Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1658 (26.9.1923)
- Date
- 1923-09-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wien. 26. September. Die Zurücknahme' der unglückseligen Verordnungen der deutschell Regierlmg l'iber den passiven Widerstand ist für die allernächste Zeit 31t gewärtigen. Sie erfolgt keineswegs freiwillig, sondern unter bent harten Drucke der Not. Deutschland kann auf dem beschrittenen Wege nicht weiter, weil einzntreten beginn^, was alle rllhig urteilenden Beobachter vor Monaten schon vorausgesagt haben. Die Regiernng Stresemann hat ein weit ausgreifendes Finanzprogranlm entworfen, imi die Inflationsflut und ihre katastrophalen Folgen 31t bannen; aber diese Maßnahme bleibt illusorisch, so lange der gähnende Schlund im besetzten Gebiet klafft, der täglich neue bedruckte Papierberge verschlingt — soferne sie nicht, fast noch feucht von der Presse, der Beschlagnahme durch die Franzosen verfallen, die nicht zulassen wollen, daß immer frische Mittel aufgewendet werden, um den Widerstand an der Ruhr zu speisen, der, wie das „Berliner Tageblatt" mitteilt, in der letzten Woche allein dreitausend Billionen Papiermark gekostet hat, eine Summe, die sich natürlich stetig steigern müßte- In Paris hat man berechnet, wie hoch diese Politik Deutschland zu stehen kommt, und ist dabei zu ganz gewaltigen Summen gekommen; man weist darauf hin, daß. dieses ganze Kapital nutzlos vertan wurde, wahrend man für Reparationen kein Geld zu haben behauptete, und hat damit für den Beweis von Deutschlands unzuverlässiger Politik den stärksten Triumph in der Hand. Die Wirkungen dieser Bankrotteurpolitik, die Cuno unter -der Zustimmung sämtlicher Parteien einschließlich der Rechtsradikalen und der Morgenluft witternden Kommunisten inauguriert hat, sieht heute jedes Kind. Sie war es/ welche den — vön Cunos Auftraggebern, den schwerindustriellen Rithrkriegsverdienern scheinbar geradezu beabsichtigten —- Zusammenbruch der deutschen Währung verursacht und gleichzeitig den chauvini-. stischen Nationalismus wieder geweckt hat, der als bloße Kopie der früheren Durchhalterstimmung erscheint., Es liegt kein Grund vor, daran zu zweifeln, daß es Frankreich an der Ruhr anfangs nur auf eine militärisch.g^'. fchiitzte Kontrolle der Produktion durch Zivil'sachverständige zu tun war, um sich seinen Anteil sicherzustellen, mag auch der Anlaß zu dieser Maßnahme wirklich nur eine an sich recht geringfügige Differenz in der Belieferung gewesen fein. Aber cs gibt zunr Glück ein Wolfs- Bureau,-welches prompt, genau wie anno 1914, mit Lügen zu arbeiten begann, und wieder stellte sich das Ergebnis pünktlich ein: Rasch war die Stimmung der Massen enffprechend präpariert und der Kanzleragent der nach noch größeren Gewinnen gierigen nationalistischen Stinnes-Jndustric konnte seine patriotisch verbrämten Resistenzverordnungen erlassen, welche das ganze Unheil angerichtet haben. Gegenwärtig ist die Not der Massen aufs Höchste gestiegen und während die Großindustrie ihre Preise in Gold berechnet und auch die nötigsten Bedarfsartikel nach dem Dollar kalkuliert werden, bedeutet schon der Ankauf von Brot und Kartoffeln für die in Papiermark entlohnten Arbeiter und Festbesoldeten einen Luxus. Man versucht, die Nutznießer dieses Abenteuers, die Industrie und die Landwirtschaft, durch hohe Steuern zu fassen, aber sie verkaufen nach der Goldparität, während sie die Steuern bisher in Papiermark bezahlt haben, so daß alle Maßnahmen illusorisch geworden, sind und infolge des Markverfalles der gewinnt, der später zahlt. Der stete Zustrom der Gelder ins Ruhrgebiet hat die Industriellen mit gewaltigen Krediten versorgt, die ihnen ans Kosten des in Not verfallenden Reiches riesige Gewinne ermöglichten, und die sogenannte „Ruhrhilfe" hat ungezählte Tausende von Arbeitern der Mühe der Arbeit enthoben. Nun, da die Ruhrpolitik liquidiert werden soll und man sich zu kapitulieren