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Wiener Morgenzeitung · 1923-09-14 · Heft 1647 (14.9.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1647 (14.9.1923)
Date
1923-09-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Tie deutsche Regierung hat den immer bestimmter Mireteirden Nachrichten von direkten Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich, welche bereits seit Tagen im Gange zu sein scheinen, ein mageres Dementi entgegengesetzt. Aber damit ist wohl die Tatsache nicht aus der Welt geschafft, daß die Diskussion bereits im Gange ist. Termin Berlin residierende Vorsitzende des Interalliierten Garantiekomitees hat Stresemann nach der deutschen Version vor seiner Abreise nach Paris einen Höflichkeitsbesuch abgestattet. Daß er bei dieser Gelegenheit auch bestimmte Informationen an die Adresse der französischen Regierung mitgenommen hat, wird man kaum bezweifeln können, und die französische Presse selbst bestätigt diese Gerüchte, ebenso wie gemeldet wird, daß man in ftanzöfischen Regierungskreisen den Wunsch geäußert habe, Deutschland solle durch bestimmte Handlungen, wie durch die Ernennung eines Botschafters in Paris seinen Verständigungswillen bestätigen. Man muß zugeben, daß es der gegenwärtigen deutschen Regierung an VerständigungÄvillen nicht Mt. Streselnann folgt als Redner getreulich den Spuren seinen Widerparts Poincare und es ist nur natürlich, daß er im Verlaufe der Diskussion und mehr noch infolge der zu einer Lösung drängenden Entwicklung \n Deutschland immer deutlicher wird. Seine vorgestrige Rede ist in der Tat beinahe als ein Notruf zu bezeichnen. Stresemann hat offen anerkannt — was freilich längst alle Spatzen auf den Dächern pfeifen, was zuzuerkennen jedoch in der Aera Cuno eine tüchtige Portion von Mut erforderKch gemacht hätte daß eine wirtschaftliche Gesundung Deutschlands ' ohne Lösung des außerpolitischen Konfliktes nicht möglich fei, und ebenso, daß eine Lösung des Ruhvkonfliktes durch die Fortsetzung des passiven Widerstandes allein nicht erfolgen könne; er hat sich nicht gescheut, das Rückzugsgefecht sehr deutlich zu markieren und schließlich selbst von einer „bisherigen Fühlungnahme" gesprochen, welche zugleich die bestehenden Schwierigkeiten aufzeige. Die Bedingungen der deutschen Regierung, die Sicherung der Souveränität über das Rheinland und das Ruhrgebiet sind lange bekannt. Neu ist Stvesemanns weitgehenderer Vorschlag, den deutschen Privatbesitz als Pfand für die Reparationen anzubieten und sein Projekt, diesen Vorschlag mit bestimmten Garantien zu umgeben. Aber der springende Punkt bei allen diesen Erörterungen bleibt die Frage des passiven Widerstandes, welche bekanntlich nach der unerschütterlichen französischen These den Angelpunkt jedes Lösungsversuches bildet. Stresemann erklärt, sein Vorschlag wäre geeignet, die Frage des passiven Widerstandes zu erledigen, wenn Deutschland die Ächerheit erhalte, daß auf Grund einer solchen Vereinbarung das Ruhrgebiet geräumt werde und das Rheinland feine alten Rechte erhalte und geht damit einer direkten Erklärung in diesen! Punkte aus dem Weg. Seine Rede hat, nach den Pressestimmen zu, schließen, in London, wie in Paris eine nicht ungünstige Aufnahme gefunden. Der Gegensatz selbst wird am besten durch den Pariser „Figaro" umschrieben, welcher die Formel aufstellt, Poincare sage: Wir räumen das Ruhrgebiet, wemi ihr bezahlt, wahrend Stresemann erkläre: Räumt das Ruhrgeibiet, damit wir bezahlen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß Stresemanu noch nicht das letzte Wort gesprochen hat und daß es ihm nicht erspart bleiben wird, auch hier der Wirklichkeit Rechnung zu tragen und im Ruhrgebiet abblasen zu lassen. Deutschland bleibt keine Wahl: es muß heraus aus den Schlagworten der Kriegsideologie, welche die unglückselige Regierung Cuno durch Monate dem unpolitischen