Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1679 (17.10.1923)
- Date
- 1923-10-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Wiener Morgenzesfung._17 0!Mfer I9SS_IKt. WWT fie „Bürgerlich-demokatische Arbeitspartei" und die Fudeu! Wieder tritt die „Bürgerlich-demokratische Arbeitspartei" auf den Plan und fordert jüdisohe Stimmen. Der Präsident und Vertreter dieser Partei im Parlament, Ottokar Czernin, der von den Juden der Bezirke I, III und IV im Jahre 1920 . gewählt wurde, ist sofort nach der Wahl zu den christliohsozialen und grossdeutsohen Antisemiten übergegangen. Er hat sich um das Recht und die Ehre seiner jüdischen Wähler nicht gekümmert. Im Gegenteil. Er hat im Parlament antisemitische Reden gehalten und hat seine ganze Kraft darauf verwendet, eine ohristlichsozialgrossdentsche antisemitische Front zu schaffen. Ja, er wollte in seinem Zynismus seine jüdis« chen Wähler in den Dienst dieser schändlichen Politik stellen. Nur am Widerstande der Antisemiten ist sein Projekt, jüdisohe Wähler antisemitisch stimmen zu lassen, gescheitert. Trotzdem wagt ob dieser Mann, wagt es diese Partei, neuerlich auf den Fang jüdischer Stimmen auszugehen. Der beschämende Vorfall an der Wiener Hochschule für Bodenkultur enthüllt den antisemitischen Charakter der bürgerlioh-demokratischen Gesellschaft in seiner Gänze. Bekanntlich wurde vor wenigen Tagen auf dem schwarzen Brette dieser staatlichen Anstalt eine vom Professorenkollegium beschlossene und vom Rektor gezeichnete amtliche Kundmachung verlautbart, in welcher das Judentum beschimpft, als unmoralisch und gefährlich für die Kultur bezeichnet und ausgesprochen wird, dass es im Interesse der Moral notwendig ist, jüdische Hörer und jüdisohe Lehrer von der Hochschule fernzuhalten. Der Rektor dieser Hochschule ist der „bürgerliche Demokrat“ Professor Hofmeister, Mitglied der Bürgerlich-demokratischen Partei und ihr Kandidat und Listenführer bei den letzten Nätionalratswahlen 1 Dieser Mann hat nicht nur am Beschlüsse dieser roh-antisemitischen Kundmachung mitgewirkt; er, der sich Demokrat nennt und als solcher um jüdische Stimmen gebettelt hat, erkühnte sich, vor wenigen Tagen in einer Wiener Zeitung, dem „Morgen'1, diesen Vorstoss des Radauantisemitismus als berechtigt und notwendig zu erklären. Ja, er schwingt sich zur Behauptung auf, dass jeder kultivierte Jude diese Kundmachung unterschreiben sollte!) Mische Wähler md WWerimm! Diese Gesellschaft wirbt um Eure Stimmen! Und leider haben sich auch Juden gefunden, ehr- und pflichtvergessene Juden, welche die jüdische Einheit zu sprengen suchen und ihre Namen auf die Kandidatenliste dieser antisemitischen Partei setzen Hessen. Die Herren Hofrat Klang, Baumeister Melcher, Zeaarski u. a. finden es für gut, mit den bürgerlich-demokratischen Antisemiten gegen die „Jüdische Wahlgemeinschaft" zu kandidieren. Juden und Minnen! Wenn noch ein Punke jüdischen Ehrgefühls in Ehoh glüht, werdet Ihr diese dreiste'Zumutung gebührend beantworten! Keine jüdische Stimme für die „Bürgerlich-demokratische“ Reaktion 1 Keine jüdische Stimme für die Antisemiten Czernin, Hofmeister und ihre pflichtvergessenen jüdischen Helfershelfer! Wählet am 81. Moder in Me» Wiener Bezirk» die Me der .Mische» «MemMchift'I . Wh f Men, MfffvoP Ihnen zuruse: Ich bin ein Jude!" Als dann der deutsche Bauernparteiler Stöcker