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Wiener Morgenzeitung · 1923-08-26 · Heft 1630 (26.8.1923) · p. Seite 12

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1630 (26.8.1923)
Date
1923-08-26
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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SBicif, Sönükäg «te«e 12 Wiener MorgcnzciLttng.' 96. dlugsrst 1923 Nr. 1680 JUEDISCHE JUGEND Gestalten aus PaMna. Ehnwaga Fric. Es war eine schwere, schwarze Nacht. Eine jener Nachte, t>fc sich in den kleinen Ztolonien des imkeren Galil, die t^ingc warfen zwischen zwei Berqesrüete:: oder an einen derselben cmgchcstet, frei und offen allen Winden, Stürmen :mo duincn gegenüberitchen, schwer auf* Her; k\yn. In Jabnel herrschte tiefe, schwere Stille. Im Kwuzahcmse schliefen fast alle. Müde von der fchiveren Arbeit und der heißen Sonne, von den noch schtverercn und heißeren Gedanken rmd Gefühlen der jungen Phantasie, sarkken alle auf die Strohlager hin. Beim Schein der Lampe saß Chaver Zwi, dessen Bücherdurst nicht einmal Palästina löschen konnte, und las. Ich drückte meine Stirn an die Fensterscheibe und ließ mein inneres Auge jenseits des kleinen Gartens, der unser Haus umgab, jenseits der roten Häuser der Kolonie, jenseits des Daloilah-Tales zum Tabor, ins Emck Jesreel, zum brandenden Meer und weiter irud weiter herumirren. Plötzlich krachte ein Schuß, der zweite, der dritte. Wir springen auf, wechselten einen kurzen Blick und wachten. Es tvurde still. „Jehuda hat gesagt, die Nacht sei zn verlockend, um die Beduinen ruhig schlafen zu lassen. Er hat einen Besuch erwartet!" meinte Zwi. Wieder krachten Schüsse, aber so nahe, wie wenn sie hinter unserem Hofe gefallen wären. Jetzt war kein Zögern mehr. Wir stürzten zu den Betten und weckwn die Burschen. Müde, in Träumen sich wälzend, murrten sie, tvaren ungehalten oder drehten sich auf die andere Seite um. Aber cs genügte jetzt ein Schuß, um ihr halderwachtes Bewußtsein wieder herzustellen. Flugs sprangen sie auf. Wir erwarteten jk nicht, ergriffen die (Gewehre uni)1 liefen hinaus. Jetzt, da alte Sinne ohnmächtig waren, arbeitete nur der untrügerische, u.n-erschrockenc Instinkt. Ohne;u sehcr. spürten wir ringsum aud-erc Gestalten, die dasselbe wollten wie wir. Die Kolonisten und die anderer! Arbeiter liefen unschlüssig herum. Manche wollten nach links lausen, woher Ulan die Schüsse vernahm. Aber oie Aelteren und Erfahrenen belehrten sie eines anderen. „Die Beduinen schießen absichtlich links, um alle dorthin zu ziehen, unterdessen lverden sie von einer zweiten Seite denUebersall probieren." Aus der Nnenischlossenheit hals Jaaker, ein feuriger Ko-. lonistensohn, der bei den Schomrim tvar und aus ihren Rat mrd Befehl uns nach rechts lausen befahl. Man hörte keinen Schuß. Es wurde ruhig, unheimlich ruhig. Plötzlich hörte man von der linken Seite ein wildes, schnelles Pserdeaelrappel . . . Ein Schrei . . . Schüsse von einem englischen Gewehr . . . „Ein Gendarm ist in der Nähe," . . . meinten die Kundigen. Wieder Schüsse. . . Plötzlich ein wildes Geschrei . . . und Ruhe . . . In einem wilden Tempo kam das Pferd näher. „Ani seb, Irre". (Ich bin es, Fric). Es war, wie ivemr ein Zaüberwesen sich unserer bemächtkgt hätte. „Fric ist da, Fric," hörte man von allen Seiten. Die Augen wurden Heller, die Herzen leichter. Noch war die Gefahr nicht vorüber. Er befahl ruhig zu bleiben. Er selbst ritt zu den Schomrim hin. ■ Aber der Schrecken war' vorüber. Fric war