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Wiener Morgenzeitung · 1923-09-13 · Heft 1646 (13.9.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1646 (13.9.1923)
Date
1923-09-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer K1000 Wien: Zum Abholen in der Expedition,II.,Taborstr.1-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien n. Oesterr. monatl. K 28.000 Tschecho-Slowakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. Mk.70.000.D eutschland: Mon. MU.OOOOOO.F rank r., Belgien: Monatl. Frcs. 8 B8* Nach*ahlun?en -?BB bei Preiserhöhnnjen Vorbehalten r swieen« »Slowakei i ischech. K 1.30 teuer Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon.75 Lewa, . Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, n„ Taborstrasse 1 —3 Telephone: 44*0-38,43-3-19, ab6Ührabds.l9-483,25-282 Tel-Adr.: .Morgenzeitung" Wien Oösterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Nr. 1646 Wien. Donnerstag, 13. September 1923 5. Fahrgang tttth (Rtiehor. aufba« in Zeutschland. Von fyt. Jocqnes Adler, Leipzig: Man darf in der Situation, in der die kontinentale sich, heute befindet, eigentlich nur die vollzogenen Tatsachen registrieren und besprechen. Mit Vermutungen sich abzugeben, hat gegenwärtig weniger Zweck denn je. Wie schon öfter zuvor spricht man auch heute wieder davon, daß eine Lösung der deutsch-französischen Krise durch eine Berständigungsaktion sehr Nahe gerückt sei. Es darf auch festgeftellt werden, daß es diesmal an Wahrscheinlichkeit hierfür nicht mangelt, daß den Verständigungsabsichten der deutschen Reichsregierung eine ebenfalls dem realen Interessenausgleich geneigte Stimmung französischer Wirtschaftler entgegenkommt. Andererseits aber besteht auch die Eventualität, daß die diplomatische Ferienpause sich noch weiter in den Herbst hineinzieht. Da Konjekturen nutzlos sind, halten wir uns an die tatsächliche Fundierung der jetzigen Lage und wenden wix uns der Stresemannschen These zu, daß Deutschland zu weitestgehenden wirtschaftlichen Zugeständnissen entschlossen sei, wenn seine politische Integrität gewahrt bleibt, die die Voraussetzung und Basis aller ökonomischen Kraftanstrengung darstellt. Da die Regierung Stresemann in sich die breitesten Schichten des Bürgertums und der Arbeiterschaft vereinigt, darf ihr Programm ruhig als Formulierung der Volksanschauung und des Volkswillens aufgefaßt werden, insbesondere dann, wenn man von den Extremisten rechts imd links absieht, denen tiefere Wirkung nur . in ganz chaotischen Zuständen möglich fern könnte, deren Vermeidung darum auch ein eEärtes Ziel der großen Koalition ist. . Damit die These Stresemanns in der kontinentalen Politik nun tatsächlich zur Geltung kommen kann, ist zweierlei zu demonstrieren, erstens der Entschluß zur wirtschaftlichen Reorganisierung Deutschlands und zu einer den Verhältnissen angemessenen Reparationsleistung, zweitens der Nachlveis des inneren Zusammenhanges zwischen wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und politisch-territorialer Integrität, insbesondere im Rhein- und Nuhrgebiet. Was jenes erste Moment betrifft, so dringt heute die deutsche Neichspolitik über alles Programmatische bereits auf das Gebiet praktischer Maßnahmen vor. Die Wiederherstellung einer stabilen Valuta und Hand in Hand damit die Abkehr von der Desizitwirtschast ist heute schon mehr als beschlossene Sache. Wie meist in solchen Fällen beschäftigt sich gegenwärtig die Öffentlichkeit mehr mit dem Rahmenwerk der Finanzierung, mit den währungstechnischen Maßregeln und ihren vorbereitenden Schritten, wie Aufsiillung des Goldfonds und Schafstmg eines Devisenfonds durch Erfassung „unproduktiver" Edelmetall- und Devisenbestände, wie ferner Bildung eines Rücklagensonds aus Rentenbriefen durch Belastung des deutschen Grundbesitzes, alles zum Zwecke der Ermöglichung einer neuen, wirklich wertbeständigen, weil wirtschaftlich solid gedeckten Reichsbanknotenemisffon. Diese technischen Details interessieren, wie gesagt, die deutsche Öffentlichkeit im Augenblick noch lebhafter als die andere, die w i r t s ch a f t s p o l i t i s ch e Seite der gewaltigen Transaktion, die Eindämmung der Defizit- Wirtschaft, das Finale derJnflation. Nur wenn dies wahrhaft kühne Unterfangen gelingt, hat