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Wiener Morgenzeitung · 1923-10-02 · Heft 1664 (2.10.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1664 (2.10.1923)
Date
1923-10-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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ElnzelMDumerinOOO Wien: Zum Abholen in der Expedition, II.,Taborstr. 1-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Ocsterr. monatl. IC 28.000 Ts ch e c h o-S 1 owa k e i: Mon. K 17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. P o 1 e n: Mon. Mk. 100.000. Deutsch 1.: Mon. ost.K 28000. P rankr., Belgien: Monatl. Pres. 8 HT Naehr.»hlunsren oei Preiserhöhungen Vorbehalten I Tschecho-SIowak«! * tschaeh. K 1.— Italien: Monatl. 10 Lire« Rumänien Mon. 90 Lei Bulgarien Mon.-75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Pres. 3 Redaktion u. Administration Wien, Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19. ab 6 Uhr abds.19-483,25-285 T el.- Adr.: .Morgenzeitung" Wien Q österreichisches Postspar kassen- Konto Nr. 150.695 Nr. 1664 Wien. Dienstag, 2. Sttober 1923 5. Jahrgang —y. W i e n, 2. Oktober. Die übliche Sonntagsrede des französischen Ministerpräsidenten hörte sich diesmal etwas freundlicher an. Die Angriffe, die Poincare seinem Kriegervereinspnblitum zuliebe gegen Deutschland ltnb' seine Regierung richtete, sind dieslnal unterblieben, und Frankreich — sagt der Ministerpräsident— wolle nunmehr abwarten, in welcher Art und in welchem Zeitrannl Deutschland seine Reparationsverpflichtungen erfüllen werde. Ehe nicht der letzte Pfennig bezahlt.sei, werde das Rnhrgebiet nicht geräumt. Das ist im Wesen genau dasselbe, was der Ministerpräsident irnmer gesagt hat, aber er hat die Tonart gemildert. Frankreich hat einen sehr großen Erfolg errungen und die bedingungslose Einstellung der passiven Resistenz im Ruhrgebiet bedeutet politisch, militärisch und wirtschaftlich einen Triumph Poincares, der als Sieger vor die Kammer tritt und mit ganz anderen Aussichten als noch vor einem Vierteljahr an die Vorbereitung der Neuwahlen schreiten kann. Er hat die Nationalisten befriedigt, die sich an der Kapitulation Deutschlands berauschen können, und er bringt dem bäuerlichen Sparer, der voll Angst an die Kosten des Wiederaufbaues in den Nordostdepartements dachte, das . unschätzbare Pfand des Ruhrgebietes nach Hause. Poincare bringt aber noch viel mehr: Die Aussicht auf die Zerteilung Deutschlands, auf das endgültige Ausscheiden dieses. Staates aus der Weltpolitik. Der engstirnige Nationalismus, der die Weltpröbleme in der Kriegsmaschine klein zu mahlen wähnt, mag sich darüber freuen. Er wird inne werden, daß der Ruin eines so großen Volkes auch per Ruin ferner Nachbarn ist, nÄ daß man, nicht ungestraft mitten in Eürdpa litte Wiffte errichten kann. Einstweilen ist Deutschland in die Anarchie hineingeraten. Die französischen Franken haben gute und fast schon ganze Arbeit getan, und es ist im Augenblick sogar fraglich, ob es ein einheitliches Deutsches Reich überhaupt noch gibt, ob nicht die Verhängung des Belagerungszustandes schon zu spät kommt. Mit Polizeimaßregeln kann man derartige Fragen nicht lösen, am wenigsten aber dann, wenn selbst diese von denen sabotiert werden, die sie auszuführen hätten. Zwischen Rhein und Ruhr breitet sich ein Aufstand der Sonderbündler aus, von denen es immer hieß, daß sie keinen Boden in der Bevölkerung besäßen. In München regiert der Diktator Kahr lustig gegen Berlin und die