Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1658 (26.9.1923)
- Date
- 1923-09-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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-Nr. 1658 Men, Mittwoch teten wird die schwere Beschuldigung erhoben, sie hätten zur Zeit der deutschen Okkupation in Polen bei - den deutschen Okkupationsbehörden die Anzeige erstattet, daß Einige christliche Polen ein deutsches Militärauto dem russischen Militär, ausgeliefert haben. Auf Grund dieser angeblichen Anzeigesoll einer der Christen erschossen, die übrigen interniert worden sein. Die polnische antisemitische Presse publiziert den Fall in breiter Aufmachung und spricht von einem „großen Judenverrat" Palästina. Rückkehr Sir Herbert Samuels «ach Palüftlna. Der Oberkommissär für Palästina Sir Herbert Samuel, ist am 18."b. von seiner Urlaubsreife zurückgekehrt. Bei seiner Ankunft wurde er von einer großen Menschenmenge sowie von den Leitern der Verwaltungsdepartements, den ausländischen Konsuln und den Vorstehern - der ■ verschiedenen Religionsgememden empfangen. Am Nachmittag veranstaltete der Gouverneur von Jerusalem General S t o r r s zu Ehren Sir Herbert Samuels ein Gartenfest, das von allen Gesellschaftsschichten Jerusalem besucht war. (I. C. B.) ' Anerkennung der jüdischen Gemeinde» und des Waad Leumi. . Jerusalem, 24. September (I. C. B.) Wie der I. C. B.- Vertreter erfährt, hat Sir Herbert Samuel die Zustimmung des Kolonial amt es zur Anerkennung der jüdischen Gemeinden in Palästina und ihres Organs, des Waad Leumi, erhalten. Diese Körperschaften sollen jedoch kein B esten erun gsre cht haben. Die Konferenz der palästinensischen Eisenbahnarbeiter. Eine Konferenz der palästinensischen Eisenbahnangeftellten hat beschlossen, die Anerkennung des Sabbats als zulässigen Ruhetag zu verlangen. Ferner soll ein Nonnalarbcitstag eingesührt und ein Gesetz erlassen werden, das die Möglichkeit bietet, die arabischen Eiseubahnangestellten in einer Gewerkschaft 8U' organisieren und eine kulturelle Tätigkeit unter ihnen zu entfalten. (I. C. - B.) ' Die Arbeitslosigkeit. Ende des Monats August haben sich bei der Histadouch Haovdim 142Arbeiter als arbeitslos gemeldet und weitere 24o beim Bureau des Hapoel Misrachi. Hundert dieser Arbeitslosen sind Familienväter. In den obigen Zahlen sind die arbeitslosen Jemeniten, die sich nicht bei den genannten Bureaus melden, nicht enthalten. (I. C. B.) Ablehnung e(v.es jüdischen Aufnahmsgesuches im Lehrerseminar te Palästina. Der Direktor des von der Regierung eingerichteten Lehrerseminars hat das Ausnahmsgesuch eines jüdischen Kandidaten abgelehnt, mit der Begründung, daß kein Platz frei sei. Diese Ablehnung hat große Mißstimmung heroorgerusen, da es das erste Aufnahmsgesuch eines Juden war. Der Direktor des Seminars ist ein Araber. Das „Palästina-Handbuch" stellt fest, daß im ganzen im Seminar 67 Studierende sind, und zwar 53 Mohammedaner und 14 Christen. (J. C. B.) Wiener Morgenzeitung. zionistische Bezirkssektion Leopoldstadt. Morgen Donnerstag den 27. 