Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1680 (18.10.1923)
- Date
- 1923-10-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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fflizeltraimner K10Q0 Wien: Zum Abholen in der Expedition, II.,Taborstr. 1-3, oder ln einer Verschleisstellc (Trafik) monatl. K 28.000 SüraMOnverkeuf in Wien dtkrih die Kolporteure der Finna Goldschraiedt, 1.8er., Wollieile 11. Mit Poatyersand für Wien n. Oeaterr. monatl. K 28.000 Tschecho-Slowakei: Mm». K17. snxoslawlen: Mm». Dinar4Ö. Polen: Mon. Mk, 800.000. Deutachl.: Mob. 8st.K 28000. F r a n k r., Belgien: Monatl. Frca. 8 KP" N«oh**blüB jr«“ lj Pr*b*rböhmljr»n Vorbehalten «r. 1680 2.Wah!-Nummer Wie«. Sonnerstas. 18. Moder 1SL8 mm mmt WWlerLmey! V. b. b. Tscheeho-Slowakei t tachech. K 1.- Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon. 75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II.,Taborstrassei—S Telephone: 44-0-38,43-3*19, ab 6 Uhr abds. 19-483,25-282 Tel.- Adr.:„Morgenreitunx" Wien Oösterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 S. Fahrgang Wählet am Sonntag nnt die jüdische Lifte! Die Wahl ist geheim! Vergesset nicht, ein amtliches JLerttit-LLs- Lokument zur Legitimierung vor der Wahlvehörde mitzunehmen! Gin jüdischer Wähler, der nicht jüdisch Kühlt oder sich der Stimmenabgabe enthält, unterftücht unsere Feinde und gefährdet unseren Sieg! Wenn 'jeder jüdische Wähler und jede jüdische Wählerin am Sonntag jüdisch wähle«, ist unser Sieg sicher! Es kommt auf jede Stimme an! Re Mische WähIsemeiMast. Do» De. Rudolf Schwarz-Hiller, Gemeinderat der Stadt Wien. Die Ereignisse des 12. November 1818 haben dem AMtth verkleinerten Oesterreich zwar eine neue Staatsform: die Republik, näht aber die so ersehnte wirkliche Frech eit, Re mchre Demokratie, gemacht. Oesterreich ist zwar Republik, tKer Rs zmu heutigen Tage noch nicht demokratische NeftEk» Die ulte, ehemalige absolutistische Herrschaft der Wiener Bureaukratie wurde abgelöst durch die nicht minder drückende, nicht minder Verderbliche Herrschaft der Parteien. „Herrschaft wechselt nur die Hände, doch die Willkür nimmt kein Lude - . Selbst die wichtigsten Grundgesetze, zum BeifpkldäS ehrwürdige Gtaatsgrundgefeh vom 21. Dezember 1667 Über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger, haben bei ihrer praktischen Handhabung in der Republik keine Verbesserung oder Erweiterung, sondem im Gegenteile nur Verschlechterungen und Einschränkungen erfahren. Wir wissen ans der täglnhen Erfahrung zur Genüge, luie leicht sich heute der UeberMUt der Aemter über die staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Rechte und Freiheiten der Bürger dieses ^»ates hinwegsetzt, wie die Prinzipien der Rechtsgleichheit Mit. 8), der Zugänglichkeit der öffentlichen Aemter (Art. 3), der Freizügigkeit der Person und des Bernrögens (Art. 4). der Unverletzlichkeit des Eigentumes (Art. 5), der Gewerbesreihert (Art. 6), der persönlichen Frecheit (Art. 8), des Haltsrechtes (Art. 9), des Briefgeheimnisses (Art. 10) usw. des zitierten Gesetzes tagtäglich in leichtfertigster Weise bei Seite geschoben und nicht beachtet tverden. Auch die Preßfreiheit scheint, softrne es sich nicht Rm blutrünstige Hakenkreuzlerplakat« handelt, auf sehr schwarhen Füßen zu ruhen, wie die doch Manchmal recht eigenartigen Konfiskationen von Zeitungen zur Genüge dartun. Was der noch immer existierende bureaukratische Tropenkoller auf der einen Seite an Freiheitsberaubung leistet, besorgt in der Rechteverkürzung die hemmungslose Parteienwillkür. Und so hat man dem österreichischen Volke