Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1662 (30.9.1923)
- Date
- 1923-09-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Unter dem Zeichen des Hakenkreuzes hat eine wilde Judenhetze begonnen. Ausnahmsgesetze, welche Erwerb und Existenz der Juden beschränken sollen, sind angekündigt die Freizügigkeit der jüdischen Staatsbürger ist gefährdet, der Numerus clausus wurde von Hochschulbehörden proklamiert und den jüdischen Studenten wird selbst ein armseliges Stückchen Brot in der Mensa academica verweigert. In Wort und Schrift werden wir schmählich verleumdet und beschimpft. Bei manchen Verwaltungsstellen zeigt sich gehässiger Geist gegen die jüdischen Bürger und es steht zu besorgen, dass dieser Geist auch in unsere Rechtsprechung eindringen könnte. Männer, welche mit Hilfe jüdischer Stimmen auf dem Programme der Gleichberechtigung \h die öffentlichen Vertretungskörper entsendet wurden, haben dort versagt und das gleiche Recht der Juden ungenügend vertreten. . In dieser Not haben die jüdischen Parteien Wiens angesichts der bevorstehenden Wählet, in Nationalrat und Gemeinderat sich zu einer „Jüdischen WahigetaeinschaSt“ zusammengesetzten, um aus ihren eigenen Reihen Männer in diese beiden Körperschaften zu entsenden, welche die staatsbürgerlichen Rechte der Juden mit Mut und Kraft zu verteidigen geloben. Im Augenblicke höchster Gefahr wollen wir alles, was uns trennt, hintansetzen, um zunächst den Rechtsboden zu schützen, auf welchem wir alle stehen. Wir sind treue Oesterreicher und wollen freudig mitarbeiten an dem Wiederaufbau dieses Staates. Wir werden jede? Werk unterstützen, das, diesen Wiederaufbau zu fördern geeignet ist. Zur sozialen Fürsorge weist uns den Weg das Judentum, welches lehrt, dass man sich der Schwachen und Hilflosen annehmen müsse, ln dem Bestreben zur Erhaltung aller Kulturgüter wissen wir uns eins mit den Besten aller Zeiten und Völker. Jüdische Wähler und Wählerinnen Wiens! Folge« dem Rufe der „Jüdischen Wahlgemeinschaft“, schliess« Euch zusammen und vereinig« Eure Stimmen auf die Liste der „Jüdischen Wahlgemeinschafft“! Keine einzige Jüdische Stimme darf veriorengehen! Ihr Kämpft für Euer gutes staatsbürgerliches Recht, für Eure eigene Existenz und für die Zukunft purer Kinder! Zionistische Organisation deufschdsterreichischer Juden En Oesterreich Dr. Jakob Ornstein, Präsident der Union deutschösterreichischer Juden; Dr. Desider Frfedmann, Präsident der Zionistischen Organisation und Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde; Generalsekretär Dr. Arnold Ascher; Direktor Dr. Max Berliner; Fabrikant Adolf Böhm, Direktor des Jüdischen Nationalfonds; Hermann Dickstein, Industrieller; Baurat Dr. Ing. Siegln. Defris; Universitätsprofessor Hofrat Dr. S. Ehrmann; Gemeinderat Dr. Jakob Ehrlich, Vorstandsmitglied der Wiener Kultusgemeinde; Direktor Siegm. Epler, Vorstandsmitglied der Wiener Kultusgemeinde; Oberbaurat Ing- S. Goldreich; Dr. med. Robert Gersuny, Siegfried Fleischer, Sekretär der Union; Direktor Dr. Ing. Arnold Karplus; Universitätsprofessor Dr. Leopold Königstein; Dr. J. H. Körner, Präsident der „Hakoah"; Kommerzialrat Max Markus, Vorstandsmitglied der Wiener Kultusgemeinde; Architekt Em. Neubrunn; Dr. J. Löwenherz, Vizepräsident der Zionistischen Organisation; Gemeinderat Dr. L. Plaschkes; Gemeinderat Dr. B. PoHack-Parnau; Dr. J. Schalit, Vizepräsident