8 Uhr abends» im CafeFeher wichtige Zusammenkunft. Tagesordnung wird noch bekanntgegeben. Vollzähliges Erscheinen der Wilglieder Pflicht! Gäste willkommen! Saal des magistratischen Bezirksamtes IX. -------------- Währingerstrasse 48, 2. Stock Heute Mittwoch den 26. September, 8 Uhr abends verlebt Uber den XIII. Zionistenkongreß der Delegierten Dr. Isidor Schont Dr. Jakob (deiner Rundschau. Ier Reichsrat tritt Donnerstag zusammen. Berlin, 25. September. (Wolfs.) Die Plenarsitzung des Reichstages, die für morgen äuge setzt war, ist auf Donnerstag nachmittags verschoben worden. Der Aeltestenrat wird sich morgen um 1 Uhr mittags mit der Tagesordnung befassen. Der auswärtige Ausschuß ist für morgen 4 Uhr nachmittags einbernfen worden. Geheime Waffenlager in Berlin. .Berlin, 25. September. Die Polizei hat zwei geheime Waffenlager entÄeckt, in denen auch zwanzig Maschinengewehre gesunden wurden. Wie der ,/Vorlvärts" meldet, seien diese Lager für Zwecke des Bürgerkrieges von amtlichen Organen der Berliner russischen Vertretung errichtet worden. Besonders schwer belastet das Blatt den amtlichen Militärattache der russischen Botschaft, der die Waffen bezahlt haben soll. Wie die Blätter zu der Aufdeckung der beiden kommunistischen Waffenlager, in Derbin erfahren, wird vorerst das ganze Vorgefundene Material von der politischen Polizei und vom Reichskömmisiär für die öffentliche Ordnung besichtigt und geprüft werden, bevor von deutscher Regierungsstelle aus irgendwelche Schritte bei der russischen Botschaft unternommen werden. Die russische Botschaft b e st r e i t e t in einer Mitteilung jede V e r b i nd u n g mit den Waffenfunden und sagt, daß sie mit der deutschen Regierung Fühlung nehmen werde, um die Angelegenheit restlos auszuklären. 26. September 1923 Seite 3 Die gegenseitige Hilfeleistung - im Völker bund abgelehnt. Genf, 25. September. In der heutigen Vollversamm lung des Völkerbundes wurde die Aussprache über die in terpretative Resolution zu Artikel 10 (Gegenseitige Hilfeleistung im Falle eines Angriffe k r i e g e s) fortgesetzt. Wie erinnerlich, wurde von Kanada eine nähere Umschreibung der Tragweite der aus diesem Paragraphen sich ergebenden Verpflichtungen verlangt Nach einer langen, lebhaften Diskussion wurde zur Abstimmung geschritten, welche folgendes Bild zeigte: 29 Staaten stimmten für die Resolution, 13 Staten enthielten sich der Abstimmung und ein Staat stimmte dagegen. Damit ist die Resolution abgelehnt, da ' Stimmeneinhelligkeit erforderlich ist. Die Abrüstung. Genf, 25. September. In der Abrüstung-- kommission wurde die Aussprache über die Resolution betreffend den chemischen Krieg fortgesetzt und diese Resolution als praktisch nicht durchführbar mit 13. gegen 10 Stimmen ab gelehnt. Die Resolution Lange (Norwegen), die den Regierungen empfiehlt, ihre Ausgaben für die Rüstungen nicht zu erhöhen, da ein allgemeiner Plan für die Beschränkung dieser Ausgaben vorbereitet werden soll, wurde mit 14 gegen 9 Stimmen a ngenowme Republik Türkei. London, 25. September. (Tel. „Wr. Morgenzritung".) Nach einer Meldung aus Konstantinopel hat die türkische Nationalversammlung die Beratung der Vorlage über die Verfassungsänderung begonnen. Die Türkei wird darin endgültig als Republik und M u st a s a K e m a l Pascha als ihr e r st e r Präsident erklärt werden. Die Machtbefugnisse des Präsidenten werden ähnliche sein wie die des amerikanischen Präsidenten. Die Ursachen der Rebellion in Transjordanle». Aus London meldet I. C. B.: Die Londoner Presse beschäftigt sich ausführlich mit der Erhebung in Transjordanien. In einem Leitartikel schreibt der antiziomstische „Daily E x p r e ß", die Araber in Palästina sowie die Araber in Transjordanien wollen frei sein. Sie wollen weder gionisiert noch emirisiert werden. Der britische Steuerzahler weiß nicht, daß er auf einem arabischen- Vulkan sitzt, der einmal ausbrechen kann und dann wohl mehr kosten wird als 150.000 Pfund im Jahr. Die Themse ist wichtiger als der Jordan. Die „Daily Mail" bezeichnet die Lage als sehr ernst, Es seien in Transjordanien zwei Stämme und etwa 15.000 