Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1653 (21.9.1923)
- Date
- 1923-09-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ElnzeinmnmerKIOOß Wien: Zum Abholen in der Expedition, II.,Taborstr. 1-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Ts ch e c h o-S I owa k e i: Mon. K17. Jugoslawien: Mf>r<rünar40. Polen: Mon. Wb.7ft.ll00. D c-n-t sehland: fl^on. Mk.3TtfüÖOOO. F r a n k r., Belgien: Monatl. Pres. 8 gar Naehiahiun*en -Mtz bet Preiserhöhungen vorbehnlten Tschecho -Slowakei * ischech. K 1.20 Italien: Monatl. 10 Lire. R u m a n i e n Mon. 90 Lei Bulgarien Mon.75 Lewa, S c h w e i 7 und das übrig« Ausland monatl ch Frcs.? Renn1 tionu Administrator Wien, II., laborstrassel— Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,25-285 Tel- Adr.: .Morgenzeitung*' Wien Oösterreichisches Postspar hassen-Konto Nr. 150.693 Nr. 165S Wien. Freitag. 21. Zevtember 1923 8. Jahrgang Tie englifch-sramMcheu BerhMdlmge«. Entspannung. Zie Konferenz Baldwin-Poincare. P. Wien, 21. September. Der englische Ministerpräsident Baldwin hat nun m Paris seine angekündigte Unterredung mit dem Staatschef und dem französischen Ministerpräsidenten gehabt. Es wurde über die Ruhr- und Reparationsfrage verhandelt und, wie offiziös gemeldet wird, wurde festgestellt, daß in keiner Frage eine grundsätzliche Differenz bestehe. Ans den vorliegenden Nachrichteü und Zeitungsstimmen geht hervor, daß England aus seiner selbstgewählten Isolierung heraustreten will und wieder nähere Berührung mit Frankreich sucht. Die letzten Tage haben eine Rede Poincares gebracht, in welcher er den sesten Willen bekundet, den beschrittenen Weg zu Ende zu gehen und den englischen Vorschlag auf ein Abkommen zur Sicherung Frankreichs gegen einen deutschen Angriff als ungenügend bezeichnet hat. Die Schroffheit von Poincares Erklärungen hat auf gewissen deutschen Seiten enttäuscht, die aus der Tatsache, daß bereits deutsche Verhandlungssühler ausgestreckt worden sind, vorschnelle Folgerungen ableiten zu können glaubten. Man glaubt nunmehr, zu wissen, warum Poincare das Bedürfnis gefühlt hat, seinen Standpunkt noch einmal mit solcher Entschiedenheit zn unterstreichen. Kurz vorher waren nämlich bei Poincare, wie aus politischen Kreisen gemeldet wird, der englische und der belgische Gesandte erschienen, um ihn zu einer versöhnlicheren Haltung in der Ruhrfrage zu veranlasse«, mit der Begründung, daß Stresemqnn der deutschen öffentlichen Meinung Rechnung tragen müsse und man chm.Me^MLnMgliches zumuten dürfe. An "Berlin bemW'män W^' den EiÄrrrck"zu erwecken, daß die deutsche Regierung von diesem Schritt erst später Kenntnis erhalten habe. Mer wie dem auch sein mag, Poincare hat sich beeilt, durch den offiziösen „Temps" erklären zu lassen, daß er nunmehr das Kabinett Stresemann mit Mißtrauen betrachten müsse, da es versuche, England und Belgien gegen Frankreich aufzuhetzen und man geht wohl nicht fehl, wenn man Poincares Rede mit diesen Vorgängen in Zusammenhang bringt. Der Erfolg jener Rede ist nicht ausgeblieben, die deutsche Ätark ist bald darauf völlig zusammengebrochen, die deutsche Finanzverwaltung hat endgültig die Markwährung ihrem Schicksal überlassen und das Chaos in Deutschland ist damit wieder gewachsen. Es ist nunmehr ein offenes Geheimnis, daß Deutschland auch den passiven Widerstand zu opfern beabsichtigt. Man soll angeblich daran denken, die