Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1668 (6.10.1923)
- Date
- 1923-10-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16K Men, Samstag Sesterrelch. Ae gewesene österreichische Handelsmarine. Rom, 4. Oktober. Das am 7. November 1920 zwischen Italien und Jugoslawien in Paris abgeschlossene ZUsatzprolokoll betreffend die Aufteilung der österreichischen Handelsmarine ist gestern im Palazzo Chigi von M u s s o l i n i einerseits und vom jugoslawischen Gesandten andererseits unterzeichnet worden. Sine neue Ionankonferenr. Einer Belgrader Depesche Kusolge wird noch in diesem Monat in Budapest eine Donaukonferenz stattfinden, an der alle Nachfolgestaaten, ferner Deutschland und Bulgarien teilnchmen sollen. Die Konferenz, in der alle Donaufvagen zur Erörterung gelangen sollen, wird in Belgrad abgeschlossen werden. Ae letzte «emeknderatssltzmg vor de» Sie»« Wahlen. Gestern, kurz vor den Neuwahlen, platzten die Gemüter in der Wiener Ratsstube noch einmal gegen einander. Die Minorität hielt noch einmal der Majorität ihr ganzes „Sündenregister" vor, und die Majorität erwiderte durch ihre Sprecher mit dem Hinweis aus ihre Erfolge in der Verwaltung. Natürlich kam es da zu größeren oder minderen Zusammenstößen, es wurde viel von „Wahlschwindel" und „Wahlmanövern" gesprochen. Die Tschechen brachten ihre alten Beschwerden bei großem Lärm vor, aber schließlich fand die Sitzung doch ihren friedlichen Abschluß. Es waren nur zwei Punkte der Tagesordnung, die die lebhafte Bewegung in die Beratung brachten: Ein Antrag aus Gewährung einer Subvention von 100 Millionen Kronen für den Arbeitertouristenverein Die Naturfreunde und die Debatte über das dritte Notstandsprogramm. Die Subvention für die Naturfreunde begründete bereits der Referent im Finanzausschuß damit, daß in der letzten Zeit verschiedene Touristenvereinigungen ihre Schuhhütten nur einem bestimmten Kreise zugänglich machen und daß die Rassengegensätze auch in d:e Berge getragen werden. Die Gemeindeverwaltung soll den Ban solcher Schutzhäuser, die allen Bergfreunden zugänglich sind, durch diese größere Geldzuwendung ermöglichen. Die Christlichsozialen bekämpften gestern diese Vorlage mit der Begründung, daß die Subvention aus „parteipolitischen" Gründen' gegeben werde. Den Schutzherren des „Arierparagraphen" steht es wirklich schlecht an, mit parteipolitischen" Gründen ins Feld zu ziehen. In der Beratung des von Stadtrat Sr egel vertretenen dritten Notstandsprogrammes unterzog der Christlichsoziale Zimmerl das ganze Finanzprogramm der Majorität einer scharfen Kritik und erklärte, daß es sich bei dem dritten Notstandsprogramm eigentlich nur um ein Wahlprogramm handle. Auch Kunschak bemängelte das gesamte Finanzprogramm und erklärte im Namen seiner Partei, sich an der Abstimmung nicht zu beteiligen. Das Notstandsprogramm wurde schließlich von der Majorität angenommen. Die Valoristernng der städtischen Anleihen. Zum Schlüsse gelangte ein Dringlichkeitsantvag Rummel Hardts zur Beratung, welcher die Valorisierung der städtischen Anleihen verlangt. Der Antrag verlangt erstens, daß die Gemeinde allen Besitzern städtischer Anleihepapiere die erfolgte Ablieferung zur Wahrung ihrer vollen Rechtsansprüche bestätigt. Im Rahmen der Gemeindeverwaltung wird analog dem Vorgehen der Bundesverwaltung eine Hilfsaktion für notleidende Besitzer städtischer Anleihepapiere eingerichtet und der Magistrat wird beauftragt, das hierzu Erforderliche zu veranlassen. Die aus den mit der städtischen Leichenverbrennung abgeschlossenen