Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1681 (19.10.1923)
- Date
- 1923-10-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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7 «r tm Men, Freitag Wiener Morgenzettun-. 19. Oktober 1923 Seite 3 (•■•.V<CW g en1M; Im Wahlkreis NordMst (LeopMMt, Br,--' gittenau, FloridS-dovf), für den die Sozialdemokraten die AuSfichtSloiMert selbständiger jüdischer Kandidaturen mit aller Gewalt errechnen wollen, haben die S o z i a l d e m ok rate n vom Jahve 1919 «bis zu den Wahlen des Jahres IM nicht ^weniger als 6,72 P r 0 z e n t a n S.1 i m m e n eingebüßt, während die Jüdischnationalen 14.8 Prozent an Stimmen z u wa.chs ausweis en. Diese Entwicklung ist nicht zum Stillstattd gelaugt, die Sozialdemokraten werden, so schmerzlich es ihnen auch ankommt, weitere Wählerverluste. zu verzeichnen haben, während die jüdisch-nationale Bewegung ein starkes Wachstum zu verzeichnen hat und auch die Verbündeten demokratischen und jüdischen Gruppen ihre Wühlerzahl stark vermehrt haben. Die Aussichten für di«; Jüdische Wahlgemeinschaft, im vierten Wiener Wahlkreis ein Mandat zu erlangen, sind also durchaus günstig. Die Nervosität der Sozialdemokraten beweist eben nur, daß sie selbst den Verlust eines eigenen Mandats im Leopaldstüdter Wahlkreis als unabwendbar ansehen und nun im letzten Moment den jüdischen Wählern das Eintreten für die Kandidaten der Jüdischen Wahlgemeinschast mit der falschen Behauptung verekeln wollen, daß die Kandidatur in der Leopoldstadt aussichtslos sei. Die jüdische Wählerschaft des vierten Wahlkreises wird sich hierdurch aber nicht beirren lassen und um so eiftiger trachten, auch die letzte jüdische Stimme für die Jüdische Wahlgemeinschast zur Urne zu bringen. '_ Jüdische WMwerbearbeit. Eine Massenkundgebung im 2. Bezirk. Die Wahlbewegung hat ihren Höhepunkt erreicht. Die Jüdische Wahlgemeinschast hat gewaltige Werbearbeit geleistet, in allen Wiener Bezirken haben Versammlungen in großer Zahl staitgefunden und morgen noch wird eine ganze Reihe von Versammlungen abgehalten werden. Heute, da schon ein Rückblick gestabbet ist, kann man sagen, daß diese Werbearbeit von größtem Erfolg gewesen ist. Die Mische Bevölkerung hat gesehen, wie rückenstärkend jüdische Einigkeit wirkt und die politische und jüdische Erziehungsarbeit, die in diesen Versammlungen geleistet wurde, wird ihre Wirkungen noch lange nach :bem 21. Oktober zeitigen. Jede Mische Wählerdersammlug findet einen wahren Massenbesuch, überall erweisen sich die Räume als zu eng und allenthalben herrscht in diesen Versammlungen eine einmütige, gehobene Stimmung, welche dem Wahlausgang mit voller Beruhigung entgegensehen läßt. Die gestrigen Versammlungen gestalteten sich zu erhebenden Kundgebungen für die Jüdische Wqhlgememschast und die Idee der Mischen Einheitsfront. Die im großen Saale des Hotel Continental in der Taborstraße abgeh Mene Dar-, sammlung wies einen derartigen Massenzulauf auf, daß in den Vorrämnen gboichzertig improvisierte Versammlungen abgehalten werden mußten. Die Menge staute sich, aber alles harrte geduldig aus, mu die Redner anzuhören, deren Ansprachen stürmische Zustimmumg fanden. Dr. I. Ornstein wies wirkungsvoll die Zmniutung zurück, als.ob ein anständiger Jude christlichsozial wählen könnte; es sei eine