Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1635 (31.8.1923)
- Date
- 1923-08-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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EtatelmumiierKIOOO Wien: Zum Abholen in der Expedition, II.,Taborstr. 1-3, oder in einer Verschienst eile (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tschecho-Slowaicei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. Mk.70.000.D eutschland: Mon.Mk.1,000000. Frank r., Belgien: Monatl. Pres. 8 ffiay N achr-olil u n s;e n *98 bei Preieerhohunjfen Vorbehalten Nr. 1635 W teuer Tscheche -Slowakei' tscheeh. K 1.20 Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon.75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1— 3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab6Uhrabds.l9-483,25-282 Tel.-Adr.: .Morgenzeitung“ Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr., 150.693 Wien. Freitag. 31. August 1923 5. Zahrgang Dem Mrgerlrieg entgegen! Unverantwortliche Hetze der Rechtsradikalen in Deutschland. — Ser gefährliche Sedanstag. — Sie Folgen der unentschiedenen Revarationsvolittk. — Hunger! — Set Marlftnrz. zur BSlkerbuudtaguug. P. Wien, 31. August. Der Völkerbund tritt heute zu seiner diesjährigen Tagung in Genf zusammen. Das genaue Programm der Session ist bisher in seinen Einzelheiten nicht bekannt, jedoch wird von den verschiedensten Seiten auf die große Bedeutung der Fragen hingewiesen, welche diesmal die Völkerbundversammlung^beschäfügen sollen. Bei der Berichterstatung über die Arbeiten des Völkerbundes im verflossenen Jahre, beziehungsweise über die Tätigkeit seines engeren Ausschusses, des Völkerbundrates, wird die Erörterung über das österreichische Sanierungswerk sicherlich einen beträchtlichen Raum einnehmen, und es liegen greifbare Anzeichen dafür vor, daß sich auch andere Staaten lOMÜhen, den Völkerbund in gleicher Richtung zu einem Eingreifen im Interesse ihrer notleidenden Wirtschaft zu bewegen, wie dies int Falle Oesterreichs geschehen ist. Ungarn bemüht sich seit geraumer Zeit um die Erlangung einer Bölkerbundanleihe. Die offiziellen und inoffiziellen Emissäre der Bethlen-Regicrung haben zu wiederholten Malen an die Türen der Entente-Kabinette gepocht, ohne sich bisher eines greifbaren Erfolges berühmen zu können, und wenn es an sich auch nicht unwahrscheinlich ist, das; schließlich der ungarischen Bitte Gehör geschenkt wird, so werden Ungarns Machthaber wohl in den saueren Apfel beißen und in jene Bedingungen willigen müssen, welche die kleine Entente durch ihren Wortführer, den tschecho-slowakischen Außenminister. Dr. Benesch, stellt und die keineswegs, wie man in Budapest augenverdrehend behauptet, auf eine Schmälerung der ungarischen Integrität'abzielen, sondern nur Vorsorgen sollen, daß jene Anleihe nicht dazu verwendet werde, um den- NMharifchen irrLdentistjfMn,! .Terrorismus und Äilita.pi^nW zu flickte Friedenswerk von neuem zu durchlöchern. Ein Hauptteil der Beratungen des Völkerbundes soll, wie es heißt, der Abrüstungsfrage gewidmet sein. Es ist auf diesem besonders heiklen und schwierigen Gebiete in den abgelaufenen Monaten manches vorgearbeitet worden, und die für diese Frage eingesetzte Spezialkommission hat sich über . allgemeine Richtlinien geeinigt, welche die Grundlage der Beratungen bilden werden. Es ist leicht zu begreifen, daß der Völkerbund hier vor die schwierigste Aufgabe gestellt wird, die er bisher zu bewältigen hatte, und er wird hier eine wahre Kraftprobe zu erbringen haben. Die Konstellation in Europa ist nicht danach, um eine Einigung in dieser Frage zu erleichtern. Frankreich, heute eine gewaltige Militärmacht, wehrt sich gegen jede Zumutung abzurüsten, und auch die Staaten, die sich im Schlepptau der französischen Pölitik befinden, vor allem Polen, seufzen unter der schweren Last eines gewaltigen Armeestandes. Das Bedürfnis nach einem Abbau dieser Lasten ist schön aus staatsbudgetären Gründen allgemein, aber die politische Situation in Europa und der Imperialismus, der noch immer weiter wuchert, erschweren eine Lösung in hohem Maße. Eine wirklich durchgreifende Abrüstung setzt geordnete Beziehungen zwischen den einzelnen Mächten voraus, aber Frankreich hält seine Front gegen Deutschland parat, Polen blickt nach