ominösen Verordmingen stillschweigend unter den Tisch fallen zu lassen, und das deutsche Telegraphenpersonal soll bereits seine Bereitwilligkeit ausgesprochen haben, die Arbeit wieder aufzunehmen. Die französische Behörde soll die Bedingung gestellt haben, daß der von neuem aufzunehmende Dienst unter der Kontrolle der Besatzungsbehörde erfolge und das deutsche Personal soll sich dieser Bedingung gefügt haben. Deutschland soll nur mehr die Forderung aufrecht halten, daß die verurteilten und ausgewiesenen Deutschen wieder befreit, beziehungsweise wieder in ihre Wohnsitze gelassen werden, und charakteristischerweise beginnt auch ein Teil der deutschnationalen Durchhalterpresse in der Frage des passiven Widerstandes zum Rückzug zu blasen. Die geänderte Haltung Englands ist wohl darauf zurückzusühren, daß man bei den Westmächten mit dem Eintritt einer neuen Situation rechnet. Man beginnt die Einstellung des passiven Widerstandes ins Kalkül zu ziehen, dessen Fiasko nunmehr völlig offenkundig geworden ist, und an ■ dem man in Deutschland auch darum nicht länger festhalten können wird, weil seine Wirklingen immer deutlicher in Erscheinung treten: die ins Ruhrgebiet gelieferten Summen, die ins Gigantische anlvachsen, versperren jeden Weg zur Herstellung eines budgetären Gleichgewichts, sie demoralisieren die Bevölkerung, die seit langen Monaten ohne Arbeit ans' Rerchswsten lebt und sie haben eine maßlose Korruption Kzeitigt, als deren Nutznießer die hochpatriotrschen Schlverindustriellen' erscheinen, welche bezichtigt werden, Inflation und Ruhrkredite zu großzügigen Durchstechereien für die eigenen Taschen benutzt zu habest. Mau rechnet nunmehr mit der deutschen Kapitulation und England will nicht beiseite stehen, wenn es endlich zu Verhandlungen kommen sollte. Die englische Regierung wünscht zunächst, daß die Besetzung der Ruhr zuerst ihren militärischen Charakter verliere und dann cbestenö ausaeaeben werde. Iveil inan in EnglaiÄ Der englische Ministerpräsident Baldwin ist Mittwoch in Paris eingetroffen und hatte Besprechungen mit Poincare intb Millerand. Ein Communique der englischen Gesandtschaft in Paris vom 19. d. erklärt, die beiden Staatsmänner seien sin einen. Meinungsaustausch über die allgemeine Lage eingetreten und seien in der Lage festzustellen, daß in keiner einzi g en Frage eine verschiedene Auffassung über die Ziele oder eine grundsätzliche Differenz bestehe, die die Zusammenarbeit der beiden Länder, von der in so weitem Maße die Stabilisierung und der Friede der Welt abhängt, gefährdett kann. Annäherung zwischen England und Frankreich. Paris, 19. September. (Havas.) In offiziellen Kreisen wird betont, die Zusammenkunft des Ministerpräsidenten Poincare mit dem Premierminister Baldwin bilde ein d i p l o m a t i s ch e s E r e i g n i s von großer Wichtigkeit. Inöem Baldwin mit dem Präsidenten Millerand und Poincare in Fühlung trat, wollte er zum Ausdruck bringen, daß er die gegenwärtig durch die Opposition amtlicher britischer Kreise gegen die Ruhrbesetzung unterbrochenen Beziehungen vertrauensvoller Zusammenarbeit zwischen den beiden Regierungen wieder anknüpfen wolle. Gegenüber den Einwänden gewisser Alliierter, daß die Ruhrbesetzung „sich nicht bezahlt mache", werde es Poincare leicht werden, ihnen nachzuweisen, daß Deutschland mehr Goldmark an d in' passive n Wid e r st a n d v Lsis ch w e