da. * In einem kleinen polnischen Stäbchen (BnczacJ geboren und erzogen, war er von Jugend aus wild und verwegen. Dort lernte er reiten, dort empfing er den ersten Liebesdräng zu den edlen, wilden Gefahren des Landes, die erste Liebe zum Pferde. Anfangs arbeitete er in Palästina. Aber sein Blick wurde trübe, sein Herz matt. Es zog ihm zu den schwarzen Nach l n und. noch schwärzeren Beduinen-Augen. Es zog ihn zu den wilden Bergen und den genau so wilden Bednincu-Seelen. Er konnte die Nachgiebigkeit, die Furchtsamkeit seines Volkes nicht leiden. Und er lies hin. Und er erreichte, ivas er wollte. Er war eiu„Schoter". Breitschultrig und stämmig, bereitete er seinen Brüdern Nachm und Ehre, Zuversicht und Liebe entzündete er in den Herzen der Kolonien Unter-Galils. In Iema, seinem Lieblingsorte, schaute man mit Stolz und Freude aus ihn, wenn die graue, feuriges „Asi'lah" (arabisches Edelpscrd) ihn aus ihrem Rücken tragend, die Kolonie ruhig maß oder in wildern Tempo vorbcijagte. Das Pferd liebte erüber alles. Er kam müde und zerbrochen, manchesmal verwunde! von einen: Patrouilleuritt. Nicht an sich dachte er zuerst. Das Pserd hatte den Vorzug. Und als der wilde Zufall naw fernem Leben Dürstete, sahen die Felder seines geliebten I'ema seinen Tod. Er hob die Arigen, schaute hin in die Ferne, in seine Ferne. . . in unsere Ferne . . . liebkoste das kluge Tier, das bis zum letzten Hauche neben ihm stand, küßte cs — u,i$ verschied. Das tvar Chawaga Fric. R. Ben Shem. „MM-weiß"-Mdcheirlagrr im Kamptal. Kamptal. Verträumt rausch! der Flus; über Fclsblöckc hinlveg. Links und rechts fallen steil die Berge hinein. Und daneben der schlnalc Weg. Zip—zip—zip! Trilili—tralala—zip—zip-zip. Hoch oben fliegt ein Falke. Und dann bei einer Biegung ein hoher, hoher Fels zwischen zwei Bergen und von oben blicken würdevoll die verfallenen Zeugen ehemaliger Herrlichkeit hernieder. Ruine Schauerstein. Du blickst aus die Uhr. Drei- Stunden gehst du schon? Du glaubst es kaum, fühlst kanin den Weg, die Füße tragen dich von selbst. * Dort wohnen sie. Dort hat, hoch oben, mitten im Walde eine Schar jüdischer Mädchen ihr Sommerlager anfgeschlagen. Dort kochen sie ihre Mahlzeiten, dort schlafen sie aus ihren Pritschen. Ter erste Lerchenschlag weckt sie und der Gesang der Vögel lullt sie ein. So leben sie in und mit der Natur und lernen ihre tausend Stimmen und Sprachen verstehen. Satt Hagil' adi. Eine Erzählung für unsere Kleinert. Hebräisch von Isaak H e r z b e r g, überseht von den Geschwistern Lebensohn.. (Schluß.) 9. Fair im Gefängnis. Bor 7\uvcf)t und Schr-.cken konnte Jair kein Auge schließen. Noch immer klangen ihm die Worte des Königs nach'. Zu gut verstand' er seine böse Absicht und die Gefahr, die seinen Brüdern drohte, wenn es chm nicht gelingen sollte, bis Zum Morgen das „Zori-Gil'ad" herzuschxHen. „Was wird mit euch geschehen?" dachte er mit Schaudern. -Hier sitze ich im Turme gefangen und kann euch nicht verständigen, ivas mit mir vorgegangen ist.?lch, könnte ich von 'hier entrinnen, wie glücklich wäre ich! . . . „Meine teueren Freunde, wo seid ihr?" rief er mit lauter Stimme und begann zu weinen. Und siehe! plötzlich blinkten aus der Finsternis die Mimen Augen der Eidechse, die rief: ,Hier sind wir!" „Wie kommst du her?" fragte sie Jair verwundert. Die Eidechse begann: „Als man dir die Tore öffnete, MH' ich dir bis zum Palaste des Königs nach. Dort versteckte ich mich hinter eine Tür, horte alles, was der König mit dir