Osten und Westen, im äußersten europäischen Osten ist der, Aufmarsch der Roten Armee zu besorgen und Ungarn wartet auf die günstige Stunde. So ist wohl derzeii auf eine ganze Tat des Völkerbundes schwerlich zu rechnen, aber jeder bescheidene Fortschritt auf diesem Gebiete wird von allen Menschen friedlicher Gesinnung mit vollem Herzen begrüßt werden. Der Völkerbund stellt, zum Teil aus den oben angeführten (Münden, kein vollendetes Werk dar. Auch er steckt noch in den Anfängen und bedarf der Förderung und des Ausbaues; aber leider kann man beobachten, daß die reaktionären mit linksradikalen Richtungen an einem Strange ziehen, um den Völkerbund in Mißkredit zu bringen und sein Werk mit billigein Spott abzutnn. Während , zahlreiche Äölkerbundvereinigungen in den verschiedenen Ländern sM die Idee eines wirklich umfassenden und auf der Hohe : seiner Aufgabe stehenden Völkerbundes;, werben,', 'während, die r verschiedenen Friedensgesellschaften tu-, gleicher Richtung. tätig sind : und sogar schon Generale, wie her französische. General Sarrail, für die-Schaffung' einer BöKetbundarmee plaidieren, welche das wirksamste Mittel wäre, um dem- Völkerbund neben der moralischen auch die volle materielle Geltung zu verschaffen-und gleichzeitigdie Abrüstung zu fördern, glauben sozialistische Heißporne, ihrem doktrinären Radikalismus genügen zu müssen, wenn sie die. Mängel des Völkerbundes mit ihrem Hohn Berlin, 30. August. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Je mehr sich die Regierung Stresemann bemüht, eiue Verständigung mit Frankreich und eine Annäherung aller Alliierten in der Reparationsfrag-e herbeizuführen, um den drohenden völligen Zusammenbruch Deutschlands in letzter Minute abzuwohren, und je mehr Frankreich aus diese Absicht eingehen zu wollen erkennen läßt, desto schärfer wird der Kampf der rechtsradikalen Elemente gegen diese beabsichtigte Erfüllungspolitik. Die D e u t s ch v ö I k i s ch e n rüsten ganz offen, um am Sedanstag, am 2. September, im ganzen Reiche aufzumars ch.ier en. Sie wollen an diesem Tage über ihre Sturmtruppen eine Art Heerschau abhalten und beabsichtigen, diesen Aufzug als Drohung gegen die Regierung zu demonstrieren, um sie vom Erfüllungs- . Wege abzubringen. Da die Kommunist c n am selben Tage den neunten internationalen Jugendtag äbhalten, so werden Zusammenstöße schwer zu vermeiden sein. Die Behörden denken daher daran, für diesen Tag wieder ein alLgemeryes V erbot veröffentlichen- V eranstalltuA.gen znFrlKssen^. In Hamburg drohen die .HakenkreuKr,M MW'auf-' dem Rathaus zu hissen, wenn ihre Veranstaltungen verboten würden. Der Pom m e r f ch c LandLun d, der bisher schon der Sitz - einer besonders feindselig gegen die heutige demokratische Ordnung und gegen das parlamentarische Regierungssystem gesinnten' Gruppe ost-elbischer Großgrundbesitzer und ehemaliger Konservativer war, scheint nun auch gegen die neue Regierung mobil mache.it zu wollen. Er veröffentlicht einen Aufruf, in dem es heißt: „Wir fordern die sofortige Auf r o 1 l u n g der K r i e g s s ch u l d f r a g e, wir fordern eine w i r k l i ch nationale Politik aller deutschen Regierungen, die wir in der jetzigen Koalition nicht mehr gewährleistet sehen. Wir fordern eine auf unbedingt n a t ionaler und gesunder wirtschaftlicher Grundlage stehende Reichsdiktatur. Wir fordern energische Unterdrückung aller offenen und geheimen Umtriebe, die zur Zersetzung, des. Volkes oder zur Verwirrung durch weltbetrügerische Schlagworte. führen. Wir fordern Behörden-und Gerichtshöfe, nicht, solche, die als Parteifunktionäre ihre Pflicht tun, sondern die sich ihrer Verantwortung im Dienste des gesamten Volkes bewußt sind. Wir fordern die verfassungsmäßig zugesicherte Freiheit des Wortes an Stelle seiner parteipolitischen Unterdrückung. Wir fordern die endgültige Zlbkehr von den' sozialistischen Utopien, wir fordern die Erziehung d es Volkes zur.Wehrhaftigkeit." Man wird abwarten müssen, welche Wirkungen.dieser Kriogsruf auslöst. Die Triebfedern dieser wilden Töne liegen klar zutage. Man verdächtigt.die Regierung, die auf.eine Verständigung in den inckernatio-' nalen Stre i tfrage hinarbertet,. von. vornherein des- Mängels an nationaler Gesinnung, um unter diesem Deckbedenken, statt für dessen