Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1662 (30.9.1923)
- Date
- 1923-09-30
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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I T T flr (j i r > ~ ’*'W ..„, ,yr„ *.^,,„4^ ««e 14 Men, Sonntag Wiener Morgenzeitnng. 30. Sep-teniiber 1923 Nr. 1662 ■ JUEDISCHE JUGEND I Aus dem Tagebuch eines 3ungwanderers. (Als Ordner in Karlsbad.) Karlsbad ist ein Großkurort. Di.' Stadt ist voll von Hotels, Ponstonen und F-amilienhänsern. Diese sind nach Begrissskategorien gcordncc: In der etnan Straße findet man nebe-nvinarrder Genua, Mailand, Neapel, Dien, Warschan, Lyon und Chicago; in der Paralbe-tstraße kannst du das ganze Tierreich durchwandern, nur Walroß und Henschreck habe ich schmerzlich vermißt. Die Perle aber, das unerreichte Ideal, ist Grand Hotel Pupp, die Puppschen Anlagen. Wer dort einmal zur Jause war, konnre mit scheuer Bewunderung die vor.n.hm-e Welt betrachten, wie sie, geschminkt und gepudert, nach Chypre untz Houbigant -dustend, Tag nnd Nach: chrcr „schweren Arbeit" nachgcht. In einer Straße aber cst der ganze Kurort ^versammelt, und frühmorgens schon ziehen sic alle in lange-.: Nekyrn, alt und f-ung, schön und häßlich, dick und dünn, das Glas in der Hand, an dam heiligen Brunnen vorüber. Das Schützenhaus sieht ungefähr an der Grenze zwischen dom Kurort und den Teilen Karlsbads, die von den Einheimischen bewohnt werden. Im großen Theaters aal, wo im Winrer Onestsp und Shimmy geschoben wird, tagte der Kongreß. Die anderen Zimmer waren Bureaus. Wir waren ungefähr 250 Ordner, aus Deutschland, der Tschecho-Slowakei und Oesterreich. Wir hatten in einer Volksschule unser Onartier, wo wir auf Strohlagern in Gruppen geordnet schliefen. In der Früh gab eS großen Lärm beim Waschen, wenn wir uni den Schlauch stritten, um uns gegenseitig abzuspr-itzen, und uns dann triefend i« einen stillen Winkel zurückzogen. Manchmal aber klangen Liedcr zur Morgensonne hinaus, wenn die Schomrim ans Wien, in einer Reihe sitzend, ihre Füße nachdenklich in den Trog baumel-n ließen. Um 10 Uhr morgens war Appell himer-m Schützenhaus, wo jede Gruppe ihren Dienst zugewiesen bekam, da wimmelb.' es -von Jungen», Schomrinr in ihren Schwarzhemden, wir Jungwan'derer in grauen Hemden, die Linzer in gelben, den u-nwermeidl-ichen Brotsack am Gürr-cl, die -Karlsruher Blau-Weißen in ihrer Samroreß. Jede Gruppe wollte den ersehnten Dühnendienst; aus der Bühne saß nämlich die Exekutive, da konnte man Sa io low einen Zettel überbringen, Schmarja Levin die Türe öffnen und Pros. Weizmann ausweichen. Oder man wollte wenigstens 'Saaldienst haben, mitd-.u unter den Delegierten, wo links die Misrachi saßen, die uns schief a-nsahen, lveil wir kei^e Kappen hatten, oder rechts bei der Poale Zion, die unnv.'r -dazwischen riefen — was übrigens die Misrachi auch taten — «Kd sich erhitzten, wenn wir den Misrachi einen Zettel zuviel gaben: wir verteilten nämlich fortwährend Zottel, Resolutionen, Berichte, Ankündigungen, alles bum -durcheinander. Oder wir brachten Herrn F. ein Dillct'dmix, -daraus verließen seine Parteigenossen -mit ihn: in hellen Scharen den Saal und hielten erregte Beratungen ab, in den Gängen hallre es von Stämmen, wir mußten Ruhe schaffen, die-/: Gegensätze ansgleichrn. O, es konnte kern Unberufener in den Saal, von der äußersten Eingangstür bis zu feinem Sitz begleiteten den Delegierten die freundlichen Ordner; an jeder Tür und Ecke ein and:rer, der ihn, den geplagten Diann. -immer höflich und milde ersuchte, seine Karte zunl sechsten Mal vorzuze!ge.n. Es konnte sich keilte: über zu geringe Aufmerksamkeit