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Wiener Morgenzeitung · 1923-09-07 · Heft 1642 (7.9.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1642 (7.9.1923)
Date
1923-09-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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September. Die Politische Krise, welche Italiens eigenmächtiges Vorgehen durch die Besetzung von Korfu gezeitigt hat, ist bisher unbehöben. Das Kreuzfeuer der griechischen und italienischen Stimmungsmache geht von Tag zu Tag seinen Weg weiter und täglich werden neue Versionen Wer die mutmaßlichen Mörder der italienischen Kommission verbreitet. Es ist wie anno dazumal, und die Geschichte scheint sich zu . wiederholen.. Die offiziöse italienische Agentuu weis; zu melden, die Urheber oder Anstifter des Mordes seien Mitglieder einer fast völlig aus Offizieren und behördlichen Organen bestehenden panepirotischen Organisation, zu deren geistigen Führern der im Zusammenhang mit der Mordaffäre bereits genannte Oberst Botzaris gehöreil soll, und nach einer Athener Meldung sott man wieder eines Hirten habhaft geworden sein, der Augenzeuge des Mordes ge- Ivesen sei, während, zwei seiner Berufsgenossen einige Albaner beim Uebeieschreiterr der Grenze beobachtet hätten, auf welche die Personsbeschreibung der Mörder zutreffe. Alle diese Nachrichtenkombinationeu sind aber nur geeignet, die Tatsache zu illustrieren, daß eilte unparteiische Feststellung über die Urheber der Mordtat und über die Verantwortlichkeit Griechenlands bisher nicht erfolgt ist, und alle Jnterpretationskünste Mussolinis und seiner Beauftragten reichen nicht aus, uln den durch die Besetzung von Korfu erfolgten Friedens- Lruch zu einer völkerrechtlich zulässigen Maßnahme zu stempeln. Aus den nunmehr bekannt gewordenen Erklärungen des italienischen Vertreters im Völkerbund, Salandra, wird die Rechtsauffassung Italiens klar ersichtlich. Er beruftsich darauf, daß die Ermordung der Mitglieder der italienischen Mission lücht nur eine Verletzung beß GMerr echtes, sondern auch eilte Beleidigung der Bolschasterkonsereuz bedeute, in deren Auftrag die Mission gehandelt hübe. Die Notwendigkeit fiir Italien, für die Bestrafung und Wiedergutmachung Pfänder zu nehmen, sei unt so ntehr gegeben gewesen, als die Unbeständigkeit und die „moralisch inferiore Stellung" der von vielen Staaten rticht anerkannten griechischelt Negierung nicht das nötige Vertrauen entflössen konnte. In allen Fragen, die sich ans die Durchführung der Friedensverträge beziehen, sei die Botschafterkonserenz allein kompetent, und daher würde der Völkerbund bei einem eigenmächtigen Vorgehen seine Machtbefugnis überschreiten, da er bezüglich des Inhaltes der Verträge, durch die er selbst geschaffen worden sei, keine Zuständigkeit besitze. Außerdem bedeute die Besetzung vort Korfn keilte Kriegsgefahr mtb trage keinen feindseligen Charakter, weshalb die Punkte 12 uttd 15 des VölkerbundPaktes keilte Altwendung ftnbcit könnten. lieber die von Salaltdra angewandten Argumente, lvelche sichtlich benutzt sind, die nach allen Seiten verletzenden Erklärungelt Mussolinis a'oznschwächen — er soll sogar die Kompetenz der Botschafterkonserenz abgelehnt haben —, ließe sich sicherlich vom formalen Standpunkte btBfuiteten; aber die Tatsache, daß Italien, ohne vorherige unparteiische Untersuchung des Falles und ohne die Entscheidung der Botschafterkonserenz abzuwarten, zu eigenmächtigen Repressalien gegriffen bat, wird auch durch diese Erklärungen nicht aus der Welt geschafft. Cs ist nichts anderes als Sophistik, wmn der Besetzung von Korfu der Charakter einer friedlichen Maßnahme zugesprochen wird, und die Gefahr der Weiterungelt beweist, wie ernst einzelne Mächte den Fall ansehen. Die aus London Vorliegendelt Nachrichten besagen, daß England die Spekulation Mussolinis aus ein fait accompli nicht zu akzeptieren gesonnen ist, der Völkerbund droht, in Brüche zu gehen, und nachdem die nordischen Staaten ihre Abfuhr zum Ausdruck gebracht haben, ihm den Rücken zu kehren, wenn der Versuch unternommen werden sollte, ihn in dieser Frage beiseite zu