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Wiener Morgenzeitung · 1923-09-23 · Heft 1655 (23.9.1923) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1655 (23.9.1923)
Date
1923-09-23
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Sonntag Lviener Modenzeitung. 28. September 1923 Nr. 1685 Georgsbad] BerhaftUW m BanknotenfAschern. Neu renoviert!! (Clusiusbacfy IX. Clusiusgasse 12 Neu renoviert!! 788 Erew Sykus, morgen Montag. 24. Sept. von V*8 früh bis 6 Uhr abends geöffnet Erew Hauachanoh-Raboh. Sonntag den 30. September den ganzen Tag geöffnet Zer junge Mann und da» Theaterrepertoire. In der „Pragep Presse" schreibt Oskar Manrns F o n t a n a: Ein junger Mann, eben aus der Provinz gekommen, mit einem grünen Hut und ohne Stellung, lieft die Zeitung, sieht nach, was die Theater spielen, und schüttelt den Kopf: „Wie ist eS möglich, jdaß sich diesen .Klumpen Leim und Dreck Theaterrepertoire nennt! Wio kommt es. daß ich Dramen, die ich zu sehen wünsche-, daß ich Dichter, von denen ich in meiner stillen Heimatstadt träumte, hier nicht erblicke, ja daß sie ausgelöschti scheinen, als ob sie überhaupt niemals gewesen wären? Wie erklärt es sich, daß unter den fünfzehn Theatern! der Großstadt nicht eines mich zwingt, eine Karte zu kaufen und hinein zu gehen! Das ist doch seltsam. Wen macht das Theaterrepertoire, wer ist verantwortlich dafür, daß alle Sehnsucht, alle Schönheit, alle Größe förmlich ausgeschlossen scheint? Jemand mutz die Schuld tragen, und sicherlich: Der ist es, der das Theaterreper^ loire macht! Aber wer macht das Theaterrepertoire?" Und weil der junge Mann einen grünen Hut und keine Stellung hat, und es in ihm brennt, etwas zu tun» geht er zum Direktor, klopft an, tritt ein und fragt: „Wer macht das Theaterrepertoire?" Ter Direktor schielt ihn von der Seite an. seufzt, undindem er wehmütig Kassenbelege emporhebt, antwortet et: „Das Publikum." Der junge Mann stutzt, und mißtrauisch, wie ein Provinzler eben ist (am Ende ist der Direktor gar kein! Bauernfänger, denkt er), begibt er sich zum Publikum. Er trifft es bei einem dampfenden Mahle mit borge* bundener Serviette, eine Bratkartosfel eben aufspietzend, mit der Nase den Tust des Rehrückens einsaugend, mit dem rechten Auge auf die Preißelbsevö lugend, das linke Auge indigniert, denn das Publikum hat immer Appetit, von der Speisekarte zum Fragenden emporhebend. Kurz und apodiktisch ist die Antwort: „Der Direktor." Das Publikum senkt das linke Auge wieder zur Speisekarte ißt weiter, und mit halber Stimme — ein Bissen ist ihm im Schlund stecken geblieben —, verbürgt es den Kurszettel. Der junge Mann wird aufgeregt: Wie, die Wahr* Heck sollte mir verborgen bleiben?! Nein! Und er beschließt, zu den Schauspielern zu gehen. Die spielen Billard und gähnen. Als sie die Frage hören, werden sie rasend, das Auge rollt hin und her, die Haare sträuben sich. Dev junge Mann bekommt Angst und tritt einem Schritt zurück. Sie hauen mit der Faust aus den Tisch, daß die« Marmorplatre, die eben i'ur aus Pappendeckel ist, zer springt: „Ter Direktor und das Pnplikum." Ter junge Mann entspringt und kommt sich sehr blödsinnig vor. Da trifft er einen Kritiker, der neun-' undn.eunzig Bücher unter dem Arm trägt, und redet ihn flink an. Ter lächelt ihn durch die Brille nachsichtig! (denn er weiß ja selbstverständlich alles) an und sagt resigniert: „Ter Direktor, das Publikum, die Schauspieler", und wendet sich. Der junge Mann starrt ihm nach wie einem Phan com. Ec lechzt nach Wahrheit. Die Zunge hängt ihm fast, zum Munde heraus. Wie? Das ist die Erleuchtung, das ist die Rettung: Ein Dichter muß ihm Antwort geben', können, nur nicht verzweifeln! Jetzt hat er bald di Wahrheit. Der Dichter trinkt Burgunder, kaut dazu Aachen ner Printen und ist zwischendurch von dem