beklagen, bei uns wenigstens. Alle feine Wege wurden bewacht und behütet. Es war ein schwerer Dienst. Aber am Ende hatten sie alle gelernt, unseren Anordnungen widerspruchslos und ohne Warum nnd Wieso Folge zu leisten. P. M.! - , Verinnerlichung! Äch >nuß, selbst auf die Gefahr h'n, daß meine Konsequenz lächerlich erscheint, wieder dieses von mir so oft behandelte Thema erörtern; es scheint mir, daß man es ob wichtigerer Fragen vernachlässigt hat. Die Jugend, die gezwungen ist. in einer derartigen Zeit, wie es die heutige ist, zu leben, hat doch meiner Meinung nach, die Psticht, alle Fragen um dieses einen Umstandes willen in den Hintergrund zu stellen. Erinnern wir uns, wovon wir eigentlich ausgingen, als wir den Mut faßten, eine neue jüdische Gemeinschaft zu schaffen. Der Gedanke der' Volksgemeinschaft — kol Israel Achim — war unser erster, und in zweiter Linie schwebte uns das Ideal emer sozial gerechten Gemeinschaft vor. So sehr wir daran fosthalten wollen, es wird uns sehr erschwert durch den allgemeinen Charakter der Zeit sowie auch dadurch, daß wir uns ja nur sehr schwer von ihrem Geiste loslösen können. Nach den fünf Kriegsjahren hat — in Europa — ein toller Wirbel des Materialismus eingesetzt. Man hat das instinktive Bestreben, die Blutverluste durch Mein und die verloren gegangenen Güter durch Papier zu ersetzen. Der allgemeine Tanz nm die Börsen, die krankhafte Sucht, mühelos reich zu werden, das alles hat Typen gezüchtet, so verächtlich, wie sie kein Zeitalter gekannt hat. Und nun, wie jeder Truck Gegendruck erzeugt, so hat auch diese Zeit Menschen hervorgebracht, die in schärfster Abwehrstellung zu allem, das vom Materialismus kommt, stehen. Es find ihrer wenige und diese wenigen noch sind in der großen Masse unsichtbar, und man muß sehr genau Hinsehen, will man ihrer ansichtig werden. Sie zu mehren soll Aufgabe der jüdischen Jugend sein. Es geht um Weltanschaunngsfragen'. Entweder ist das Leben ein Disferenzspiel an irgendeiner Börse oder es ist mehr. Preisausschreiben. Die Einsendungen ntüssen einseitig und deutlich lesbar geschrieben sein. Es rnuß Name, A l t e r u n d A d r e s s e angegeben sein und ein A n s s ch n i t t dieser Ankündigung der „Morgenzeitung" beigeschlossen werden. Es können inehrere Arbeiten von einem Einsender eingereicht werden. Me Einsendungen müssen jedoch bis 20. O kt o ü e r beim Sekretariate, 2. Bez., Taborstraße 20 u, übergeben sein. Tie Preise find Bücher moderner jüdischer Literatur, Wanderbehelfe usw. Wir behalten uns vor, die besten Arbeiten zu veröffentlichen. 1. Gruppe. (Mr z« 14 Fahren.) Thema: „Unsere Feste." 2. Gruppe. (Bon 14 bis 1? Fahre.) Thema: „Meine Forderungen au die Schule und Lehrer." 3. Gruppe, (lieber 17 Fahre.) Thema: »Was erwarte ich vom Leben?" Entweder sind rote Ab-udwolkcn eine Erscheinung der Lichtbrechung oder etwas unsagbar Schönes, das man nicht näher erforscht. Es gib: ke'.ne Kompromisse. Die Grenzen.sind haarscharf gezogen und wer aus unserem Bereich des Immateriellen hinüb-erfchielt. gehört schon nicht mehr zu uns. Das möge bedacht werden. Welches auch innrer die Fragen sind, welche die jüdische Jugend beschästigenI'sie vergesse n:e, daß es außerdem noch darum geht, ob die Menschheit weit-er-lebcn kann, ob nicht die Brutalität, die Geldgier, die Sucht nach Macht, unser Jahrhundert beherrschen. Bei ii n § muß der Anfang gemacht werden. Wenn -wir den ehrlichen Willen haben, in uns all den Schmutz, alle die Erscheinungen der Zeitkrankheiten zu entfernen, dann wird bald, wie Buber sagt, das Drinnen zum Draußen und das Draußen zum Drinnen werden. b—. 