eine Brandrede gegen die Inden loSließ und erklärte, die Bauernschaft werde alles aufbieten, um zu verhindern, daß das Judentum Grund und Boden erwerbe, und daß die jungbauerliche Bewegmrg den Kampf gegen das Jrrdentum mit aller Zähigkeit und mit allen Mitteln aufnehmen werde, da fertigte ihn Stricker mit den Worten ab:„WassechsJahrtausendenichtvermocht habe.n, das werden Sie nicht brechen. Sie werden sich die Hände verbrennen!" Unter dem Eindrücke der Erklärungen Strickers sahen sogar die Sozialdemokraten ein, welchen Schaden der Passus von der deutschen Volkszugehörigkeit bei den Nationalstaaten stiften könnte, und sie schlossen sich dem Antrag Stricker auf Streichung dieser Bestimmung an. Es kam zu einer Kampfabstimmung. Infolge des Verrates d e s m i t H i lf e j ü d i s ch e r Stimme n g e w ähIte n ALg. Friedmann (Bürgerliche Arbeitspartei) wurde der Antrag Stricker mit 56 gegen 55 Stimmen a b g elehnt. Abg. Fried mann stimmte mit den christlichsozialen und großdeutschen Antisemiten. Gelegentlich der Erörterung einer Vorlage über Namensänderungen geißelte Abg. Stricker die Verbrechen der deutschen Beamten, die vor Jahren den Juden ekelhafte oder lächerliche Namen gegeben haben. Allerdings seien 95 Prozent der Gesuche um Nanlensändemng aus Feigheit und Charakterlosigkeit zurückzufiihren. „Es gibt nur einige Fälle," sagte er, ,chie davon auszunehmen sind, und zwar handelt es sich da um die Gutmachrmg einer alten, von deutschen Beamten begangenen Sünde. Bor zirka hundert Jahren wurden die Juden durch die deutsche Regierung gezwungen, deutsche Namen anznnehmen, und dabei hat sich etwas Amüsantes ereignet. Ihre deutschen Beamten haben es für gut befunden, den Juden, die nicht genug Bestechungsgelder geben wollten, unappetitliche Namen beizulegen, daher kommt es, daß heute Juden herumgehen mit dem Namen Bauchgeschwür, After usw. (Heiterkeit bei den Cbristlichsozialen.) Ihr Lachen ist ein Zeichen ihrer Schande. Nicht die Träger schändet dieser Name, sondern diejenigen, die frivol genug gewesen sind, menschlichen Geschöpfen Namen aufzubürden, die Ekel erregen, und da sage ich Ihnen, wenn es sich um GutmaHung dieser von Ihrem Volk an meinem Volk begangenen Verbrechen handeln wird, dann werden Sie Rechnung tragen müssen, der Stimme der Zeit und zugeben müsien, daß diese Namen geändert werden." Die Herbstsesiion des Jahres 1919 wurde mit einer großen politischen Debatte eröffnet. Die Großdeutschen benützten den Anlaß, um das der alldeutschen Preßküche entstammende Gsitmaterrät gegen das Judentum zu verspritzen. Abg. Strassner sagte, die Bevölkerung behaupte, die Majestät des souveränen Volkes gehe in Kaftan und Pajes einher, in die Staatsamter seien fast ausschließlich jüdische Elemente eingedrungen. „Wenn Ms dieser Stimmung heraus Bewegungen entstehen, so sind das nicht mehr Bewegungen des Angriffes, sondern Bewegungen zur Abwehr einer fremden Rasse auf das deutsche Volk. Heute könne MM nicht mehr von einer Judenverfolgung sprechen. Wir'haben in Europa Beweise genug fiir Arierverfogungen, und wenn die Regierung nicht stark eingreift, so wird vielleicht aus Wien der Boden einer Arierverfolgung werden/' In Erwiderung der Ausfälle Straffners ging Stricker über den Rahmen des äußeren Anlasses hinaus und verwies nachdrücklich Ms ' die Herabsetzung Oesterreichs vor dem zivilisierten Europa, die