Gedarnkeni geauält, nach seinem Tode zur Plombe im Munde eines Kritikers zu werden. Seine Antwort schießt augenblicks daher, indem er seine letzte liebe, blonde Locke schüttÄt: „Der Direktor, das Publikum, die Schauspieler und die Kritiker." Der junge Mann wankt, wie mit einem Brett vor den Kopf geschlagen, aus dem Haus und setzt sich aus einen Meilenstein. Weil er ein romantischer Mainin ist, umflattern ihn Raben und halten ihn und seinen grünen Hut für einen Ast. Er sinnt nach: Hochmütig war ich, zu! hoch stieg ich und verachtete die Niederen. Nur die De-« mut Wingt Wahrheit. Nur die Demut. Knechte sind wiv alle, aber den Mund jener und dieser schließt ein gol-> dener Reifen. Nur der Mund des Armen ist bloß, ist schön, ist wahr. Also beschließt er, einen Theater niederen ausznsuchen. Er kommt zu einem Souffleur, der miL oer einen Schulter den Erdboden streift, und seinen Beitritt zum „Evangelischen Bürgerverein" angemeldet hat. Der Souffleur hört nicht gut, er neigt sein Ohr und versteht erst beim dritten Mal. Dann nickt er lange mit dem Kopfe und sagt vorerst: „Sie haben nicht die Bühnenaussprache", dann streicht er seinen Schnautzbart ujnd lacht nach einer Weile: „Ja, der Direktor, da» Pubkikum, die Schauspieler, die Kritiker, die Dichter." Ter junge Mann fühlt einen glühenden Nagel inl seinem Schädel, sckenht dem Souffleur eine oebranchtei Die m Budapest erfolgte Verhaftung dreier Leute, die aus höhere Werte verfälschte amerikanische Dollarnoten in Umlauf brachten, steht mit einem K-nimualfall in Zusammenhang, der schon seit Jahren die internationalen Polizeibehörden beschäftigt. Seit Jahren haben sich außerordentlich geschickte Fälscher damit befaßt, amerikanische Zweidollarnoten derart •-» fär!d)cn,, daß man üe für Hundertdollarnoten halten mußte. In ungemein geschickter Weise wurde ans beiden Seiten des Notcnbildes die Wertzisfer, wo sie in Zahlen und wo sic in Worten angebracht war, auf chemischem Wege entfernt, an diesen dünner gewordenen Stellen flüssige Papi c r in a s s e aufgetragen und daraus der höhere Wer' von 160 Dollar ganz genau in der Zeichnung und in der Farbe eingeetzt. Da die Noten wirklich echt nnd nur auf höhere Werte verfälscht waren nnd sie an keiner Stelle sichtbare Spnren der Täuschung zeigten, konnten sie sogar von Kennern für echt gehalten werden. Schon im Februar 1922 gelang es, in W a r s ch a n die Fälscherwerkstätte auszuheben und cs wurden damals auch zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Es scheint aber, daß noch insgeheim Depots derart verfälschter Noten bestehen, aus denen von Zeit zu Zeit die verfälschten Banknoten in Umlauf gebracht werden. Erst vor kurzer Zeit, am 17. d., wurden in Wien der Antomechaniker Friedrich Peklo, der .Handelsangestellte Karl Schächter und der Friseurgehilfe Jakob Seidlcr vulgo Schmergcl wegen Gefälschte Hundectdollarnoten. Verausgabung einer verfälschten Hnndertdollarnotc verhaftet und dem Landesgerichte eingeliefert. Nun wurde das Sicherheitsbureau gestern telegraphisch von der Budapestcr Oberstadthauptmannschaft in Kenntnis gesetzt, das; dort am 19. d. wegen Verausgabung verfälschter Ztvcidollarnoten der angebliche Kaufmann Max Felberbau m. der ehemalige Cafetier Wilhelm Czerny und der angebliche Filmschauspieler Karl Rathgeber verhaftet wurden. In ihrem Besitze fand man 9V Stück falsche Hunderldollanioten. Die Budapestcr Oberstadthauptmanschast teilte ferner mit, daß mit den Verhafteten auch mehrere andere Personen in Verbindung stehen, unter ihnen der angebliche Rennstallbescher nnd Handelsangestellte Berthold Winkler aus Wien. Er wird beschuldigt, vor kurzem in Budapest in Vergnügnngslokalen solche Falsifikate in Umlauf gesetzt zu haben. Bei seiner Einvernahme int Sicherhcitsburcan gab Winkler an, bei dem letzten Traben auf dem