eit« Wahlordnung oktroyiert, die wohl jjf dev ganzen Welt ihresgleichen suchen dürfte. Die neue Wahlordnung, welche die Vornahme der Wahl der Vertreter für die wichtigste politische Körperschaft, für den Ration-altat, regelt, woselbst doch das österreichische Volk in all seinen Zusammensetzungen und Anschauungen zn Worte kommen sollte, ist von zwei großen Parteien lediglich für ihre ureigensten, persönlichen Herrschaftszwecke ausgearbeitet worden, und eine dritte Partei konnte für sich durch die Neuordnung des Reststimmenverfahrens auch noch ein Schäfchen ins Trockene bringen, über alle anderen Minoritäten ist aber in dieser neuen Wahlordnung ebenso gewalttätig ein Strich gemächt worden, wie etroa in den Nachfolgestaaten des alten Oesterreich Über die nationalen Minderheiten. Aus derartigen U,Gerechtigkeiten und Gewalttätigkeiten kann aber kein dauernder Frieden erblühen, uitb so kann auch diese neue Wahlordnung für unseren jungen, schwachen Staat keine dauernde Ruhe, keine dauernde Genesung bringen. Minoritütsvertretnngen sind in jeder össeutlichen Körperschaft unbedingt not- Ivendig. Mögen diese Minoritütsvectretungeu noch so klein seinsie siNd es doch, welche das schrankenlose SichausleLett der Parteimachtgefühle verhindern, ivelche durch ihre Kontrolle und durch ihre von Parteidoktrin und Parteiegoisinns fteien .Gedanken auf'die gesunde Entwicklung des Gemeinwesens einen günstigen Einfluß zu nehmen in der Lage sind. Um den Wahlrechtsraub an den Minoritäten nach außen hin. mit einem patriotischen Mäntelchen drapieren zu können, hat man das Schlagwort vom Abbau auch in die Wahlordnung hineingenommen, matt hat die Zahl der zu Wählenden ganz außerordentlich verringert, man hat in einer jungen Demokratie, in welcher der Bürger zum Politischen Denken und Leben erst erzogen werden muß, die Bedeutungslosigkeit 'der Stimme des einzelnen, die absolute Unmaßgeblichkeit der politischen Ueberzeuguug des' Individuums noch besonders betont und hervorgehoben. Ans diesen Erwägungen heraus hat sich nunmehr für die kommenden Wahlen auch die politische Einstellung der Minoritäten ergeben. Auch die Juden in Wien bilden eine Minoritätsgruppe. Ihre Anzahl dürfte ungefähr 200.000 Personen betragen, also zirka 10 Prozent der Gesamtbevölkerung. Mn Stimmberechtigten dürften zirkg 110.000 Wähler vorhanden sein. Die Wiener Judenschaft zeiHel bisher in zwei politisch scharf getrennte Teile: In den kleineren jüdischnationalen Flügel und in die weitaus größere Gruppe, welche sich politisch, soweit sie nicht in der Sozialdemokratie organisiert ist, zum überwiegenden Teile der bürgerlichen Demokratie anschloß. Seit dem unglücklichen Ausgang des Krieges, seil dem Zusammenbruch, ist in Oesterreich und Wien die aktive antisemitische Bewegung jn starkem Wachsen begriffen, sie wird teilweise von einflußreichen und materiell starken Kreisen innerhalb Oesterreichs nachdrücklichst gefördert, teils ist es auch ausländischer Einfluß, welcher den aktiven Judenhaß schürt und unterstützt, weil nach, tausendjähriger Erfahrung die Ablenkung der Volkswut Über große Enttäuschungen in die Jubengasse ein altbewährtes, probates Mittel zum Schuhe der. wahrten Urheber des die .Volkswut verursachenden Unheiles ist, und weil nur der Judenhaß als Vorspann die großen.Massen des Volkes derart zu blenden vermag, daß sie als willige Opfer den Lockungen der Reaktion anheimfallen. Die Juden Oesterreichs und insbe-. sondere Wiens befinden sich nun wieder einmal in der Lage, daß der gegen sie künstlich- und systematisch geschürte Haß als Ableukungsmittel für die Wut des schwer getäuschten