Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1670 (8.10.1923)
- Date
- 1923-10-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Er begann mit einem Seitenhiebc gegen Lloyd George. Dem früheren Ministerpräsidenten stehe es frei, in Artikeln die französische Politik anzuschwärzen. Diesem alliierten Freunde stehe es auch frei, seine (Poincares) Reden als unangebracht zu finden. Es gäbe aber in Frankreich dennoch Menschen, die nicht mit verschränkten Armen dastehen, bis Deutschland seine Verbrechen in den verwüsteten Gebieten ausgelöscht habe. Frankreich werde in den nächsten Wochen Mit der Wiederaufbauarbeit beginnen. In Ligny besprach Poincare die Düsseldorfer Vorgänge und erklärte die deutsche Darstellung, als hätten die Franzosen als Mörder gewütet, als eine Lüge. Er ging dann zur deutschen Regierungskrise über, an der Frankreich vollkommen unschuldig sei. Frankreich werde fortsahren, Reparationen zu verlangen «nd werde erst dann die deutschen Vorschläge prüfen, wenn der passive Widerstand eingestellt und die Sachleistungen vollzögen würben. Er wendet sich dann gegen die Darstellung überseeischer und englischer Freunde, als ob der B e r s a i llerBertrag undurchführbar sei. Dem könne gegenübergehalten werden, datz sie ja selbst diesen Vertrag mitunterzeichnet haben. Man behauptet, Deutschland könne seine Schulden nicht bezahlen. Vergeffen wir nicht, datz Deutschland zur Zeit des französischen Einmarsches ein Moratorium verlangt haL Wen« Frankreich die Ruhr nicht besetzt hätte, so wäre Deutschland weiter säumiger Schuldner geblieben. Jetzt besitze Frankreich Pfänder und werde sie behalten. Frankreich werde nur auf diesem Wege zum Ziele kommen, wenn es Deutschland zur Erfüllung seiner Pflichten zwinge. DK Verhandlungen Stirmes' mit General Degoutte. Wiederaufnahme der Arbeit im Ruhrgcbiet. Paris, 7. Oktober. Die Agence Havas veröffentlicht nunmehr über die V or spra ch e deutscher Industrieller 'bei General Degoutte folgenden Bericht: In einer am 30. September in Una abgehaltenen Besprechung von Industriellen wurden Hugo Stinnes, Direktor Vogler, Präsident K l ö ck n e r sowie der Direktor der staatlichen Bergwerke, von Velsen, beauftragt, mit den Besatzungsbehörden bezüglich der Wiederaufnahme der Arbeit im Ruhrgebiet Fühlung zu nehmen. Die gesamten Vertreter begaben sich nach Berlin, um der deutschen Negierung diesen Beschluß zur Kenntnis zu bringen. Sie teilten der deutschen Regierung die Grundlagen mit, die es ermöglichen, ein Uebereinkommen mit den Besatzungsbehörden zu suchen. Mit Zustimmung der Regierung hatten sie dann mit Krupp von Bohlen im Gefängnis eine. Besprechung,.. worauf sie mit dem Delegierten des Verwaltungsdienstes, General Denvigne, eine Konferenz hatten. Sodann erfolgte die Vorsprache bei General Deg o u t t e, dem sie die grundlegenden Prinzipien unterbreiteten, die sie für die Wiederaufnahme der Arbeit in voller Zusammenarbeit mit den französischen Behörden ins Auge fassen. Die Delegierten begaben sich sodann nach Berlin zurück, um der deutschen Regierung über das Ergebnis der Zusammenkunft, die drei Stunden gedauert hatte, Bericht zu erstatten. Gegenstand der Unterredung war auch die Frage, provisorisch einen Modus für die Wieder ausnah me der Sachleistungen zu Reparationszwecken festzustellen. Neuerliche Spaltung ku der deutsche« Sozial« üemolratie? Berlin, 8. Oktober. (Tel. d. ,/Wr. Morgenzeittmg".) Die „Montagspost" berichtet heute von einer drohenden Spaltung in der Sozialdemokratischen Partei. Die nach lä'Ngeren Unterbrechungen gestern zu Ende geführte Konferenz der Berliner Bezirksvertretnng 'hat nämlich über die Haltung der Partei abgestimmt, wobei der radikale Flügel , einen vollkommenen Sieg errungen hat. Man darf deshalb mit einer Aenderung der Politik der sozialdemokratischen Reichsdagsfraktion rechnen, beziehungsweise, wenn dieselbe über die politische Haltung zu einem anderen Schluß kommen sollte, mit einer neuerlichen Spaltung der beiden Flügel und einem ge t r e nnten Borgeh en derselben rechnen. Segen den bayrischen Faszismns.! Zusammenschluß der mitteldeutschen Staaten. j Berlin, 8. Oktober. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Wie die „M o n t a g s p o st" aus Leipzig berichtet, fand geistem eine lange Beratung zwischen. dem sächsischen MMisterpräsidenten Dr. Zeig ne r und dem thüringischen Staatsminister Fröhlich statt, die eine Allianz aller mitteldeutschen.Staaten gegen den bayrischen Faszismns beischloß. Angesichts dieser Entwicklung der Dinge in Süddeutsch» laud hat der Reichskanzler sofort alle deutschen Minister zu einer Besprechung nach Berlin berufen. Sozialistische Einheitenfront in Sachse«. Dresden, 8. Oktober. (Del. der ,Mr. MorgenMung".) Die Einher tsfront zwischen ' Sozkaldeinokraten und Kommunisten ist nunmehr definitiv hergestellt worden. Die Kommunisten werden die Ministerreu für Arbeit und Kulltus erhalten. Ae Revolution in Portugal niedergeschlagen. Rom, 7. Okober. Aus Madrid wird gemeldet: Die Revolution in Portugal ist sofort wieder unt e rj drückt worden. Die Führer mußten flüchten. Es wird bestätigt, daß sich die Bewegung gegen den Präsidenten Teixeiros Gomez richtete, der gestern sein Amt angetreten hatte und gegen den schon am 3. d. M., als er auf einem englischen Kreuzer aus London in Lissabon eintraf, ein Attentat verübt wurde. Koufiantlnopel wieder türkisch. Konstanlinoyel, 6. Oktober.(Havas.) Die türkischen Truppen haben heute unter begeisterten Kundgebungen der Bevölkerung ihren Einzug in die Stadt gehalten. Die Häuser waren beflaggt. Abends war die Stadt festlich illuminiert. Zur Feier des Tages wurden Volksbelustigungen veranstaltet. znsammenßoß zwischen Royalisten und Republikaner«. Paris, 8. Oktober. (Tel. der „Wr. Morgenzcitung") Bei der Einweihung eines Kriegerdenkmales in Crehsse durch den früheren Innenminister Malvh kam es zu einem Zusammenstoß zwischen royalistischen , und republikanischen Teilnehmern, in dessen Verlauf Royalisten dem früheren Innenminister i n s Gesicht s ch l u ge n, während er von einem anderen eitlen Stockhieb erhielt. Da die republikanischen Teilnehmer eine drohende Haltung gegen die Camelots du Roi einnahmen, gaben letztere Revolvers chüsse ab. Die eingreifende Polizei nahm mehrere Verhaftungen vor. Amerikanische „Intervention". Eddyville (Kentucky), 7.. Oktober. In dem Eßraum des hiesigen Gefängnisses, in dem sich drei revoltierende Häftlinge verbarrikadiert hatten, ließ man Stickgase einströmen. Die Aufrührer wurden dann tot aufgefunden. Folgenschwere PMk in einer Kkewer Syno goge. Sechzig Lote, hundert Verletzte. Riga, 7. Oktober. (Havas.) Wie auL Kiew gemeldet wird, brach in einer Synagoge infolge plötzlichen Erlöschens der Beleuchtung eine Panik aus, bei der etwa 60 Personen den Tod fanden und gegeniov verletzt wurden. _ Frontbericht vom Sonntag. Hakenkreuzlerkrawalle in der Brigittenau und in Mödling Die Hakenkreuzler haben den gestrigen Sonntag wieder einmal benützt, unr sich bemerkbar zu machen. Es braucht nicht erst erwähnt zu werden, daß es in unangenehmer Weise geschah, und so wie immer, wenn diese Leute öffentlich austreten, Unordnung, Ruhestörung und Gewalttätigkeiten die Begleiterscheinungen