Republik, nimmt der Kronprinz Rupprecht, umgeben von den Ministern und Generalen, eine Denkmalsenthüllung vor (zu der sich auch interessanterweise Tiroler Kaiserjäger als Vertreter der Wiener republikanischen Einheitsfront cinfanden), in der Festung Küstrin ver- - suchten Hakcnkrenzler einen Handstreich, im ganzen Reich ist die Presse unter Präventivzensur gestellt, wobei die Zensoren ausgerechnet die nationalistische Presse gewähren lassen. Kurz, es ist der Zustand in Vorbereitung, den man rn Frankreich ersehnt und zu dessen Schaffung man es an Geldopfern nicht hat fehlen lassen. Zweifelt noch jemand an dem tieferen Sinn der Dinge, die in München Vorgehen? Der Zwist zwischen den Vaterländlern des Diktators Kahr und den Hakenkreuzlern Ludendorffs, auf den man in Berlin so viele Hoffnungen setzte, hat sich verflüchtigt, und an seine Stelle ist ein schönes Einheitsrezept. getreten, dessen Hauptpunkte der wütende Haß gegen die deutsche Republik und gegen die Juden sind. Darin erschöpft sich das Staatsprogramn». des Nationalaktivismus; er hat nichts Positives, nichts Wertbeständiges zu geben, weil er es nicht besitzt. Hitler, der sich als Römer photographieren läßt, will den gordischen Knoten zerschneiden, und die um Ludcndmsf .träumen bereits von der Kriegserklärung an Frankreich. Weil sich im Krieg und am Krieg nämlich sehr gut verdienen läßt. Man hat in Oesterreich leider viel Anlaß, die Entwicklung in Deutschland sehr aufmerksam zu verfolgen. Österreich ist das Borland Bayerns, und die Zusammenhänge zwischen München und Wien, sind so dicht, daß eine Brandstiftung sehr leicht über die Grenze greifen kann. Die Wiener Nationalsosialisten lassen sich öfters hören, und die Schießerei, die am Samstag abends vor dem füllen Bahnhof in Spillern ein Menschenleben gekostet hat, ist ein neues Signal an das Ausland, wie schlecht es um Oesterreich bestellt ist und daß die Sanierung in sonderbaren Formen vor sich geht. Selbst die schönsten Wahlreden der Minister können die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß hier das gleiche geplant wipd, wie in Deutscbland, nämlich W KerbeiWmtza W Anarchie. Kahr — der bayrische Iuchthaus und Todesstrafe auf Streik und Sabotage. München, 1. -Oktober. Die Korrespondenz Hoffmann m.-l-et: Wie aus dem Generalstaatskommissariat verlautet, ist eine Streik Verordnung erlassen worben zu dem Zwecke, Sicherung für Aribeit und Betriebe zu schaffen. Durch diese Verordnung werden Streiks und Aussperrungen verboten, ebenso jede Art von Sabotage. Als Strafe werden Gesängnis und Geldstrafen ohne Höchstmaß angedroht, in besonders schweren Fällen Zu ch th a u s. Wenn das Ableben eines Menschen verursacht worden ist, kann auf Todesstrafe erkannt werden. Mit den gleichen schweren Strafen soll die AbbeitswilligkeiL geschützt Ivevden. Alle Terrorakte, wie Mißhandlung, Beleidigung oder Bedrohmtg sowie wirtschaftliche Schädigung, gegen Beamte, Angestellte und Arbeiter wegen ihrer vaterländischen oder sonstigen politischen Gesinnung fallen ebenfalls unter die Verordnung. München, 1. Oktober. Die Korvespondenz Hoffmann meldet: Ter Generalstaatskommissär hat eine Verordnung erlassen, nach -de.r Landesverrat mit dam Tode betraf: werden kattn. München, 1. Oktober. (Süddeutsches Korr.