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Wiener Morgenzeitung · 1923-08-29 · Heft 1633 (29.8.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1633 (29.8.1923)
Date
1923-08-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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EinzfliMunffleranro» Wien: Zum Abholen in der Expedition, II.»Taborstr.1-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tschecho-Slowakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar 40. P o 1 e n: Mon. Mk.70.000.D eutschland: Mon. Mk. 500.000. F r a n k r„ Belgien: Monatl. Frcs. 8 BV* Nachzahlungen “Wi bei Preiserhöhungen Vorbehalten Dir. 1633 Wiener omemcilung Wien. Mittwoch. 28. August 1823 1 Tschecho-Slowaktli tschech. K 1.20 Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon. 75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II.,Taborstrassei—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,25-282 Tel.» Adr.:,Morgenzeitung" Wien Oesterreichiacbes Postspar* kassen-Konto Nr. 150.693 5. Zahrgaug Zer belgische ReMmAWlau. Für eine genaue Festsetzung der Reparaüonrschnld. — Belgien verlangt 1Z Prozent der deutschen Reparationen. Bor BethSem Genfer Reife. Kr. W I e u, 29. August. Der ungarische Atinisterpräsidenl Graf Beth- I c n hat sich vor seiner schweren Genfer Reise auf fein Gut zurückgezogen, um wenigstens für einige Tage dem politischen Kesseltreiben zu entrinnen, welches gegen ihn in der Hauptstadt tagtäglich inszeniert wird und ihm seine Arbeit im Auslande so unsäglich erschwert. Bethlen ist sich beffeit bewußt, das; er von dieser Reise entweder mit einem greifbaren Erfolg oder als gefallener Alaun zurückkchren wird. Aber Beichten wird nicht einmal die tzknngtuung haben, ehrenvoll seinen Platz zu räumen, wenn er einmal wird weichen müssen, denn selbst jetzt, wo er dem Völkerbund -mit positiven Ergebnissen seiner Politik der ehrlichen Konsolidierung gegenübertreten sollte, um Vertrauen zu erwecken, bedient er sich der primitivsten Mittel des Bluffs. Vor zwei Tagen ließ er halbamtlich verbreiten, daß die Regierung entschlossen sei, den Verband der Erwachenden Ungarn mit den anderen Formationen der. „unverantwortlichen Elemente" aufzulösen und keine ähnlichen Verbände und Organisationen mehr zu dulden. Kaum war diese Mitteilung erschienen, begann der Aufmarsch aller von einer solchen Maßregel betroffenen Gruppen gegen die Negierung. Bei diesem Aufmarsch zeigte es sich, daß die Gömbös-Lente und die Hejjas-Gruppen mit den Legitimisten einen Pakt geschlossen haben, um gemeinsam den Sturz der Bethlen- Regiernng zu beschleunigen. Eine Abordnung des Verbandes, der Erwachenden erschien im Hause, um gewissermaßen die Regierung fiir das Gerücht verantwortlich zu machen. Die Gömbös-Gruppe hielt gemeinsam mit dem Vertreter der Legitimisten, Markgrasen Pallavicini, eine Konferenz zui Besprechung der Gegenmaßnahmen ab.. Und H^aM.ch.LMkte-BeMen dieser ’ Gruppe nachgeben" um> ein ämMches Commumqüe herausgeben, durch welches diese „alarmierenden Gerüchte" dahin richtiggestellt wurden, daß die Regierung gemäß ihrem vor einigen Wochen gegebenen Versprechen die Tätigkeit und die Statuten sämtlicher öffentlichen Vereine.in der allernächsten Zeit einer Revision unterziehen werde. Falls die Untersuchung zu dem Ergebnis führen sollte, daß irgendein Verein seine Statuten nicht genau befolgst, wird die Regierung gegen diesen den gesetzlichen Vorschriften gemäß Vorgehen. Das Revisionsverfahren weiäie sich selbstverständlich auch auf den Verein der Erwachenden Ungarn erstrecken. Das ist also das Ende des mit Aplomb in die Welt hinaugeschrienen Liedes vom tapferen Helden Grasen Bethlen. Es ist einfach undenkbar, daß die gegenwärtige Regierung gegen die Erwachenden Ungarn und ihre Führer aufkonunen könnte. Das Material, das Gömbös, Stephan Friedrich und alle anderen besitzen, die der Negierung früher so nahe standen, die das ganze Sündenregister jedes einzelnen ungarischen Politikers von der obersten Stelle bis zum untersten Handlanger der Erwachenden genau kennen, ist so kompromittierend und belastend, daß diese Regierung der Wucht dieses Belastungsmaterials, wenn es, wie angedroht wird, wirklich in die Oeffentlichkeit gelangt, unmöglich standhalten kann. Denn was Stephan Friedrich in einer der letzten