eine notwendige Folge disser Art Reden sein muffe. „In einer Rede gegen die Juden hetzen und zwei - Minuten darauf bejammern," fuhr Stricker fort, //daß man in Oesterreich keine Galgen und keine Scharfrichter mehr habe, das erspart mir eigentlich jede Diskussion mit Dr. Straffner. Es wäre empfehlenswert, nicht im Interesse der Juden, sondern im Interesse dieses Staates, wenn die Herren Antisemiten doch in diesem Zeitpunkte das Geschimpfe auf die Juden .einstellen wollten. Wir Juden sterben an diesem Geschimpfe 'nicht und Sie leben nicht von diesem Geschimpfe, aber eS geht um etwas anderes. Sie müsien sich damit vertraut machen, daß Oe st erreich heutenach demS lande seiner Zivilisation beurteilt wird. Es mag ja /bei Ihnen als höchst kultiviert und zivilisiert gelten, auf die Juden zu schimpfen, in den Augen der gesitteten Welt gilt das nicht mehr so. Ich bin der letzte, der Ihnen zuredet, Ihren Antisemitismus prei^ugeben. Lassen Sie doch das ohnmächtige Schmähen, das dieses Parlament draußen nur komvcomittiert und weiter nichts taugt. Ich sage es Ihnen in Ihrem Interesse, denn Sie vergessen immer, wer die Juden sind. Die Juden sind ein Volk, das sechsausend Jahre lebt. Sechstausend Jahre vermochten uns nicht umzubringen. Glauben Sie. was ein TituS, ein Nebukadnezar, was die Perser und was die Römer nicht vermochten, das wird der Verern deutscher P o st l e r können?" (Lebhafte Heiterkeit.) Stricker trat auch in dieser Rede gegen die Verunglimpfung der österreichischen Arbeiterklasse mit den Worten auf: „Man setzt sich auf den Semmering, man fährt nach Badgastein und schreibt von dort aus einen Artikel über die Arbeitsunlust des Wiener Arbeiters, und der zirkuliert in der ganzen Welt. Nun, die Arbeitskraft ist unser Kapital. Aber diese Arbeitskraft muß in Bewegung gesetzt werden, es ist notwendig, daß fremdes, produktive« Kadital ins Land kommt." Im Jänner 1920 stand die Wehrvorlage Dr Beratung. Abg. Stricker stellte sich aus beit einzig richtigen Standpunkt, daß wir nicht gezwungen sind, eine Armee aufzustellen: „Statt sich dieser herrlichen Zwangslosigkeit zu freuen, statt zu jubeln, daß man uns endgültig vom Fluche des Militarismus befreit hat, beeilt sich die Regierung,- sonderbarerweise ihr sozialdemokratischer Staatssekretär, eine Wehrvorlage auf den Tisch zu werfen. Dieser Entwurf entspricht nicht einem Bedürfnis des Volkes, sondern er verdankt seine Entstehung dem gegenseitigen Mißtvauen der Klassen und Parteien. Uober die gewiß nicht unwichtige Frage, ob wir überhaupt eine Armee brauchen, spricht niemand, ich betrachte die zu schaffende österreichische Wehrmacht als eine überflüssige und schädliche Sache, als einen Wechselbalg, den die Demagogie und das Parteigezänk hervorbringen. Eine solche Armee, die ja nur eine Karikatur ist, bietet nicht die geringste Garantie. Ich würde es für richtig halten, der Entente dieses Geschenk lachend vor die Füße zu werfen. Unser bester Schutz ist ehrliche und strickte Neutralität. Je waffenloser wir siüd, desto stärker sind wir. Dreißigtausend Söldner kosten drei Millionen im Tage, also über emundeinviertell Milliarden im Jahr. Das übertrifft das jährliche Ergebnis der Vermögensabgabe. Durch Ausgestaltung der Polizei und der Gendarmerie kann der Zweck, die Ordnung zu garantieren, besser und billiger erreicht werden. Diese unglückliche