sprach, und kam auch hie-her, um dich zu befreien. So Hove denn auf meinen Rat: Links an der Mauer befindet sich eine TW, die zum Ausgang fuhrt. Der Schlüfftl hängt auf der Wand der Wächterstube. Durch die Luke, die du dort siehst, schleiche ich mich davon, um der Taube zu jagen, daß ste dir den ÄWssel heruntevhole. Warte mrr «mige Augenblicke." . ^_ In Rar veHchwand die Eidechse und nach vimtzen Mmrten wurde der Klang eines fallenden Schlüssels vernehmbar, den die Daube durch die Luke Kuunterwarf. Jair nahm den SchWffÄ, öffnete die Wo mb Oft* p* aus, ohne daß es jemand gesehen oder gehört hätte. Der Hirsch stand bereit, Jair sprang auf seinen Rücken und rief: ,Kommt meine Freunde!" Und schnell tote ein Pfeil flog er den Berg hinunter, auf die Felder Gil'ads. Flink durchquerte die Eidechse die Gräser, prüfte sie mit ihrer kleinen Nase, bis sie das „Zori" fand. Jair pflückte davon einige Halme, lvand sie in ein Sträußchen, schwang sich auf des Hirsches Rücken und beeilte sich, das Schloß zu erreichen. Noch vor SonnenanfgarP standen sie alle vor der offenen Tür des Turmes. Rasch schlüpfte Jair hinein, legte sich Zur Ruhe und schlief bald darauf ein. 10. Die Rettung. Frühmorgens, als es kaum zu tagen begann, erschien der Neger und weckte Jair mit den Worten: „Stehe auf, Hebräer, laß uns Fmn König gehen, dcmrit er deinem Leben ein Ende bereite." Jair spvaujg von seinem Lager, verbarg das Kräutersträußlein an seiner Brust und begab sich in Begleitung des Negers zum König. Nachafch saß auf seinem gewöhnlichen Platze, und als er Jair erblickte, rief er höhnisch: „Wie steht's, nreiu kleiner Junge? hat dir dein Gott viEeicht Wunder gezeigt? hast du die Kräuter?" „Jawohl," erwiderte Jair, „ich habe dir die Kräuter gebracht, wie du befohlen Haft." „Wie," rief der König verwundert, ,/du warft doch gHrnAen? Hat dir vielleicht dem Gott Engel gesandt." ,^Ja, mein Herr und König." Jair erzählte nun die Geschichte seiner drei Freunde, die ihm geholfen hatten, den Turm Zu verlassen und die Krauter ausfindig zu machen. „Nun sehe ich, daß es auf Erden keinen GM gM vor dem Gotte Israels" rief dev König und erhob sich von ft-MU Srü» Es ist die beste Selbsterziehung zur SelbIändigk e i t,' zur N aturtiebe und zur.Gemeinschaft. Ja, und diese Gemeinschaft; ich habe noch nie eine schöuere gesehen. Jede sucht der anderen das Dasein möglichst angenehm zu gestalten. Sie lieben einander, als wären sie zusainmen ausgewachsen, besonders aber ihre Führerin Küthe. Was sie sagt, ist heilig, ist Gesetz. Da gibt es keinen zweiten Willen. Aber sie fügen sich gerne und ucnuc» ihre Führerin „Mama". Die Bauern in der Umgebung sprechen von ihnen nur mit Achtnug, und der Bauer, bei welchem sie nwhnen, unterstützt sie in jeder Weise und leistet ihnen jeden Dienst. Jude, willst du sehen, wie sich das jüdische Weib auf seine Berufung vorbereitet? Geh' hin und sich dieses Lager au. Du wirst hossuungssreudig zurückkehren. Boris. Am ZWZMrimmmg. Bon Joses Grob. Eilnw suJnrn Tages tauchte bei uns im Städtchen eilt wildfremder Mensch auf, dessen Erscheinen besonders das Interesse der Ehederjugend hcrvorries. Schon sein AeNßereS war ganz anders als das jener, die als Landstreicher von Ort zu Ort ziehen und der ProvinzbevMerung zur Genüge bekannt sind. In der Regel waren es vagabundierende Schnorrer aus der nächsten Umgebung, die bei Absolvierung ihrer Tournee auch unser Städtchen mit ihrer Anwesenheit be-- ehrteu, von Tür zu Tür gingen, die für sie bestimnlten