Prostitution, eine Partei zu wählen, die den Pogvomhetzer Orel kandidiere. Und wer glaube, daß Czernin, der Führer der Bürgerlichen Demokraten, der seine Partei „«semitisch" bezeichne, kein Antisemit sei, der sei um seinen Glauben nicht zu beneiden. Selbst der Staatspräsident Harnisch, ein Mann, der alle Hochachtung verdiene, spreche zu Mischen Journalisten des Auslands von Toleranz für die Juden in Oesterreich. Aber -die Juden, die hier seit langen Jahrhunderten Leben und hier für ihr Judentum als Märtyrer geblutet haben, brauchen keine Toleranz, sondern wollen Gleichberechtigung und für diese Wunen nur jüdische und vom Judentrrm legitimierte Vertreter entsprechend kämpfen. Auch die Juden such hier bodenständig und Seipel darf nicht das „bodenständige christliche Volk" zu uns in Gegensatz stellen. Mit der Aufforderung, den Stolz auf das Judentum und dessen Kulturschöpfnugen zu bewahren und eine unerschütterliche P h a n l a n x zu bilden, schloß Redner unter ' großem Beifall seine Ausführungen.. Nachdem sich Professor Freud mit dein erzicherischen Programm der Mischen Einheit befaßt und die Hetze der Sozialdemokraten gegen die Jüdische Einheitsfront zurückgewresen hatte, richtete Universitätsprofcssor K ö n i g st e i n an die Versammlung einen warmen Appell, als Inden ihren Mann zu stellen und durch ein offenes Bekenutis für die jüdische Sache in würdiger Weise tztnMtehen. Kanter Beifall.) J»g. Stricker, stürmisch akklamiert, erklärte, die Gegner der Mischen Einheit haben keine Argumente ins Feld zu führen, darum greifen sie zu Verleumdungen wtv suchen Verwirrung in die Mischen Reihen zu tragen. Der lügnerische Hinweis a»rf die „Aussichtslosigkeit" nuferer Kandidaturen sei ein Beweis von Turfmoral. In der Freudenau fetze man auf das Pferd, das gewinnt. Wir Juden dürfen nicht sägen, wer in der Mehrheit ist hat recht, denn wir sind immer in der Minorität. Gegenrechnnngen anzuftellen ist wollig unnötig-'-uüd dieses Verfahren ist herabwürdi- ,gend; es ist unwürdig für die Sozialdemokrar e n, diesen W ah lfchwin de I aufzuführen und es zeigt von Verachtung der Mischen Wähler, wenn man sagt: Wählt nicht jüdisch, Misch ist aussichtslos. Noch dümmer ist das Argument. daß wer jüdisch wählt, die Reaktion stärkt. Die Menschheit ist nicht zu dem Zivecke erschaffen, um nur schwarz oder rot zu sein, und ein fron Juden gewählter Jude wird das Judentum, aber auch die Freiheit schützen und nie für die Reaktion emt-reten. Aber wenn wir so .freiheitlich sind, wie es uns das Judentum diktiert, brauchen wir kein sozialdemokratisches Rezept für die Freiheitlichbeit und die Freiheit wird dabei nicht schlechter fahren. Schließlich besprach Redner die sozialdemokratische Propaganda gegen das Genfer Sa-niernngswerk, das keinetvegs eine „Seipel-Sanierung" sei, denn Seipel habe nur fortgesetzt, wo . die Vorgänger ausgehört haben, und auch Nenner sei den Weg nach Genf gegangen, aber leider nicht zu Ende. Den Sozialdemokraten, die beständig erklären, man verkaufe Oesterreich an das ausländische Kapital, scheine plötzlich das inländische Kapital heilig geworden zu sein. Die Sozialdemokraten, die /stets den Antisemitismus bagatellisieren, entdecken vor den Wahlen dessen Gefahr und die Juden müssen sich dagegen auflehnen, daß ärgere Parteien so tun, als hätte man ihnen etwas g em 0 m m