Ausbau und Umgestaltung tätig zu-sein. Es mag wahr sein, daß dev Völkerbund' heute sich wesentlich aus den Siege rstaaten ^uinnmieiW' setzt, daß er ein Torso bleibt, solange Amerika,'Rußlands und Deutschland draußen stehen, aber damit - ist'nur bewiesen, daß alle Anstrengungen gesteißert werden müßten,, um den Völkerbund schrittweise zur Höhe zü bringen? : Für Amerikas Eintritt sind bei der heutigen SäHläge^in' Europa, die Bedingungen lange nicht gegeben. -Mit/ Rußland wird solange nicht zu reden sein,- äls-srchMv WestmächLe nicht entschließen, die Sowjetrepublik anzüerkennen, und auch Deutschland will pon einem- Eintritt' -in den Völkerbund nichts wissen. - - - ' Die deutsche Politik verharrt in. ihrer Verblendung' und die jahrelang gehätschelte und heute noch-übermächtige Reaktion läßt die Unfreiheit begreifen, in welcher sich diesbezüglich jede deutsche Regierung befindet. Mer ob es zu hem ganzen unseligen RuhvabeM Mantel die gewohnte Kriegshetze weiter treiben zu können. Das Ganze erklingt wie ein Signal zum Bürgerkrieg, der zweifellos sehr „zeitgemäß" ist. Dies alles sind wohl nur die Folgen der Verzögerung der Reparationsverhandlungen. Den Wünschen der Linksparteien nach einer Verstände g u -n gspolitik gegenüber Frankreich sind bayrische Forderungen nach Fortführung und Verstärkung der Politik Cunos entgegeng-etreten. - Hiezu kommt, daß. die Dentschnationale Bolkspartei jetzt ein Kampforgan gegen'die Regierung Stresemann aufstellt. Darin wird verschärfte Opposition angekündigt, verstärkter Widerstand im Ruhr- und Rheingebiet, Vergeltungsmaßnahmen gegen Frankreich und Ausweisung der französischen und belgischen Mitglieder der Ententekommission. Inzwischen aber geht der Markverfall mit unheimlicher Stetigkeit weiter fort. An der heutigen Börse wurde)!, geradezu Mahnsinnskurse. .verzeichnet. So NütiertLY' .y-- -'^'7 Pfund Sterling mit 46 Millionen, \ Dollar mit 10,5 Millionen! Unter solchen Umständen darf es nicht wund ernehmeu» daß sich die Fälle, wo Leute auf offener Straße wegen Entkräftung und Ermattung zusammenbrechen und ins Krankenhaus oder in ihre traurige Häuslichkeit .geschafft werden müssen, wie die Meldungen an die Polizei beweisen, in erschreckendem Maße mehren. Der Hunger schleicht durch die Großstadt. Von den Sozialdemokraten werden angesichts deS neuen Marksturzes neue scharfe Gegenmaßnahmen gefordert. Der „Vorwärts" erklärt, daß die Dev?- f e n k ä u f e nach, wie vor in erster Linie vom besetzten Ge b i e t ausgehen: Ueber Köln, wo .die Kontrolle des Devisenverkehrs infolge der Besetzung nur - unzulänglich funktioniere, tverden große Kaufaufträge. durch Firmen des besetzten .Gebietes erteilt und direkt nach Am st«*, d chm' weitevgeleitet. Wenn es nicht gelinge, die ' Kontrolle -es Devisenverkehrs in wirksamer Weife-auch im' Rheinland und Ruhrgebiek dnrchzusühren, so. müsse man endlich die Kredite, -die den Devisenkäüfern. vom Reiche erteilt werden, aufs schärfste beschränken- und sie. in einer Weise erteilen, daß diesen Leuten, das Interesse an der Entwertung -der Mark genommen wird. - .; Heute - wurde von zahlreichen Beamten des- Polizeipräsidiums in der Grenadierstraße eine umfangreiche Streifung nach Devisenhändlern . vorgenommen. 7 Im ganzen wurden 692 Personen der» haftet, von denön 81 in Haft behalten wurden. Größere Mengen Von' Devisen wurden beschlagnahmt. teuer gekommen wäre, wenn Deutschland. Mtglied des Völkerbundes - Ware, darf man füglich bezweifeln, ° und wäre es.dazu gekommen, so hätte Frankreich der Behandlung-der Angelegenheit im Schoße des Völkerbundes kaum: stärken Widerstand entgegensetzen * können. Heute erscheint es ungewiß, ob eine neutrale Macht versuchen wird, die 'Reparationsfrage auf Tapet zu bringen, und auch ein -Erfolg schiene hier nicht sicher. Es ist Deutsch-, lands Schüld, wenn die Lösung änf anderem Wege gesuchi wer^n muß. Es ist kein kürzerer Weg. ' ' Die Aufgaben des Völkerbundes waHen von Fahr zu-. Jahr.' Daß'auch seine Kraft "wachse, muß der ehrliche Wünsch jedes-Friedensfreundes sein und nicht zuletzt der des jüdischen Volkes, welches im Völkerbund--den Weg zür .Realisierüng seiner prophetischen Ideale von Weltenglück und Menschenfrieden und heute schon den. obersten Schutzherrn des künftigen jüdischen Heimlandes sieht.