Gaben in Empfang zu nehmen, und dann geränschlos verschwanden, wie sie eben gekommen waren, ohne einen Eindruck zu 'hinterlassen. Ab und zn gab es auch eine Abwechslung, wie zum Beispiel beim Erscheinen eines Geisteskranken aus einer benachbarten Ortschaft, oder eines sogenannten Wündermbbi, der es nicht mehr erwarten konnte, bis die Chassidim zu ihm kommen tvürden, und es daher vorgezogen hatte, zu den Chassidinl zu fahren. Aber auch diese Gäste waren der Ortsbevölkerung nicht, mehr fremd und ihr Erscheinen trug wenig dazu bei, die Gemüter zu erregen. Ganz anders das plötzliche Erscheinen dieses wildfremden Menschen, bei dessen Anblick man gleich merken konte, daß das ein ganz neuer Typus sei, und Gott tveiß, welche Umstände ihn zn uns ins Städtchen führten. Auf dem Haupte — das von langen wallenden Locken umgeben war — ein roter Türkenfes, mit Sandalen an den Füßen und in einen kurzen weißen Leinenkittel eingehüllt, siel es zuerst niemandem ein, daß das überhaupt ein Jude sein könne. Als er aber beim Morgengebet im Beth -Hamidrasch erschien, um gemeinsam mit den versammelten Inden seine Andacht zu verrichten, so wußte inan erstens bestimmt, daß der Gast ein Stammesgenosse ist, zweitens, daß er ohne Zweifel aus Erez Israel herkomme. Diese sensationelle Neuigkeit verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Städtchen und bald wußten wir Chederjnngens, daß in der Synagoge ein türkischer Jude aus Palästina sei. Einer nach dem anderen verließen wir — da der Rebbe so wie so im Beth Hamidrasch beim Gottesdienst war — den Eheder, um den 'interessanten Gast in Augenschein zu nehmen. Wir getrauten uns anfangs nicht in seine Nähe, als wir aber ,-Utld auch du, kleiner Hebräer, fandest Gefallen in meinen Augen, da nimm dieses Schwert von meiner Hand zum ewigen Andenken. Und deinen Brüdern, den Be-« wohnern Gil'ads laß ich sagen: So spricht Nachtisch, König der Amoniter, befreit seid ihr von: Tribut, so. lange ich! lebe und ittentmtb soll euere Ruhe stören!" Jair dankte, verbeugte sich vor dem K5nW und voller Freuden verließ er das Schloß. Außerhalb der Burg erzählte er seinen drei Freunden das ganze Gespräch mit dem König, bestieg den Hirsch und eilte, seinen Brüdern, den Gil'adim, die gute Botschaft zu überbringen. Die Sonne stand schon Hoch am Himnvelals Jair das Städtchen Jawefch-Gil'ad erreichte. Die Bewohner Jawesch^Gll'ads Ovaren auf beut Felde beschäftigt und wunderten sich nicht wenig, als sie .Jair von der Ferne, auf dem Hirsche reitend, erblicktem f Jair näherte sich der Wiese, wo sich unterdessen die Belvohner Gil'ads versammelt hatten, und rief: „Schalom, meine Brüder, fürchtet euch nicht, ihr seid gerettet," und erzählte ihnen die' Erlebnisse auf dem Wege und beim König. Erstaunt hörten die Bewohner Gil'ads ihm zu und riefen: „Hedad, Jair unser Held, hedad!!" Fröhlich über die große Hilfe, gingen die Bewohner Jawesch-Gil'ads an ihre Arbeit und verherrlichten ihren Netter Jair in Preisliedern. Dieser kehrte Zu seiner Herde zurück. Seim drei Freunde, den Hirschen, die Taube und die Eidechse 'behielt er bei sich, ernährte sie und. sorgte für sie. Ganz Israel gedachte seiner Heldentat, seines Mutes und der Hilfe, die er seiner Gemeinde gebracht hatte, und als er herangewachfen war, wählten sie ihn zy ihrem Richter. Er wurde der Richter Jair Hagil' M genannt, Wer den in der .Heiligen Schrift int Buche der Richter ev» Mtt wird. * *” » /

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