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Wiener Morgenzeitung · 1923-09-19 · Heft 1652 (19.9.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1652 (19.9.1923)
Date
1923-09-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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& i <p ElnzemnmmerKIOOO Wien: Zum Abholen in der Expedition, II.,Taborstr. 1 -3, oder in einerVerschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand fürWien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Ts che e h o-S 1 owak e i: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. Mk.70.000.Deutschland: Mon. Mk.3,000000. Frankr., Belgien: Monatl. Pros. 8 Bmr Nachzahlungen -P* bei Preiserhöhungen Vorbehalten Sr. 1*58 lener Wien. Mittwoch, 19. September 1923 ■ schecho-Slowa k tschech. K 1.20 Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon.75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Pres. 3 Redaktion u. Administration Wien, 11., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19. ab öUhrabds. 19-483,25-282 TeL-Adr.: .Morgenzeitung“ Wien O österreichisch es Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 5. Jahrgang Las Ende der Mark. Die Papiermark, vollständig entwertet, wird Scheidemünze 1 — Ausgabe von Goldnoten. — Blutige soziale Unruhen im Reiche. Mit Rücksicht auf den Versöhnungstag -ritfallt unsere morgige Ausgabe. . Die nächste Nummer unseres Blattes erscheint Freitag früh zur gewohnten Stunde. Der Faszismus und seine Nachahmer. F. Wien, 19. September. In Spanien haben vor einigen Tagen militärische Putschisten die bestehende Regierung auseinandergejagt, die Gewalt an sich gerissen, ein Direktorium eingesetzt und über das ganze Land den Belagerungszustandverhängt. Putsche gehören in Spanien zur gewohnten Erscheinung und wenngleich die Erhebung diesmal durch äußere Vorgänge, die Niederlagen der spanischen Truppen in Marokko, hervorgerufen wurde, so gleicht sie doch in vieler Hinsicht ähnlichen Ereignissen aus der politischen Geschichte Spaniens. Ein besonderer Umstand ist es, der diesen Vorgängen ihre charakteristische Note gibt: der neue Diktator des Pyrenäenstaates hat wohl erklärt, seine eigenen Wege gehen und sich nicht an ausländische Vorbilder klammern zu wollen, aber aus seinen Worten wird deutlich, daß ihm Mussolinis Taten zum Vorbild gedient haben. Ob die Empörung über die Haltung der letzten spanischen Regierung und der Politiker, denen man Korruption aller Art vwvwirft, begründet ist, das läßt sich aus der Ferne kaum entscheiden. Die Ereignisse selbst aber verdienen uw&t einem besonderen Aspekte betrachtet zu werden: Vas Beispiel Mussolinis, der erste Fall der vWkgen Eroberung der Staatsgewalt durch den aufgepeitschten Nachkriegsnationalrsmus, verlockt allenthalben zu ähnlichen Unternehmungen, und derspanische Vörfall beweist, daß sie mitunter glücken. Die allgemeine Nachkriegsunruhe, die politische Massenpsychose und dazu die Lockerung aller sozialen und zwischenstaatlichen Bindungen haben auch den demokratischen Gedanken empfindlich geschwächt. Die politische Demokratie, welche die Grundlage der Siegerstaaten England und Frankreich bildet, stellt im übrigen Europa keineswegs noch das tragsähige Fundament dar, an dem zu rütteln sich niemand unterfangen würde. Der bolschewikische Lockruf, der noch vor Jahr und Tag sich zu einer ernsten Gefährdung der mühsam aufgerichteten Ordnung auswachsen zu können schien, hat inzwischen vieles von seinem Zauber eingebüßt, und in Moskau hat man eingesehen, daß die Bedingungen im übrigen Europa ein einfaches Kopieren der russischen Methoden nicht einfach zulassen. Auch ist man drüben gegenwärtig noch allzu sehr mit der Umstellung der Wirtschaft aus den neuen Kurs beschäftig!