Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1625 (21.8.1923)
- Date
- 1923-08-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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0e*e 4 Wien, DienMg Wiener Morgenzeitung 31. August 1923 Nr. 1625 Bulgarische Zudenprobleme. Aus einem Gespräch mit dem Kongrestdelegierten Samuel Steinderg. Der LberrageilLe zionistische kinflnß. — Ae inneriüdischen Parteikämpse. — Siedlung«- und KolonisationrpoliM. DaS Mitglied des bulgarisch-jüdischen Aktronskomttecs, Samuel Steinb« rg, besprach in Karlsbad mit unserem dortigen K. K.-Berichtcrstatter bulgarisch-jüdische Fragen. Seine Aussührungeu gaben mancherlei interessante Details, so unter anderen! wichtige Aufschlüsse über die erstaunlichen Erfolge des Zionismus auf dem Balkan. In Bulgarien ist der zionistische Einfluß in jeder Beziehung überragend. Bei den jüngst stattgefundcnen Wahlen 3it den Konsistorien sind ausnahmslos nur Z i o u i ft c n gewählt worden. Zwar ist von der Gegenseite, dem den Zionismus ablehnenden Klub S v e d i n e n i j e, der ganz offensichtlich und prinzipiell assimilatorisch eingestellt ist, eine scharfe Propaganda gegen die zionistischen Kandidaten entfaltet worden. Trotzdem haben die Zionisten diesen absoluten Erfolg errungen. Die „Jüdische Kommunistenpartei" hat sich an. den Wahlen nicht beteiligt. Das Schulwesen ist vollkommen in zionistischen Händen. Wir haben in Bulgarien zehn bis zwölf Volksschulen, die Progymnasinmsrecht haben. Die offizielle Sprache in den Schulen ist spaniolisch, aber auch das Hebräische wird sehr intensiv betrieben. Bei den Wahlen für die S ch u l a d m i n i ft t a t i o it, die kürzlich stattfanden, hat die Zionistische Organisation sämtliche Sitze, außer einem, erhalten. Dieser eine Sitz ist den jüdischen Assimilanten zugefallen. Die gesamte Schulverwaltung ist in der Harrd des Zionismus. Wie erfolgreich der Zionismus in Bulgarien seine Ideen Propagier! und mit welcher Intensität er verstanden hat, den Palästina-Gedanken in den breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung zu verwurzeln, illustriert am markantesten die Tatsache, daß das kleine Bulgarien die überaus stattliche Zahl von 7000 Schckelzahlern aufzuweisen hat, das heißt, daß bei einer jüdischen Gesamtbevölkerung von 10.000 Seelen, mindestens 50 Prozent der Er- Anerkennung der rel.gipsen Grundsätze die Grundlage der Agudah sein möge. Die Agndah in der Slowakei habe den Misrachr in Bann getan und sei infolgedessen von einer anderen angesehenen religiösen Gruppe mit dem Bann belegt worden. D.ese Selbstzerslcischung diene nur der Assimilation und dem Bolschewismus. Rabbiner Weisz (Topolcany) vertritt gegen den Borredner die starre Trennunastende nz. Sowie Gott zwischen Licht und Finsternis gescheden habe, ebenso sei die Verschmelzung zweier diametraler Organisationen unmöglich. Tagesbericht. Ae moderne Kolportage. Im .Hamburger Senat war, wie wir im ,/V. T." lesen, kürzlich Klage geführt worden, daß deutschvölkische Krebse eine Kolportageschrift benutzt hatten, um dürch sie ihre Ideen zu verbreiten. Eine törichte Schundschrift, „Die venelianische Nacht", war ausersehen worden, den ahnungslosen Leser durch Pilanterie des Titels auf dem üppigen Umschlagbild zu locken und ihn inmitten schwelgerischer Nuditätm mit jenen antisemitisch übernationalistischen Lehrsätzen zu überfallen, auf die der Rechtsbobschewismus eingeschworen ist. Inmitten der lüsternen Requisiten solcher Schundgeschichten mögen sich die hakenkreuzl e r i s ch e n Tiraden doppelt schön ausnehmen. Diese Propaganda wird aber unwirksam, sobald sie aufdringlich hervortritt. In der Geischichte des Rechtsradikalismus ist dieser Vorgang nicht alleinstehend. Man bediente sich nach 1848 gern der Belletristik, um politische