Volke einzuhämmern bemüht war, die den passiven Widerstand als das allerprobateste Kampfmittel verkündet hat. Daß ein Verharren bei der unfruchtbaren Prestigepolitik für das Reich schlechterdings Selbstmord bedeutet, das weiß die deutsche Regierung genau und Stresemann hat es in seiner letzten Rede, wenngleich mit anderen Worten, gesagt. Frankreich fordert heute von Deutschland den vollen Beweis seines guten Willens und es wird keinen anderen Ausweg geben, als auch den letzten Schritt zu wagen urw die Verordnungen zurückzuziehen, ivelche einen Berg von .Hindernissen zwischen die beiden Staaten getürmt und Deutschland an den Rand des Abgrunds gebracht haben. Deutschland hat es nicht verstanden, sich durch ksine «WM d«e AtznMtÜWr des. AMaM m Paris, 13. September. Die Botschaftersnfereuz hielt gestern zwei Sitzungen ab. Man hatte angenommen, daß sich die Botschafterkonferenz noch vormittags über die schwebenden Fragen werde einigen können. Dies war jedoch nicht der Fall und selbst am Nachmittag konnte kein endgültiger Beschluß gefaßt werden. Die neuen Schwierigkeiten haben sich durch die Forderung Englands ergeben, das Datum der Räumung Korfus fostzusetzen. Jta li e n machte geltend, daß es unmöglich seine Truppen zmückziehen könne, ohne die Garantie zu haben, daß Griechenland die ihm auferlegten Verpflichtungen mit gutem Willen und mit Aufrichtigkeit durchführe. Es handelt sich augenblicklich darum, eine Formel zu finden, die Italien die erwähnten Garantien bietet. England behält sich Hmdlungrsreiheit vor. Paris, 13. September. Die Botschafterkonserenz beabsichtigt, wie „Petit Parisien" erfährt,. Italien zur Räumung Korfus eine längere Frist zu bewilligen, als ursprünglich geplant war, jedenfalls aber nicht über die letzten Septembertage. Solle Italien das Kompromiß äblehnen, behalte sich E ng la nd so f o rt ig e H a n d l u n g s f r c i h c i.t v o r. Lord Crew e habe diese Entscheidung gestern der Botschafterkonferenz mitgeteilt. Zie Wische Fiume-Frage. London, 13. September. (Wolfs.) Professor Gilbert M n r r a y, der südaWanifche Delegierte beim BMer- und die Erklärungen Herrn Cunos hatten eine fatale Aehnlichkeit mit dem verhaßten Wortgerassel derer um Ludendorsf. Stresemann hat die schwere Aufgabe übernommen, die Episode Cuno, die Deutschland in allen Gliedern liegt, vergessen zu machen. Je mehr ihm dies gelingt, desto besser für Deutschland, das den Weg zur .AsmpkvaHe m ®o*he Ms» wab eine -brlicke Politik Ibünde, hat an die Vereinigung für freit Völkerbund ein Telegramm gesandt, worin es heißt, daß die Lage mit Bezug aus Fiume sehr gefährlich sei. Wenn der Völkerbund nicht interveniere, so würden Italien, Griechenland, Jugosla wien, Bulgarien und Ungarn in Mitleidenschaft gezogen. Es lägen bereits militärische Pläne einiger Balkanmächte vor. Besorgnisse in SMerbundskreise». Genf, 13. September. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Die Gegensätze in der Fmme-Frage zwischen Italien und Jugoslawien werden in Volle rbundkreisen e r n st beurteilt. Allan weist darauf hin, daß der Friede bedroht erscheinen könnte, wenn es nicht zu einer Einigung komme, da der italienische Termin am 18. d. abläuft. Es verlautet, daß bereits in freu nördlich von F i u m c gelogenen Ländern Truppenzusammenzi-ehungen vor sich gehe n. 8s wird gerüstet. - ' London, 13. September. (Tel. b. „Wr. Morgenzeitung".) In Hiesigen politischen Kreisen'sind Nachrichten eingelangt, [daß sowohl aus italienischer wie aus jugoslawischer Seite Truppen konzentriert werden. Alan befürchtet Verwicklungen für die nächsten Tage. - der Erfüllung ohne Hintergedanken betreiben muß, Die Aufgabe des passiven Widerstandes wird in Paris als das unumgängliche Bekenntnis des guten Willens gefordert. Deutschland wird sich und dem Frieden in der Welt am besten dienen, wenn cs das aus einer unreifen und unveranüvortlichen Konzeption r.nftr-'''; - Abenteuer raschest und reMos tfWfo JL VT ü © nt Sie MilMrvmtei ergreift unter Führung des Gouverneurs von Bamloua die MM. — Belagerungszustand in Barcelona. Paris, 13. 