Trabrennplatze in Wiener-Neustadt den Czerny und Rat'hgeber zufällig getroffen zu haben, uuö Czerny habe ihm zwei vermeintliche Hundertdallarnoten gegeben, damit er, da Czerny kein Bargeld besaß» sich Geld ausleihe. Winkler behauptet, die Note für echt gehalten zu haben. Ob die frül)er in Wien verhafteten Verbreiter der Noten, Peklo und Konsorten, mit den jetzt in Budapest verhafteten nnd in Wien in Haft genommenen Leuten in Verbindung stehen, konnte bisher nicht erhoben werden, doch werden die Nachforschungen fortgesetzt. Winkler wurde gestern den; Landesgericht eingeliefert. Die Erhebungen dauern fort. Tramwahkarte (er hält sie in seiner Verwirrung für eine-nl Fünfmillionenschein), tritt aufatmend in die kühle Lust und seufzt: „Wer macht das Theaterrepertoire?" Nach sechs Monaten hat der junge Mann einen! runden, steifen Hut und eine Stellung. Er hat kein« Zeit mehr und fühlt sich schon erwachsen und großstädtisch. Ueber Idealisten lächelt er. Was ein Arbitragegeschäft ist, weiß er. Er schämt sich, bevor er einschläft, immer ein wenig, daß er einmal fragen konnte: „Wer macht das Theaterrepertoire? Aber schon ist ein anderer junger Mann eben cm« der Provinz gekommen, mit einem grünen Hut und ohne! Stellung, und fragt: „Wer macht das Theaterrepertoire?" Meinung, daß sehr wahrscheinlich in Aegypten schon vor mehr als 18.000 Jahren Menschen unseres Typus gelebt und Europa mehr wie einmal bevölkert haben. Jüdische Pfadfinder vor dem Präsidenten Masaryi. Vor den; Präsidenten der tschecho-slowatijcycu Republik M a s a r y k, der 'längere Zeit aus dem Schlöffe T o p o l c a n k y in der Slowakei weilt, erschienen neulich 500 jüdische Pfadfinder aus lder Slowakei. Nachdem am Vormittag die Gruppen vor dem Präsidenten defiliert hatten, kampierten sie am Nachmittag auf der Wiese vor den; Kastell. Der Präsident tarn auf die Wiese und beobachtete vergnügt die Wettspiele der Pfadfinder. Mi: besonderer Aufmerksamkeit verfolgte er das Treiben der außerordentlich gut disziplinierten S ch o m r i m -Gruppe aus N o v e- Zamky. Mit dem -Führer der Schomrim, Groß, ließ sich der Präsident in eine dv.-iviertel Stunden währende Unterhaltung ein und ließ sich das hebräische Kommando der Schomrim erläutern.; Im Laufe der Unterhaltung gab der Präsident seiner Verwunderung über die auffallend stramme Disziplinierung der jüdischen Schomrim Ausdruck. Wenn ich nicht von der Staatstrene der Slovenskoer Juden sicher wäre — sagte der Präsident —, wäre 'ich gezwungen, die Schomer-Gruppe aufzulöseu. Groß hörte die Worte des Präsidenten mir Staunen an» aber der Präsiden: beruhigte ihn lächelnd: Weil Ihre Schon;vi-m keine Pfadfinder, sondern Soldaten sind. Die Schomrim übergaben den; Präsidenten ein Verzeichnis des hebräischen Kommandos, was der Präsident mit Fre-ude cntgegennahm. Auch bei den; om Abens erfolgten Volksfest taten sich die Schomrim in jeder Weist hervor und ernteten volle Anerkennung. bin Zarenmdrder wird aus Berttn amgr- Utiefen. Wie der „Berliner Lokalanzeiger" mitteilt, hat das preußische Ministeriun; des Innern angeordnet, unverzüglich den Aufenthalt des zurzeit in Berlin befindlichen Mörders der Zorenfamilic Jacobliew ausfindig zu machen und ihn als lästigen Ausländer über die Grenze abzuschieben. diu neuer ägyptischer Fund. In Qnel cl Kebir wurde kürzlich ein Fund gemacht, in; Vergleich zu dessen Alter die viel besprochene Ausgrabung des Königs Tntan'kamen und seines Schatzes mode r n e n D atums ist. Die Gebeine, welche diesmal, und zwar nicht weit vom Nil, ausgegraben wurden, sollen nach Ansicht von F l i nders Petrie mindestens füchzehntausend Jahre dort gelegen haben. Sir Artur Keith, in der Zeitschrift „N a t u r e" erklärt den Fund für außerordentlich bemerkenswert und rätselhaft. Die Gebeine unterscheiden sich in nichts von denen eines modernen Menschen, und es ist nicht möglich, eine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Menschenrasse zu erkennen. Dies .Miebt iedoeb bobes Mer nicht aus. 