sind, so gab es auch gestern an zwei Punkten Ausschreitungen. In der Brigittenau hatten die Hakenkreuzler oder ihre geistesverwandten Verbündeten, die Frontkämpfer, sich den außerordentlich geschmackvollen Scherz geleistet, am G a u ß p l a tz auf einen Baum eine Puppe aufzu- ' hängen, die einen Juden darstellte. Es war dies eine Provokation der Juden und der Arbeiter, die für gestern vormittags in einem auf diesem Platz befindlichen Kaffeehaus eine Wählerversammlung einberufen hatten. Als ein Bezirksrat die Puppe vom Baume herabholen wollte, wurde er von den angesammelten Hakenkreuzlern, Frontkämpfern und christlichen Turnern verhöhnt und beschimpft. Die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Parteien, drohten explosive Formen anzunehmen, so daß die Wache entschritt und: eine ganze Anzahl von Personen arretierte. Während man den Verhafteten auf der Wachstube in der Wallensteinstraße das Nationale abnahm, kam es ans der Straße zu neuerlichen Z u s a m m e n st ö ß e n zwischen einer anderen? Gruppe von Sozialdemokraten und den Provokateuren. Da die Hakervkvenzler schließlich sahen, daß sie gegenüber den erregten Arbeitern den Kürzeren ziehen würden, so wählten sie der Tapferkeit besseren Teil und liefen davon. Sie kamen aber ettvas später m-it einem ziemlichen Wach eau fg eb ot wieder zurück und beiklagten sich bitter, daß die Arbeiter ihre frechen Provokationen verhindert hatten. Ein gewisser H o r w a t h (offensichtlich ein veinraffiger Germane) beschuldigte einen sozialdemokratischen Bezirksrat, der Urheber der Tumulte zu sein. Die Wache tat den stechen Burschen den Gefallen und verhaftete den Bezirksrat. Erst um 1 Uhr ließen sie den Mann wieder frei. - Auch in Mödling verursachten die Hakenkreuzler gestern einen ziemlichen Krawall, bei welchem auch drei Personen verletzt wurden. Die Hakenkreuzler von Mödling hatten für gestern nachmittags eine Versammlung aus dem Kirchenplatz einberusen. Diese Versammlung wurde jedoch von der Gendarmerie verboten, was die Hakenkreuzler jedoch durchaus nicht hinderte, auf frett Kirchenplatz zu ziehen, um dort einen ihrer „reisigen Recken" feierlich zu empfangen, der aus dem Spital kam, wo er wegen einer in einem politischen Ranshandel erlittenen Verletzung gelegen hatte. Auf den: Kirchenplatz waren aber auch sozialdemokratische Arbeiter erschienen und es dauerte nicht lange, so war eine nette Sonntagskeilerei im Gauge. Die Gendarmerie versuchte die kämpfenden Gegner zu trennen, was ihr jedoch nur teilweise gelang. Bis in die späten Abendstunden war Mödling Kriegsschauplatz". An verschiedenen Stellen .der Front kam es zu kleineren „Patreuillengefcchten", beite» die Gendarmerie jedesmal ein Ende machte. Im ganzen wurden drei Personen verletzt, und zwar einer durch Hiebe mit einem Schlagring, einer durch Sie in würfe und der dritte durch Stockhiebe. Um halb 11 Uhr nachts trat am' der Mödlinger Front Ruhe ein, da sich die. .Hakenkreuzler zur Siegesfeier in ein Gasthaus -nrückgezogen hatten. _ Skandal bei Rotten. Die gestern im Redoutensaal angeisetzte RachmittagSoor» stellung des Schauspiels „Myrrha" war in Gefahr, abgesagt zu werden. Die Ursache bildete ein Konflikt zwischen den Schau, spielern der Berliner Rotter-Bühnen und ihrer Direktion wegen rückständiger Gagen. Der Bühnenverein mußte intervenieren; er machte die Staatstheaterverwaltung auf den Skandal im Redoutensaal aufmerksam. Den Rotter-Bühnen wurde ein Ultimatum gestellt, bis abwds alle rückständigen Gagen auszuzahlen. Desem Verlangen wurde entsprochen, so ■. daß die gppge HrrMimg ungestört vor sich gehen konnte. Die