Verträgen sich ergebenden Leistungen sind den Bestimmungen der Verträge entsprechend zu erfüllen. Der Antrag brachte abermals eine erregte Debatte. Schließlich wurden die Punkte 1 und 2 der goschäftsordnungsmaßigen Behandlung zugewiesen. Punkt 3 abgelehnt und die Sitzung geschlossen. Tschecho-Slowalei. Ae Gauvertretungrttahlen in der Slowakei. Sieben Juden gewählt. Nach den amtlichen Ergebnissen verteilen sich die bei den Gau Vertretungswahlen errungenen Mandate wie folgt: Es erhielten: die Slow. Volkspartei 69, die tschechischen Agrarier 60, die Kommunisten 28, die ung. Christlichsozialen . 17, die tschech. Sozialdemokraten 10. die ung. Kleinlandwirte 8, die ungarische Opposition (Christlichsoziale und Kleinbauern) 13, I u d e n 7, Karpathorussische Agrarier 2, Nationaldemokraten 1. Nach den Gaugesetzen hat die Regierung bis zum Jahre 1940 das Recht, ein Drittel der Mitglieder (12 für'joden Gan) aus den Reihen der Gaubeamtenschaft zu ernennen, vre volles Stimmrecht besitzen. Ungarn. Aprozentiger Beamtenabbau. Budapest, 5. Oktober. (Tel.-Komp.) Wie verlautet, wird nicht nur bei den staatlichen, sondern auch bei den st ä d ' . i | ch it A c nt t c r n f n z w a n z i gp ro; et i g er Abba u der Beamtenschaft zur Durchführung gelangen. Polen. IM Seydar? Danzig, 5. Oktober. (Tel-Komp.) Nach einer Mitteilung polnischer Blätter soll der hiesige Vertreter Polens, der Bizcmrnister Plucinskr, an Stelle Seydas für den Posten des Ministers des Aenßern in Aussicht genommen sein. Wiener Morgenzeitung. « ■ Warschau, 6. Oktobers DMFsiianzmmister < teM ' in .'der parlamentarischen Konferenz mit,- daß der ErsParungSk o m m i f s ä r bis zum 1. Oktober' die Za h l d e r S a a t 8-' beamten um 8395 verringert, habe- Der Personalabbau werde weiter f o r t g es e tz t':wevden. ‘ B^i der E i s e nbahn allem werden gegen»40.000 Angestellte <Debaut,wÄden. Ier Ausbim der Armee. Warschau, 5. Oktober. Der Ch ef der.fpantzösisch en Militärmissio jferklärte m einer UyterteVung mit einem Vertreter der Polnischen Teilegraphenagentur, der Ausbau der Organisation der PolnW schon Armee werde m indestens noch e i n e i n h a l b Jahre die Anwesenheit der!MnMMn MUtävmissM evfordoivn.' - - . Rumänien Ae deßarMsche» Stndente« »ege» de« Rnmern» rlansnr. Aus Budapest wird gemeldet: Eip in Jassy abgehaltener außerordentlicher Kongreß der beßarabischesi Studentenschaft stellte fest, daß in der Frage des'Numerus clausus eitles neutrale Lösung,,nicht besteheu kann, da..sie! ungeeignet ist, zur Normalisierung des Universitätslebens beizutragen. Der Numerus cldusus ist den Kultürinteressen der arbeitenden Nation schädlich und entspricht weder dem Zeitgeist noch dem Gedanken der beßarabischen Studentenschaft. Demzufolge weist sie mit En t schieden heit das Prinzip des Numerus, clausus zurück. Litauen. Ae Mische Ratko»alversammlmg. Atls Kowno wird uns gemeldet: Die WahMewegtMg zur Jüdischen Ratio palversammlung ist bereits in vollem Gange. In den meisten Mischen Gemeinden haben bereits -die Wahlen stattgefunden. Aus den hier emgelangten Mitteilungen ist zu ersehen, daß bisher' ttte zionistische L iste überall gesiegt hat. Der vw der orthodoxen Partei Achduth .proklamierte Boykott hat Schislfbruch erlitten. Sämtliche, orthodoxen Kveflle haben ein besonderes Interesse für die Wahlen zur Nadionalversammluuy bekundet und in allen Gemeinden bestanden die WGHleMtassen aus 70 bis 80 Prozent orthodoxer Kreise. Die W^lbetelliguing war ungemein stark.. Mw sehr rege Agitation hat auch die „nativmale Dem.okratie" entfaltet, die