8k» Blau-Weiß'Gedicht von Ludw. Aug. Frankl. Judas Farben. Der Jude kehrt nach Ost den Blick Und seiner Seele Sorgen; Er denkt an seines Reichs Geschick Und an der Freiheit Morgen. So wie ein Herrscher, der, verbannt In des Exiles Schmerzen, Sich noch von dem verlortten Land Der König fühlt im Herzen. Anlegt er, wenn ihn Andacht füllt, Die Farben seines Landes; Da steht er, beim Gebet verhüllt, Weiß schimmernden Gewandes. Den Rand des weißen Mantels breit Durchziehen blaue Streifen, So wie des Hohenvriesters Kleid ' Die blauen Fadenschleisen. Die Farben sind's des teuren Lands, Weiß-blau sind Judas Grenzen: Weiß ist der priesterliche Glanz Und blau des Himmels Glänzen! (Aus dem „Jahrbuch für Israeliten", Wien, 1855-56.) Am mrserer alten Weisheit. Theorie der Butze. (Talmud Taanith, S. 10 a.) Wer bei sich denkt: „Ich werde sündigen und Buße tun; ich tverde abermals sündigen und von neuem Buße tun," dem gibt die göttliche Gerechtigkeit keine Gelegenheit zur Buße. — Wer bei sich spricht: „Ich werde das Böse tun und das große Fasten wird alles sühnen," für beit wird das Fasten nichts sühnen. — Die Bußtage dienen zur Vergebung der Fehler der Menschen gegen Gott. Aber für die Beleidigungen des Menschen gegen Menschen kann nichts helfen, solange die Beleidigung nicht gut gentacht und der Beleidigte nicht versöhnt worden. (Joma, S. 85 b.) Reb Adda sagte: ,Mer die Früchte seiner Sünden in Händen hat und Buße tut und weint und betet und indessen die Frucht seiner Sünde nicht wegwivft, womit kann der verglichen werden? Man kann ihn einem Toren vergleichen, der ein unreines Insekt in feiner Hand hält und sich in diesen Wassern wäscht und sich in jenen Wassern wäscht. Aber er wird nie dadurch geeinigt werden, solange er das Insekt nicht wegsvirft." * Das Fasten. (Talmud Taanith, S. 16 a.) Bei einem öffentlichen Fasten erhob sich der Ehrwürdigste der Gemeinde und sprach: „Meine Brüder! Nicht das Fasten, nicht das Bedecken mit einem Sacke tragen bei, die göttliche Gnade zu erlangen, sondern die Buße und die guten Werke. Als Gott den Bewohnern von Ninive Vergebung gewährte, sagt der Prophet, nahm Gott keine Rücksicht auf ihre Fasten und ank »hre Säcke, sondern aui ihre Reue." Re Schule m alten Fftael. Rabbi Josua ben Gantla, der kurz vor der Zerstörung des zweiter! Tempels lebte, blieb es Vorbehalten, der Schule den Charakter einer festen Institution zu verleihen. Ihm gebührt das Verdie:tst, den Elemciltarnnterricht auf pädagogischer Grundlage, die heute einwandfreier noch unübertroffen ist, au sgebant und durch geführt zu haben. Die Aufmerksamkeit und Tätigkeit seiner Vorgänger war vorwiegend aus die Erwachsener! gerichtet, denn die unmündigen Kinder mußte der Vater selbst rrilterrichterl. Wo aber der Vater fehlte, oder wo dieser aus Mangel an Wissen und Zeit die Ausbildung nicht seiten ionnte, da blieb das Kind ohne Unterricht. Diesem Uebelstand trat Josua ben Gamla entgegen, indem er das Schulwesen neu organisierte und den Schulzwang einführte. Ter Talmud setzte ihm in Baba Batra 21 ein ehrendes Denkmal mit den Worten: „Jener Mann verdient, im guten Angedenken gehalten zu werden, denn ohne ihm wäre die Thora in Israel in Vergessenheit gekommen." Früher lernte der Vater mit dem Sohne Thora, indem man sich auf den Wortlaut der Schrift stützte. „Ihr Väter sollt eure Söhne belehren"; wer aber keinen Vater hatte, der lernte kei::e Thora. Infolgedessen wurde die Anordnung getroffen, Jugendlehrer in Jerusalem anznstellen. Damit war aber auch noch nicht geholfen, denn nur derjenige, welcher einen Vater hatte, wurde nach Jerusalem geführt, wer aber feinen Vater hatte, der kam nicht dahin. Da