'Der Gelolrrte ut der - Eine Knlturschande. Aus Lemberg schreibt man uns: Das Wort „Ku7lm> schände" ist vielleicht heute zun; Gemeinplatz worden und man läuft so ziemlich Gefahr, der Abgedroschenheit geziehen zu werden, wenn mm; es insbesondere in Verbindung mit dem Verhalten gewisser p o l n i f ch c r I u deufr e s s c r gebraucht. Die Anhäufung eines Tatsachenmaterials, wie man es täglich aus unmittelbarer Nähe zu fühlen bekommt, hat die Gemüter anscheinend schon so ziemlich abgestumpft geiuacht. Und doch kann man sich der Versuchung nicht erwehren, aus einen; scheinbar ganz unbedeutenden Zeitungsartikel des von; Lemberiger UniversitäLspro>fessor Stanislaus G r a b s k i redigierten „Slowo Polskie" (12. September, Nr. 250) einen Satz herauszugreifen, mn dadurch zu dokumentieren, zu welcher G cmüts Verrohung die polnische Gefellschaist durch den Antisemitismus erzogen wird. Nach gelahrten Auslassungen über 'den stalistisch nachaewieseuen Zuwachs der großpolnischen Bevölkerung ergeh: sich daselbst der Verfasser (Dworzaczek) in den gehässigsten Ausdrücken über die -Vennehrung der jüdischen Einwohnerzahl in Posen und schreibt unter anderen: wörtlich folgendes: „In -den bisherigen statistischen Ausweisen konnte mau außerdem die Todesrubriken der Inden verfolge», die die e i nz i g e w; r k l i ch s y m p a t h i s ch e u n d d c r na cl) d r ü cklch st e n Unterstützung würdige jüdische Institution, -das ist der Friedhof, vermehrten." Die Worte sprechen für sich. Wenn sich Polen von dieser Art in; nationalen Eigendünkel der höheren Kultur rühmen, die angeblich die europäische bei weitem übertrifft, so kann inan nur die Worte des Senators Dr. Wurzel unterstreichen, die einzigartig den Kern der Sache erfassen: „Wenn der Hyäne die Redensgabe verliehen wäre, sie würde der Welt beweisen, daß das Aas der beste Leckerbissen sei." Antisemitischer Ueberfall an Rosch Haschanah. Aus Warschau meldet I. E. B.: Der jüdiche Paria» -inenisklub erhielt einen mit zahlreichen .Unterschriften versehenen B r i e -f P o s e u e r I nde u, in welchem berichtet wird, daß au; z w eite n R o s ch H a s ch a n a h - T a g e abends die jüdischen Andächtigen, als sie die große Synagoge verl a s s e u halten, von einer F a s zi -ft c u b a u d c ü b e r-- f allen und mit Stöcken mißhandelt wurden. Ma;r zählt m e h r e r c Ve rw u u d e t e. Den Andächtigen wurden die Gebetbücher aus den Händen gerissen und zerfetzt. Die Exzedenten gehören der Liga zur Verteidigung des Vaterlandes und Glaubens an. Es wurde zweisilsfrei festgestellt, daß sich das Posencr Sta d t r a t sm i t gl i cd Noskowicz an dem Ueberfall beteiligt hat. Die tvnhreud der Krawalle erschienene Polizei irckhu; einige der Epzedenten fest, ließ sie aber gleich -daraus frei, ohne den Ueberfallenen Namen und Adressen bekam;'geben zu wollen. Bon den Erwachenden in den Tod gejagt. Aus Budapest wird uns gemeldet: Bor einigen Wochen hat sieh einer der berühmtesten ungarischen Schriftsteller und Naturforscher, Dr. Franz Ga spar, getötet.' Er rvar ursprünglich Marineoffizier, daun Marinearzt und schrieb urehrere Bücher über seine Erlebirisse. Später war» Gaspar Negicrungskommissär und Chefarzt des Kaufmänni-- schen Spitals und des A rbe i te rver sich er ungsambes. In dieser Eigen schalt wurde er mehrmals von bei; Erwachenden Ungarn bedroht und schließlich zum Verlass«» seinen Stelle gezwungen, weil er einen Beamten ahf Grund eines richterlichen Urteiles entließ. Als unlängst einmal Doktock Mspar mit seinen. Säbuef» im Kafsechanie saß. beschinrpftc.tr

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