nicht unbedeutende ©cfb'T^e echielim wird. Die Agitation der Kommunistischen Partei, hat gämKlich Ml-, geschossen und die; Mischen arlbchteyden Massen . Wen sich ungemein aktiv am Wcchkgaüge. Di? PNW MiMatszahlen sind nöch ünbeWmt. . Ae tzMsche Relchskonferenr. Lord Clirzon bespricht die politische Lage. London, 5. Oktober. In der heutigem Sitzung der Reichskouferenz legte Staatssekretär deS Aeußeren Lord Curzon die auswärtige Lage in allen Teilm der Welt dar. Die englische Öffentlichkeit übt Kritik ft* der Regierung. London, 6. Oktober. Nach der ,Iimes" sei die Kritik an der Haltung Englands im Lande selbst im W a chsen begriffen. Sie gehe dahin, daß man Europa immer weiter in das Chaos fallen lasse, ohne daß von seiten Englands der geringste Versuch gemacht werde, durch seinen alten Einfluß diese Entwicklung aufzuhalten. Ae KrNsche RejmM. Angora, 4. Oktober. (Havas.) Nach der neuen Berfassungsurkunde wird die Türkei zur Republik erklärt werden, an deren Spitze ein auf vier oder sechs Jahre gewählter Präsident stehen soll. Die große Nationalversammlung wird bloß die gesetzgebende, das Kabinett die vollziehende Gewalt haben. . Ein Staatsrat, dessen Mitglieder vom Präsidenten der Republik ernannt werden, wird die Funktionen des' Senats ausüben. Wilder Streik auf der Berliner Hochbahn. Berlin, 6. Oktober. Aus der Hochbahn ist heute vormittags ein wilder S t r e i k ausgebrochen. Es handelt sich hauptsächlich um Lohndifferenzen. Die HochbahndirMon ist genötigt, einen Dell ihres Betriebes - ein zustellen. Ae rheinischen Separatist«« kaffen «ichtloSer. Berlin, 5. Oktober. Vertreter -er „Freien Rheinlands"- Partei sprachen, wie aus Paris berichtet wich, erneut beim Oberkommissär T i ra r d vor, um ihn zu veranlassen, ihnen einen Anteil gn der Verwaltun.g zu gewähren sowie ihnen, zu erlauben, ein Drittel der blauen Polizei aus ihren Reihen zu stellen. Angeblich sollen sie k e i n e Zusiche r -u n g e n.. erhalten haben. 6. Oktober 1083 GÄe S &*fe3 Bas MIrchen vo« jüdischen Bolschewismus Eine russisch-lettische Mehrheit. ÄüS Moskau wird berichtet: Die bolschewikische Regie« rung hat ihre Anhänger gezählt. Noch im Jahre 1902 zchltt die russische Kommunistische Partei 376.000 organisierte Mit. Meder. An ihrer Spitze standen die Russen M «md 270.000 Mitgliedern. Der Rest setzte sich zusammen aus Letten, Litauern, Estländern, Finnländern, Polen, Juden, Galiziern usw. Da man nun allgemein glaubt, daß die Juden den größten Prozentsatz der bofschewikischen Dersin-igungen bilden, ja sogar das Märchen verlbreitet ist, daß alle Juden in Rußland Bolschewiken seien, so sei hinzugefügt, daß in der russi, scheu Kommunistischen Partei sich 19.000 Juden befinden. Hingegen sind von den in Rußland lebenden Letten fast 90 Pro. zent Bolschewiken. Auch mehr als 30 Prozent der Litauer ge. hören der Partei an. Bon den in Rußland lebenden Polen gehören mir 10 Prozent der bolschewikrschen Partei an. Selbstmord des Harden-Attentöters. Wie aus B e r l i n gemeldet wird, hat 'der Seeman» Kruse, der, wie wir gestern berichteten, der Absicht eines A n f ch ' a g r § aus Maximilian Harden verdächtigt und von dcr- Poliz,' un, Rücksicht au, se n. frühere Unterbringung in einer Nectenh?:lrnst»l: in Lhvtzhas: grurmmen worden war. Selbstmord dur.b Erhängen?trüU, güdffche jtriegsgefangene in ««bland. Wie die polnische Nepatriierungskommission arbeitet. Das ,^Lemtbevger Dagblattt^ veröffeMicht inchevessantr Müsiluingen eiMs eben aus Rußland zunückgekshrten Kriegsgefangenen über die Behandlung der