Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1629 (25.8.1923)
- Date
- 1923-08-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ftozelnmniaerKtOTO Wien: Zum Abholen in def Expedition, II., Taboratr. l-^i oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Ts che cb o-Sl owalc e i: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. Mk.70.000.Deutschland: Mon. Mk. 500.000. F r a n k r., Belgien: Monatl. Frcs. 8 py Nachzahlungen "Wß bei Preiserhöhungen vorbehalteg Nr. 1629 Wiener t schkichb«8inwB)i«t, tschech. K 1.20 Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon. 75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion n. Administration Wien, II., Taborstrasse 1 —3 Telenhone: 44-0-38,43*3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,25-282 Tel.-Adr.: (Morn-enzeituag0 Wien Oesterrcichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.69? «Bien, Samstag. 25. August 1923 5. Fahrgang Was Stttfemmm anbietet. ProdnMve Wnder Dentfchlanbs. — Cs gibt km intermtisNale Rhein« landfraae. Berlin, 24. August. Reichskanzler Dr. Stre s e* nr a n n wiederholte in der Rede, die er heute während des ihm zu Ehren von dem Deutsche n I n d ustri eü n d Handels tag gegebenen Frühstück hielt, zunächst den Gedanken, daß die innere Sanierung Deuischl a n d s zugleich feine wirksamste außenpolitische Betätigung sei. Er wies auf die einschneidenden Maßnahmen hin, die die jetzige Regierung zur Schaffung eines- D e- - Visenfonds sowie wertbeständiger Zahlungsmittel und Anlagewerte und zur S a n i e r u n g der Reichsfinanzen eingeleitet habe, und wies 'entschieden den Vorwurf zurück, daß Deutschland selbst den Währungsverfall herbeigeführt habe. Trotz scharfer Eingriffe in die Vermögenssubstanz sei allerdings eine dauernde Sanierung der Reichsfinanzen ohne vorherige Lösung der außenpolitischen P r o b l e m e n i ch t möglich. Die Frage von Recht und Schuld, die in der Note der britischen Regierung eine so bedeutsame Würdigung gefunden habe, werde das deutsche Voll dem Urteil unparteiischer Schiedsrichter jederzeit gern zu unterbreiten bereit sein. Auf dem Gebiete der Reparationsleistungen habe Deutschland kürzlich durch die unparteiischen Untersuchungen -des Institut o f Economic in Washington ,die Genugtuung erhalten, daß seine bisherigen Leistungen wesentlich höher bewertet werden als durch die Reparationskommission. Das genannte Institut bewertet die bis zum 30. September 1922 in greifbaren Werteu gssleisteten Beträgs auf- -Mildesten^ '26 Bis 26 - daß das deutsche Verlangen nach Gutschreibung weiterer erheblicher Posten zugunsten Deutschlands unzweifelhaft gerechtfertigt sei. Die deutsche Regierung beziffert die Gesamtleistungen auf Grund eingehender Untersuchungen auf über 42 Milliarden. Die Völker erwarten, führ der Reichskanzler fort, von den' Staatsmännern die Wegbereitung für ein friedliches Nebeneinanderleben. Die ungeschriebenen Gesetze des Welthandels, auf demn einst der Wirtschaftsverkehr der Welt ausgebaut war, müssen wieder zur Geltung kommen. Höchst beachtenswerte Gedanken zu einer praktischen Lösung finde ich in der Veröffentlichung der britischen Regierung enthalten. Auch der französische Ministerpräsident hat in Charleville eine praktische Lösung als Ziel seiner Politik bezeichnet. Soweit der Grundsatz wirksamer Garantien für künftige deutsche Leistungen in Betracht kommt, ist die