Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1656 (24.9.1923)
- Date
- 1923-09-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer R700 W,i e nZum Abholen in der Expedition, II.,Taborstr.l-S, oder in einer VerscMeisstelle (Trafik) monatl. K 28.000. Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl, K 28.000 Ts che ch o-SIowak e i: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. Mk. 100.000, Deutschi.: Mon. ost.K28000. F r a n k r., Belgien: Monatl. Frcs. 8 WM" Nachzahlung es "W§ hei Preiserhöhungen Vorbehalten Rk. 1656 Wiener orgeimilung Wie«. Montag. 24. Sevtember 1923 tb«heche -Slowakei t tschoch. K 1 — Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon. 75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II.,Taborstrassei—»3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,25-282 Tel.- Adr.:, Morgenzeitung“ Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 5. Fahrgang Ae Selbstmordmame der Deutschen. Palmare über die deutsche Krise. Paris, 23. September. (Wolff.) Poineare hielt heute nachmittags in Toul eine Rede, worin er aussührte: Wenn nach dem neuen Kriege Deutschland gezwungen wurde, Elsaß-Lothringen zurückzugeben, so hat man ihm nicht einen Kubikzentimeter Boden ohne den Willen -er Bevölkerung weggenommen. Deutschland ist mit einer Mäßigung behandelt worden, für die die Geschichte wenijg Beispiele iftmit. Deutschland zeige bei der Erfüllung seiner Verpflichtungen nicht den geringsten guten Willen. Die augenblickliche Krise Deutschlands unterbreche nur seine Zahlungsfähigkeit, ohne sie für die Zukunft zu verringern. E8 fehle Deutschland, das seine Hilfsquellen und seine Arbeitskräfte behalten habe, nur der Wille, zu erfüllen. Solange Deutschland die Erfüllung hinausschiebe, werde Frankreichdortbleiben, wuesjetzlsei. Champenoux (Dep. Meurthe-et-Mofelle), 23. September. (Havas.) Ministerpräsident Poineare hat hier eine Rede gehalten, in der er seinem Erstaunen darüber Ausdruck gab, daß Deutschland den Edelmut der Sieger vergessen habe, die den Waffenstillstand Unterzeichneten, obwohl sie damals in der Lage gewesen wären, in Deutschland einzudringen und die letzten deutschen Divisionen zu vernichten. Es. gebe in Deutschland no ch immer Leute, die ihr Vaterland in neue Katastrophen führen und die Staatseinkünfte, die sie der Erfüllung des Friedensvertrages widmen könnten, zu unsinnigen Ausgaben verwenden, um gegen den Vertrag zu revoltieren. Diese Leute, sagte der Ministerpräsident, scheinen von einer Selb st mordmanie befallen zu sein. Lassen wir die Deutschen sagen und tun, wassie wollen, und warten wir, bis sie sich überzeugen lassen. Selbst wenn sie ganz nahe am Abgrund stehen, wird es von ihnen abhängen, nicht hinabzustürzen, denn sie brauchen nur die Nutzlosigkeit i h r e s W i d e r st a n d e s vinzusehen und uns endlich den aufrichtigen Willen zu zeigen, daß sie ihre Verpflichtungen erfüllen wollend Und Deutschland? Sie Umfturzgefahr. Der Reichswehrminister vertraut auf die Reichswehr. München, 23. September. An dem in Augsburg «^gehaltenen Deutschen Abend griff der militärische Führer der Terrorformation „Reichsflagge", Hauptmann Heiß, den Reichskanzler Stresemann in der unflätigsten Weise an. Er nannte Stresemann einen Angestellten des Marxismus und kündigte mit einer Offenheit, wie sie in Deutschland noch nicht gehört wurde, den Bürgerkri eg an. Mit unverblümten Worten sprach er v o n c i n c m F e l d z u g g egen N.o rdde n tsch la n d. Die Rede des militärischen Oberkommandanten schloß mit den Worten: „Auf der einen Seite Marxismus, auf der anderen Seite Spießertum.' Revolutionen sind stets von den Behörden verboten worden, die deutsche Revolution aber wird hercinbrechen, auch wenn sic von den Behörden verboten wird. Diesmal wird sie von bayrischen F ä u st e ii ansgelöst werden. Wir machen kein Hehl daraus, daß wir nationale Revolution wollen mit dem Banner schwarzweiß-rot mit dem H a k e n k r e u z." Diese Rede erhielt ihre Bekräftigung durch eine Ansprache des Generals L u d e n d o r ff,', der nicht nur keine Silbe