Mischen Kriegsgefangemn durch die Polnische Repatviierungskommission in Moskau-. In Rußland befinden sich noch Taufende von jüdischen Gefangemn, die nach Polen zuständig sind. Seit Jahr und Tag bemühen sich diese Gefanyenen, bei der polnischen RePatriieMngLkowmissivn chre Heimbefövderung -durchtzusetzen. Obwohl die. Gefangenen im Besitze der nötigen Dokumente sind, verweigert die Kommission ihre. Heimbefördevung. Trotz mehrfacher Inte» ventionien kümmert sich die Kommission überhaupt nicht «w das Schicksal dieser Gefangenen, während beispiMweise die österreichische Kommission die Sstevreichischtzn Kriegsgefangenen ohne Unterschied veMstigt und heimbefördert. Das Los der Mischen KviegSgchdngenen aus Poken ist ungynevn traurig und die meisten von ihnen v e r- 'hungern. HchmbeförVert werden nur christliche polnische Staatsbürger. Auf Grund dieser^ JnsovmatwMN wird der Jüdische Klub bei der Regierung intern und die sofortige Einstellung dieser Mißstände verlangen. Bom Friedhof »ttm Garten. , Ein neuer Park i« Favoriten. An der Grenze zwischen dem zehnten und dem fünfte» Bezirk, eingeschossen in die steinerne Wüste des Proletarier- -Viertels, umgeben von häßlichen Zinskasernen, kahlen, grauen Feuermauevn. Materialdepots und Holzlagerplätzen, lag bis gestern der alte Matzleinsdorfer Friedhof. Wildes G^trüpp, üppiges Unkraut, dichtes Gras wucherte schon seit langem aus den Gräbern und Wegen des alten Totenackers. Die Grabsteine verfielen, teils vor? Zahn der Zeit benagt, rells von mutwilligen Händen beschädigt und das, was einst eine liebevoll gepstegte Stätte der Pietät war, wurde im Laufe der Jahre zur ruppigen, unheimlichen Wildnis. Längst schon — seit 1873 — tru markeme Toten mehr hier heraus — der Friedhof in Matzleiusdors war im: der Eröffnung des Zentralfriedhofe ausgelassen werden. Nnd da die Toten keine Tote« mehr zur GesellsLaft bekamen, so gesellten sich die Spenden zu ihnen: Lichtscheues Gesindel, Obdachlose und andere von der Brandung der Großstadt an den Strand Geworfene fanden in. der Friedhofswildnis ihre Schlupfwinkel. Die undurchdr'mglichen natürlichen Lauben, die dichten Gebüsche bargen manches dunkle Geheimnis und während die Toten .in ihren Gräbern ruhig schliefen, erwachte auf den eingesunkenen Hügeln ein eigenes, neues Leben. Gar manchen „schweren Burschen" hat die Polizei dort aus seinem Versteck hervorgcholt und manches Stück Diebsbeute in den Gebüschen des Matzleinsdorfer Friedhofs aufgestöbert... So war es bis vor etwa einem halben Jahr. Eines Tages kamen Ingenieure mit Meßinstrumenten, zeichneten geheimnisvolle Striche in noch geheimnisvollere Pläne ein und wieder verging eine kurze Zeit, da kamen Arbeiter und große Wagen und es begann zwischen den Gräbern neues ungewohntes Treiben: Grabsteine wurden entfernt, die Grabhügel> die ohnehin längst eingesunken waren, geebnet, Rasenflächen abgesteckt und Wege angelegt. Aus dem alten Matzleinsdorfer Friedhof ward in wenigen Monaten ein neuer Garten, ein grüner Fleck eingesprengt in das ewige Grau des Favoritner Häusermeers.,. Mittwoch wurde der neue Park durch Bürgermeister -Reumann eröffnet und der Benützung übergeben. Er wird .Wald müller-Park heißen. 35.00 0 Quadratmeter Gartenfläche haben fiir eine S:adt. wie Wien schon etwas zu bedeuten. Es war ein schönes Stück Arbeit notig, um das zu schaffen. Viertausend Grab-, steine mußten entfernt werden. Die 20.000 Leichen, die auf JEDER WÄHLE für den Einkauf von Stoffen für die Herbst* und iiiQrnl. 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