anschickt, erhebt sich die Gefahr, daß es fast zu spät sein könnte. Das Gespenst des Bürgerkrieges pocht drohend an die Tore. Die Geister, die man rief, machen jetzt der Regierung bange; die Hitler- und Ludendorff-Leute in Bayern fühlen Oberwasser und hinter den deutschen Kommunisten stehen Moskauer Kreise. Schon deutet man offiziell die Möglichkeit eines Rücktritts der Negierung Stresemann an, falls Poincare sich weigern sollte,; ihre Formel: Einstellung der Resistenz gegen Rückkehrbewilligung für die Ausgewiesenen und Befreiung der Gefangenen, anzunchmen. Daß man dabei an Noske denkt/dessen mili- Berlin, 25. September. Das Wolffsche Bureau meldet: Heute vormittags fand eine gemeinsame Besprechung der Ministerpräsidenten der deutschen Länder mit dem Reichskabinett über die Frage der Stillegung des passiv en Widerstande s statt. Nach der Darlegung des Reichskanzlers brachten die Vertreter der Län-der ihre Auffassung znm Ausdruck. Es ergab sich v 0 llk0mmene Uebereinsti mmung darüber, daß der passive W i d e r st a n d aus innenpolitischen, vor allem finanziellen Gründen abgebrochen werden müsse. Ebenso war man übereinstimmend der Ansicht, daß es Absicht und Ausgabe der Reichsregierung sei, den Abbruch des passiven Widerstandes in einer der Würde und Ehre des deutschen Volkes entsprechenden Weise vorzunehmen. Gegenüber etwaigen Versuchen, die Einheit des Reiches a n z n ta st e n. erklärten alle, verantwortlichen Leiter der deutschen Länder ihren festen Willen, die Einheit des Reiches als unantastbares Gut der Nation zu bewahren und zu verteidigen. Dr. Stresemann über die Einstellung des Widerstandes. Berlin, 25. September.' Heute nachmittags versammelten sich die Führer der R e i ch s t a g s s r a k t i 0nen im Reichskanzlerhause. Der Reichskanzler > führte aus, welche i n n e r p 01 i t i s ch e n und finanziellen Beweggründe die Reichsregierung zu ihrer von 'beit Vertretern der besetzten Gebiete gebilligten Auffassung gebracht 'haben, daß der Passive Widerstand aufgegeben werden müsse. Der Reichskanzler hob dabei hervor, daß 'die schw cr e n Opfer der Bevölkerung am Rhein und an der Ruhr in den letzten neun Monaten nicht umsonst gebracht /worden seien, daß sich aber die durch sie geschmiedete wirksame Waffe des Passiven Widerstandes gegen das deutsche Volk selbst zu wenden drohe. . Aus den finanziellen Verhältnissen des Reiches, deren Zwingendem Diktat man sich nicht länger entziehen könne, müsse man die Folgerungen ziehen und beit Passiven Widerstand beenden. Die Fraktionsführer schlossen sich diesen Ausführungen des Reichskanzlers a n mit A u s n a h nt c des Führers der ö e u t s ch n a t i 0 n a l e n Volkspartei, der den Passiven Widerstand durch schärfere Ma ß nah ntc u zu übertrumpfen wünschte. Die Kosten des Widerstandes. Berlin, 25. September. In einem Vortrag des hessischen Ministers K ö h l e r wird der A b b r u ch d e s Passiven W i b c r ft a n d e s damit begründet, daß das Deutsche Reich es nicht ertragen könne, wenn wöchentlich tausend Billionen für den R'NhrkamPf ausgegeben würden. Die Blätter erftörat hierzu, daß die Summe, die der Ruhrkampf erfordere, ein Vielfaches derge-nannten Ziffer ausmacht. Für die k0 mmende Woche erfordere der Ruhrkampf, wie der Reichskanzler beit Vertretern der Politischen Parteien ans Grund der Auszeichnungen des Reichssinauzministers mitgeteilt hat, einen Betrag von 8000 B i ll i 0 n e it.. Die Auffassung Frankreichs. Paris, 25. September. Die Agenoe Havas meldet: Im Ministerium ldes Aeußeru wird erklärt, daß der französische Botschafter in Berlin keinerlei amtliche Mitteilung über die Einstellung des passiven Widerstandes ■ erhalten "habe. Nach der deutschen Presse werde die Entscheidung der Reichsregierung der Oesfentlichkeit durch eine Proklamation bekannt gegeben werden, die den Besetznugsbehörden mitgeteilt werden würde. Die Zurückziehung der Verordnungen bezüglich des Widerstandes würde eine n e u e