schieben, meldet sich nunmehr die kleine Entente zum Worte, welche dieselben Absichten verkündet und die Möglichkeit von Mobilisierungen in Aussicht stellt, falls Italien fortsahren sollte, zu mobilisieren. Durch den in der gestrigen Sitzung des VölkerbundrateS gefaßten Beschluß, den leidigen Streitfall durch Zusammenarbeit mit der BotschafNrkonferenz zu lösen, scheint der Ausweg gesunden zu sein, zumal, auch der italienische Delegierte, allerdings noch mit einer gewissen Einschränkung, dem zugestimmt hat. Heute, wo die Welt mehr als je Frieden braucht, wäre es eilt' überaus trauriger Erfolg des faszistrschen Regimes gewesen, wenn der Völkerbund infolge des Draufgängertums Muffölinis in die Prüche gegangen wäre- Irr Beschluß des BNkerbundrates. Genf, 6. September. Die heutige Sitzung des Völkerbund rat es, die sich weiterhin mit dem griechisch-italienischen Konflikt befaßte, brachte zwar noch keine Entscheidung, führte aber dazu, daß in einem gewissen Sinne ein Modus der Zusammenarbeit zwischen der Botschasterkonferenz und dem Völkerbünde gesunden wurde. Der spanische Vertreter Q u i n o n c § d e Leo u brachte einen Beschlußentwurf eilt als Antwort aus die Mitteilung der Botschafterkonferenz an beit Rat. Im ersten Teile dieses Entwurfes nimmt der Völkerbundrat Ken n t n i s von denr Beschluisse der Botschasterkonferenz und schließt sich dem Grundsätze des Völkerrechtes alt, daß die Regierungen für die Bestrafung der Politischen Verbrechen und Attentate, die auf ihrem Gebiete siattfinden, verantwortlich sind. Der Rat möchte int Einverständnis mit der Botschafterkonferenz die Alodälitäten für die Untersuchung des Attentates einer Prüfung unterziehen. Er ersuche die Botschafterkonserenz, ihn über die Ergebnisse der morgen Freitag stattfindeuden Sitzung aus dem Laufenden gu erhalten. Im zweiten Teil des Beschlußentwurfes werden der Botschafterkonserenz Anregungen des Rates betreffend die Führung der Untersuchung des politischen Verbrechens und betreffend die von Griechenland zu leistenden Entschädigungen und Germgtrmngen unterbreitet. Salandra erklärte sich mit dem ersten Teil des Beschlnßentwurfes insoweit einverstanden, daß er sich bei der Abstimmung der Stimme enthalte; den zweiten Teil lehne er jedoch kategorisch ab, da er daraus bestehen müsse, daß der Völkerbundrat nicht kompetent sei. Hanatoux (Frankreich) gab seiner Befriedigung Ausdruck, daß die Gefahr eines Krieges als gebannt betrachtet werden könne. Lord Robert Ereil (England), Braut in g (Schweden), Hhman (Belgien) und G u a u i (Urnguai) bestanden darauf, daß die K o mp e te n z d e s V ö l k c r b u :: de s unbedingt anerkannt werden müsse, erklärten sich aber damit einverstanden, das; einstweilen der erste Teil des Beschlußcutlvnrscs des spanischen Vertreters an die Botschafterkonserenz übermittelt werde und das; dannin einer späteren Sitzung die Frage der Kompetenz des Rates erörtert werde. Beratung der Botschasterksuferenz. Paris, 6. September. Die B o t s ch a f t e r r o usereuz wird morgen zu einer Sitzung zusammentveten. Die Botschasterkonferenz sÄ als Beauftragte des BMerbundrates handeln. London, 6. September. (Tel. der „Wiener Morgenzeitnng".) Wie offiziös mi^tgeteilt wird, sollen sich die Rcgievungen von London und Par i s für die folgeudelt Vorschläge geeinigt haben, welche heute dem Völker bundrat unterbreitet werden sollen: 1. Der V ö l k e r b u n d r a t soll die B o t s ch a f t e rkonserenz beanstragen, aus griechischem Böden durch oinie Kommission, die ans Vertretern Englands, Frankreichs und Italiens bestehen soll, die Vorgänge bei der Ermordung bet italienischen, Offiziere und die B c rantwortlichke it der griechischen Regierung seststelleu zu lassen. Aus Grund' dieser Feststellung soll daun die Botschasterkonferenz den griechischen Schabene rsa tz und die Sühneleistung sestsetzeu. 2. Der Völkerbundrat soll die Frage der Wide rrecht l i ch e n Besetzung Korfus erörtern und Vorschläge für die Räumung ausarb eilen. Muffolini crlliltt auch die Botschasterlouserenz inkompetent. London, 6. September. (Tel.