e n, was ihnen gehöre, indem man sich aus jüdische Plattform stelle. Es gibt kein jüdisches Stimmvieh mehr! Zinn Schlüsse geißelte Redner unter lauter Zustimmung das Treiben der Mischen Sozialdemokraten, denen kein Mittel gegen uns zu schlecht sei, und schloß mit der Aufforderung, jene schmählichen Manöver einmütig abzulehnen. (Stürnri-sechr Beifall.) Es sprachen noch, lebhaft akklamiert, die Gemeinderäte Doktor Sch w a r z - H i l l e r und Dr. P l a s ch k e s, worauf dre imposante Versammlung zu später Stunde geschlossen wurde. Wieder eine Bersammlmgssprengnng in der Brigittenau. Gestern fand im Cafe Holpern im 20. Bezirk eine massenhaft besuchte Wählerversammlung der Jüdischen Wahlgemeinschaft statt, die aber, wie in diesem Bezirke üblich, unter den Störungen jüdischer Sozialdemokraten und Poale-Zionisten litt. Nachdem Gemenrderat Dr. P l a f ch k e s unter stürmischem Jeder Jüdische Wähler und jede Mische Wählerin siche sofort in der in seinem Wohnhaus angeschlagenen Kmvdmachung des Magistrats nach, in welchem Wahllokal und bei welcher Kommission er zur Stimmeltabgabe emgeteiü ist (Amtslokäl, Schule)! Sonntag den 21. Oktober ist Wahltag! Die Stimmenabgabe findet von 7 Uhr früh bis 5 Uhr nachmittags statt. Es empfiehlt sich, möglichst zeitlich wählen zu gehen, weÄ erfahrungsgemäß in den Mittagsstunden vm großer Andrang in den Wahllokalen herrscht. Die Wähler erhalten keine amtlichen Wahllegktimationen und haben sich vor der Wahlkommission durch Personaldokumente auszuwvisim. Z« diesem Zweck bereite man die hierzu notwendigen Dokumente vor! Ms Urkunden oder amtliche -Bescheinigungen zum Erweis.--der Identität kommen in Betracht: Geburts- - und Trauscheine, der Heimatschein, Staatsbürge-rschaftserklärun g, Anstellungsdek'rete, Pässe und amtliche Legitimationen jeder Art, Arbeitsbücher, Dienstbotenbücher, Dienstkarten, Jagdkarten, Eisenbahn- und Tramwaypermanen zkart en, Gewerbescheine, Lizenzen, Diplome, Jmmatrikulaiionsscheine und Meldu ngsbüchvr einer Hochschule, Hoch- und Mittelschnlzeugnisse, militärische Dokumente und dergleichen, überhaupt alle unter Beidruck eines Amtsstempels ausgefertigten Urkunden, die den Personenstand des Wählers erkennen lassen. Von der Wahlvehörde. Mit einem oder mehreren dieser Dokumente versehen, tritt der Wähler vor die Wahkbehörde, deren Sitz er aus dem amtlichen Anschlag in feinem Wohnhaus erfährt, nennt seinen Namen, bezeichnet seine Wohnung und legt ein« Urkunde oder Beifall sein« ausführliche Rede geschlossen und die Zwischenrufer gründlich abgeführt hatte, erschien der berufsmäßige sozialdemokratische Dersammlungsspreuger Schargl, ein Jude, im Saale nnd, hindert«, rmterstiitzt von einem Radaumacher^ Jakob Hauser (bedauerlicherweise Obmann eines jüdischen Arbeitersportklubs), und mehreren anderen Poale-Zionisten den Redner.Herrn Ad. Pintas an der Fortsetzung seiner sachlichen Rede. Die Ruhestörer brachten es dahin, daß die Versamnilung ansgelöst tverden nvußte. Daß Fensterscheiben gebrochen und Dersämmliungsteilnehnrer schwer bedroht wurden, ist bei diesen sozialdemokratischen Radaumethoden selbstverständlich Aber die jüdische Wählerschaft der Brigittenau wird sich dieses schamlose Treiben gut merken» nd darauf am Wahltag die richtige Antwort gebe»! K« „jüdisches" WMkmanSver, In den Bezirken Ottakring und Hernals