überflüssige Armee wird einen ewigen Zankapfel abgeben und ihr Bestand wird '\\\x Unruhe und Unordnung Hervorrufe:'" Die Hochschnlsrage. Im April 1920 wurden unter dem Drucke deutschnationaler Studentenorganisationen tschecho-flowakische, polnische, südslawische uud ungarische Staastbürger, sofern« sie Juden waren, zur Inskription an den Grazer Hochschulen nicht zugelassen, unter anderen auch solche, welche bereits seit mehreren Semestern Hörer der Grazer Hochschule waren. Während ausländische Nichtjuden Aufnahme fanden, wies man Juden unter dem Vorwände des Platzmangels, der Lebtznsrmttelnot usw. ab. In vielen Fällen erhielten jüdische Hörer seitens der Hochschulbehörden den sonderbaren Bescheid, sie mögen vom süldentisch-antisemitischen Hochschulausschusse Bestätigungen beibringen, daß dieser gegen ihre Aufnahme keinen Einwand erhebe. Abgeordneter * * i ä 11 brachte unter Anführung dieser Tatsachen eine Interpellation mt den Unterstaatssekretär für Unerricht ein, in der er unter anderem erklärte, in einem Knlturstaat dürfe ein solches System nicht gÄuldot werden. Die Unterrichtsverwaltung möge diesem unwürdigen Zustand ein Ende bereiten und die Aufnahme der infolge nationaler Unduldsamkeit abgewiesenen Hochschüler bewirken. Die Intervention Strickers hatte vollen Erfolg. Die Budgetdebatte gab dann Abgeordneten Stricker Wieder Gelegenheit, sich mit allen aktuellen Fragen der österreichischen Politik zu befassen. Er stellte als Ziel der österreichischen Zukunftsbewegung den Eintritt in den Völkerbund hin. /Mähreneineinhalb Jahren," sagte er, „haben wir auf jede selbständige Vertretung im Auslande verzichtet, haben erklärt, daß wir nur durch das Deutsche Reich vertreten sein wollen und haben nur aus diese Weise kostbare Zeit verloren. Was unsere äußere Politik selbst betrifft, kann ihr letztes Ziel nur die Aufnahme in den Völkerbund sein, wir können uns nicht den Luxus erlauben, mit einem oder dem'' anderen Staate anzubandeln oder gar unsere Spekulation auf Mißhelligkeiten gründen, welche zwischen anderen Staaten derzeit bestehen. Wir müssen trachten und mit allen Kräften dahin arbeiten, um in den Völkerbund ausgenommen zu werden und von dort aus für die Konsolidierung unserer Politik eintreten." Schließlich trat er sehr wirkungsvoll für die Wahrung des Rechtes der Mnoritäten Ms parlamerrtarische Vertretung ein und verlangte eine offene und ehrliche Aussprache über die Judsnsrage, die er der Demagoie ^aber auch der Rücksichtnahme aui alle Renegaten entzogen wissen will. Die antisemitischen Roheitsexzesse in der jüdischen Mensa academica waren der nächste Gegenstand, mit dem sich Abgeordneter Stricker in der Nationalversammlung beschäftigen mußte. Die großdeutschen Antisemiten traten für die Einführung des Numerus clausus an den Hochschulen ein, Abgeordneter Dr. N r s i n versiüg sich sogar zu der Erklärung: „Wir betrachten die Inden nicht als gleichberechtigt, sie haben ihr Gastrecht mißbraucht und wir machen von unserem Hausrecht Gebrauch, wenn wir sagen: bis hierher und nicht weiter." Er beantragte eine Resolution, in der von der Regigevung die Einbringung eines Gesetzes verlangt wird, wonach Ausländer, soweit sie nicht deutscher Nationalität sind, nur in beschränktem Maße zum. Studium an den österreichischen Hochschulen Lnzulassen sind. O si i u d e n seien aber grundsätzlich