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Wiener Morgenzeitung · 1923-09-30 · Heft 1662 (30.9.1923) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1662 (30.9.1923)
Date
1923-09-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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wrera x Dkm, Svnnkay Gras Witter Memoiren. Die Erinnerungen des Grafen Witte, welche im Vorjahre in russischer Sprache in zwei Bänden erschienen sind mü> jetzt im Verlag Ullstein i n B e r l i n in deutscher Wiedergabe vovliegen, unterscheiden sich schon dadurch vorteilhaft von der Momoivenfluit, welche jetzt über die Welt herernbrach, daß sie nicht von einem -geschllrgenen Tvrppenflrhrer öder verkrachten Diplomaten abgefaßt sirrd, der mit aller Getvalt der Welt ernveden will, daß er nur durch die Ungunst äußerer Umstande nicht seine hehren Ziele der Weltbeglnckung erreichen konnte, sondern daß sie ein Staatsmam: versaßt hat, der in seiner langen und vielseitigen Tätigkeit jedenfalls Erfolge buchen konnte, Erfolge, die zum Teil sicherlich seiner eigenen Begabung entsprangen. Gras Witte (sein Grasentitel war erst jungen Datums) war nicht russischer Abstammung und dieser Umstand trug viel dazu -bei, daß Witte in seiner ganzen Tätigkeit gegen ein gewisses Mißtrauen, das dem Fremdländer entgegengebracht wurde, zu kämpfen hatte. Doch er setzte sich immer wieder durch. Wie immer nvan über ihn urteilen mag, sein Politisches Charakterbild schwankt geivaltig, und obwohl er in seinen Menroiren krampfhaft bemüht ist, sich als liberaler Politiker darzustellen, muß doch darauf hingewiejen werden, daß Witte während seiner schicksalsschweren^ Premierschaft, die et nach dem Oktöbermarafsft des Iah-" res 1905 übernahm, nicht nur einen P. N. D u r n o w o als Minister des Innern neben sich duldete, einen der ärgsten, beschränktesten und blutrünstigsten Polizeibüttel des ZcuLN, sondern »daß er auch die sogsnannten Strafexpedittonen der Rermenkamp, Orlow :md anderer militärischer Henker gegen die Revolution zuließ. Jedenfalls muß festgehalten werden, daß Witte ein Finanz- und Wirtschaft- Politiker großen Stils war und daß er eine außenpolitische Konzeption hatte, die zumindest gegenüber den damals herrschenden Strömungen in Rußland und in der Außenpolitik der anderen europäischen Staaten als einsichtig bezeichnet werden muß. Witte vertrat die Idee der Koniinerttalpol'itik, das -ist einer engen Verbindung zwischen Frankre i ch, Deutschland und Rußland zusammen mit aufrichtiger Freundschaft gegeMber England und Japan. Mit -diesen seinen außenpolitischen Anschauungen ist er eigentlich nie recht durchgedmugen, in Rußland ebenso 'wenig wie in 'Frankreich, und wenn Witte eine Zeitlang an die ernsthaften Bemühungen des politischen Dilettanten und Narren Wilhelm des Zweiten um eine Kontinentalpolitik glaubte, so kam er doch bald darauf, daß Wilhelm der Zweite nicht ernst zu -nennen war. Wittes außenpolitische Bedeutung war durchaus nicht so groß als er sie in seinen Memoiren darstellte. Bedeutsam war ran die Politische Rolle, die er während -der Frie-densverhandlungen in Portsmouth spielte, wo er das auslöffeln mußte/ was unfähige Militärs, die zum Krieg mit Japan gehetzt hatten, Rußland eingebrockt hatten. Der Friede von Portsmouth war der einzige Sieg, -den Rußland in diesenr noch vor seinem Beginn verlorenen Kriege mit Japan, über dessen Führung Wittes Memoiren geradezu entsetzliche, an die österreichische Kriegführung im Weltkrieg erinnernde Details erzählt, errungen hat. Aber Witte übertreibt, wenn er Liefen Sieg ganz auf sein Konto 'bucht. Zu verdanken war er hauptsächlich der Schwenkung Englands, das feinen Verbüm-deten Japan mH Drohungen einschüchterte -und ihm so die Früchte des Sieges aus der .Hand wand. Es ist begreiflich, daß Witte in seinen Erinnerungen, die