Regierungstruppen engagiert. Viele meinen, sagt die Zeitung, daß die Unruhen noch nicht zu Ende seien. Es sei wahrscheinlich, daß der Führer der Wach a bi, Jbn Saud, den Aufruhr hervorgerufen hat, unt den Emir Abdullah zu beschäftigen, während er selbst einen Angriff vorbereitet. Demgegenüber erklärt Reuter, daß die maßgebenden Stellen den Einfall des Adwan- und Bol'ka-iStammes in Transjordanien als eine rein innere Angelegenheit JEbER WÄHLE für den Einkauf von Stoffen für die Herbst- und Wtotersaison: Damen- und Herrenwäsche, Bett- und Hauswäsche, Strickwaren, Teppichen, Vorhängen etc, nur das bekannt verlässliche u. billige Ita-Drii haus rSchiffmann II.. Taborsiraße 48 Telephon 47-1-79 En gros En detail ESBR Mer und Löhne. Ein modernes hebräisches Drama. Verfaßt wurde es in Südafrika und erschienen ist es m Jerusalem. Aber trotz dieser unermeßlichen räumlichen Entfernungen steht das Werk uns Juden in Oesterreich uni» besonders in Wien sehr nahe. Der Verfasser gehört nämlich zur ersten Generation der Jünger des Wiener Jüdisch-theologischen Seminars, von dem einige in der Judenheit hervorragende und verantwortungsreiche Stellungen einnehmen. Jehuda Leo Landau, der schon als Höver der Wiener Universität und der genannten jüdischen Hochschule einem erlesenen Kreis von Feinschmeckern und Genießern als Lyriker und Dramatiker bekannt war, bekleidet setzt die Würde eines Chief Rabbi der südafrikanischen Judenheit mit dem Sitz in Johannesburg. Zugleich wirkt er als Professor der hebräischen Sprache und Literatur an der dortigen Universität. An europäischen, besonders an deutschen Universitäten kommt es wohl äußerst selten vor, daß mal: einen Dichter zmn Professor der Literaturgeschichte ernennt. Ein Professor muß ein Gelehrter sein, ein Gelehrter aber muß ein Bücherwurm und ein ernsthafter, feierlicher Pedant sein. Ein Kerl, der ergreifende lyrische Gedichte schreibt und erschütternde Dramen verfaßt, der besitzt wohl, nach mitteleuropäischer, namentlich deutscher Auffassung, nicht genügend „Würde", um einen Katheder zu zieren, es sei denn — daß er Schiller heiße und Seine Exellenz den Wirklichen Geheimen Staatsrat und Minister Herrn v. Goethe zum Professor hat. Von dem ausgezeichneten deutschen Literarhistoriker Wilhelm Scherer, ursprünglich Professor in Wien, dann in Berlin, erzählt Georg Brandes, daß er, dessen Lebensaufgabe es war, die Dichterwerke zu analysieren, zeitlebens es vermied, mit einem lebendigen Dichter zu verkehren. Erst wenn die Dichterseele fein säuberlich, schwarz auf weiß auf Papier ergossen, ihm vorlag, fing sie an, für ihn Jntetesse zu haben. Als ihm jemand vorschlug, ihn mit einem solchen Herrn bekannt zu machen, lehnte er ab, nrit den höflichen Worten: „Ach nein, er ist ein Dichter, er wird nnt mir nicht verkehren wollen..." In England denkt man anders. Auf dem Kontinent ist es noch nie vorgekommen, daß ein großer Romanschriftsteller (Disraeli) oder ein großer Homer-Forscher (Gladstone) Ministerpräsident, ein großer Orientalist und Keilschristensorscher (Layard) Botschafter und Minister des Aeußern ward. In England sagt man sich, einer, der die Menschenseele kennt und Phantasie besitzt, der muß wohl nicht ungeeignet sein, den (Staat zu regieren. Und die Engländer fuhren nicht schlecht dabei. Und sie sagten sich: Wer die hebräische Literatur um eine ganze Anzahl von dramatischen Dichterwerken ans den bewegtesten Zeiten der jüdischen Geschichte bereichert hat, der hat wohl das Zeug, die Geschichte der hebräischen Literatur und die hebräische Sprache vom Hochschulkatheder herab