-Konch.) „D a i l y Tel egraph" teilt mit, daß in diplomatischen Kreisen ein Telegramm aus italienischer Quelle eingetroffen sei, worin erklärt wird, das; Mussolini nichtnur die.Kompetenz des Völkerbundes, sondern auch bieder B '0 t s ch aste r k o n f e v c u; . im iiatieni!sch-griechi!schetl Ko!nslikt a b l e h n e. Er'spreche'dein VMerbnnd lediglich. die Kompetenz zu, sich nvit der M o r d a f s ä v e v o n - Ja N i n a zu beschiästigiertr England för die Faterventio«. Berlin, 6. Septeurber. (Tel. der „Wiener Morgenzcitung".) Wie der „Lökalanzciger".meldet, wurde in London von amtlicher Seite eine Mitteilung veröffentlicht, welche erklärt, England s e i b e r e i t, d en Völkerbund bei seinen CntschUsseu zu unterstützen und ihm nötigenfalls seine gesamte Flotte \ ur Verfügung zu stellen, welche in diesem rmerwarteteu Falle als Instrument des B ö l k e r b u u d e s handeln und wahrschei nlich durch f ch w c d i f ch c und h olländis ch e S ch i f f e v c rst ä r k t tvürde. Drohungen der kleinen Entente. London, ö. September. (Tel.-KomP.) Der diplomatt« sche Korrespondent des „Daily Telegraph" glaubt zu wissen, daß die Regiernugett der kleinen Entente in formeller Weisemitgeteilt haben: ' 1. Daß sie, .wenn der BWer-bunib seine Wicht mit Bezug ans die Besetzung Korfits nicht erfülle, aus dem Völkerbünde aus treten würden. Sic würden sich unter Umständen weigern, in Zu k n u st die I uri sd ikiion der En Leute mä ch Le anzne rte nne n, wenn diese züließen, daß die Rechte der kleinen N a L i o n e n mit F ü tz cn g e L r e t e u tvcrdeu. - '2^ Wervu-Italien sMsahre, zu ilto-bilisiersn.nnid TruppelchekreguMgen auszusühren, Larvu ivürdendie M-achto der kleiiterr Entenle e b cn s a I l s m o d i l i s i e r e n. Ein Dementi der Agentur Stefnni. Genf, 6.-September.. (Stesaül.) Der rumänij-che Delegierte beim Völkerbund T i t u lese it hat die vom „Journal de Geneve" gebrachte Meldung, wonach' die Delegierten der kleinen Entente beschlossen hätten, für die Kompetenz des.Völkerbundes irr dem' ltaliienisch-griechischnc Streitfall cinzuireien, für v c l l i o m m e'n fals ch bezeichnet. Die HMnng FugoftawienL. Laibach, 6. September. Dem „Slove neb" wird aus B e t g r a d gemeldet, daß der gestrige Miniftervat dem Standpnnite des Außelmrinisters Tr. R i n c ic in der Frage des griechisch-italieuischeic Konfliktes zngesiimmt habe. Tie Regierung verfolge mit gewissenhafter Auftnerksamieit insbesondere die Frage, ob Italien durch die Ottupatiou von Korsn seine Expa n s io u a ns de m Balkan verstärken und sein Prestige im Mütelmeer hebert wolle. Im Falle eines bewaffneten Kcnsliktes.werde das .Königreich S. H. S., das könne man schon jetzt sagen, aus Seite G r i e ch e n l a n d s st c h e n. Steilen dehnt die Besetzungen aus. Rom, 6. September. „Eorriere Jtaliano'* meldet, das; die italien-ischeu - Torpedojäger „Pepe", „C a r i n i" und „M o n t a n a r -i" in P a x o § und AntiPatzoS eine. Kompagnie .des. -10. Jnfantevie- Regiments g e l a n d e t hätten, die G a i n s a k a, M e rlera, Fano und Mathrati ohne Zwischenfall besetzt habe. - ' . . Die Mnation Im beschtr» Gediet. Roul, lt. September. Die A g c u z i a S te fa n k uteldet ans K o r f u: Infolge von Z w i st i g k e i t e u, die sich iu der hiesigen Lokalpolizei ergebest 'haben, wird diese' nicht, tvie vorgesehen war, im Dienste bleiben. Die erwähnten Zioistigkcit'eit sind aus die verschiedene .Haltung der.Gendarmen uns gegenüber zurückzuisühren. Unsere Aktion erleidet hierdurch.keine.Störung, es wird uns dadurch nur nahegelegt, ein einheitliches .Polize.ik o r p s zu schaffen, -das zuverlässig ist und unseren Behörden Gehorsam leistet. Auf den besetzteu Juseln herrscht, wie alle Nachrichten besagen, vollkommene Ruhe. Die. Inwohner von P a ros und Nntipaxos haben den Besetznngstvu-PPerr Sympathieknudgebungen bereitet. Ter mit der Besetzung/betraute Major Goiran war von dem guten Einpsange, der ihm zuteil wurde, überrascht. Mau glaubt, daß die geg>enwärtige Phase der Aktion wenigstens lokal nunmehr ' beendet h\t. In Korfu nimmt alles wieder das normale GMäne atL

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