Sitzungen über die Gratisaktien und ähnlichen Affären enthüllt hat, ist nur die erste Strophe des garstigen Liedes von der Korruption und der Panamawirtschaft des christlichnationalen Ungarn. Mt der echten Erpresserlust eines um seine Macht geprellten Revolverpolitikers verkündet Stephan Friedrich, daß er im Besitze von einwandfreien Dokumentemnaterial sei, durch welches die Machenschaften einer „Panamavertuschungszentrale", die von oben organisiert und gefördert Vierde, aufgedeckt werden können. „In den letzten Tagen bin ich in den Besitz so vieler außerordentlich wichtiger Daten gelangt" — erklärte Friedrich einem Journalisten gegenüber —, „daß ich zu meinem größten Bedauern feststellen muß, daß sich in dieser Angelegenheit bereits viel mehr Schmutz angehänst hat als überhaupt angenonimen werden konnte. Als ich in diese neueren Akten Einblick nahm, bin ich selbst erschrocken, denn an so viel Schlamm und Schmutz wagte selbst ich nicht zu denken, als ich nnch entschlossen hate, diese ganze Angelegenheit ans Tageslicht zu bringen. Ndr-n ist es meine Pflicht, im Interesse der Allgemeinheit das ganze Panama mit allen seinen großen und kleinen Korruptionen vor der Nationalversammlung zur Sprache zu bringen." - Das ist ein schweres Gepäck, mit dem sich Bethlen .M BettÄnA Wh HM ÄM. ilii 3m Paris, 28. August. (Tel. der „Wr. Morgengeitung".) Die belgische Antwortnote wurde heute vormittags veröffentlicht. Die lehnt sich fast vollständig an die frauzöfische Note an. In der Frage der Ruhrbesetzung erinnert die belgische Note an die gleichen Präzedenzfälle wie die französische und sucht weniger die Legalität der Ruhrbesetzung als, die Inkonsequenz der Haltung E n g l a n ü s zu beweisen, das seinerzeit des öfteren den Plan einer Rührbefetznug gehegt habe, um schließlich diese Besetzung, als sie durch Frankreich vollzogen wurde, als ungesetzlich zu bezeichnen. Die Besetzung der Ruhr habe den Charakter eines Pfandes. Die fei anfänglich nur als Kontrollmission gedacht gewesen, dieser Charakter habe aber infolge des passiven Widerst an des .abgeändert werden müssen. Wenn der passive Widerstand aufgehört haben wird, sei die belgische Negierung bereit, wieder zum ursprünglichen Besetzungsstatiut zurückzukchren. Die Besetzung selbst kömre aber nur im -Verhältnis der deutschen Zahlungen rückgängig gemacht werden. Bezüglich der belgischen Priorität wird erklärt, daß Belgien im Verlauf des letzten Jahres der Umgestaltung seines Prioritätsrechtes zustimmen mußte, daß aber diese .Umgestaltung immer zum Vorteil Mer.Miiertzn ausge- -fallew sei. Belgien ha-be nicht iben- Wevwiegenden Teil der deutschen Zahlungen erhalten, sondern höchstens ein Drittel. IM zweiten Teil'8er Note wird folgender Reparationsplan entwickelt: 1. Die belgische Regierung ist der Ansicht, daß die Reparatiousschuld genau festgesetzt werden nmß. 3. Sie unterstützt den Vorschlag der c lt glrsche n Regierung, daß die Reparativ ns- und Kriegsschulden gemeinsam behandelt werden'müssen. 3. Die Note erinnert an die Reparation^- uud Kriegs schul den sorderung der einzelnen Staaten. Frankreich fordere 26 Milliarden Goldmark, indem es dabei seine Ansprüche auf die Obligat i o neu C für die Ansprüche Englands und A m erikas an Frankreich reserviere, die sich zusammen aus 26,5 Milliarden belaufen. Dagegen wäre Frankreich bereit, aus 6 Milliarden Goldmark seiner Forderungen an Italien und die Länder der Amerika fiir Me WelWedenskonferenz. London, 28. August. (Wolff.) Die „T i ittcf berichten aus Washington, daß der verstorbene Präsident Harding die Absicht gehabt hatte, für das nächste Fahr eine W e l t s r i e d e.n s k o n s e r e n z einzuberufen. In allen Kreisen werde zum Ausdruck gebracht, daß Präsident Coolidge, der von dem ernsten Wunsche erfüllt sei, die Politik H a r d i n g s f o r t z u s e tz e n, dieselbeAbsichthabe. * Die Nachricht des Londoner Blattes wird nicht verfehlen, in europäischen politischen Kreisen das größte Interesse hervorzurusen. Ihre Richtigkeit vorausgesetzt, würde der Plan Amerikas, eine Wclffrredenskonferenz cinzuberufcn, ebenso darauf hindeuten, daß man in Amerika zu den europäischen Löfungsversuchen der herrschenden Krise der, wenn er sich über seine Aussichten Pessimistisch äußert. Aber unehrlich ist es, wenn er den: Ausland weißmachen