Inanspruchnahme deutschen Reichs'befitzes und deutscher Wirtschaft zur Stellung der von der französischen Regierung geforderten, positiven Pfänder auch in dem Memorandum der deutschen Reichsregierung vom 7. Juni znm Ausdruck gebracht, jenem Vorschlag, der zu unserem BÄxmern.bis heute noch keine Antwort gefunden hat. Die in dem französischen G e I bbuch enthaltene Darstellung' wonach Deutschlands wirkliche Hilfsquellen und Stenerkräfte nicht zerstört seien, bezeichnete der Reichskanzler als eine Ue Verschätzung der deutschen Wirtschaftskraft. Die angeblichen großen Gewinne der deutschen Wirtschaft seien vielfach so lächerlich gering, Äaß beispielsweise die letzte Iahresdividende der Deutschen Bank nicht den Wert einer Stratzeübahnfahrt in Berlin ausmachte. Wenn jedoch in der deutschen Wirtschaft, was er nicht bestreite, Möglichkeiten einer INkunftsentwicklung liegen, so bedürfe es für die Miierten nur des Eingehens auf die Grundsätze des Memorandums der deutschen Regierung, um gemeinsam einen Weg zu ftrrden, der diese letzte Deutschland verbliebene Kraftquelle zum Träger der Garantie ftir die Reparationsverpflichtungen mache. Die jetzige Regierung halt an dem Angebot der vorigen Regierung fest. Mr die Freiheit des deutschen Gode ns, für die Wahrung der deutschen S ouveränit ä t, für die Konsolidierung der deutschen Verhältnisse sicht die Regierung das Opfer als nicht zu hoch an, einen Teil der deutschen Wirtschaft als produktives Pfand für die Durchführung der deutschen Reparatronsve rpstich» tungen anzubieten. Wenn die französische Regierung, aufrichtig von den» Gedanken ausgeht, positive Pfänder für die deutschen Lieferungen nach Ablauf eines Moratoriums zu erhalten, fo könnte sie wohl einen Weg der Verständigung mit Deutschland finden. Aber dieser Weg darf nicht über die Differenzierung zwischen Rheinland und Ruhr einerseits und dem Deutschen Reiche andererseits gehen. Die, wenn auch nur vorübergehende Verpfändung des Ruhrgebietes, die Nebereignung der rh e i n länd i schen Bahnen sowie einzelner Berg w e r k e und Besitztümer am Rhein und der Ruhr kann von uns nicht als Grundlage der Lösung der Rcparatronsfrage betrachtet werden. Diese speziell aus das Rheinland und das Ruhrgebiet abgestellte Repamtiouslösung wirft sogleich alle die politischen Fragen auf, die sich in der l Besetzung des Ruhrgebietes und in der Rheinlandsfrage für die internationalen Beziehungen der Völker ergeben. Für uns in Deutschland gibt es . keine RheinlandLfrage, die international zu lösen wäre. Die Rheinländer haben im Rahmen der deutschen Reichs- Verfassung das Recht, selbständig zu entscheiden,' in welcher Form sie innMMlb des Deutschen Reiches ihr Leben zu führen gedenken. Bis zur Stunde liegen uns nur die Erklärungen sämtlicher -deutscher Parteien im Rheinland vor, daß sie nicht den Wunsch haben, an ihrem Treuverhältnis zun: Reiche und zu Preußen diZ * geringstezu andern. DieRhÄnfragc ist M"DeütschloF eine Lebensfrage, in der es für jeden Deutschen und i jede deutsche- Partei nur ein Ziel gibt: den deutschen Rl/ innerhalb des einigen Deutschen Reiches. Ich adoptiere mit Genugtuung die Erklärung des französischer: Mnisterpräfi-deuten, daß er -w e d e r p o l i t i s ch e n o ch a n n e x i o n i st i s ch e Ziele Verfölge. Mit dieser Erklärung sind aber die in Vorschlag gebrachten Lösungen.nicht vereinbar, indem sie tatsächlich