-Bur.) Das vom Generälstaatskommissär v. Kahr ausgesprochene Verbot der sogenannten Schutzabteilungen der Sozialdemokratischen Partei wird heute durch eine Verordnung rm „Staatsanzeigrr" im einzelnen bekannt gemacht. Danach werden die Sich erheits- und Selbstschmchv,erbäulke sowie äMsche ElNÄchtungen der Bereistigien sozialdemokratischen und kommunistischen Partei verboten und aufgelöst. Waffen, die den Zwecken der ansgelösten! Verbände gedient halben,-sind dem Staate ohne Entschädigung verfallen: Wer einem hiernach th irgrrarana—«■ aufgelöster' ^rbande angehört cder die Bildung eines nenev- Verbandes an Stelle des aufgelösten unternimmt, wird Mi,' (Gefängnis und eventuell auch mit (MDra-fen bestraft. . Sächsische Hakeukreuzler marschieren nach Bayer«. Berlin, 1. Oktober. (Tel.-Kornp.) Das Merline» Tageblatt" will aus zuverlässiger Quelle erfahren haben, daß sich in den letzten Tagen zahlreiche Angehörige derechtsradikalen Stahlhelmbundes aus der Provinz Sachsen in Magdeburg gesammelt und sich in geschlossenen Verbänden nach Bayern begeben haben. Der KWriner Handstreich. Berlin, 1. Oktober. (Wolff.) N a t i o n a 11 o m nt rr» nistische Haufen versuchten heute stütz Küstrin zuüberrumpeln und drangen in die militärisch nicht belegte Altstadt ein. Der Kommandant von Küstrin hat ihren Führer festgenommen. Die Garnison sei in die Stadt eingedrungen und habe die Unruhestifter im Zeughof eingeschlossen. Mehrere Führer seien verhaftet worden. Die von den Nachbarorganisationen anmarschierenden Verstärkungen würden voraussichtlich nickt mehr einzugreifen brauchen. Me Goldmark — 36 Millionen Papiermar?. Berlin, 1. Oktober (Wolff.) Für die Zeit vom 3. bis 5. Oktober einschließlich ' beträgt das Goldzollaufgeld' 3,599.999.900 Prozent. Eine Goldmark ist gleich 36 Millionen Papiermärk. Gestern früh ist hier im Parksanatorium der gewesene Reichsratsabgeordnete und Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift", Dr. Josef S. Bloch, nach kurzer Krankheit gestorben. Dr. Bloch wurde am 20. November 1850 in Dukla (Galizien) als Sohn eines Bäckers geboren, hat somit ein. Älter volu 73 Jahren erreicht. Früh erwarb der junger Bloch umfassende talmudische Kenntnissse, die ihn schon als Fünfzehnjährigen berühmt machten. Seine ersten Lehrer waren Josef Saul Nathanson und Chaim C o h e n- Rappaport. Er kam dann, nachdem er inzwischen in Magdeburg und Liegnitz als Privatist das Obergymnasium absolviert hatte, an die Rabbinerschule Hildesheimers. In Müucheir besuchte er die Universität und dort begann er auch seine wissenschaftlich-literarische Tätigkeit. An der Universität in Zürich wurde er zum Doktor der Philosophie promoviert. Dr. Bloch bekleidete dann einen Rabbinerposten in Rendsburg in Holstein, dann in Kobylin (Posen), Brüx und Floridsdorf, das damals noch eine eigene Jndengemeinde bildete. Schon um diese Zeit erschienen von Bloch außer Aufsätzen in verschiedenen Zeitschrifterl auch mehrere selbständige Arbeiten, so unter anderem: „Ursprung und Entstehung des Buches Koholet", Bamberg 1872, „Studien zur Geschichte der Sammlung der althebräischen Literatur", Leipzig 1874, „Die Juden in Spanien", Leipzig 1876, „Hellenistische Bestandtelle im biblischen Schrifttum^, Wierr 1880, „Quelle und Parallelen zu Lessings Nathan", Wierr 1880, „Jean Bodin, eilt Vorläufer Lessings", Wien 1882, und „Gegen die Antisemiten", Wien 1882. Die letztgenannte Schrift führte Dr. Bloch in die politische Kampfesarena ein. Sein Verdienst war es, zum ersten Male die grobe F ä l s ch u n g s a r b e i t der Judenfeinde in unanfechtbarer Weise bloßgelegt und die Verleumder öffentlich als Fälscher und Meineidsgelehrte entlarvt zu haben. Der Name' Dr. Bloch wurde