Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1649 (16.9.1923)
- Date
- 1923-09-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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\ Einzelnummern 1009 Wien: ZumAbJiolen in der Expedition, II., T aborstr. 1-3, oder in einer Verschleiastelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Ts c h e c h o- S 1 o wa k e i: Mon. K 17. Jugoslawien: Mon. Dinar 40. Polen: Mon. Mk.70.000.D eutschland: Mon. Mk.3,000000. F r an k r„ Belgien: Monatl. Frcs. 8 N# c h r. »h I u n jf e n bei Preiserhöbunpen Vorbehalten Nr. 1649 Wiener ♦ Wim. Sonntag. 16. September 1923 Tschecho-SlowaH«! tschech. K 1*20 Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon. 90 Lei Bulgarien Mon. 75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. * Redaktion u. Administration Wien. II.,Taborstrassei—3 Telephone: 44*0-38,43-3-19. ab 6 Uhr abds. 19-483,25-282 Tel.-Adr;:,Morgenzeitung" Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 5. Jahrgang Juden, wählet jüdisch! F. Wien, 16. September. Die Wahlmaschinen beginnen allmählich zu klappern. Die Sozialdemokraten haben bereits ihre Kandidatenliste veröffentlicht, ihre Plakate und Flugblätter kleben an allen Straßenecken, und auch die christlichsoziale Agitation in Presse und Versammlung beginnt sich kräftig zu regen. Herr Seipel benützt die Versammlungsgelegenheiten, um gegen die sozialdemokratische Propaganda seine Abwehrschüsse loszufeuern und eine geschickte Regie, welche sich die sogenannte „Judenpresse" vor den Wagen gespannt hat, wetteifert darin — die Herren Benedikt und Sieghart betrachten es anscheinend als ihre Aufgabe, die Inden zu christlichsozialen Wählern zu erziehen —, den Bundeskanzler Seipel als Retter des Vaterlandes zu preisen. Das Pölkevbundwerk der sogenannten Sanierung Oesterreichs ist nach der heutigen Sachlage sicherlich zu bejahen. Die Sozialdemokraten, welche gegen die Auslieferung Oesterreichs an die Auslandskontrolle Sturm lausen und dem Völkerbundwerk ihr eigenes Projekt entgegensetzen, verschweigen die Tatsache, daß sie selbst es waren, deren Haltung das Eingreifen des Auslandes nötig gemacht hat. Denn so lange sie selbst an der Macht waren, haben sie, vom Parteidogma der Schlagworte gefesselt, nichts unternommen, uni den Weg aus der Sackgasse zu betreten und haben den Verlegenheitsausweg erwählt, sich plötzlich und völlig unmotiviert in den bequemeren Schmollwinkel der Opposition zurückzuziehen und die Verantwortung der bürgerlich-antisemitischen Koalition zu überlassen. 'Was nun Herrn Seipel anlangt, so ist es wohl eine starke Uebertreibung, wenn ihm aller Ruhm für eine Maßnahme gezollt werden soll/.die schon fein Vorgänger vorbereitet hat und welche wohl nicht der Initiative seiner staatsmännischen Kunst, sondern vielmehr der Erkenntnis realer Notwendigkeiten durch die ' Westmächte ihr Dasein dankt. Die Entente hat erkannt, daß man Oesterreich stützen muß, um ein drohendes Chaos zu vermeiden, das keineswegs aus Oesterreich allein beschränkt geblieben wäre, und daß die Aufrechthaltung der Friedensverträge durch einen Zusammenbruch Oesterreichs in ernste Gefahr käme. Die Komplimente» die nian in Genf und anderenorts hin und wieder für Oesterreich ^Parat hat, und die Vertrauenskundgebungen an diese Adresse, sind lediglich als Höflichkeiten zu werten. Das wahre Verhältnis spiegelt die Tatsache wider, daß Oesterreich völlig unter Kontrolle steht und daß jegliche Maßnahme erst die Unterschrift des ausländischen Kurators zur Voraussetzung hat. Herr Dr. Zimmerman hat vor dem Völkerbund der österreichischen Sache gute Prognosen gestellt, aber auch er verschweigt nicht, daß noch vieles geschehen muß, um die Sanierung auf solide und dauernde Grundlagen zu stellen; daß dieses Werk keineswegs frei von Härten und Einseitigkeiten ist und der Bevölkerung noch schwere Opfer auferlegen wird, weiß heute jedes Kind. Schon die letzte steigende Indexziffer deutet auf Gefahren hin, welche keineswegs allzu leicht zu nehmen sind. Der Wahlkampf der beiden großen Parteien wird unter der Parole: Fiir oder gegen Genf geführt. Aber Genf ist eine beschlossene Sache, und es wäre für die Sozialdemokraten ein harter Brocken, die Mehrheit in der Nationalversammlung zu erringen und zu der vollzogenen Tatsache in einer oder der anderen Richtung Stellung nehmen zu müssen. Der beschrittene Weg