Oktober. Produktive Sanierung. Die programmatische Armut, mit welcher die österreichischen Parteien in den Wahlkampf treten, hat besonders aus dem wirtschaftspolitischen Gebiete ein merkwürdiges Chaos hervorgebracht. Den Anfang haben die Sozialdemokraten gemacht, welche trotz der augenfälligen Vorteile, die die sogenannte Sanierung für Oesterreich mit sich brachte, Plötzlich und ziemlich unmotiviert den Kampf gegen die Sanierung auf ihr wirtschaftliches Wahlprogramm geschrieben haben. Das einzige, was als Motivierung für diese Stellungnahme in Betracht kommen könnte, ist der Umstand, daß Herr Seipel und seine Partei die Sanierung als ihr Werk ausgeben und die Sache so darstellen, als wäre die Sanierung Oesterreichs geradezu eine christliche Angelegenheit und biene nur der „bodenständigen" (lies: nichtjüdischen) Bevölkerung Wiens. So ist es denn gekommen, daß im wirtschaftlichen Wahlprogramm der Parteien plötzlich der Schlachtruf „Für oder gegen die Sanierung" ertönt und daß durch die wahldemagogische -Fingerfertigkeit der ChriMchsozialen den Wählern eingeredet wird, nur. die ChriMchsozialen seien ehrliche Verfechter der Sanierung, und wer gegen sie stimme, sei ein Gegner der Sanierung. Dieses Wahlaaitationsmanöver könnte nun manche Juden, da ja die Juden in Oesterreich ihrer ganzen wirtschaftlichen Struktur nach für das Sanierungswerk emtreten, zu dem Glauben verleiten, daß nur eine chrrstlichsoziale Majorität die Fortdauer des Sanierungslwevkes sichern könne. Hier muß die wahldemagogifche Verdrehung durch die Tatsachen richtiggestellt werden. Herr Seipel und seine Partei sind durchaus nicht die Heilande der Sanierung,' die Schöpfer des Genfer Weäes, als die sie sich ausgeben. Das Sanierungswerk ist nicht Seipels Verdienst und es kann durchaus nicht von einer „Seipel- Sanierung" gesprochen werden. Man erinnere sich vor allem, daß der Weg zum Völkerbund und zur finanziellen Aufrichtung Oesterreichs mit Hilfe des Völkerbundes nicht von Herrn Seipel gefunden, sondern zielbewußt von seinem Vorgänger Schober eingeschlagen wurde, und man erinnere sich daran, daß, nachdem Herr Seipel Herrn Schober ein Bein gestellt hatte, jene Ärühmt gewordenen improvisierten D-Zug-Fahrten des Herrn Seipel nach Rom und Berlin erfolgten, die gänzlich zwecklos waren, bis dann Herr Seipel ernsah, daß er nur dort fortsetzen könne, wo Schober begonnen hatte, daß er nämlich wieder den Weg zum Völkerbund nach Gens einschlagen müsse. Aber wir müssen weiter und tiefer greifen und uns erinnern, daß es in Oesterreich, als die Rennersche Koalition an der Existenzfähigkeit des Staates zweifelte und verztveiselte, dieselbe Rennersche Koalition, in welcher die Parteien des Herrn Otto Bauer und des Herrn Bundeskanzlers Seipel saßen, daß damals einzig und allein Juden es waren, die einen Weg beschritten, der von den damals Regierenden bis dahin von den Parteien des Herrn R e n n e r und des Herrn S e i p e l als aussichtslos angesehen worden war. Denn in der Erkenntnis,daß Oesterreich lebensfähig sei, hatten es jüdische Persönlichkeiten unternommen, die Finanzkreise des Auslandes von der Lebensfähigkeit Oesterreichs zu überzeugen. Der inzwischen verstorbene Generalrat der Auglobank, Dr. R osen'b erg, hat zu einer Zeit, als die hohe österreichische Politik das Lied vom Untergang dieses Staates in Chor sang, das wirtschaftliche und finanzielle Programm der Lebensfähigkeit. Oesterreichs klar Umrissen und insbesondere in England das Verständnis für den Wiederaufbau dieses Staates erweckt. Gerade diese unermüdliche Propaganda, die nicht mit der Bettelei unter Anrufung des Mitleides, sondern mit einem Prog r a m m b c r A r beit operierte, hat den Grundstein zu jenem Erfolg gelegt, den jetzt die „bodenständige" Partei des Herrn Seipel ihren: geistlichen Oberhaupt , Lulcbreibt und für die „bodenständige" Bevölkeruna aus-