so viel Wahres über der: von Witte in seiner ganzen bösen Beschränktheit erkannten Nikolaus Len Zweiten und seinen Hof sagen, znm Zwecke der eigenen Glorifizierung gefärbt hat; aber selbst wenn all das abgezogen wird, bleibt noch der Unniß einer Art von Persönlichkeit, einer Bega-- -brrng von nicht ungewöhnlichem Schnitt, die, hätte sie Verständnis und Nachahmung gefunden, Rußland vielleicht vor dem Allerschlimmsten bewahrt hätte. Die russische Revolution hätte vielleicht auch ein Dutzend Wittes nicht bannen können, da Witte, der ursprüngliche Gegner des Oktobermanifestes, der stetige innerpolitische Kompromißler, einen zu engen Horizont für die Losung -des russischen Problems hatte, -wenn er auch dessen agrarischen Kernpunkt in seinen Memoiren richtig erfaßt hat. Aber eine ruhige Auswirkung seines wirtschaftspolitischen Systems der Kap i talisie rung und Jmperialisierung Rußlands, die zugleich gegen den grundbesitzenden Adel gerichtet war, -hätte die Revolutionier-ung Rußlands vielleicht in die ruhigeren Bahnen einer Evolutionierung Lenken können. Wie immer dem sei, Witte war trotz Unbildung, ja geradezu Roheit, die manchmal aus seinen Memoiren deutlich zu spüren ist, ein Mann von Blick, Energie und Aktivität, der Letzte dieses Schlages, der dem zaristischen Sumpf in Rußland -noch zur Verfügung stand. Daß er deshalb rücksichtslos in die Rumpelkammer geworfen werden mußte, liegt im Schicksal -des zaristischen Systems. Witte und die Juden in Amerika. Wie so vieles in Wittes Wesen trotz seines unleugbar klaren Blickes schwankend und -unklar war, so war es auch sein Verhältnis zur Juden frage. Witte war ein Gegner der Pogrompolitik, aber er tat nichts dazu, sie zu verhindern. Ein Freund der Juden ivar er nie, aber er rechnete mit ihnen, benützt-e sie dort, wo er sie brauchte und benützte auch seine Neutralität, tvelche er sich. in der Judensvage zurechtgelegt hatte, dort, wo er ihrer bedurfte. Interessante Aufschlüsse geben in dieser Hinsicht seine Memoiren in dem Abschnitt, wo sie sich mit den Friedensverhandlungen zu Portsmouth befassen. Während der Ueberfahrt nach Amerika nahm sich Witte, wie er schreibt ein ganzes Programm für sein. Pe Halten vor, und Mene* Morgerrzettuns. 30. September 1923 Nr. 166» Sie Folgen der Budapest, 29. September. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Wie der heutige „Esti Kurier" berichtet, haben die Bubapester Vertreter der kleinen Ententemächte dem Stellvertreter des Außenministers» Minister Koloman Banya, eine Kollektiv n o t e überreicht, in welcher sie Schwätzerei. Auf k l ä r n n g über die Rede d e S N e i ch s v e r w e s e r s H o r t h y verlangen die dieser in Karczag vor einiger Zeit gehalten hat. Die Veröffentlichung dieser, zu meist gegen die kleirre Entente ge richteten Rede wurde bekanntlich von der Regierung unterdrückt. Der reattionöre Kurs der bayrischen Matur. Förderung der Rechkradikalen. — Unterdrückung der rePnManlsche« Tendenzen. — Dar Gesetz zum Schutze der Republik aufgehoben! Berlin, 29. September. (Tel. der „Wr. Morgeuzeiiung".) Herr v. Ka h r, der bayrische Diktator, hat bereits durch Taten bewiesen, welchen Kurs er einzuschlagen gedenkt. Kahr hat seine Stellung dazu benützt, um das Gesetz zum Schutze der Republik aufzuheben und hat ferner die republikanischen Schuhabteilungen der Sozialdemokraten aufgehoben. Freitag nachts erfolgte eine Hausdurchsuchung in der sozialdemokratischen „Münchner Post", wo eine Anzahl von Gewehren und änderet: Waffe:: gesunde:: wurde. Offiziell wird diese .Hausdurchsuchung damit begründet, -daß Ueberfälle auf Straßenpafsanten von Angehörigen der so-zialdemokratischen Sicherhertsäbteilm:gen ausgeführt tvurden, weil die Ueberfalleueu Abzeichen einer anderen Parterrichtung trugen. Die Vertreter des Blattes erklärten, daß jene Waffen