will, daß Ungarn die Beute von Putschisten werden müßte, wenn man ihn mit leeren Händen heimschicke, wenn ihm jedoch die Anleihe gesichert würde, würde Ungarn das Land der Ordnung und des auf- MOgeg Leedens werden. Das Miere $t UöMh und kleinen Entente zu verzichten. Italien habe ein. Anrecht aus 5 Milliarden der Obligationen A und B 'unid 8,2 Milliarden der Obligationen C. Dagegen schulde Italien Amerika 7 Milliarden, England 10 Milliarden und eine kleine Dumme an Frankreich. Belgiens Forderungen seien 5 Milliarden an Reparationen. Englands Forderung 14,2 Milliarden. Eine unbekannte Größe in dieser Richtung seien die amerikanischen Forderungen an Frankreich und Italien. Auf Grund der bekannten Argumente sei aber jetzt schon gewiß, daß der , Londoner Zahlungsplan b e d c u t c n d herabgesetzt werden müsst. Rach einem v o r a u s g e g a n g c n e n M o r a t o r i u m solle es darum Deutschland möglich sein, das Abkommen über die neu festzusetzenden Annuitäten zu unterzeichnen. Die belgische Regierung ist -weiter der ^Ansicht, daß B e l g t c n i 3 Prozent von den deutschen Reparationen bekommen sollte, lvenu der Prozentsatz der Forderungen nach den materiellen Schäden festgesetzt würde. " Zum Schluß weist die belgische Regierung daraus hm, daß im Verlauf der letzten Monate ein o f f e n sichtlicher Fortschritt in den Annäherungen erzielt worden sei. Sie glaubt, daß der- Monte nt ■ gekommen sei, um die bis h e r t ge P r o z e d u r ab z n-ä n d e r n - und daß das Problent genügend entwickelt sei, daß frcunds ch a s t li che^-AunäHer n ü ge itz w r fch e n d e n a l l i i e r t e n M i n ist e r p r ä sitze n t e n staltfinden konnten, ohne daß es sich deshalb um eine eigentliche -Konferenz' handÄn müßte. Die belgische Reg,ierung ist ferner ' der Ansicht, daß bei dieser Gelegenheit auch die Frage der Sicherheiten behandelt werden sollte. Frankreich einverstanden. Paris, 28. August. Die französische Regierung stell! i;!jre enge Dülidarität und vollständig^ Ein-mntigkeit mit der Tlnschauung fest, die in der belgischen Rote insbesondere -bezüglich der Gesetzmäßigkeit der Ruhrbesetzung und der Einstellung des passiven Widerstandes znm Ausdrucke gc--- bracht ist. Frankreich versichert Belgien der festen Unterstützung der belgischen Prioritätsthese. Frankreich wünscht in Uebereinstiunnung mit Belgien die geheimen freundschaftlichen interalliierten Bes p rt ch unge n fort zu setzen, nnd hält die Einberufung einer Konferenz für zweckmäßig, sobald es sicher sein wird, daß man Zu einem vollkommenen Einvernehinen über konkrete Lösungen gelangen werde. kein Vertrauen hat, wie auf die drüben IvachsendeErkenntn'5, daß eine dauernde politische Isolierung Amerikas nicht eingehalten werden kann. Sollte wirklich Coolidge in: Sinne .Hardings die Fnitiative zu dieser Konferenz ergreifen, so würde sich das Beispiel der .Washingtoner Konferenz wiederholen, mit lvelcher Amerika die Initiative ergriffen hat, um eine Frage seines unmittekbarsten Interesses, das Krästeverhältnis im Stilltzn Ozean, mit den europäischen Seemächten und Japan zu beraten, ttnd aus welcher es .trotz tnancher Widerstände gelungen ist, ein Abkoinmen der hauptsächlichen Seemächte bezüglich der maritmren Krästeverteilung und der Einschränkung der Rüstungen zur See zu zeitigen. Eine solche Konferenz wäre gleichzeitig ein Mittel, um eitre lveitergreifende internationale Zusammenarbeit einzuleiten, da die Bereinigten Staaten ihren Beitritt zum Bölkevbund verweigern, der anderseits ohne deren Mitwirkung zu einem Torsodasein verurteilt bleibt. Die Initiative' Amerikas würde also eine Brücke , darstellen, über welche der Weg zu einer Zusammenarbeit der europäischen Mächte mit ihvgm amerikanischen Gläubiger führen könnte, und damit würde sich eine neue Perspektive strr die europäische Politik eröffnen. Man wird nunmehr abwarten müssen, was Coolidges wahre Absichten sind. kann auch dann eintreten, lvenn Bethlen sich überhaupt nicht ins Ausland begibt. Aber die zweite Hypothese ist eine bewußte Unohrlichkeit, denn der Putsch gegen die Neuerung ist auch im zweiten Falle nicht ausgeschlossen, weil die wirklicheit Machthaber gar nicht daran denken, in Ungarn eine friedliche Politik zur Macht gelangen m kaMk

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