der Zionistischen Organisation; Direktor Gustav Spiegler, Präsident des Jüdischen Sportverbandes für Oesterreich; Dr. Josef Ticho, Mitglied des Vertreterkollegiums der Wiener Kultusgemeinde. Was auf dem Spiele steht. r. W i e n, 80. September. In drei Wochen ist Wahltag, der Aufmarsch der Parteien ist vollzogen. Wenn in der jüdischen Wählerschaft bis jetzt die Wogen der Wahlbewegung noch nicht hochgingen, wenn vielfach noch große Lauheit herrscht, und wenn man sich in jüdischen Kreisen da und dort noch mit der Rolle des kühlen Beobachters begnügen will, so zeigt dies von einer argen und gefährlichen Verkennung der Wichtigkeit dieser Wahlen für die Zukunft des gesamtösterreichischen Judentums. In den letzten Jahren ließ man sich nur zu leicht in eine gewisse Lethargie einlullen. Auch aufrechte Juden meinten, das jetzige Wahlverfahren könne ohnehin den Juden nickst den ihnen gebührenden Einfluß in den öffentlichen Vertretungskörpern bringen; die anderen, tveniger mannhaften, fanden Gefallen an törichtem Versteckenspiel und meinten, den Juden würde nichts geschehen, denn es sei ja Aufgabe der sich Sozialdemokraten Nennenden, sich aller Unterdrückten anzunehmen. Schließlich wiegte man sich auch in jüdischen Kreisen noch in Sicherheit, weil man bei den innigen Beziehungen der beiden im Staate herrschenden antisemitischen Parteien zu ihren jüdischen Geldgebern nicht Uebles befürchten zu müssen glaubte. Nach diesem schönen, aber unwahren Traum könnten alle diese Optimisten einst ein fürchterliches Erwachen erleben. Man sehe sich doch npr die Programme der österreichischen Parteien durch! Da liest man im Programm der Christlichsozialen unter dem Kennwort Judenfrage: „Ausgleich der Interessen der verschiedenen Bevolkerungsschichten aus antisemitischer Grundlage. Die Juden sind als eigene Nation zu zählen und anzuerkennen, die jüdischerr Kinder in eigenen Schulen oder Klaffen zusammenzuziehen; als Lehrer und Hörer sind Juden nur im Verhältnisse zur Bevölkerungsziffer zuzulassen." Das ist doch klar und deutlich. Alle Interessengegensätze, die der Kampf ums Dasein zeitigt, sollen auf dem Rücken der Juden ausgesuchten, den Enterbten des Glücks, dem abgebauten Beamten, dem verunglückten Gewerbetreibenden und dem Kaufmann, der unter die Räder des wirtschaftlichen Mechanismus geraten ist, soll der Jude als Popanz hingestellt werden. Das Er- , gobnis jüdischer Geistesarbeit, jüdischen Fleißes und jüdischer Betriebsamkeit soll zum Ausgleich der Interessen der verschiedenen Bevölkerungsschichten dienen, lieber die ungeschminkte Forderung nach dem Numerus clausus braucht man wohl kein Wort zu verlieren. Bei den diesmaligen Wahlen kandidiert auch der fattfam bekannte Pogrom Hetzer Drei aus christlichsozialem Programm, der noch bei den letzten Wahlen als Zweck seiner Partei die Sammlung aller Gutgesinnten zum Kanrpfe gegen das Judentum bezeichnet und die Auswanderung der Juden ganz öffentlich verlangt hat. Die zweite Regierungspartei, die Großdeutsche, hat in ihren: Salzburger Programm folgende Leitsätze über die Judenftage aufgestellt: „Aufklärungsarbeit im eigenen Volke über den verderblichen Einfluß des jüdischen Geistes und die dadurch bedingte Notwendigkeit des Nassenantisemitrsmus, Behandlung der Juden als eigene Station mit allen sich daraus ergebenden Folgerungen, Bekämpfung des jüdischen Einflusses auf allen