Volkes einerseits, uub als Vorspann für dunkle, reaktionäre Zwecke andererseits dienen soll. Die Juden Wiens mußteil über ihre politische Orientierung schlüssig werden und sie haben gesund-en, daß es der richtigste Weg für sie dieses Mal wäre, keine Partei, insbesondere auch keine sich freiheitlich nennende Partei, durch die Parteimitgliedschaft zu belasten und in ihren politischen Aktionen hierdurch zu hemmen. Die Freiheit und die Demokratie sind doch absolute Begriffe, an deren Inhalt nicht gedeutelt werden kann, auch dann nicht, wenn die Juden der einen oder anderen Partei nicht ihre Stimmen, nicht ihre materielle Unterstützung angedeihen lassen. Oder fassen manche Parteien das Programm der Freiheit und Demokratie derartig auf, daß diese beiden hohen Prinzipien den Inden gegenüber nur dann angeivendet werden können, wenn die Juden der betreffenden Partei Wahldienste geleistet haben? Diese Ansfassnng der politischen Arbeit setzt aber eine besondere Niedrigkeit der Gesinnung voraus; das System, die Anwendung von programmatisch anerkannten Anschauungen und Verrichtungen gewissermaßen nur als Belohnmrg und Bezahlung für Wahlhilfe zuzusichern, muß jedermarm gegenüber dankend abgelchnt werden. Der Grundsatz: Und willst tot nicht mein Bruder sein, so hau' ich dir den Schädel ein, ist nicht demokratisch. Man muß daher auch beu Juden die durch die republikanische Verfassung gewährleistete politische Freiheit lassen nach ihrer Wahl und nach ihrer freien Ueberzeitgung ihre Stimmen am 21. Oktober 1923 abzugeben. Die Jüdische Wahlgemeinschaft . ist eine * durch und durch freiheitliche und demokratische. Partei. Der demokratische Gedanke fand schon bei Errichtung der Wahlgenreinschaft klarsten Ausdruck darin, daß Vertreter der verschiedensten politischen Richtungen sich in dieser Wahlgemeinschaft zusammen fanden, und daß jedem einzelnen Wahlwerber die volle politische Ueberzeugungsfreiheitwährendder Wahlen u u b n a chher gewährleistet wurde. Die in die Jüdische Wahlgemeinsichaft eingetretenen Demo k raten bleiben daher nach wie vor Demokraten, da sic aber Juden sind, wollten sie gerne vermeiden, daß andere, Nichtjnden, ihrethalben als Jndenknechte und Judettschutztrirppen bezeichnet werden, sie haben beit bescheidenen Wunsch, um dessenthalbeu die Jüdische Wahlgemeiuschaft jetzt von allen Seite»! so heftig airgegriffen wirb, als Jrrden ihre Ehre Ulit't *u verleid«»d diese Verteidigung nicht arideren Leuten zu überlassen, welche von dieser Bevollmächtigung niemals errtzückt waren und sich der Ausübung ihres Mandates auch nicht immer in einer sehr »vürdigen und glücklichen Weise.unterzogen. Die Jüdische Wahlgemeinschaft hofft, daß m Erkennung all der zwingenden Gründe, ivelche zur Errichtung dieses Zweckverbandes für die Wahlarbeit geführt haben, der größte Tell der Wiener Inden in allen Bezirken Wiens die Stimmen für die Jüdische Wahlgemeinschaft ab geben wird. Es darf keine Stimme verloren gehen, auch die Stimmen, welche in Bezirken abgegeben werden, in welchen keine Aussicht zur Erlangung eines Mandates besteht, »verden für die Neststimmenmandate gezählt. Die Angehörigen der Jüdischen Wahlgemeinschaft fühlen sich aber als eine durchaus österreichische Partei, welche so wie im Kriege auch in bet Nachkriegszeit bereit ist, jedes Opfer für die geliebte Heimat zu bringen, welche auch an ber1 Wiederaufbau- und Sanieruugsarbeit werktätigen Anteil niinmt, und welche keine Herrschaftsgelüste und keine sonstigen geheimen Absichten verfolgt, sondern, die lediglich eines für sich erstrebt, was ihr bereits seit 56 Jahren gesetzlich gewährleistet