züm Schutze gegen die Ueberfälle der Hitler- Leute dienen. Bei den Hakenkveuzfornra-tionen hat keinerlei W a f f e n s u ch e ftattgefunden, hingegen fuhr Hitler, gleichsam nm zu inspizieren, hinter den Panzerautos der Polizei, welche die .Hausdurchsuchung vornahn:. Dieser Umstand scheint die Gerüchte, daß es zwischen Hille' und Kahr bereits zu einer Einigung gekommen sei.;i bestätigen. Eine rechtsradikale Kundgebung, der „Deutsche Tag", der morgen in Bayreuth staufindet, ist von Kahr gestattet worden, hingegen ist eint vom „Republikanischen Schutzbund" angekündigte Kund gebung verboten worden. Von Berlin aus ist da- Hitler-Blatt, der berüchtigte „Völkische Beobachter", fite dctt ganze Reich verboten worden, llvas als ein schüch. terner Schachzug gegen Miuchen angesehen wird. Kahr hat dagegen dem Nürnberger Bürgermeister die P o l i z e i g e. Walt entzogen und diese dem Staatskommissär von Nürnberg übertragen. Die Münchner Arbeiterschaft bat di» .Haltung Kahrs in sichtliche Erregung versetzt und es ist bereits in einigen Betrieben zu Sl u u dgedungen gekomrmn. Das Münchner sozialdemokratische Organ mahnt die Arbeiter zur Ruhe; im Falle der, Notwendigkeit werde die organisierte Arbeiterschaft geschlossen handeln müssen. als fünften Punkt dieses Programms ft'chrte er an: „In Anbetracht des Einflusses, den die Inden, besonders in Neiv-Iork, hatten, nahm ich mir vor, mich ihnen gegenüber nicht feindselig zu halten, was übrigens meimn Anschauungen in der Jndenftage vollkommen entsprach." An dieses Programm hielt sich Witte streng ivährend seines Aufenthaltes in Amerika. Wie er es tat, darüber gibt er selbst ein paar Seiten später Ausschluß: „Bei niemer Ankunft in Neiv-Doack wannte rnan mich, ich solle mich nicht in die jüdischen Stadtviertel begeben. In Neiv-Dork lebten vamals gegen 500.000 Juden. Per größte Teil von ihnen hatte Rußland verlassen, zun: Teil wegen Erwerbsschwierigkeiten, zum Teil wegen der Pogrome. Wahrscheinlich befürchtete man -daher ein A t te n t a t. Ich nahm gleich nach meiner Ankunft ein Automobil und fuhr zusammen mit einem Beanrteu der Botschaft durch sämtliche jüdische Stadtgcgenden. Die Juden hatten mich 'bald erkannt. Zuerst blickten sie scheel, -dann gleichgültig. Als ich mich aber mit einigen von ihnen begrüßt und russisch mit ihnen gesprochen hatte, kainen sie :nir größtenteils freundlich und wohlwollend entgegen. Auch in Portsmouth selbst beachtete ich Vas gleiche Verhalten, trachtete auch dort möglichst viel mit den aus Rußland zugewanderten Juden in Berührung zu konnnen." Die in Amerika ansässigen Juden sandten zu Witte Abordnung« n, um bei ihn: über die Lage der Juden vorstellig zu werven. Führer dieser Deputationen ivaren Jakob Schiff und RoosevÄts Freund, der kurz nachher zum Botschafter in Koustcvntiuopel ernannte Oskar Strauß. Judenfrage und Handelskrieg. Die Behandluldg, die Strauß erfuhr, als Ju-dc erfuhr, gab den Anlaß zu -dem Hautzelskr: egzwischen Rußland und Amerika, lieber diese interessante geschichtliche Episode seren daher Wittes eigene Worte witgeteilt: „Zweimal tvährend meines Aufenthaltes in A:nerika erschien eine Deputation von Vertretern der Juden bei mir, um über die Judeuftage zu sprechen. Meine offiziellen Telegramme über diese Unterredungen befnrdeu sich in: Ministerium des Aeußern. An dieser Deputation nahmen unter anderen teil: Schiff (wenn ich nicht irre), das Haupt der amerikauisch-jMfchen Finanzwelt, und Dr. Strauß (der, soviel ich weiß, früher amerikanischer Botschafter in Italien war). Diese beiden Persönlichkeiten standen in sehr guten Beziehungen zum Präsidenten Roosevelt. Sie sprachen von der äußerst drückenden Lage -der Juden in Rußland, von der Unmöglichkeit der Fortdauer eines solchen Zustandes, von der Notwendigkeit der Gleichberechtigung. Ich empfing sie äußerst