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Wiener Morgenzeitung · 1923-10-17 · Heft 1679 (17.10.1923) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1679 (17.10.1923)
Date
1923-10-17
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Cfetfe I Mm. MMWöch EE SETI Wiener Moraen^errung. T t. xTTTOWfc IVStl 2 ABO ISTNIBBBTi •VB RBBEITBT! »II M Wiener Morgenzeitung ist das jüdische Tagblatt Wiens cc n ♦ ♦ Ausgedehnter Nachrichtendienst. — Ständige Berichterstattung über die politische und kulturelle Situation der Juden in allen Ländern. — Entschiedener Kampf gegen den Antisemitismus» — Ausführliche volkswirtschaftliche, Börsen-, Sport- und Theaterrubrik In jedes jüdische Haus gehört die „Wiener Morgenzeitung“ welche fade andere Tageszeitung vollwertig ersetzt Abonnementsbestellungen werden in jeder Trafik und bei der Verwaltung, Wien, II. Bezirk, Taborstrasse Nr. 1—3 (Telephone 43-3-19, 44-0-38) entgegengenommen n ♦ ♦ XjE SETI ABONNIBBET1 ■VE IR EE EITET 1 Anschläge der antisemitischen Parteien in Oesterreich abzuwehren, so ist dies in allererster Reihe dem Wirken des einzigen jüdischen Vertreters in der Rationalverscmtmlnng zu danken, der damals, als alle Dinge noch im Fluh waren und als die Erbitterung über die Niederlage die monarchistischen und nationalistischen Elemente in den Juden ein Ablenknngsnüttel für alle Enttäuschungen suchen lieh, mit Mut und Offenheit von der Tribüne des österreichischen Parlamentes aus den Kampf aufnähm urtd ihn mit Ehren für die Ehre des Judentums bestand. Dieser gewiß nicht erschöpferÄe Auszug ans der Wirksamkeit Strickers in der Nationalversau tutlung kann als Beweis dafür dienen, daß nur ein aufrechter Jude jüdische Belange vertreten kann; er möge gleichzeitig ein Appell an die jüdische Wählerschaft sein, in den Naiionalrat mit die Männer zu entsenden, die ihn: eine Gewähr für Gesinnungstüchtigkeit und mutvolles Auftreten gegenüber aller: unseren Gegnern bieten. Als solche kornmen einzig und allein die Kandidaten der Jüdischen Wahlgerneinschaft in Betracht. Jeder Jude und jede Jüdin wende daher ihre Stimme der jüdischen Liste zu! heit die vcrfiihrten jüdischen Wähler in Wien um den Nutzen ihres Wahlrechtes geprellt werden sollen. Wenn es vielleicht einzelne reiche Jrtden, Fabrikanten, Großhändler und Bankiers geben sollte, die, vom Hauptverband der Industrie am Schwarzenbergplatz bearbeitet, direkt christlichsozial wählen, so darf man dock den übrigen und namentlich den besitzlosen Inden Miene nicht zumnten, die so^ialdemolratische Liste zu wählen auf der Wohl einige Namensjuden nur zu dem Zweck stehen, um die Stimmer: der besitzlosen Jude:: de: Sozialdemokratie nutzbar zu machen. Jeder jüdisch« Wähler, der für die Entwicklung der wirtschaftlicher und Politischen Verhältnisse einen offenen Blick hat muß sich und andere vor dieser verbrecherischen Entrechtung schützen und alles daransetzcn, daß diese offen* kundige Spekulation auf die jüdischen Stimmen nicht gelingt. Darüber hinaus fühlen wir uns verpflichtet, der jüdischen Wählern mit aller Deutlichkeit zu sagen, das ernc Vertretung der jüdischen Interessen nur möglick ist, wenn sie aus aufrechten und bewußten Inder besteht. Das war immer so und ist jetzt, wo Oesterreich eine demokratische Republik ist und wo sich die großen Parteien die Allcinentschcidung anmaßen, umsomehr der Fall. Wer sich außerhalb der Massenparteien stellt, hat darum nicht verzichtet, wirksam vertreten zu werden, denn er sendet einzelne Personen in die Dertretungskörper, die, losgelöst von der Parteidisziplin einer Massenparter und von den antisemitischen Masseninstinkten, die von der Sozialdemokratie bewußt angefacht werden, für die jüdischen Interessen mnso wirksamer eintreten können. Nicht mit Deklamationen einzelner dem Judentum entstammender sozialdemokratischer Parteimänner, kann die in antisemitischer Vermummung auftretende Reaktion und nationalistische Barbarei wirksam bekämpft werden. Die Juden erniedrigen sich selbst, wenn sie der öden sozialdemokratiscljen Mache folgen. Die österreichische Sozialdemokratie hat mit Sozialismus ebenso wenig gemein wie der deutschnationale Antisemitismus mit dem Deutschtum oder der klerikale Antisemitismus mit dem Christentum. Lediglich durch das Auftreteil aufrechter Juden ist es möglich geworden, daß die verwerfliche antisemitische Treiberei der Jerzabek und Ursin unwirksam gemacht worden ist nnd daß das antisemitische Schlagwort bei Wahlen merklich versagt. Während aber die christlichsozialen Antisemiten den Jerzabek klugerweise immer mehr zurückstellen, wollen die auf den antisemitischen Masseninstinkt spekulierenden Sozialdemokraten den Antisemitismus der Christlichsozialen und Deutschnationalen immer wieder aufpeitschen. Dagegen müssen alle aufrechten, bewußten Juden mit allen Mitteln ankampsen. Der