n d e t habe, als es hatte bezahlen müssen, um sich seiner Reparationsverpflichtungen zu entledigen, und daß die französisch-belgische Ausbeutung des Ruhrgebietes täglich, erträgnisreicher werde. d Heute sei Poincare bereit, die Verhandlungen mit dem Deutschen Reiche unter der Voraussetzung wieder auf zun eh men. daß dieses seine Verfügungen betreffend den passiven Widerstand zurückziehe. Pokcare halte diese Bedingung noch immer aufrecht. Es sei möglich, daß sich Baldwin der logischen Beweisführung Poincares ergeben habe, und die Stelle der amtlichen Mitteilung, worin sestgestellt wird, daß „in keiner Frage eine Verschiedenheit in den Zielen, noch ein Gegensatz der Grundsätze zwischen den beiden Regierungen bestehe", werde — man müsse es wünschen — in Berlin verstanden und gehört werden. Was die R u h r b e s e tz u n g betrifft, dürfte es möglich sein, den Bedenken Englands, das geneigt ist, sich der Besetzung unter der Bedingung anzuschließen, daß deren militärischer Charakter verschwinde, Genüge zu leisten, aber nur in dem Maße, in dem Deutschland seinen Verpflichtungen Nachkommen wird. England werde übrigens eingeladen werden, an eventuellen Verhandlungen mit dem Deutschen Reiche teilzunehmen. In französischen und englischen Kreisen wird der Genugtuung über die Fühlungnahme Ansdruck verliehen, die möglicherweise ein Vorspiel für weitere Verhandlungen bilde. Eine ofRaiiife deutsche Isffifrang. Berlin, 20. September. Das Wolsfsche Burean meldet: Die aus Paris hier eingetrosseuen Nachrichten über den Verlauf der Unterredung der M i n i st e r p r ä s ide n te n Englands u n ü Frankreichs lassen noch keiner: abschließenden Gesamteindruck zu. Wie die Blätter schreiben, erstrebe Deutschland nach wie vor eine Basis für endgültige R ePa ra t io n s v e rhandlu nge n. Der praktische Erfolg aller Schritte, die Deutschland in katastrophale Rückwirkungen auf die inneren Zustände in Deutschland fürchtet. Poincare hat jedoch, wie ein gewöhnlich gut informiertes Pariser Blatt meldet, auf seinem bekannten Standunkt beharrt, so daß die beiden einander widersprechenden. Auffassungen itidpt ausgeglichen werden konnten. Damit stimmt die Nachricht überein, daß die Unterredungen eine Fortsetzung erfahren sollen. Poincare hat Baldnstn versichert, daß Frankreich nicht daran denke, Verhandlungen nach Aufgabe des passiven Widerstandes ohne England einzuleiten, und es wird sogar behauptet, daß in diesem Falle neuerdings eine interalliierte Konferenz zusammentreten soll, um die Angelegenheit, wenn möglich, endgültig zu liquidieren. Natürlich haben die vereinigten deutschnationalen Fraktionen eine Kundgebung beschlossen, in der «in dieser Richtung tun könne, sei jedoch bedingt durch das, was die Alliierten ihrerseits tun werden. Eine Befriedung des Ruhrgebietes und die Wiederaufnahme normaler Wirt, schastlicher Funktionen sei.auch nur für die Tauer eines Provisoriums undenkbar, wenn nicht die von den Franzosen Verurteilten amnestiert werden, die Ansgewiesener zurückkehren können und solange nicht die Verwaltung des Einbruchsgebietes und des altbesetzteu Gebietes wieder'in die Hände deutscher Beamten gelegt ist. Sind jene Voraussetzungen erfüllt, dann könnte durch esfektivk deutsche Zahlung c n eine Lösung des Ruhr k o n s l i k t e s erreicht werden, die die R ä u m u n g de? Ruhrgebietes in sich schließt. . Psimare versöhnlich? London, 