zuerst durch seinen 'Prozeß mit dem damaligen Hauptrvortsührer der Judenfeinde- August R o h l i n g, Professor an der Prager deutschen theologischen Fakultät, in aller Welt bekannt. Es war um dieselbe Zeit, als der Ritnalmordprozeß von Tissa Eszlar alle Welt in Erregung versetzt hatte. Professor Rohling schrieb damals an den Vorsitzenden des tzjerichtshoses, er sei bereit, zu beschwören, daß der Mord an christlichen Kindern, um das Blut zu rituellerr Zwecken zu verwenden, im jüdischen. Schrifttum als religiöses Gebot gelehrt werde. Diese Erklärung bot nun Bloch die Gelegenheit, den Kampf EM die MMmoMigM bis Mir, Ende. auWfcKtM,.. Bloch erhob gegerr Rohling in einer Reihe von Zeitungsartikeln die Anklage des Meineides. Rohling mußte klagen. Aber er versuchte gleichzeitig unter allerlei Ausflüchten den Verhandlungstermin hinauszuschieben und schließlich wurde Rohling in der am 20. November 1885 abgehalte--. Sven Schwnrgerichtsverhandlung unter der Last des Blochschen Materials gezwungen, seine Anklage zurückzu ziehen, und sich damit abzufinden, die sehr bedeutenden Prozeßkosten zu tragen. Im Jahre 1883 gründete Dr. Bloch die „Oesterreich ische Wochenschrift", die er bis zum Jahre 1920 leitete und bis in die letzten Jahre des Bestandes des Blattes auch selbst redigierte. Die „Oesterreichische Wochenschrift" erwarb sich sehr rasch Ansehen und war auch - eine Sammelstätte! aufftrebender jüdischer Journalisten und Gelehrter, die in diesem Blatte ihre ersten Arbeiten veröffentlichten. Den. Höhepunkt ihres Ansehens erreichte die „Oesterreichische Wochenschrift in jener Zeit, als ihr Herausgeber als A b g e ordne» ter ins österreichische Parlament einzog. Bloch wurde dreimal, und zwar 1884, 1885 und 1891 in Kolo-meä zum Abgeordneten gewählt. Ursprünglich war er tut Parlament Mitglied des Polenklubs, aus dem er dann austrat, als er sah, daß er durch seine Mitgliedschaft in der Vertretung der jüdischen Interessen behindert war. Wie als Journalist war Dr. 'Bloch auch als politischer Redner und ganz besonders als Parlamentsredner wegen seines Temperaments und seiner unerreichten Schlagfertigkeit sehr gefürchtet. Dr. Bloch hat auch sonst im jüdischen öffentlichen Leben Wiens und Oesterreichs Jahrzehnte hindurch einflußreich gewirkt. Er war einer der Gründer der Oester-j reichischen israelitischen Union, der Israelitischen Allianz zu. Wien, und einer Anzahl anderer jüdischer Gesellschaften, von denen mehrere ihn zu ihrem Ehrertmitgliede wählten, und gehörte auch dem unabhängigen Orden der B'nei Mrith au. Außer den bereits oben angeführten Werken und. seinen über den Rohling-Prozeß und die Ritualmord-- lüge veröffentlichten Sammelwerken hat Dr. Bloch noch eine Anzahl wertvoller Arbeiten veröffentlicht, so: „Die Arbeiter bei Griechen, Römern und Palästinensern", „Elementarschule oder Erziehungswesen bei den alten Völkern", „Armenpflege und Heimatsrecht, eine sozial-talmudische Studie", „Einblicke in die Geschichte der Entstehung der talmudi.schen Literatur" u. a. nt. .In den letzten Jahren veröffentlichte Dr. Bloch die ersten Bände seiner Lebenserinnerunq,cn, von welchen noch urtdiktierte Manuskripts zurückgeblieben sind. Dr. Bloch war bis zu seiner letzten ErkranKmg noch immer körperlich und geistig frisch, arbeits- und mtternehmuugslustig. Vor zwei Wochen erst hatte er gegen die „Reichspost" einen Preßprozeß angestrengt, über den wir in ruchrem. MMte bxrMeteri- ^395

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