wirb ein Ausrns an die Juden verbreitet, nicht für die jüdische Einheitsliste zu stimmen, sich nicht in ein „politisches Ghetto" führen zu lassen und nicht die „alten politischen Freunde" zu vergessen, mn zwei jüdische Kandidaten ms Parlament zu bringen. Der Pfandleiher und Hausbesitzer Alexander Goldblatt, der hinter dieser Mache steht, ist mutig genug, zu sagen, was er meint. Er empfiehlt nämlich ivörtlich: „Jeder wähle nach seinem freien Ermessen!" Der dumme Wisch trägt eine ganz erkleckliche Anzahl jüdischer Unterschriften, u-nd zwar hauptsächlich von Leuten, deren Namen gang willkürlich ausgenommen wurden und die sich dagegen verwahren, mit dieser Kinderei identifiziert zn werden! Vernünftige Mensche» werden solchen MstrnHereien nicht auf de» Leim gehen! Frank!ontra Schönbaner. Die Katzbalgerei zwischen den beiden nationÄ-antisemÄr» scheu Parteien, den Großdeutschen und dem Lcmdbmrd. geht weiter. Nachdem der Landbund den Großdeutschen verbieten ließ, daß diese «.»der der Liftenbetzeichnnng ,Moßds»tche Volks- Partei und Landbund" kandidivven, sind die Gvoßdoutsche» eine der oben angeführte» amtlichen Befchsrniguingen vor, aflk der seine Identität evsichttich ist. Hat der -Wähler sich entsprechend ausgewiefen, so erhält er von dem WcchKetter das undurchsich- Hge leere Wahlkuvert. Er hat sich hierauf in die Wahlzelle zu begeben und liegt rmn dnr Stimmzettel der Indischen Wahlgemeinschast M das Kuvert. Obwohl am Sonntag die AbgeordnÄe« zmn Ncnionad rat, die neuen GemomderÄL und die BeziEsvertretungen für alle Bezirke zu wählen find, wird bei dieser WaU rmr ei« Stimmzettel abgegeben. Der Stimmzettel der Jüdischen Wahlgemeinschaft wird allen jüdischen Wählern rechtzeitig zugestellt werden. Sollte ein jüdischer Wähler oder eine jüdische Wählerin keinen solchen Stimmzettel erhalten haben, so begebe man sich in das nächstgelegene Agita. tionslokal der Jüdischen Wahlgemeinschaft und behebe einen Stimmzettel! Auch kann der auf dieser Seite unten stehende Stimmzettel ausgeschnitten und bei de» Wahl abgegeben werden. Der Wähler oder die Wählerin kann auch von der Wahlbehörde einen leeren Stimmzettel verlangen. Mit diesem begibt man sich wie oben in die Wahlzelle und schreibt sowohl in die Rubrik Stimmzettel für die Wahl zum National rat" als auch in die Rubrik „Stimmzettel für die Wahl zum Gemeinderat und B e z i r k 8 v e r t r e t u n g": Jüdische Wahlgemeinschast. Zusätze, wie zum Beispiel die eigene Unterschrift oder witzig sein sollende Bemerkungen und ähnliches, sind zn unterlassen, da sonst di< Stimme für «ngiiltig erklärt wird. Rach dern Verlassen der Wahlzelle übergibt man das Wcchlkuvert geschlossen dem Wahlleiter, der es in die Urne legt. Damit hat der jüdische Wähler und die jüdische Wählerin ihre Wahlpflicht erfüllt. ■aai Was hat der jüdische Wähler am Wahltage zu tun? Tie WM ist gehelm. — Memand lau« den fBHIUt kontrollieren. — 8r wWe vm» er will und kann daher Me Srohnngeu «ad NnschSchternuam zurSlkweisen. Sr braucht niemandem seine» Sttmmettel zn zeigen! Jeder WKHLE für den Einkaurvon Stoffen für die Herbst- und Wintersaison: Damen- und Herrenwäsche, Bett* und Haus wasche, Strickwaren, Teppichen, Vorgängen etc. nur aas bekannt verlässliche u. billige [Schiffmann IU Taborstraße 48 ToiephCMi 47-1-79 Bn gros 1?« flffmMmmmmmmmamuiarnmmr.r: v.