Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1631 (27.8.1923)
- Date
- 1923-08-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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EhizelmnnmerK700 Wien: Zura Abholen in der Expedition, II.,Taborstr.l-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien n. Oeaterr. monatl. IC 28.000 Tschecho-Slowakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen :Mon. Mk.70.000.Deutschland: Mon. Mk. 500.000. F rankr., Belgien: Monatl. Frca. 8 p|* Nachsahlaiigen *W> bei Preieerhobanfren' Vorbehalten 5lr. 1631 Wiener ♦ Wien. Montag. 27. Angnst 1923 Tscheche»-Slowakei i tschech* K 1»30 Italien: Monatl. 10Lire, Rn m ä n i e n Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon. 75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Fres. 3 Redaktion u. Administration Men, II.,Taborstrassei—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,25-282 Tel.-Adr.: »Morgenzeitung“ Oesterreichisches' Postspar* kassen- Konto Nr. 150.69? 3. Fahrga «g Poincare droht weiter. zwei Sonutagsreden des französischen MMerdrWenten. — Keine Antwort au Sttesemann. Paris, 26. Autzust. Poincare HM heute vormittags in Chass eh anläWch der Einweihung eines Kriegergedenkstemes eine Rede, in der er wider Erwarten nichtauf die letzten Erklärungen Stresemauns einging. Der französische Ministerpräsident begann vielmehr auseinanderzusetzen, ivas Deutschland aus Europa und aus der ganzen Welt gemacht haben würde, wenn es im Weltkrieg gesiegt hätte'. Frankreich wäre zumindest Calais und seiner Kohlenbecken beraubt worden und hätte wahrscheinlich außerdem riesige Entschädigungen an Deutschland zahlen müssen. Während des Krieges habe Deutschland aus seinen Eroberungsabsichten kein Hehl gemacht und bis zum letzten Tage des Krieges dieses Ziel weiter verfolgt. Belgien hätte Antwerpen und seine Nordseeküste Verloren. England würden von Deutschland unerträgliche Bedingungen auferlegt worden sein. Deutschland, das sich während des Krieges in der Gegend von Ostende festgesetzt hatte, in der Absicht, dort ewig zu bleiben, hätte das ganze kontinentale Ufer des Kanals beherrscht, um England besser überwachen und stets unter denr Feuerbereich seiner Küstengeschütze halten zu können. Die englische Kriegsflotte iväve zerstört, Englands Handelsflotte vernichtet worden. Die englische Herrschaft über die Meere wäre ihm e n t.r t ff«« und seine Beziehungen zu den Dominions damit zerstört-worden. Auch Italien hätte schwer unter einer Niederlage der Alliierten zu leiden gehabt. Es hätte nicht nur ans Triest und Trient verzichten müssen, sondern auch einen wesentlichen Teil seiner Gebiete an Oesterreich-Ungarn abzutreten gehabt. Die T s ch e ch o - S l o w a f« t wäre dauernd unter dem Joch Oesterreichs geblieben und S e rbien und Rumänien hätten keinen Ausblick mehr für die Zukunft gelhabt, die Mittelmächte hätten aus ihnen einfach Vasallenstaaten gemacht. Selbst die a m e r i k a n i s ch e W c lthe r r s ch a f t hätte mit einem deutschen Siege nicht zufrieden sein können, denn trotz der Unabhängigkeit Amerikas bou Europa tvare es für die Vereinigten Staaten unerträglich gewesen, einer Herrschermacht wie Deutschland ihren Einfluß auf die ganze Welt ausdehnen zu sehen, denn Deutschland hätte unter der Führung der Hohenzollcr n die Weltherrschaft an sich gerissen. Poincare schloß mit der Erklärung: „W i r <8nnen uns nicht auf eine etwaige Hilfe Gottes verlassen, wenn wir uns schützen und retten wollen. Wir müssen auf unsere eigene Kraft bauen und darum sind wir ins Ruhrgebiet einmarschre r t. Unsere Devise lautet: Wirbleiben dort so lange, b i s ma n u ns bezahlt hat." Weitere Verschlechterung der Mark. Der Dollar nahezu sechs Millionen. Berlin, 26.. August. Während hier die «me Verordnung über die De Visen ab gäbe alle Kreise der Bevölkerung in Atem hält, hat die Mark an der New-T)ovker Börse eine neue Verschlechterung erfahren. In Berlin stieg der Dollar im gestrigen Fvervevkehr bis sechs Millionen, die Mark notierte in New-Iork 