all die geschickte Währungstechnilk Sinn und Berechtigung. Man muß der Reichsregierung zuerkennen, daß. sie in dieser Hinsicht bereits wirksame Schritte eingeleitet hat. Zur Minderung der Ausgaben ist soeben ein Reichsgesetz über dem Beamtenabbau im Entwurf fertiggestellt, das sehr rasch in Anwendung konrmen dürste. Es ist bei der Frage der Möglichkeit eines Verwaltungsabbaues in. Deutschland zu berücksichtigen, daß ein großer Teil insbesondere des von den Reichs- und Landeswirtschastsministerien rfsortierenden Bchördenapparates nur durch die abnormen Zeiten der Geldentwertung, des volkswirtschaftlichen Snbstanzverlustes ans Ausländ, der Warenteuerung und des Konsumentenschutzes bedingt waren. Kehren dagegen stabilere Verhältnisses wieder, so entfällt siir einen beträchtlichen Teil der Wirtschaftsverwaltung die Existenznotwendigkeit. Aehnliches gilt auch von weiten Gebieten der. Rechtspflege und der Finanzverwaltung. Bon anderer Seite ist zur Bekämpfung der Inflations- Wirtschaft die Steigerung der Einnahmen 'vorgesehen, MM dMÄ ^WertbfAMMt" M HM M ib Verhandlungen. Die seit einigen Tagen von der Presse verbreiteten Nachrichten über stattfindende Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich finden nunmehr durch eine Meldung des Berliner sozialdemokratischen Parlamentsdienstes ihre Bestätigung, welche berichtet, daß. eine sachliche Diskussion über die Möglichkeit einer Verständigung eingeleitet worden sei, an der der Reichskanzler, der Reichsfinanz- und Reichswirffchastsminister teilnelMen. Von französischer Seite nehmen Mitglieder der Berliner französischen Botschaft und zeitweise auch der. Botschafter an den Beratungen teil, die zweifellos nicht ohlle Poincares Wissen verhandeln. Samstag abends sei eine hervorragende französische Persönlichkeit nach Paris abgereist, unr über den Stand der Verhandlungen zu berichten und Instruktionen einzuholen. Außerdem wird gemeldet, daß der französische Arbeitsminisier in Berlin erwartet werde. Sollte sich diese Nachricht bewahrheiten, so würde daraus hervorgehen, daß es sich wohl um mehr als um, unverbindliche Vorbesprechungen handle. Das offiziöse belgische Regierungsorgan erklärt, Stresemann habe vor einigen Tagen den belgischen Gesandten zu einer Unterredung über die Ruhr- und Reparationsfrage eingeladen. Die Presse der Deutschnationalen, welche die Aktionen der Regierug zu durchkreuzen bestrebt ist, erklärt, daß die Einigungsversuche als gescheitert zu betrachten seien, weil Poincare demütigende Kapitulationsforderungen gesollt habe. Dementi. Berlin, 12. September. (Wolfs.) Di« Meldung der „Daily Mail", daß Freitag in Berlin eine Besprechung zwischen dem Reichskanzler, dem jetzigen und dem ehemaligen Reichswirffchäftsminister und anderen Persönlichkeiten stattgestlnden habe, worauf ein deutscher Delegierter nach der französischen Botschaft gesandt worden sei, ist, wie den Blättern mitgeteilt wird, nicht richtig. Eine solche Besprechung hat nicht st a t t g e f u n d e n, ein solcher Delegierter ist nicht entsandt worden. Richig ist lediglich, daß der Vorsitzende des Garantiekomitees vor seiner Abreise nach Paris dem Reichskanzler einen Höflichkeitsbesuch abgestattet hat. Der neuernannte Kommissär für Devise n erfasst: ng. hat eine Verordnung mit sofortiger Wirkung erlassen, wonach alle Edelmetalle sowie Rohmetalle in jeder Form, ausgenommen Gegenstände von Gold- und Silberdouble sowie Fertigwaren beschlagnahmt werden. Die Vorgänge äuf dem Devisenmarkt beweisen, daß die neuen wirtschaftlichen Maß nahmen-bisher zu einer Rettung der Mark nichts Leizutragen vermochten und die gemeldeten Kurse lauten geradezu phantastisch. Nunmehr meldet der sozialdemokratische Parlamentsdienst, es werde demnächst insofern« eine neue Lage im Ruhrgebiet geschaffen werden, als die Regierung die Kredite an die Ruhrindustrie ein schränken und der Herstellung von eigenem Notgeld durch die Betriebe ein Ende setzen werde. Der neue Fuder - 173*7 Prozent. Berlin, 12. September. Die Reichsinde-xziffer für die Löbenshaltungskosten ist aus 5,051.046 g est iegen. Die Steigerung gegenüber der Vorwoche beträgt 173,7 Prozent. kl« Dollar - 125 Millionen! . Berlin, 12. September. fTel.