gegen die Aufforderung zum Bürgerkrieg sprach, sondern im Gegenteil mit allerdings dunklen Worten dem Borredner zu st im inte. Die Demonstranten begegneten der Augsburger Reich s weh rga r n iso n, die Hakenkreuzler begrüßten die Reichswehr mit st ü r m i s ch e n H e i l r u f e n, die von der Reichswehr ebenso erwidert wurden. „Der Sturm bricht los." München, 24. September. (Tel. der „Wiener Morgenxeitung".) Die Terrovformation „Oberland" hatte für gestern einen „Ausflug" vorbereitet, zu dem die Mitglieder in feldmarschmäßiger A u s r ü st u n g erschienen waren. In letzter Stunde wurde die Unternehmung jedoch abgesagt und die Erschienenen zum ruhigen Nachhausegehen anfgefordert. Auf den Straßen kam es jedoch zu Anrempelungen von Passanten, wobei es, zumal auch die Polizei e i n g r i f f, zu größeren Z ns a m nt m e nstoßen kam. Die Polizei mußte, da auch S ch n s se abgegeben wurden, m e h x e r e B c xHaft u nge n vornehmen. Auch die Kommunisten Men. Berlin, 24. September. (Tel. der „Wr. Morgenzeirnng".) Wie der „Montag-Morgen" berichtet, befinden sich seit'mehr als einer Woche alle'Führer der deutschen Kommunisten in Moskau, um dort mit der Exekutive der Kommunistischen Internationale über die künftige Taktik in Deuichland zu verhandeln. Diese Konferenz ist auf Veranlassung der Moskauer Zentrale augeordnet worden, da diese mit der Haltung der deutschen Kommunisten in letzter Zeit höchst unzufrieden ist. Das Resultat der Moskauer Besprechung soll in einem Kurswechsel in der Taktik der deut.lckv'.n KomWm«Ü6»^ Berlin, 23. September. Reichswehrminister Geßler erklärte heute mit Bezug auf die Putschgerüchte, daß er sich persönlich - für die Zuverlässigkeit der Reichswehr unbedingt verbürgen könne- und jeder Putschversuch aussichtslos sei. Die Schweiz befürchtet de« Bürgerkrieg. Basel, 23. September. Die fchiveizevischen Grenzposten sind irr den letzten Tagen verdoppelt worden. Bei den Schweizer Behörden Haben Beratungen darüber stattgefunden, wie die Grenze für den Fall eines deutsch e n Bürgerkrieges zu schützen sei. Die Schweiz wird sich gegen etwaige Uebertritte kommunistischer oder rechtsradikaler Elemente mit allen Mitteln zur Wehr setzen. Stresemann in Schwierigkeiten? Berlin, 24. September. (Tel. der „Wr. MorgenzeitK-ng".) Die Ministcrbesprcchungen über die bevorstehenden Aenderungen in der äußeren Politik wurden gestern bis in die späten Nachtstunden fortgesetzt, ohne daß ein definitiver Beschluß gefaßt werden konnte. In politischen Kreisen verlautet, daß infolge der Zuspitzung der verschiedenen Ansichten der einzelnen Länder ein ernheitlicher Besch l u ß über die Formel der Einstellung des passiven Widerstandes nicht so leicht gefaßt werden wird, daß weiters durch eine in den letzten Stunden zum -Ausdruck gekommene Unzufriedercheit der Sozialdemokraten gegen gewisse innerpolitische Maßnahmen, die sich nicht zuletzt gegen die Person des Reichswehrministers Dr. Geßler richten, eine Erschwerung der Situation eingetveten ist. Von verschiedenen Seiten wird die Forderung gestellt, den früheren Reichskanzler Cuno sofort wegen Unterschlagung von Reichsgeldern in Anklagezustand zu setzen. Straßeukamtzf zwischen Komunmifte» und Polizei i« Berli«. B e r l i n, 23. September. (Wolff.) Nach einer Versammlung der kommunistischen Jugend bildete sich trotz Verbotes ein Zug von etwa 3000 Jugendlichen, die die Nosenthaler Straße entlang marschierten. Polizeibeamte, die die Demonstranten aufforderten, auseinanderzugehen, wurden bedroht und angegriffen, so daß sie mehrmals von der Hiebwaffe Gebrauch machen mutzten. Ein Beamter, dem man das Seitengewehr zu entreißen versuchte, gab einen Schutz ab, durch den aber niemand verletzt wurde. Eine mitgefüjhrte rote Fahne wurde beschlagnahmt und sieben Personen wurden verhaftet. Die durch Säbelhiebe Verletzten wurden von ihren Genossen schleunigst fortgeschasst, so daß ihre Feststellung nicht möglich war. Mio»e»beschla»uah««»s i« Düsseldorf. . Düsseldorf, 22. September. (Havas.) In der hiesigen städtischen Hauptkaffe sind änderthakd Billionen