ist — gleiches Recht mit den anderen Bürgen» dieses Staates. Die Jüdische Wahlgemeinschaft' ist eine Vereinigung freiheitlich und demokratisch denkender Menschen, mögen jetzt die arrderen Parteien, von dem Ballast der Jndenfrage befreit, gegenüber der heutigen Welt der BorurteÄe urrd Gehässigkeiten dartun, daß sie auch ohne Jude» in ihrer Mitte nach wie vor bereit sind, die Grundsätze der Frküheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, dedemokratischen Manifestes von 1788, zu vertreten und zu vertewigen! A« die glMbmstreuen suden! .Ist es wjrklich wahr,.daß es unter den jüdischen Wähler» MenS, die sich stolz und sMi'bewttßt MubenÄM-u urüd vrkhodox neuneu, auch nur einen einzigen gäbe, der so pflichtvergessen, so gottverlassen wäre, am kommenden Sonntag anders als für die Liste der Jüdischen WahlyeMeftlschckft AN stitnM«? Ist es wirNich denkbar, daß Juden, die ihr ganzes ZÄbstt, ihr ganzes Sinnen und Trachten der Becherrlichuttg und Heiligung der jüdischen Religion und deS jüdischen Volkes weihen, mit ihrem Stimmzsttel sich zur Gsmainschast mit jenen Parteien rechts und links bekennenderen politisches Dogma di? Vertmglimpftnig des jüdischen Dolkes, deren Sinnen und Trachten die Ausrottung jüdischen Stammes oder aus der anderen Seite die Verhöhnung der jüdischen' Religion und ihrer Träger ist? Noch ist die Wahillschbacht nicht geschlagen, , und schon werfen die Kvei großen Parteien sowohl als auch die lächerliche psendolibevale Politische Blase sich gegenseitig die jüdischen Stimmen an den Kops, die sich ihnen ängEich ausdräugen. Die mit den N-assenischützlern veröinitzte Christlich. soziale Partei mit den Aber die Häupter der Juden drohend geschwungenen einfachen nnd gehakten Kreuz soll eure Schu.tz- Patronin sein? Oder wird die Sotzialdemobrcrtische Partei, die sich jetzt, in diesen Tagen der Wahürot, wohl auch die Zutreiberdienste einiger verlommuener KubduSsunktionäre gchallan läßt, zu gleicher Zeit aber m Wahlplakaten gettcke Juden dieser Kreise, orthodoxe Inders mit Vorliebe verhöhnt, vattbtttNr>det, anprangert, gegen sie die Wut der Massen anfacht — wird diese Sozialdemokratische Partei auch mrr «inen Finger für «ach rühren, wenn nicht jiDische Vertreter im Parlament eure Rechte verteidigen «nid die Parteien zur össeMichen Stellungnahme KvirrgM? Kavm werdet Gr auS der WvhWle getreten sein, werden alle WcchlmaÄen fallen nnd ihr werdet wieder der Prügelknabe sein, auf dem dte herrschenden Parteien ckn die Wett« losdveschen werden — wenn ihr am A. Oktober schwach oder ehrlos werdet nnd es durch eure Hattuug verschuldet, daß kein jüdischer Mgeordneter im PartlomeM sitzt, der für. euch Wache hält nnd den Judenfeinden in den Um Mt, wen, sie sich an euren Rechten vergreifen wolle«. MvubenStreue Juden! Die Treu« -um Glauben erschöpft sich nicht in der persönlichen Beachtung der OlvMüSgesetze, sondern muß sich in der Bemühung äußer«, die politischen .und sozialen Sicherheiten für di« Möglichkeit der GlickiibenS« treue zu schäften. Das können nur jüdftche Vertreter itt dev gesetzgebenden und kommunalen Mperschafte« er-wingeir. Mr haben jetzt die Möglichkeit, solche Vertreter in» Parlament «nt in den Gemeindevat zu entsenden. Mißlingt dies, ft dSrftn wir niemand anderem als nnS selbst, imsene Kurzsichtigkeit, ttttftre Glaubenseligkeit fremden Echlagwvrter« gegenüber dafür, v«. antwortlich machen. Aber eS darf nicht mißlingen! Wir werden siegen, wenn wir all« unsere Pflicht gegen uns selbst erfüllen. Wir werden unsere Pflicht erfüllen, well wir siegen müsien, ) :il wir sonst einer katastrophalen Zukunft entgegmgchen.!