0.000018, der Dollar wäre demnach 5,655.655 Mark wert, was allerdings gegenüber dem offiziellen Frertagkurs von 4,700.000 eine bedenkliche Steigerung bedeutet. Die Kommentare der Beniner Presse über die Notverordnung sind fast durchwegs günstig. Nur die rechtsstehenden Blätter weisen auf die schweren Folgen des Eingriffes in die lebende Substanz hin. ftonfislntion der „Roten Fahne". Berlin, 27. August. Die Sonntagsausgabe der »Roten Fahne" ist wegen Aufhetzung gegen die Regierung {b*ju&l<tJuwÜMi wardm. Poincare umschmeichelt Amerika. Paris, 26. August. Bei der Einweihung einer Gedenktafel für das Eintreffen der ersten amerikanischen Truppen in Frankreich, hielt Poincare in Gondrecourt eine Rede, in der er zunächst an die Beweggründe Amerikas beim Eintritt in den Krieg, sodann an die Bildung der ersten amerikanischen Formationen auf französischem Boden erinnerte. Im weiteren Verlaufe seiner Rede bedauerte Poincare, daß die im Krieg bewährte Einigkeit im Frieden nicht den Charakter und die Stärke einer Allianz behalten habe, um die Zukunft vor den Gefahren der Vergangenheit zu sichern. Der amerikanische 'Senat habe den Versailler Friedensvertrag nicht ratifiziert und die Bereinigten Staaten hätten die Zeit für gekommen erachtet, sich nicht länger mit Angelegenheiten zu beschweren, an denen sie nicht unmittelbar beteiligt seien. Frankreich sei aber damals der Meinung gewesen, daß eine gegenseitige Anhänglichkeit, bekräftigt durch eine alte Ueberlieferung und geheiligt durch die Kameradschaft des Schlachtfeldes, eür rwch sichereres Unterpfand siir gutes p o l i t i sch e s E i n vernehme u wäre als Verträge Frankreich habe sich üi ch t getäuscht. Die Vereinigten Staaten wären der Wiederaufbauarboit Frankreichs mit Sympathie gefolgt. In der großen Mehrheit halte das amerikanische Volk Frankreichs Vorgehen zur Sicherung der deutschen ZahlmMn durch .Beschlagnahme von Pfändern für berechtigt. (?) Ein Volk, das seine Zeit mit Konsultationen, mit Zögern und Klagen zubvächte, würde den amerikanischen Freunden als unfähig und. ohnmächtig erscheinen. Ein Volk, das wisse, ivas cs wolle, sei. der Achtung und der Zuneigung der Amerikaner stets sicher. Die belgische Antwort. Paris, 26. August. Nach dem Brüsseler Berichterstatter des „Journal des Debats" ist die belgische "Antwortnote 3 5 S ch r e i b m a s ch i n c n f c t f c n lang. Die B c rö ff ic u t l i ch u it g des Textes wird Dienstag v o rm ittags erfolgen. ' Die Note spriclst in ihrem dritten Teile die Ansicht aus, daß die Zeit des Nötenmt'b Gegennotettaustausches ein Ende nehmen müsse mii> daß es h ö ch st e Zeit sei, zu Praktischen Taten zu schreiten. Im zweiten Teil beschäftigt sich die Antwortnote mit dem englischen Grundsatz von der Ungesetzlichkeit der R u h rb e s e tz u n g. Der belgische Standpunkt bezüglich dieses Gegenstalldes sei mit denr f r a n z ö s i s ch e n ident i s ch. Zustimmung Frankreichs. Paris, 25. August. Die französische Regierung hat der belgischen mitgeteilt, sie habe gegen Inhalt und Form der belgischen Antwort keinerlei Einwand zu erheben und lasse Belgien volle Freiheit, sie in der Form, wie sie vovliege, England zrr übermitteln. Jer deutsche Kronprinz will nach Deutschland zndickkehren. Paris, 26. August. In einem, dom Korrsspondenten des „Matin" gewährten Interview erklärt der frühere deutsche Kronprinz, daß es unrichtig sei, daß ■ er seinen Wohnsitz eine halbe Stunde von der deutschen Grenze entfernt aufzuschlagen beabsichtige. Dagegen hält er noch immer seinen Plan aufrecht, nach Deutschland zu rück zu kehren, wo er als einfacher Bürger auf seinen schlesischen Gütern leben möchte. Diese seien allerdings vom preußischen Staate beschlagnahmt, er sei aber überzeugt, daß er seinen Prozeß gewinnen und die Güter wieder zurückechalten werde. Er wolle nicht auf nngefetzlichem Wege in seine Heimat zuvückkehven und hoffe, daß es ihm doch noch gelingen werde, von der deutschen Regierung die Erlaubnis zur Rückkehr zu erhalten. Auf die Frage, welche Aussichten der bayrische Exkronprinz RuPP recht zur Rückkehr auf den 'bayrischen Königsthron hätte, erwiderte der Kronprinz, er könne diese Frage nicht beantworten, da er über die Verhältnisse in Deutschland nicht genügend informiertsei, es scheine ihm aber, daß Bayern auf keinen F-LiU ein?