-, als daß man die für die Auspeitschung der Massen notwendige großzügige Systematik ausbrächte. Es ist festzustellen, daß das saszistische Beispiel bisher eigentlich mehr Schule gemacht hat als die Moskauer Propaganda. Wohl ist es dem Faszismus bisher, außer in Italien, nirgends gelungen, sich in den Besitz der Macht zu setzen. Aber sein italienischer Sieg hat allenthalben zu einer Aufpulverung der nationalistischen Jnstimte. geführt, und Mussolini ist fiir deren Vertreter das bewunderte Ideal. Alles, was in Deutschland aus das Hakenkreuz schwört, wetteifert gleichzeitig damit, dem Parlamentarismus den Krieg zu erklären, die verführten Massen mit Haß gegen das Parlamem, welches man in ienen Kreisen nur die „Schwatzbude" nennt, zu erfüllen, und gegen den Parlamentarismus d'e Idee des nationalen Diktators auszuspielen, der dann eine neue Hakenkreuzarmee gegen den „Feindbund" führen solle. Daß diese chauvinistische und rassenfanatische Einstellung mit einem wütenden Antisemitismus Hand in Hand geht, kann man nicht bloß in Deutschland, sondern auch in Rumänien beobachten, wo sich gleichfalls eine Liga, diesmal von rumänischen Hakenkrenzanbeteru, aufgetan hat, welche ihr Mütchen an der jüdischen Hochschuljugend aber auch gelegentlich an der indischen Bürgerschaft kühlen und das ganze Land.mir einer Giftsaat von antisemitischen Pamphleten verseuchen. Faszistische Ansätze gibt es in Jugoslawien, in Polen und es liegt nur an den speziellen Verhältnissen, loenn sie dort bisher keinen größeren Umfang genommen haben. Aber die geistige Auswirkung . des italienischen Faszismus ist mit dieser Auszählung nicht erschöpft: das Beispiel erweist sich überall dort als wirksam, wo man exzessiven und unduldsamen Nationalismus am Werke sieht, um anderen Nationalitäten ihre Rechte zu verkürzen oder ft bMeitev also bei so mimchex Partei in Polen Berlin, 18. Septoinber. (Tel. der ,/Wiener Movgenzeitung".) Die Mark ist tot! Die durch den Friedensvertrag eingeleitete Tragödie hat ihren dramatischesten Höhepunkt erreicht: Völlig entwertet, wird die deutsche Mark heute von der eigenen Bevölkerung bereits zn'ruckgewiesen. Die Ausgabe von Milliardenbanknoten, die nächste Woche erfolgen soll, wird nur den Schlußpunkt der Markkatastrophe bilden. Die Arbeiten zur Schaffung eines wertbeständigen neuen Geldes sind, wie das Reichsfinanzministerium Mitteilen läßt, bereits bis zur Fertigstellung des bezüglichen Gesetzentwurfes gediehen. Die Reichsbank wird von den Staatssinanzen völlig losgelöst und dadurch in den Stand gesetzt werden, die Funktionen einer Goldnotenbank für das Wirtschaftsleben zu erfüllen. Rüchsschatzscheine werden bei der Reichsbank nicht mehr eskomptiert, so daß eine ungedeckte Vermehrung des Paipierqeldumlaufes nicht mehr stattfinden wird. Für eine U e b z rga ngs zeit bis zur Ausgleichung des Reichshaushaltes gibt eine neu zu schaffende Bank Noten heraus, die durch eine Goldverpflichtung - e r P r i v-a t w irtscha ft aus Grund des Wehrbeitvages sichrvgestellt werden. Die Papiennark wich Mheidemsiyze der neuen Note und zu bestimmten Wert einlösbar sein. Inzwischen aber geht der Wahnsinnstanz der Valutapreise an der Berliner Börse weiter. Nachdem heute der Dollar auf 360 Millionen und das - englische Pfund auf 1 Milliarde 750 Millionen emPorgeschnM war, trat infolge der Intervention der Reichsbank ein plötzlicher Rückgang des Dollars auf 130 Millionen und des englischen Pfunds auf 750 Millionen ein. Diese Vorgänge wirken sich naturgemäß auf das gesamte öffentliche Leben aus und geben zu Besorgnissen Anlaß. Teuerungsunruhen werden bereits aus den verschiedensten Teilen des Reiches gemeldet. Wenn auch die bisherigen Ausschreitungen in der Provinz lokalisiert werden konnten, so befürchtet man' dennoch, daß angesichts der stündlich schwerer werdenden Lebensmittelversorgung die Erregung der Bevölkerung weiter steigt und sich in geivaltsamen Ausbrüchen Lust zu machen versucht. In Berlin selbst herrscht zwar noch vollkommene Ruhe, doch ist die gesamte Schutzpolizei in erhöhter Alarmbereitschaft konsigniert, da man offenbar auch an den Regierungsstellen den Ausbruch -von Plünderungen mit Furcht entgegensieht. Ueber die nächsten Ziele der Reichsregievung gibt am besten ein Interview Auskunft, das der Reichsminister des Innern Soll mann der „Rheinischen Zeitung"/ gegeben bat. Nach dieser Unterredung beschäftigt sich das Reichskabinett mit der Frage der Beendigung des Ruhrunternehmens, der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, der Währungsreform und der Besserung der Ernährungslage. Die Reichsregierung