20. September. Der Pariser Berichterstatter des „Daily T e l e g r a p h" schreibt, britische Regi-erungs- Vertreter verhehlten nicht ihre Befriedigung über 'das -Er. gebnis der Besprechung. Die Ruhrangelegeuheit sei natüv lich unter den ersten Fragen gewesen, die erörtert worden seien, inbesondere die Frage, welche Lage nach Einstellung d e s passiven Widerstandes 'eutstsher würde. Der Berichterstatter läßt durchblicken, daß die Hab tung Poincares in diesem Punkt äußerst versöhnlsich gewesen sei, und vertritt die Ansicht, daß dies eine bedeutsame Rückwirkung aus Deutsch la n d ausüben werde. Man stimme darin überein, das. weitere Erörterungen in naher Zukunft notwendig sein wurden, angesichts' der Beschlüsse, die gefaßt werden müßten, üm Deutschland instand zu sitzen, seinen Verpflichtungen nachzukommen. Dem Berichterstatter sei gesagt worden, daß Poincare auch in dieser Beziehung einer: versöhnlichen Geilst an den Tag gelegt habe. Es sei beton! worden, 'daß aus Seite Frankreichs keinerlei Wunsch bestehe, Deutschlands Wirtschaft zn erdrücken oder zu entmutigen. Wenn Deutschland befriedigende Vorschläge zur Bezahlung -seiner Schulden mache, werde die Frage eines M o r a t o r i u m s unverzüglich erörtert werden. Mldwin bei Millerand. Rambouillet, 19. September. (Havas.) Präsident M i 11 c« rand und Premierminister Baldwin hatten eine Untcrredung, die eineinhalb Stunden dauerte und einen besonders vertrauensvollen und -herzlichen Charakter trug. Eine m«e Konferenz Baldwin-Poinrare? Paris, 20. September. Nach dem „Jntransigea n t" wird zwischen Joincare und Baldwin in vierzehn Tagen eine n e u e 11 n terred u n g stattfinden, der auch Th:ums und Jaspar beiwohnen werden. Es ist bis jetzt noch nicht bestimmt, ob diese Unterredung in Paris oder in London stattsinden wird. Stresemann gM die llnmöglichteit der Fortsetznns des haMen WiderAsndes zn. Berlin, 20. September. Der „V o r w ä r t s" meldet aus Paris: In der gestrigen belgischen Ministerratssitzung erstattete Jaspar Bericht über die vom Reichskanzler S t r e s e m a n n bei der: Vertretern Frau kreichs und B e l g i e n s in Berlin getanen Schritte. Der Kanzler habe zugegeben, daß das Reich äußeret a n d e 'sei, der: passiver: W i d e r st a n d fortans e tz c n, doch könne er sich für den Geist der Bevölkerung nicht verbürge n. Arlch habe er der: belgischen Gesandten und französischer: Botschafter gebeten, ihm die Stellungnahme der Brüsseler und der Pariser Regierung Abfallbewegur:g mi tzuwilen. asirsv ■;rrÄ'«asB3 letzter Stunde scharfer Einspruch gegen die vorr der Regierung Stresemann eingeschlagene Politik erhoben wird, die offensichtlich eine Verständigung tun jeden Preis mit dem haßerfüllten, unversöhnlichen Frankreich anstrebt"..Eine solche Politik könne nur zur Kapitulation fiihren, welche zur Not arrch die Schande füge. Ernster sind Alarmnachrichten aus Bayern zu nehmen, wo man sich zu einem Schlag gegen Berlin rüsten zn wollen scheint. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Ereignisse, wie man in London befürchtet, zu innerpolitischen Weiterungen in Deutschland fiihren, aber.dicse Gefahr wird durch ein längeres Zuwarten der deutschen Regierung nicht vermindert. Dem Kabinett Stresemann bleibt heute keine Wahl und das Communique über Englands Standpunkt müßte in Berlin die letzte:: Illusionen zerstörenm bezug ans. du rheinische