wirtschaftlich -und politisch Rhein und Ruhr einer S o n d e r b e h a n d l u n g u n t c r w erfen u nd damit den Weg zu. einer Praktischen Lösung, die Deutschland annehmen kann, versperren. Erst ivenn die Politischen Gesichtspunkte gegenüber den w i r t s ch a f t l i ch e n Lösungswöglichkei-ten zurücktreten, an denen das Reich -mit der Gesamtheit seiner Wirtschaftskraft teilnehmen kann, wird der Weg für eine Praktische Lösung offen sein. Es wäre Politischer Dilettantismus, wem: die deutsche. R-egierua^ ihre Politik auf die Entzweiung der Alliierten abstellen, wollte. Deutschland kann nur hoffen, daß innerhalb einer gemeinsamen Verständigung der Alliierten unter sich und mit Deutschland cm Weg gefunden wird, der die berechtigten Ansprüche der Gläubigerstaaten mit der Gewährung deutscher Ent- Wicklungsmöglichkeiten vereinigt. Der Kanzler schloß -mit einem Hinweis auf die Solidarität der Volker, die notwendig sei, um die Welt vor neuen Erschütterungen zu bewahren. Der Lausanner Vertrag ratifiziert. Konstantrnopel, 24. August. (Tel.-Komp.) Die National» Versammlung von Angora hat mit 215 von 235 abgegebenen. Stimmen den Friedens!) ec trag von Lausanne ratifiziert. Der türkische Gouverneur von Koitstantinopel Adneh Bei hat den alliierten Oberkommissären den Beschluß der Nationalversammlung, sofort mitgetilt, die ihrerseits den Kommandanten der alliierten Truppen in Konsta-ntinopel davon in Kenntnis gesetzt haben. Daraufhin wurde sofort die Räumung von Konstantinopel angeord. net und dieser Befehl der türkischen Regierung sofort bekanntgegeben. Mehrere Schiffe liegen bereits zur Abfahrt bereit. Die türkischen Truppen werden erst nach durchgeführter Räumung ihren Einzug in Konftantinopel halten. Der BeMMgmg eMgegen? , » P. W i e n, 25. August. Gesteril hat Reichskanzler Stresemann die angekündigte Politische Rede beim Frühstück des Deutschen Industrie- und Haudelstages gehalten. Man muß sich, um die Situation zu verstehen, in welcher sich Stresemann befindet, die Umstände vor Augen halte::, unter denen er ans Ruder gelangt ist. Er hat das unglückselige Erbe Cunos angetreten, ivelcher der getreue Sachwalter der Interessen der großen und kleineren Inslationsgewinner gewesen ist und der seine ganze Tätigkeit oder Untätigkeit darauf anlegte, mit Unterstützung einer ihm fast durchaus willfährigen Presse die bekannte Durchhalterstimmung in Deutschland zu erzeugen. Die nationalistische Ueberreizung in Deutschland ist so weit fortgeschritten, daß sich Stresemann genötigt sieht, ihr Entgegenkommen zu beweisen, wovon die vor drei Tagen erfolgte politisch-unkluge Verlautbarung seiner parteioffiziösen Korrespondenz Zeugnis ablegt, die knapp vor der Veröffentlichung der französischen Note erfolgte. Stresemann hat endlich' einen positiveren Schritt getan und den Mut zu klareren Worten gefunden. Die Gefahr, in welcher Deutschland schwebt, legt in Berlin offenbar den Gedanken nahe, daß ein allzulanges Znwarten sich bitter rächen könnte, und daß es nottut, die leidige Diskussion in ein anderes Fahrwasser zu lenken. Man erkennt klar und scheut sich nicht mehr, es. auszusprechen, daß bei einer längeren Fortdauer der Zustände an der Ruhr auch die von der deutschen Reichsregierung beschlossenen einschneidenden wirtschaftlichen Notmaßnahmen selbst im Falle ihres Gelingens höchstens - hinreichen könnten, dem Staatshaushalt