zu lehren. So wurde der Verfasser der Schauspiele „Bar- Ko ch b a" und „H e r o d e s" zum wohlbestallten Professor an einer englischen, christlichen Universität, ein Schicksal, das bisher noch nie einem hebräischen Dichter widerfahren ist . . . Diesmal aber hat Landau das Gebiet der Geschichte verlassen und sich der Gegenwart zugewendet: „Vorwärts oder rückwärts?" (Jerusalem, 1922. Verlag der Gesellschaft „Hassolel".) Düscr Titel klingt im Deutschen wie die Ueberschrift einer gelehrten Abhandlung oder eines politischen Leitartikels. Im hebräischen jedoch haben diese Worte einen tiefen poetischen Klang. Es ist ein Problemdrama, aber die Probleme sind in lebensvollen Gestalten verkörpert, d-'ren persönliches Schicksal und Handeln uns vom Anfang bis zum Ende derart fesselt, daß wir darüber bisweilen die Probleme vergessen. Ort der Handlung: eine jüdische Gemeinde; Zeit: Gegenwart. Und die Freunde und Bekannten des Dichters in seiner Vaterstadt Lemberg werden mehrere Figuren wiedererkennen, die vielleicht noch heute unter uns wandeln, jedenfalls bis vor wenigen Jahren in dieser und verwandten Gemeinden den Reigen führten und den Ton angaben. Die Fragen, die in der Gegenwart das Judentum bewegen, stehen auf dem Spiele. Es hmrdelt sich um nichts Geringeres, als um die Frage: Was wird, was soll aus dem Judentum und dem indischen Volk werden? Es liegt in der Luft: Die Dinge sind dahin gelangt, daß man diese Frage nicht los wird, wenn man kein oberflächlicher Mensch ist. Was ist geschehen? Nichts! Das Leben geht seinen gewöhnlichen Gang. Der Baron Schmidt (er kann ja auch Graf Potocky oder Badeni heißen) steht an der Spitze der Landesregierung, ein aufgeklärter, judenfeindlicher Magnat; die Juden genießen volle bürgerliche und politische Freiheit, weitgehende Gemeindeautonomie. Es gibt geadelte Juden, Herrenhausjuden, Baron Schmidt hat sogar „seinen" Juden, den er mit Gnaden überhäuft, den Herrn v. Steinbach. Dieser hat den großen, welthistorischen Ehrgeiz, jenen, den Baron Schmidt nämlich, zum Schwiegersohn zu gewinnen. So etwas kann Vorkommen. Der Himmel hängt also voller Geigen, und dennoch gibt es in der Atmosphäre ein Etwas, das sich nicht näher definieren läßt, das aber der Dichter mit wundervoller Meisterschaft andeutet, welches beunruhigt, und das immer von neuem alle diese Juden sich sagen läßt: Wie soll das werden? So kann es nicht weiter gehen. Wir müssen ewas tun! Etwas nmß geschehen, um von unseren Seelen diese Beklemmung und diese Unsicherheit zu nehmen ... Da ist die große jüdische Gemeinde mit ihren Parteien und Strömungen und verschiedenen sozialen, kulturellen und religiösen Gruppen. Da ist das geistige Oberhaupt der Gemeinde, der alte Rabbiner Dr. Michael, der altfromme Charakterfestigkeit, Sittenstrenge und Gelehrsamkeit mit echter, moderner Bildung vereint. Neben ihm wirkt ein modischer Prediger Dr. Hechler, dessen Kraft in seinem Mundwerk beruht, witzig, geschmeidig, gefällig, beliebt bei den höheren zahlungsfähigen Kreisen. Um diese Hauptfiguren gruppieren sich typische Gestalten der jüdischen Bürger aller Schichten und Klassen. Der Zionismus hat sich Bahn gebrochen unter der jüdischen Bevölkerung und beherrscht die ganze Stimmung. Man steht vor allgemeinen Parlamentswahlen. Die jüdischere Stimmen sind von großem Gewicht, vielleicht sogar ausschlaggebend. Exzellenz Schmidt und sein Jude, Herr v. Steinbach, bieten alles auf, um die jüdischen Stimmen für dle.Regierungskandidatnr zu gewinnen. Dabei sucht die Exzellenz ihr Geschäft zu machen und ihr Jude. Herr v. Steinbach, das seinige,