'September. Die Agencc Havas meldet aus Barcelona: Gouverneur P-r i m e r o d e R i Vera hat eine' Proklamation erlassen, worin er gegen die Regierung, die Beschuldigung erhebt, daß sie das Land in den Abgrund führe, und worin er bekanntgibt, daß die Militärpartei beschlossen habe, die Macht zu ergreifen und den Belagern n g s z u st a n >d gu erklären. Die TelephonzLNtra-le ' wurde ' um 4 Uhr früh besetzt. Man erwartet die unverzügliche Verhängung des Belagerungszustandes, der in' WiEchkcit seit 3 llhr movgens besteht. Die Militärbchörden üben die' Zensur aus. Die Garnisonen von Madrid, Saragossa und Sevilla sollen sich der Bewegung anschließen. In einer Kundmachung wird erklärt, daß der Prozeß gegen den Ministerpräsidenten Mhucemas und den Minister des äußern eröffnet sei. Es iverde eine Regierung unter dem Schutze der Militärbehörden gebildet werden. Die Militärbehörden haben die telephonischen Verbindungen unterbrochen. In der Proklamation wird die Anhänglichkeit an den König zum Ausdruck gebracht, die Bewegung richtet sich also gegen die Regierung, nicht aber gegen den König. Der Minister des Aeußevn soll bereits in San Sebastian in Hast genommen worden sein. Die Garnison von Barcelona in Aufruhr. Madrid, 13. September. (Havas.) Die Garnison von Barcelona sowie mchrere andere befinde:: sich in hellem Aufruhr gegen die Regierung. ' Der Ministerrat in Permanenz. Madrid, 13. September. Der ■ Ministerrat, der nun 10 Uhr zusannuengetreten ist, veröffentlichte eine Evkläru ng, worin ■ von der Ankündigung der Aktion des Gouverneurs von.Barcelona, Primo de Riverr a, Mitteilung gebracht und 'bemerk: toiifr, daß die Truppen einiger an de x er® c.C*' i c t {•* s ich 'frei- R cöcl li on anz nschlie ß enge ne i gt seien. Der MMist-errat,-der sich in Permanenz erklär: habe, erfülle seine Pflicht, ans seinen Posten zu verharcen und nur der ÄewAt zu weichen,, wenn die Urheber der Bewegung entschlossen seien, die Erhebung mit allen ihrer Folg:,; dnrchmsnbr-m. Der Generalkapimn Von Madrid habe erklär, daß die Garnison von Madrid in du: Kasernen zum Schutze der Ordnung Bereitsä)aft halte. Die Minister brauchtev leine Befürchtungen zu hegen. Wie die.Blätter melden, hätte die Bewegung schon am Freitag zum Ausbruch kommen sollen, doch sei sie infolge der Vorsichtsmaßnahmen der Regierung verschoben worden. Die liberalen Blätter billigen die Haltung der Regierung. Der König wird heute in Madrid eintreffen. In Barcelona ist der Belagerungszustand prokla» miert worden. Generäl Lö ss ad a hat die Verwältungsgeschäistc übcrnoinmen. Llusbreitung des Ausstandes auf Bilbao. Madrid. 13. September. Es verlautet, daß sich die Gar^ nison von B i l b a o e r Hobe n habe. . Die Regierung hat Prinro d e R i v e r r a a b g e s e tz t Er ro ctg er t sich, sich zu siigen. Der Staatsstreich nicht gegen den König gerichtet. Paris, 13. September. (Tel. der „Wiener Morgci.« zertung".) Auf der spanischen Botschast in Paris wird mitgeteilt, daß der Staats st reich . eine - m il i t ä rische Bewegung sei, die sich nicht gegen den König richtet, sondern einzig und allein der: St n r z■ fr.c r gege nwärtü g e n R e g i e r u n g zum Ziele habe. Begegnung zwischen Saldwin unv Pmueare. Paris,' 13. Sevtember. Ba ld w i n, der ursprünglich am 13. d. llach London zilrücktehren lvollte, hat seine Rückreise um acht Tage hinausgeschoben. Er wird am 20. d. Aix-les-Bains' verlassen und den 21. « n b 2 2. d. i n Paris verbringen. Nach den Abendblättern soll .eine 11 n t e r re du n g z w is ch en Poincare und B a l d w i n für den 21. d. nunmohr offiziell v e re >i n b a r t worden sein. , 02^4

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