und die Währung stabil zu erhalten, und man muß sich mit der weiteren Frage befassen, woher die Mittel für die Begleichrmg der. ReparaÄonSschuld - genommen, werden sollen, Ivenn die ganze Kraftanstrengung darauf verwendet wird, um das immer unerträglicher werdende innere Manko anszugleichen und das große finanzielle Loch an der Ruhr zu verstopfen. Das Neue in Stresernanns Rede beruht darin, daß er sich endlich loslöst von der hohlen Politik der oft gehörten Tiraden und die Diskussion auf das sachliche Gebiet zu lenken sucht. Er wiederholt die Bereitschaft Deutschlaicks, positive Pfänder für das Entfließen der deutschen Reparationsleistungen zu geben, und sieht in einer Diskussion auf dieser Grundlage bei einigem guten Willen Frankreichs die Möglichkeit einer Verständigung. Er drückt plötzlich die GeMgtuung über Poincares letzte Erklärung «ns, daß er mit der Rrchrbesetzung weder politische Ziele, noch Annexionsgedanken verfolge, lehnt es jedoch ab, auch nur vorübergehende Verpfändungen an der Ruhr und am Rhein als solche Pfänder gelten zu lassen. Wenn man Stresemanns Ausfiihrun^n in klares Deutsch übersetzt, so besagen sie, daß Deutschland bereit ist, über die «Äellung wirksamer Garantien für seine künftigen Leistungen zn verhandeln, jedoch die unzweideutige Festlegung verlangt, daß an der deutschen Souveränität nicht gerüttelt und daß zwischen Ruhrmw Rheinland mtk dem übrigen Deutschland in staatsrechtlicher Beziehung keinerlei Unterschied gernacht werden wiÄ>. Der Fortschritt in dieser Rede Stresemanns ist unverkennbar, und man täuscht sich wohl nicht in der Annahme, daß diese neue Tonart unter doppeltem Drucke, dem der Not und dom der Linken, erfolgt ist. In einem wesentlichen Punkte ist Stresemann freilich eine Erklärung schuldig geblieben: in der Frage des passiven oder, wie sich die letzte Note des französischen Ministerpräsidenten ausdrückt, des aktiven Widerstandes. Frankreich erhebt in dieser Hinsicht sehr energisch seine Forderungen und es wäre sicherlich von Bedeutung gewesen, wenn Stresemann auch zu dieser Frage etwas Wesentliches zu sagen gewußt hätte. Die Situation Deutschlands erfordert gebieterisch, daß mit der unfruchtbaren Prestigepolitik gebrochen werde und daß die Erörterung ans realen Grundlagen erfolge. Der psychologische Moment für die Einleitung von direkten Verhandlungen erscheint nicht ganz ungünstig und es liegt an Deutschland, mit noch größerer Bestimmtheit das erste Wort, zn sprechen. Noch bewegt sich Stresemann allzusehr in der Negation, und es kommt auf konkrete Vorschläge an, die geeignet erscheinen könnten, endlich die Sprache der nackten Ziffern hören zu lassen. Deutschland muß auf jeden Fall heraus aus der Isolierung, es nmß das in Paris herrschende Mißtrauen zerstreuen und bessere Beziehungen zu den anderen Mächten gewinnen. In der letzten Zeit M es. M WMck Mt m gMichtigeu WyMM gefehlt, welche die Regelung des deutsch-ftanzöstschen Konfliktes dem Völkerbund übertragen sehen möchten. Wenn Deutschland auch seine Haltung zur BöKevbundfrage der notwendig gewordenen Revision unterzöge, wäre damit vielleicht ein weiterer Schritt zur Möglich- M »m ItM getan, Datz Ls Zeit mm&b zu handeln, daran wird heute keiner mehr zweifeln dürfen, der den Fortbestand des Werkes von Weimar will. Es wäre sträflich, solange zuzuwarten, bis die Koalition derer um Nadek und um Hitler ans Wort kommt.