werde nur in engster Verbindung und in voller Einmütigkeit mit dem besetzten Gebiet handeln und handeln können. Die Einmütigkeit mit den rheinischen politischen Parteien und wirtschaftlichen Organisationen, soweit die Rheinpolitik in.Betracht komme, sei niemals so nötig gewesen wie in den kommenden Monaten. Wer diese Front zerreißt, br- und in anderen Ländern des europäischen Ostens, für welche der Sieg Mussolinis eine moralische Seelenstärkung bedeutet hat. Daß dev magyarische reaktionäre Terrorismus mit kerßer Glut für Mussolini schwärmt, ist eine allbekannte Tatsache. Der italienische Faszismus hat sich, wie anerkannt werden muß, vom Antisemitismus freigehalten. In i Italien sind nun einmal die Vorbedingungen für eine Entfaltung des Antueuütismus nicht gegeben, die Zahl sorge das Geschäft der Imperialisten Frankreichs. Bezüglich des Achtstundentages sagte der .Minister: Wir bleiben bei unserem seit langem eingenommenen Standpunkt, daß der Achtstundentag grundsätzlich ausrechterhalten werden muß, daß aber Ueberarbeit dort zu leisten ist, wo die Interessen der Gesamtwirtschaft es erfordern. Valutenrazzia in Berlin. Berlin, 18. September. Auf Ersuchen des Kommissärs für Devisenerfassung veranstaltete die Wucher- Polizei des Berliner Polizeipräsidiums in einer Reihe größerer Kaffeehäuser eine Durchsuchung nach ausländischen ablieferungspslichtigen Werten. So weit sich die Betroffenen über den rechtmäßigen Erwerb und Besitz nicht ausweisen konnten, wurden die Werte vorläufig beschlagnahmt. Ein Ernährungedittator in Bayern. München, 18. September. Nach Blättermeldungen ist die Ernennung eines Ernährungsdiktators in Aussicht genommen, dem die Befugnis erteilt werden soll, in eigener Zuständigkeit alle Maßnahmen zu treffen, die erforderlich sind, um die Ernährungsverhältnisse Bayerns so erträglich zu machen, wie -es angesichts der wirtschaftlichen Lage überhaupt möglich'ist. Als Diktat soll eine im Wirtschaftsleben erfahrene Persönlichkeit Aussicht genommen sein. Fortgesetzte Teuerungsrevolte». Anarchie in Lörrach. ■ Batzl, 18. September. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Wie der' schweizerische Pressetelegraph aus Lörrach meldet, kam es in der vergangenen Nacht-erneut zu blutigen Unruhen und Revolten, wobei es außer zahlreichen Verletzten wieder vier Tote gegeben hat. Die Arbeiter, die offenbar die Opfer des gestrigen Nachmittages racken wollten, gingen mit Handgranaten gegen die Schutzpolizei vor. Die Schupo dagegen erwiderte den Angriff mit Müschinengelvehrfeuer. Von den gemeldeten vier Toten sind drei Polizeibeamte und ein Zivilist. Die Arbeiterschaft hat sämtliche Fabrikanten von Lörrach als Geiseln in die nahen Wälder verschleppt und wird sie erst wieder freigegben, wenn die Schupo aus Lörrach abgezogen ist. Im Laufe des gestrigen Nachmittages ereignete sich auch ein Grenzzwischensall, indem ein Teil der Arbeiterschaft, der die nach der Schweiz führende Landstraße besetzt hielt, auf Schweizer Gebiet drang und dort die Felder plünderte. Die Schweiz hat deshalb eine Baseler Polizeiabteilung während der Nacht aufgeboten und-das schweizerische Gebiet von den deutschen Arbeitern gesäubert. Aurnahmrzustand in Sllckiugen. Karlsruhe, 18. September. In Säckingen drang während der Lohnverhandlungen im Bezirksamt die Menge in das Amtsgebäude ein. Die Polizei stellte die Ordnung wieder her. Ueber vier Amtsbezirke Säckingens wurde der Ausnah ms zu st and verhängt. Gelsenkirchen muß 70 Milliarden zahlen. Gelsenkirchen, 18. September. Die Stadt hat von der Besetzungsbehörde einen sofort einzulösenden,- aus 70 Milliarden Mark lautenden Requisitionsbefehl erhalten, dem keine Begründung Leigegeben ist. Die Stadtverwaltung hat die Zahlung ab gelehnt. der Juden im Lande ist dazu zu gering und auch die Volksseele für derartige Propaganda nickt recht anfnahmsfähig. Aber der Sieg des Faszismus in Italien hat nichtsdestoweniger.zu einer Kräftigung der antisemitischen Hetze in Europa geführt, nach dem ollen Gesetz, daß die Entfesselung jeglicher Art von Chauvinismus sich früher oder später an den Juden auszutoben sucht.

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