Gebieten des öffentlichen und privaten Lebens, Beschränkung der Einwanderung ausländischer Juden, Ausweisung der Ostjuden." Die Deutschösterreichische Bauernpartei hat in ihrem politischen Handbuch ihre Auffassung der Judenftage mit den Worten niedergelegt: „Bekämpfung der jüdischen Rasse als volkszersetzenden Elements, des übermäßigen Einflusses des Judentums auf das öffentliche, wirtschaftliche und kulturelle Leben." Wie man sieht, ist es ein Meer von Haß, dessen Wogen gegen das österreichische Judentum branden. / Und nun zu den Parteien, die in ihren Programmen sich schämen, das Wort Jude auch nur zu erwähnen. Da ist vor allen: die Sozialdemokratie, für deren österreichischen Flügel es eine Judenftage nicht zu geben scheint. Die Sozialdemokraten in Oesterreich haben wohl Worte heiligen Zornes für die Unterdrückung der Armenier, der Georgier und Grusinen, der Iren und auch des edlen polnischen Volkes gefunden, für die österreichischen Juden haben sie nichts übrig, es sei denn, daß sie den in der Bevölkerung unleugbar bestehenden Antagonismus gegen alles Artfremde dazu benützen, um billige Wahlschlager in die verhetzte Bevölkerung zu schleudern, inden: sie die antisemitischen Parteien der Lauheit in: Kampfe gegen das Judentum bezichtigen. Was sich hierzulande Mlich noch als bürgerliche Demokratie aufspielt, war von jeher zu feig, in Mischen Dingen offen Farbe zu bekennen. Ob diese Partei sich nun als Biirgerliche Arbeitspartei, als Bürgerliche Demokraten, als liberal, freisinnig ufw. bezeichnet, immer waren es nur einzelne Ehrgeizlinge, die den jüdischen Idealismus zur Erlangung von Mandaten mißbrauchten, um dann nach den Wahlen sich von der Vertretung jüdischer Interessen zu drücken. Die Zeiten des raschen Gelderwerbs lverden bald vorüber sein und esist gar sehr zu befürchten, daß der österreichische Antisemitismus seine Maske ablegt und wieder jene verbissene Jndengegnerschaft hervorkehrt, die je nach der Erwerbslage den jüdischen Bürgern des Staates die Existenz, den: Arzt die Patienten- ' dem Rechtsanwalt die Klienten, dem Kaufmann die Kunden, den: .jüdischen geistigen und manuellen Arbeiter sogar das Stückchen Brot neidet, das er sich im schweren Existenzkampf erringen muß. Im Jahre 1924 gehen die Saniernngslredite zu Ende. Nach den Worten eines ehemaligen Ministers des Kabinetts Seipel ist es unwahrscheinlich, daß der Staatshaushalt um diese Zeit , schön wieder in: Gleichgewicht sein wird. Bis jetzt scheint man in der antisemitischen Regierungskoalition die juldengegnerischen Instinkte aus Scham vor dem kreditgewährenden Ausland zurückgedrängt zu haben. Wenn das Geld zu Ende sein wird, dürfte auch diese Hemmung wegfallen. Das neue Haus wird da vor sehr schweren Entschlüssen stehen und, wenn die Antisemiten im Nationalrat so ganz unter sich sein werden, so wird sie niemand hindern können, die Steueraber auch die Ersparungspolitik gegen die jüdischen Bürger dieses Staates zu wenden und allen Enttäuschten wiederum das Judentum als den Schuldigen hinzustellen, wie es nach dem obzitierten Programmsätzen zu erwarten ist. Darum ist es das ureigenste Interesse aller jüdischen -Staatsbürger, aufrechte Vertreter in den Nationcrlra* zu entsende::, die durch die Macht ihres Wortes zu wirken verstehen, von einer Tribüne ans, die Resonäm besitzt, um-alle Anschläge gegen das österreichische Judentum absrüvchrem ' i