« LspublLH bleib^u K« politischer Mord in Prag. Der bulgarische Emigrantensührer Rajko Daskalow erschossen. Prag, 26. August. (Tel. der „Wr. Modenzeitung".) Als heute der frühere bulgarische Gesandte Rajko Daskalow sich mtt seinem Freunde Dr. Bojadjesf auf einem Spaziergang durch Prag begab, wurde er von hinten durch ein ihn schon längere Zeit verfolgendes Individuum viermal an geschossen. Daskalow sank blutüberströmt zu Boden und auch Dr. Boj ad je ff wurde von einem Projektil getroffen. Ein Polizist entwand dein Attentäter mit Hilfe des empörten Publikums die Waffe.und brachte ihn auf die Polizei, wo festgestellt wurde, daß es sich um den erst kürzlich aus Sofia zugereisten 26jährigen Atanas Nikolo w handelt. Ueber die Motive seiner Tat verweigerte er bisher jede Mitteilung, doch nimmt man an, daß er nur im Aufträge Sofioter Hintermänner gc»- handelt habe, um den gegen die derzeitige Regierung Z a nk o w arbeitenden Stambnliiski-Anhänger unschädlich zu machen. Daskalow wurde sofort in ein Sanatorium überführt, st a r b jedoch trotz der gleich an ihm vorgenommenen Operation. Dr. Bojadjesf ist nur leicht verletzt. Nie Franzosen beschlagnahmen Milliarden. In Tier: 11.747 Milliarden Mark. Paris, 26. August. Nach einer Meldung des „Temps" aus Trier sind dort 11.747 Milliarden Mark weggenommen worden, die für Streikende bestimmt. Ware« und außerdem zwei Milliarden Mark für die Arbeitslosenunterstützung in benachbarten Gemeinden. , In Essen: 100 Milliarden. Essen, 25. August. Kurz vor 2 Uhr nachmittags dra-.^ gen Beamte der französischen Besatzungsbehörde sowie Militär in die Räume der Stadthauptkasse Essen ein und nahmen 100 Milliarden Mark städtischer Löhne fort. Die deutschen Beantten lvaren gerade zu dieser Zeit mit den: Abschluß der Wochenrechnnng beschästtgt. Die Beschlagnahme erfolgte trotz des Protestes des Geschäftsführers ohne Angabe von Gründen, angeblich a u f B e f e h l d e s D i v i s i o n s g e u e r a l s. Die Entwertung des Franken. Paris, 27. August. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Die Gesellschaft der Hochöfen- und Kokereibesitzer hat beschlossen, die Koks preise um 5 0 Franken pro Tonne zu erhöhen. Als Grund dieser Erhöhung wird die Entwertung des Franken sowie das Steigen der deutschen Kotspreise angegeben. Auch Bethlen ist pessimistisch. Ungarn geht schicksalsschweren Tagen entgegen. Budapest, 26. August. „Pesti Naplo" veröfsentlichk ein Interview mit dem Ministerpräsidentiön Grafen Bethlen, der erklärte, er werde in einigen Tagen nach Genf reisen, um dort eine Fühlungnahme mit den Vertretern der großen und der kleinen Entente zu suchen und die Ungarn berührenden Fragen zu besprechen. Die Reise gelte in erster Reihe der ungarischen Ausländsanleihe. Der Mmisterpräsident lvolle die Aufmerksamkeit des Völkerbundes darauf lenken, daß die Frage der ungarischen Anleihe nicht nur für Ungarn, sondern auch für die Konsolidierung ganz Mitteleuropas von größter Bedeutung sei. Er wies sodann auf die Benvühungen der Regierung hin, denr Sinken des Krön enk urses Einhalt z u t u n; doch fei es fraglich, wie l a n g e d a s L a n d diesaushalten werde. Obwohl er diesbezüglich voll Vertrauen sei, könne nicht geleugnet werden, daß Ungarn schicksalsschweren Tagen entgegengehe. Eine Prognose hinsichtlich des Ergebnisses der Genfer Reife könne vor den Verhandlungen mit den Vertretern der.Entente unmöglich gemacht werden. Der ungarischen Regierung sei nicht einmal-das Ergebnis der Konferenz von Sinaia bekannt. Der Ministerpräsident erklärte schließlich, er werde vor dem Völkerbund n i ch t a l s Delegierter Ungarns erscheinen, sondern er wolle als ungarischer Ministerpräsident mit dem tschechoslowakischen Außenminister eine Fühlungnahme buchen.