liebe:tSwüvd:g, gab zu, daß die Inden in Rußland sich in sehr -drückender Lage -befänden, -wies aber darauf hin, daß einige Tatsachen, auf die sic sich beriefen, übertrieben seien, und bewies ihnen, -daß die plützliche und sofortige Gleichstellung -der Inden ihnen mehr Schaden als Nutzen bringen würde. Diese Hinweise veranlaßten Schiff zu -sehr scharfen Erwiderungen. Die anderen Mitglieder der Deputation, besonders Dr. Strauß, benahmen sich gemäßigter. Straus; -machte ans mich -den besten Eindruck. Er bekleidet jetzt den Posten eines Botschaft stetß> in Koustaut i n o p c l. Als dieser selbe Dr. Strauß vor zlvci Jahren nach Rußland kommen wollte, da gab es, ungeachtet dessen, -daß er -der Botschafter Amerikas in Konstantinopel toar, allerlei Schwierigkeiten mit der Polizei. Es wrrrde erst -lange erörtert, ob er nach Rußland kommen dürfe oder nicht, und nur unter strenger Kontrolle und für eine genaue fe stgese tzte Frist wurde ihn: -die Einreise gestattet. Ein solches barbarisches Verhalten Rußlands Fragen gegenüber, über die es in alten Kulturstaaten gar keine Ziveffel gibt, hat denn auch zu dem Konflikt geführt, den Rußland und Amerika im Zusammenhang mit dem Handelsverträge gegenwärtig -durchfechten. . ." „Bor meiner Abreise übergab mir Roosevelt einen Brief au den Kaiser. Ten Brief las er nur vor. Es ioar darin die Rede, daß -der Kaiser Roosevelt für feine Vermittlung -bei den Verhandlungen gedankt habe, und daß er, Roosevelt, nun seinerseits sich mit eimr Bitte an -den Kaiser :ve:ide: In dem --Handelsvertrag vom Jahre 1892 gibt es einen Punkt, der von seiten Rußlands eine besondere Andeutung erfahren hat, und zwar: diesen: .Handelsvertrag -nach, so wie er in Amerika aufg-efaßt wird, können alle Amerikaner ungehindert nach Rußland einreisen. Es bestehen ram aber verschiedene Einschränkuu-gen, und zivar unter konfess:oue-lle-n Gesichtspunkten. Wenn es sich bei diesen Einschränkungen darum handelte, Rußland vor irgend einem materiellen oder andren Schaden zu bewahren, so -ließe sich nichts dagegen sagen. Es handelt sich aber darmn, daß diese Einschränkungen sich l-aupffächlich gegen die Juden richten. Die Amerikaner, hieß es in den: Brief, würden sich niemals den Gedanken zu eigen ntachcn, die Menschen je nach ihrer Gesinmrng, ihrer Anständigkeit oder ihrer Zugehörigloit zu der einen oder anderen Konfession verschieden zu behandeln. Um also die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Amerika und Rußland, zu denen mein Besuch viel beigetragen hatte, mm fernerhin zn festigen, bat er den Zaren, diese Deutung des Vertrages, die sich besonders im letzten Jahrzehnt bemerkbar gemacht habe, abzuschaffen. Gleich nach »reiner Rückkehr übergab ich diesen Brief denr Kaffer und Seine Majestät gab ihn an den Minister des Jn:lern weiter. Während meines Ministeriums wurde diese Frage einer Kommission zur Bearbeitung gegeben. Aber erst während der Ministerien Goremykin und Stolypin beendete diese .Kommission -ihre Arbeit und kan: zu dem Resultat, daß es notwendig sei, diesem Purrkte des Vertrages eine andere Deutung zu gelben. Rußland sollte, wie jeder Staat, das Recht haben, gewisse Einschränkungen für die Cinreifie von Ausländern festzufetzen, die Genehmigung oder V er we igeruug der Einreise sollte aber nicht von der Konfession abhängig gemacht werden. Aus irgend einem Grrmde aber trat dieser Beschluß nicht in Kraft. Schließlich waren sechs Jahre darüber vergangen, ohne daß die Frage zu einer endgültigen Lösung gediehen wäre. Und die Sache embete damit, daß die Amerikaner den Handesvertrag nicht mehr gelten ließen, und z:var mit /der Begründung, daß sie sich mit einer solchen Willkür und einer so unzeitgemäßen Handhabung dest' ^-n-^iseerlaulmis » cfi <■ zufrieden gebenkönnten."

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