Mark beschlagnahmt Auch in Rumünie« wolle« Generale putschen. Acht Generale verhaftet. Rom, 23. September. Die Blätter melden aus Pariser Quelle, daß die rumänische Regierung einen Putschversuch einiger Generale unterdrückt habe. 26 Verschwörer, darunter acht aktive Generale, feien einige Stunden vor der zum Losschlagen bestimmten» Zeit verhaftet worden. Die Verschwörung hätte nationalen und antisemitischen Charakter gehabt. Die bulgarische Gegenrevolution niedergeschlagen? Die aus verschiedenen Quellen eintreffenden Nachrichten besagen übereinstimmend, daß die in den verschiedensten Teilen Bulgariens ausgebrochenen Revolten nicht allein von den Kommunisten, sondern auch von Teilen der Bauernbevölkerung, zumeist Anhängern des ermordeten Stambuliiski, rmt ernennen wurden, die alle mtt dem gegenwärtigen Regime Zankovs unzufrieden sind. In verschiedenen Orten, so in Nova- Zagora, Radmnir und Tfchirpan, haben die Kommunisten lokale Sowjetregiernngen eingesetzt, während in Nordbulgarien die Bauern die Macht an sich zu reißen sich bemühen. Einer Belgrader Meldung zufolge sollen bisher auf beiden Seiten 68 4 Tote und 2000 Verwundete zu verzeichnen sein. Die bulgarische Regierung läßt durch eine offizielle Mitteilung das Ausland wissen, daß die Aufftäude gänzlich unterdrückt sind und die Regierung wieder im ganzen Lande Herr der Lage ist. Ob diese Darstellung zutreffend ist, werden erst die nächsten Tage beweisen. Abwarten ist um so mehr am Platze, als der amtlichen Darstellung bei ihrem Versuch, dre Lage als für die Regierung günstig darzustellen, der Fehler unterlief, das nach der Junirevolution aufgelöste Sobranje nun nochmals auflösen zu lassen. Belagemugrzuftaud i» Bulgarien. London, 24. September. (Tel. der ,Miener Morgen» zeitung".) Nach einer Meldung aus S o fia hat die Regierung wegen den im Lande vorgekormnenen Revolten gestern den Belagerungszustand über das Land verhängt. Furchtbare Grubeukatastrophe in Pole«. Fünfzig Bergleute getötet, vierzig vermißt. Krakau, 23. September. In Dombrowa-Gornicza hat sich eine furchtbare Grubenkatastrophe ereignet. In der Grube Reden bei Sosnowice, in der ungefähr 800 Arbeiter beschäftigt sind, entstand ein Brand. Bis gestern abend waren 50 verkohlte Leichen geborgen. Die Katastrophe wurde durch eine Explosion schlagender Wetter verursacht. Die Grube ist von den Familien der Verunglückten und Vermißten förmlich belagert. Warschau, 23. September. Wie die -Blätter melden, steht nunmehr fest, daß die letzte Schlagwetterkatastrophe auf der Grube Reden die größte war, die jemals im Dombrovaer Revier vorgekommen ist. Der Brand des Schachtgebäudes konnte zwar gestern abends gelöscht werden, doch ist die Gefahr noch nicht beseitigt. Der Grube droht eine neue Gefahr, da sich unter der Grube ein Pulverlager von etwa 300 Kilogramm Pulver befindet. Bis gestern abends waren noch 40 Bergarbeiter vermißt. Es besteht die Hoffnung, daß sie noch am Leben sind. Die Aew-dorker Zeitunge« erscheinen wieder. Reuter meldet aus New-Jork: Die Zeituugsverleger und der Druckereiverband haben einen Vertrag unterzeichnet, der 'die Lohnerhöhung und die Arbeitszeit regelt. Man erwartet, daß die Zeitungen am M o n t a g to i eder in gewohnter Weise erscheinen werden. Die Pariser «odWuueu streiken. Aus Paris 'wird gemeldet: Die Modistinnen haben Sanrstag nachmittags f> schlossen, sofort in Öen Streik zu treten, da ihre Loh lifo r der ung, die sich auf 100 Prozent beläuft, nicht bewilligt wurde. Die krdbebenwelie. Durch die Katastrophe in Japan scheinen in der ganzen Welt große Umwälzungen des Erdbodens vor sich zu gehen, da seit den letzten zwei Wochen fast kein Tag vergeht, an dem nicht der Telegraph aus irgendeinem Teile der Welt neue Erdstöße verzeichnet. Der gestrige Tag bringt, wie eine Depesche aus London besagt, Nachricht von zwei größeren Erdbeben in Kairo, deren Umfang bis zur Stunde noch nicht ermessen werden kann. Aus Moskau besagt eine Meldung, daß im Gebiet des Amur mehrere Erdstöße vorgekommen sind, die jedock keiuL«- arötzeren Schaden angevicktet baben.