-Kornp.) Der Dollar wurde heute im freien Verkehr bis zu 125 Millionen gehandelt. Leipzig in zahlungsschwierigkeiten. Berlin, 12. September. (Tel.-KomP.) Der Leipziger Oberbürgermeister teilte in der gestrigen Stadtverordnetensitzung mit, es sei uninögli ch, den städtischen Beamten und Arbeitern die vollen Bezüge auszuzahlen. Der'Magistrat Wählte eine Deputation, die bei der Reicbä '^.'rnno wegen Abhilfe vorstellig werden soll Eine Rede Etresemanus Berlin, 12. September. Beim heutigen Presseempfang wies der ReichskanIler zunächst daraus hin, daß eine wirts ch a f t l t ch e Ge s u n d u n g ohne Lösung des a u ß e npolitischen Konfliktes unmöglich sei und betonte, die Regierung habe sich von ihrem Amtsantritte an die Lösung des Ruhrkonfliktes zur Ausgabe gestellt. Machtpolitisch war diese Frage nicht zu re.geln. Auch der vormalige Reichskanzler Doktor Cuno hat niemals davon gesprochen, daß Verhandlungen über die Reparationsfrage erst nach Räumung des Ruhr gebiet es erfolgen sollten. Das Ziel tarise und der Steuern, als auch durch eine scharfe Heranziehung der Sachvermögen. Eine Ausländsanleihe zur Stützung der gesamten Aktion scheint im jetzigen Stadium noch nicht in die Berechnung eingestellt zu sein. Das ist auch psychologisch durchaus richtig. Ist die Sanierung erst wirklich im Gange', dann wird es auch am Angebot von Auslandskrediten nicht fehlen, denn in der deutschen Wirtschaft stecken noch Werte genug, die sie kreditwürdig machen, und zwar mehr noch als die materiellen Sachwerte der vorbildlich ausgebauten Produktionsstätten, die immateriellen Kräfte der technischen und kommerziellen Intelligenz und der gediegenen Arbeitskraft. Diese sind es vor allem, die zu dem wagemutigen Experiment der Sanierung aus eigener Kraft' aufmuntern. Viel kommt darauf an, .die Wirtschaft sicher über die unvermeidliche Absatz- und Arbeitskrisis der Uebergangszeit hinwegzusühren. Tatsächlich bietet aber der Ausbau der Wasserstraßen und der Krastversorgung, um nur Beispiele zu nennen, genügend Aufgaben siir produktive Erwerbslosenstirsorge bei rechtzeitiger Vorbereitung. Freilich hat dies alles — wie sämtliche Parteien der „großen Koalition" immer wieder betonen — nur dann einen Sinn, wenn bas Ruhrgebiet, der unentbehrliche. schwerindustrielle Stützpunkt, politisch, wirt- * WaMO beim Reiche WM. Me di? politische Sitnation. des passiven Widerstandes könnte nur 'sein, da- R uh r ge bi et zu befreien. Fü!r uns ist antscheid e it d die F rage der Souveränität des Rheinlandes und der Wiedergewinnung der Freiheit des Rnhvgebietes. Dafür sind wir bereit, reale Garantien zu geben. Der französische Ministerpräsident. erklärt« kürzlich, er beabsichtige nicht, Pfänder geigen allgemeine Garantien auszutauschen, und betonte, die von mir vorgeschlagenen Garantien gehörten zu den Hypotheken, die der Versailler Vertrag den Alliierten ans den Gesamtlbesitz des Reiches und der Wirtschaftskraft Deutschlands beruht auf der innigen Verbundenheit reich gegliederter Landesteile, die einander in zahlreichen. Beziehungen ergänzen. Die verschiedenen Standorte der Kohlen- und der Erzproduktion, der Wasserkraftgewinnung, sind Mittelpunkte von Verseinerungs- und Veredlungsindustrien, die untereinander in wichtiger Wechselwirkung stehen und ihre Ergänzung in weiten landwirtschaftlichen Gebieten finden. Seit der Begründung des Deutschen Zollvereins ist Deutschland nicht nur zur Wirtschaftseinheit, sondern auch zur Wirtschastsmacht geworden. Wer dies Gebilde zerschlägt, würde Deutschland nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich '„balkanisieren", atomisieren, .zugrunde richten. Nirgendwo ist die Tatsache der nationalen Arbeitsteilung und demgemäß mich die Notwendigkeit der nationalen Arbeitszusammenfassung so stark wahrzunehmen wie etwa hier im Lande Sachsen, das seine enorme industrielle Produktivität und seine Bevölkerungsintensität nur dadurch behaupten. kann, daß es alsZnschnßgebiet von der Landwirtschaft Bayerns, Schlesiens und der Provinz Sachsen mit versorgt wird. Und ein anderer wichtiger Versorgungszusammenhang ist wiederum die Speisung aller deutschen Industrien mit den schwerindustriellen Produkten und den Steinkohlen des Ruhrgebietes. Solche Er- Anntnis ill beute in Deutschland allgemein

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