muß zu Ende gegangen werden. Um aber die Sanierung wirklich zu fruktifizieren, die Gefahren des Rückschlages zu vermeiden und die Bevölkerung vor heftigen Krisen zu bewahren, ist es nötig, die produktiven Kräfte dieses Staates znsammenzufassen und dem ausbauenden Geist die nötige Betätigungsmöglichkeit zu geben. Den Aufbau Oesterreichs werden weder die alpenländischen Bauern noch das christlichsoziale Bürgertum allein vollbringen und die Arbeiterschaft wird in einer Richtung beeinflußt, die auf das stärkste Mißtrauen dsr Gläubiger Oesterreichs stößt. Das abgebrauchte Schlagwort vom Wasserkopf Wien ist allmählich verstummt und Generalkommissär Dr. Zimmerman hat seine günstigen Prognosen für Oesterreich geradezu auf die Zukunft Wiens als Zentrum des mitteleuropäischen Handels und Verkehrs gegründet. Die Rechnung stimmt und man weiß, wie bedeutend der jüdische Faktor in dieser Rechnung ist. Es ist darum nicht allein die Aufgabe der Judenschaft, sondern auch im wahren Interesse des Staates gelegen, daß dieser jüdische Einfluß aus die Gesetzgebung gewahrt werde. Die Juden dürfen nicht zum stummen Objekt von Verwaltungs- und Gesetzgebungsmaximen werden, welche die Existenz einer zahlenmäßig nicht unbedeuten- Pmmare antwortet. Der passive Widerstand mutz ausaegeben werden Paris, 15. September. Poincare hat sich, den Morgenblättern zufolge, doch noch zur Abreise nach Chantilly entschlossen, da er in Unterhandlungen mit -dem panischen und italienischen Botschafter die Gewißheit erlangt hatte, daß für die nächsten Tage weder in Spanien noch in der A d r i a K o n f l i k t e zu erwarten sind. Es gilt als sicher, daß P o i n ca re morgen bei einer Denkmalenthüllu'ng auf die letzte Erklärung S t r e f e m a n n s a n tw o r t e n wird. Dabei wird, wie „E ch o d e P a r i s" 'behauptet, Poincare die B e d i n g u ngen angeben, unter denen Frankreich Verhandlungen mit Deutschland beginnen kann. Die Vorbedingung fei unverändert die b e d i ngungslose Aufgabe des passiven Widerstandes, ohne die die französische Regierung jede offizielle Besprechung in Berlin ablehnt. Die Begegnung Baldwin-Porneaee. London, 15. September. Das Reutersche Bureau teilt mit, daß B a l d w i n in P a r i s am 18. d. eintrefsen und wahrscheinlich am Tage darauf Poincare einen Besuch abstatten wird. Baldwin wird am 2 0. d. nach London Weiterreisen. Man glaubt, daß er Poincare nur einen Höflichkeitsbesuch abstatten wird, und nichts läßt voraussehen, daß die beiden Regierungshäupter bei dieser Gelegenheit eine Politische Aussprache hevbefführen werden. Milliardenbes chlagnahmungen. Berlin, 15. September. Beamte der belgischen Militärs) olizei beschlagnahmten bei der Reichsbanknebenstelle in I ü l i ch 18.984,000.000 Mark und bei der Reichsbanknebenstelle in Hamborn -610,000.000 Mark. In der RÄchsbanknsbenstelle Neuß wurden 63 Milliarden Reichsbanknoten und 1.301,000.000 Mark in Notgeld aus dem Bezirk der belgischen Besatzungsarmee weggenommen. In Koblenz haben die Franzosen 75 Milliarden Mark weggenommen, dir für Eisenbahnbedienstete bestimmt waren. Roggenwährung in Deutschland. Berlin, 15. September. (Tel. der „Wiener Alorgem zeitung".) Wie die Dr. S r e s e m a n n nahestehende „Zeit" erfährt, wird nach Kabinettsbeschluß eine Roggenwährung geschaffen werden (unter Anlehnung an den Plan Helfferichs), die als Uebergangs- Währung mit Gültigkeit bis. zum Schluß des Ernte» jahres gedacht fei. Sodann soll diese Währung gegen die Zaihlungsmittel der Goldnotenbank Ängetauscht «werden. Die Roggenwährung ist in der Hauptsache als Zahlungsmittel zum Ankauf landwirtschaftlicher Produkte gedacht. Bisheriges Ergebnis der Golidanleihe — 70 Millionen. Berlin, 15. September. (Tel. der „Wiener Morgen» zeitung".) In maßgebenden Kreisen wird als das bisherige Ergebnis der Zeichnung auf die Goldanleihe die Summe von 70 Millionen Gold mark genannt. Man nimmt an, daß das Resultat sich durch die noch außenstehenden Zeichnungen und die Erfassung der Devisen bedeutend erhöhen wird. Brot — 3,250.000 Mark. Berlin, 15. September. Nach einer Mitteilung des Enährungsamtes in Berlin wird infolge der Preissteigerung des Umlagengetreides der Preis für ein M a rkenbrot um 172.000 auf 3,250.000 Mark erhöht. Ein gleich schweres markenfreies Brot würde sich zurzeit auf fast sieben Millionen Mark stellen. In der zweiten Septemberwoche haben die Preise fast aller lebenswichtigen Artikel gegenüber der Vorwoche eine Verdoppelung oder gar Verdreifachung ererfahven. Trotzdem ist die neue Teuerungswelle noch nicht zum Stillstand gekommen, sie wird vielmehr durch die neue erhebliche Kohlenpreiserhöhnng und die Erhöhung der P o st t a r i f e in der kommenden Woche einen neuen Anstoß erfahren. —-.