Ehrgeiz dec Juden kann und darf nicht darin bestehen, sich von beit ankisemitelnden Sozialdemokraten mißbrauchen zu lassen. Bei den bevorstehenden Wahlen geht der Kampf, darum, ob die bisherige christlichsozial-deutschnationase Negierungskoalition einer Koalition der Christlichsozialen mit den Sozialdemokraten Platz machen soll. Die Juden können und dürfen weder für den einen noch für den anderen antisemitischen Block die Kastanien aus dem Feuer holen. Wohin der Kurs führt, beweisen die Vorkommnisse der letzten Zeit, insbesondere an den Hochschulen. Ausnahmsgesetze gegen die Juden werden nur von den Juden selbst und ihrer politischen Vertretung abgewehrt werden können. Jede jüdische Stimme, die der Jüdischen Wahlgemeinschaft verweigert wird, fördert die Reaktion. Insbesondere die unmittelbar bedrohten jüdischen Staatsbürger müssen sich der Gefahr bewußt sein und deshalb den talmidemokratischen Wahlmanövern der Sozialdemokraten im weitesten Bogen ebenso ausweichen, wie der plumpen Wahlmache der „bürgerlich--demokratisckien" Tischgesellschaft und alles daransetzen, daß die Kandidaten der Jüdischen Wahlgemeinschaft als die alleinigen Vertreter des Prinzips der wahren Demokratie und der vollen Gleichberechtigung der Juden aus den Wahlen siegreich he>- Vorgehen. Das Wahlkomitee der Jüdischen Wahlgemeinschaft. Herausgeber unv Eigentümer: Jüd. Zcitungs- und Derlagsges. mb. H.. Wien, 2. Bez., Taborstraße 1—3. Bercmtw. Redakteur: Mlwin Goldschmied, Wien, 4. Bez., Fcwvritenstraße 72. — Druckerei- und Äerlags-A.-G. Ig. Snmmann (vercmtwonl. Leites' MDlberüerv 9. 2ka.. Uiit&ertfitüt.Sftmß* D, u Wie jedesmal vor Wahlen drängen sich auch diesmal die sozialdemokratischen Berufspolitiker an die jüdischer: Wähler heran, um ihnen den Stimmzettel abzulisten. Es ist dieselbe gewissenlose Spekulation, die, wie bei den früheren Wahlen, neben persönlicher Mandatsjägerei nur noch den Zweck verfolgt, die jüdischen Wähler zn verwirren, indem man ihnen vor der klerikal-antisemitischen Reaktion Angst macht. Der Bestand dieser Reaktion ist der sozialdemokratssäien Reklamepolitik wichtig, weil sie in Wahrheit mtr von dieser Reaktion als ihr gleich ekelhafter Gegenpari lebt, indent sie den Antisemitismus bewußt schürt und erhält. Daß sich dieser Mandatsschachergese llschüft auch einige betriebsame Juden angefchlossen haben, darf die jüdischen Wähler nicht täuschen. Durch diesen schmählichen Uebertritt hat die jüdische Demokratie nichts verloren, aber auch die Sozialdemokratie Nichts gewonnen. Bei den Wahlen im Jahre 1916 ist es uns gelungen, durch die Koppelung unserer Aste mit einer wirklich freiheitlichen Gruppt die Wahl Strickers in die Nationalversammlung zu erreichen. Die österreichischen Juden hatten dadurch Gelegenheit, kennen zu lernen, was die Tätigkeit eines aufrechten jüdischen Vertreters im Parlament zu erreichen vermag. Die Reden Strickers haben weit über die österreichische Oeffentlichkeit hinaus gewirkt, und nur seiner Tätigkeit ist es zuzuschreibeu, daß die Anschläge Ursins und anderer Antisemiten gegen das österreichische Judentum zuschanden geworden sind. Im Jahre 1920 waren wieder Wahlen. Damals wurde Stricker dadurch um sein Mandat gebracht, daß und Mhlerdme»! die von den Sozialdemokraten mit den Antifemiten beschlossene Wahlordnung die Koppelung zweier Listen ausschloß. Die Kandidatur Strickers hatte aber jedenfalls den Beweis geliefert, daß eine Bereinigung der jüdischen Stimmen auf eine einheitliche Liste den Wiener Inden nicht nur ein Mandat im Wahlkreis Leopoldstadt, Brigittenau, Floridsdorf, sondern darüber hinaus noch mehrere Reststimmenmandate in den übrigen Wahlkreisen Wiens sichern muß. Die Entrechtung zahlreicher Juden zum Nutzen der Sozialdemokraten wird auch diesmal in vollem Bewußtsein, daß sie ein Verbrechen ist, von den Sozialdemokraten wieder versucht. Durch die Aenderung der Wahlordnung mtfo die Einigung der Juden Wiens ist die Wahl von jüdischen Kandidaten diesmal gesichert. Daran können noch so Heuchlerische Rechenkünste der sozialdemokratischen Mandatsstteber nichts ändern. Das wissen auch jene gewissenlosen Jrrden ganz genau, welche die Iudenfchaft Wiens wieder fitx die Sozialdemokratie einfangett wollen; es ist ihnen nicht um jüdisck^ Interessen, sondern nur um die Erlangung von Mandaten zu tun, und wenn sie die Vermessenheit besitzen, den jüdischen Kandidaten Reklamesucht für daS eigene Geschäft vorziüverfen, so prallt diese Verleumdung an den makellosen Namen der jüdischen Wahlwerber Stricker und Plaschkes wirkungslos ab; sind diese Anschuldigungen doch von Bernfs- und Geschäftspolitikern erhoben. Jüdische Wähler! An euch ist es, diesem unwürdigen nnd hinterhältigen Treiben ein Ende zu bereiten. Hinterhältig ist dieses Treiben deshalb, weil in Wahr¬

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