wurde angeordnet, in jedem Bezirke Lehrer anznstcllen. Man führte ihnen aber nur 10- bis 17jährige Jünglinge zu, die mau nicht mehr strafen konnte. Ta ordnete Rabbi Josua an, daß inan Lehrer in jeder Stadt anstelle uud ihnen die Kinder iin Alter von sechs bis sieben. Jahren zusührcn solle. Seit dieser Verordnung wurde jede Gemeinde gezwungen, Schulen zu gründen und Lehrer anzustellcn. Wahrscheinlich zerfiel seit dieser Einrichtung die Schule in zwei Abteilungen, in eine Elementarschule, Beth Hasseser, für den Pentatenchunterricht, und in eine höhere Abteilung, Beth ha Talmud, Hauü des Studiums oder Beth Hamidrasch, für den Unterricht in der überlieferten Lehre. Den zwei Abteilungen der Schule entsprechend gab es auch zwei Kategorien von Schullehrern: 1. Bibellehrec oder Sophrim, 2. Lehrer der Tradition oder Mischnim. Angeregt durch das edle Beispiel des Hohepricsters ergriff bald das Interesse für Jügeudbildung alle Schichten der Bevölkerung. Au allen Orten erblühten Unterrichtsanstalten und in kurzem Zeitraum stieg die Zahl der Schulen überraschend schnell. Nach der Talmudischcn Angabe in Kctuboth 105 gab es in Jerusalem allein 394 und nach dein Bericht im Midrasch EÄah sogar 480 Synagogen, und zu jeder Synagoge gehörte eine Schule mit zwei Abteilungen. Ferner gedachte man des „großen Hauses" des Rabbi Jochauau beit Sakkai, wo Jünglinge und Männer den Worten des Meisters lauschten. Dieses Lehrhaus, welches der große Lehrer noch während der Schreckenszeit nach Jainnia verlegte, war von der Vorsehung bestimmt, das rettende Asyl des Judentums zu werden. Von der Stadt Bethar, welche 52 Jahre.nachder Einäscherung des Tempels zerstört wnrdej erzählt der Talmud, daß sich dort 400 Unterrichtsaustallc.it befanden, in jeder Schule waren 400 Lehrer tätig, und jeder Lehrer hatte 400 Schüler. Wenn auch dieser Bericht hyperbolisch auszufassert ist, denn die Rechnunig 400 mal 400 mal 400 ergibt das Produkt von 64 Millionen Schulkindern, so ist er immerhin ein Beweis von der hohen Entwicklung des Schulwesens, In Wirklichkeit sollte die Schnlerzahl die Zahl von 25 nicht übersteigen, bei 50 Kindern wurden zwei Lehrer angestellt, und bei 40 erhielt der Lehrer einen Helfer. (Baba Batra 21.) Wir sehen, daß das Ordner- und Helfersystem der Pädagogen Troj-endorf und Pestalozzi in der jüdischen Schulordnu"g bedeutend früher praktische Anwendung gesunden hat. (I. Stern, Breslau.) Mitteilungen. Badeu: Die Blau-Weiß-Führer und -Führernmen, die während des Sonnners in der Tschecho-Slowakei auf Landarbeit waren, sind rückgelehrt und haben wieder die Führung übernommen. Wien: Am ,10. Oktober findet ein Jugend« Meeting statt. Jugcndbrieftvechsel. Wie erhielten dieser Tage -den Besuch eines Redakteurs der Prager Jugendzeitschrift „Jung Inda", der uns bat, allen unseren Jungen und Mädels mitzuteilen, daß eine Reihe von jüdischen Kindern der Tschecho- Slowakei mit jüdischen Kindern Oesterreichs einen Brief. Wechsel führen will. Da ein solcher Gedankenaustausch auch euch erwünscht sein dürfte, so wollen wir gerne die Adressen nach Prag übermitteln. Zuschriften, die Name, Alter und Adresse enthalten müssen, sind an das Jugends e k r e t a r i a t, 2. B e z., T a b o r st r a ß e 2 0 a, zu richten. Briefkasten. O. L. Das jüdische Museum in Wien ist 2. Bez., Malz> gasse 16, im Hause der Talmud Thora-Schule nntergebracht. — Ä. S. Sie irren. Transferierung von Lehrpersonen ist keine so einfache Angelegenheit. — R. Si. in M. Sprechstunde des Jugendreferenten täglich mit Ausnahme von Samstag und Sonntag von 2 bis 4 Uhr nachmittags, 1. Bez., Vorlaufstraße 4/13, Telephon 67-2-8L ü