- 1 d«-c— Entspannung in der Stammtet Frage. Verlängerung des Ultimatums'. London, 15. September. Düs Reutersche Bureau meldet: Die Frist des italienischen Ultimatums an Jugoslawien ist verlängert worden. Die Verhandlungen dauern auf Grundlage der neuen italienischen Vorschläge, deren Charakter unbekannt ist, a n. Der Vertrag von Rapallo dem Völkerbunde zur Veröffentlichung übergeben. Genf, 15. September. Heute haben die italienische und die jugoslawische Regierung dem Völkerb u nd s ekre t a r l a t ,den auf Fiume bezüglichen Vertrag von Rapallo vom 12. .November 1920 zur Registrierung und zur Veröffentlichung übermittelt. Dies wird als sicherer Beweis angesehen, daß die Regierung in Rom Willens ist, mit der Belgrader Regierung auf Grundlage dieses Vertrages in direkte Verhandlungen einzutreten. Diese Registrierung und Veröffentlichung ist von größter praktischer Bedeutung, da der Vertrag erst dadurch Ne ch t s k r a f t erlangt. Damit ist zweifellos eine Entspannung in den in der letzten Zeit verschärften Beziehungen zwischen den beiden Staaten eingetrcten. Man stellt diesbezüglich in den Kreisen der Delegationen in Genf mit Genugtuung fest, daß. wie im griechisch-italienischen Konflikt, so auch in den zwischen Italien und Jugoslawien eingetretenen* Schwierigkeiten der Völkerbund der Sache des Friedens bemerkenswerte Dienste geleistet hat. Belgrad will die Verständigungsversuche fortsetzen. Belgrad, 15. September. Im Ministerium des Aeußern wird mitgeteilt, daß die in jüngster Zeit über die gespannten den, wirtschaftlich und nach ihrer Steuerleistung aber höchst bedeutsamen jüdischen Bevölkerung stets zu übersehen beabsichtigen, sie dürfen nicht Parteien kontrollos wirtschaften lassen, die stets bereit sind, antisemitischen Pöbellaunen nachzugeben, sich mit Hakenkreuzhetzern und Rassenchauvinisten zu koalieren, auch wenn es einmal nicht zur Listeneinheit kommt, oder aber ihre Interessen einer Partei anvertrauen, deren jüdische Anführer sich im Antiisemiteln gefallen und die weder für die Wirtschastsscbichtuna der Juden noch für deren Beziehungen zwischen Italien und Jugoslawien verbreiteten Nachrichten unbegründet seien, daß vielmehr bei beiden Regierungen die Geneigtheit bestehe, die Berständigungsversuche fortzusetzen. Man hat der Auffassung des Ministerpräsidenten P a s i c entsprechend beschlossen, nach Rom eine kurze Mitteilung über die Unannehmbarkeit der italienis'chen Vorschläge zu senden. In den der Regierung nahestehenden Kreisen glaubt man, daß es sehr bald zn einer Fortsetzung der diplomatischen Ver- Handlungen zwischen Italien und Jugoslawien kommen wird. Frankreich interveniert. Rom, 15. September. „Messaggero" melldet aus Belgrad, daß im gestrigen Ministerrate Paste über die Verhandlungen Bericht erstattet und erklärt habe, Frankreich und England verfolgten mit größtem Intere«sse die schwierige Lage auf d e m Balkan. Es sei klar, daß von der Entscheidung Jugoslawiens der Friede auf dem Balkan abhängen könnte. Poincare habe versprochen, in Rom zu intervenieren, uni eine friedliche Lösung zu finden. Der jugoslawische Gesandte in Paris habe telegraphiert, daß eine Fristerstreckung in der Fiumauer Frage erwünscht sei. Die paritätische Kommission berät in Rom. Rom, 16. September. Gestern sind hier die j u g slawischen Mitglieder der paritätischen Kommission für Fiume eingetrofsen, die heute eine Sitzung abhält. Wie verj lautet, wird in dieser Sitzung Abgeordneter Rybar die Aut- 1 wort der jugoslawischen Regierung auf die letzte Note Mussolinis mitteilcn. spezielle Bedürfnisse irgendein Interesse aufbringen. In der Behandlung der Judenfrage kann man, von Severs Praktiken angefangen, den Sozialdemokraten ein langes Sündenregister Vorhalten, und Herr Seipel, der vor Wahlen mitunter die judensreundliche Schalmei bläst, wird sich bald nach den Wahlen erinnern, daß er Kunschaks und Jerzabcks Klubgenosse ist. Die -Feststellungen sind nicht neu und jeder Jude wird wissen, was er zu tun hat. Der Wahlruf muß lauten: Juden, wählet jüdisch'