Lage schaffen und die E rössnung v 0 n V e rtaristische Scharfmachermethoden den späteren Putschversuchen vorgeärbeitet haben, ' beleuchtet deutlich die Situation. Die Ankündigung der Rücknahme der unglückseligen Verfügungen hat in der Pariser Presse eine merklich freundlichere Stimmung ausgelöst und sie drückt die Hoffnung ans/ daß es gelingen werde, einen h a n d l n n g e n z w: sche n Deut s ch l a n d und den Alliierten ermöglichen. Es sei wahrscheinlich, daß Ministerpräsident Poincare an erster Stelle mit den belgischen Ministern konseri-eren werde. Poincare, ber sich gegenwärtig in 'Sampigny befindet, werde erst spät abends nach Paris zurückkehven. Ein englisches Urteil. London, 25. September. Die gesamte Presse besaßt sich eingehend mit der bevorstehenden Ausgabe des passiven Widerstandes durch Deutschland. „W estm in st er Gazette" schreibt, die Annahme der französischen Besetzung bedeute einfach das Eingeständnis Deutschlands, daß seine wirtschaftlichen Kräfte erschöpst und seine Finanzen bankrott seien. Wenn das Zustandebringen dieser Lage das Ziel Frankreichs gewesen sei, so könne es sich zu seinem „Siege" beglückwünschen. Italiens Auffassung. Nom, 25. September. Die „Idea Nazionale^ schreibt zu dem Beschluß der deutschen Regierung, Italien werde bei der endgültigen Regelung der deutschen Frage auf jeden Fall mitzusprechen haben, wie man auch in Frankreich wisse. Wenn Frankreich und Deutschland sich über die allgemeinen Fragen der Reparationen verständigen, sei eine Teilnahme Italiens daran natürlich von selbst gegeben gemäß dem Vertrag von Versailles. Wenn sie sich aber nur über industrielle Angelegenheiten und über den Austausch von Rohstoffen verständigten, so hätte dies keine europäische Bedeutung. Keiner -der beiden Fälle aber würde Italien unvorbereitet treffen und die Erklärung Italiens nach der Ruhrbesetznng, daß es. nicht bloß Zuschauer bleiben könne, sei von Frankreich zur Kenntnis genommen worden und gelte auch heute noch. Die Ruhrbevölkernng — ruhig. Düsseldorf, 25. September. Wie die Agence Havas meldet, habe die Nachricht, daß die deutsche Regierung das Ansigeben des passiven Widerstandes beschlossen habe, bei d'er Bevölkerung des Ruhrgebietes bisher fei n e n Ein-, d r n ck gemacht. Gegen innere Unruhen. Berlin, 25. September. Das Wolffsche Bureau meldet: Die Reichsregierung hat folgendes Rundtelegramni erlassen: Im Falle innerer Unruhen haben alle Reichsbehörden und Reichsbeamten ausschließlich d e n A n 0 r d nungen der Reichsregieru ng Folge zu lei ste n. Etwa erforderliche Notverordnungen über ihre Dienstpflichten erläßt der Herr Reichspräsident. Die englischen Rheintruppen werden die Staatsautorität unterstützen. Berlin, 25. September. Die „Zeit" meldet aus London: Die deutsche Erklärung, daß der passive Widerstand' ausgegeben wird, wird' als eine entscheidende Wendung in der Reparationspolitik betrachtet. In englischen 5krcisenist man der Ansicht, daß die engl is ch e n T rupp e n am Rhein unbedingt bej U n r u h c n auch im u nbesetzten Deutschland der Staatsautorität zu Hilfe eilen müßten. Bor einer Demiffion Strrsenmnnsl Ein Kabinett Noskc? Berlin, 25. September. Wie in Politischen Kreisen verlautet, hätten die d! P l 0 m a t i s ch e n S ch r i t t e der deutschen Regierung in Paris und Brüssel bis jetzt noch zu kein e m Erfolge geführt. Frankreich erkläre sich nicht bereit, in die Rückkehr der Ausgewiesenen sowie in die-Befreiung der Ges ä nge n eu einzuwilligen. Dr. Stresemann habe gestern demgegenüber erklärt, daß er nicht rmstanöe wäre, unter solchen Umständen die Ver- Bürgerkrieg zu verhüten. Sollte sich das Unglück dennoch ereignen, dann müßte die Verantwortung dafür jener kurzsichtigen Politik zugeschrieben werden, welche Deutschland mutwillig eine, zweite Niederlage bereitet hat und dies nicht eingestehen wollte, so lange es noch Zeit war. SWT Die Reklamationsfrist wurde bis zum 2. Oktober verlängert! "ü