Ziele zu erreichen, kolportierte etwa die stockkonservaiiven Romane des Pastors H e s e k i e l, denen nur keine breitere Wirkung innewohnte, da sie überaus langweilig waren. Aber für die Durchdringung der Massen sorgte das Schriftstellerpaar G o e d s ch e - S ch n e i d e r, die ihre Schmöker unter der Flagge eines Sir John Retc kiff starten ließen. Sie erfanden eine Handlung, die echtes Kolportagefutter war, aber alle jene Zutaten besaß, mit denen die „breiten Bettelsupven" für das Volk angerührt sein müssen. Zuerst kam für sie die Tendenz, die sie freilich geschickt zu verbergen suchten. Seit Jahren ist den Retcliff-Romanen der Kolportagegeruch genommen; sic werden nicht mehr in dünnen Heften aus der Hintertreppe vertrieben, sondern sind in Buchform gekürzt gefaßt. Ihre Tendenz ist unwirksam geworden, die an den Tag gebundene Satire verpufft ohne Wirkung, und beim Durchblättern der technisch geschickt geschriebenen Romane ist man nur erstaunt, zu sehen, wie diskret die Propaganda vor sechzig Jahren arbeitete und um wieviel gröberes Geschütz heute ausgefahren wird. Der Kolportageroman schien im Kriege sein Ende zu erreichen. Die militärische Zensur, der man sonst Verständnis für Kulturarbeiten nicht nachvühmen kann, unterdrückte ihn mit einem Federstrich. Nach dem Kriege starb die Kolportage an den Papierpreisen; aber gegen jede wirtschaftliche Logik erholte sie sich, je mehr die Mark zermürbte, und raschelt heute wieder in allen Wiukelbuchhandlungen und über alle Hintertreppen. Der Preis eines Heftes zu 24 Seiten betrug einstmals 10 Pfennige, heute Losten 16 Seiten 2000 Mark. HnKwiGeg K auch eine andere Generation groß gewachsenen Schülalim entrichten und in ihrer gesamten psychischen wie praktischen Einstellung zionistisch orientiert sind. Die Keren Hajessod-Arbeit hat große Fortschritte gemacht; ein proporttoneller Vergleich mit anderen Ländern ergibt, daß Bulgarien eine relativ überaus hohe Summe, nämlich im vergangenen Jahr 2,300.000 Millionen Leva, aufgebracht hat. Da in Bulgarien keine irgendwie nennenswerte nichtzionistische Organisation besteht, hat das Zionistische Zentralkomitee beschlossen, die Leitung des Keren Hajessod in rein zionistischen Hände zu belassen und sowohl die Systematisierung der Propagandaarbeit, die Finanzierung wie auch überhaupt den gesamten technischen wie geistigen Apparat des Keren Hajessod der Zionistischen Organisation einzugliodcrr> Auch der Keren Kajemeth hat recht beträchtliche Summen in seiner Endbilanz aufweisen können; da der nicht indifferente Teil der bulgarischen Jndenheit zionistisch organisiert ist oder doch wenigstens mit den zionistischen Problenren und ihren praktischen Folgerungen sympathisiert, ist auch er keine Partei-, sondern eine neutrale Volksfinanzinstitution. Es sei nicht vergessen, daß in Bulgarien eine Anzahl jüdischer Volksbanken existieren, die sich hauptsächlich mit der Kredit- und Darlehensgcwährnng an kleine jüdische Kauflente beschäftigen, und die sehr intensiv in Anprnch genommen werden. Wie lebendig das jüdische Leben in Bulgarien ist, erweist auch, daß das Aktionskomitee der Landesorganisation in den letzten Tagen in Iadjur 1030 Tnnam gekauft hat, die man zu einer großen Kolonie bulgarischer Zionisten anszubanen beabsichtigt. Zuerst sollen an der Peripherie 3000 Dunam mit 50 Familien besiedelt werde?.. Diese Ansiedler erhalten den Boden umsonst, unter der Bedingung, daß sie die 1500 Dnnam des Zentrums kultivieren und nutzbar machen. Hierdurch hofft nian, die Kolonie großzügiger rcntabilisieren und finanziell um ein Mehrfaches ertragreicher machen zu können. worden, die nun ihrerseits Gefallen an der „Bcttclgräfiu" der Ltvise Pasternak, diesem größten Schlager der Kolportage neben denl Waldröschen" Karl Mays, der „schönen Krankenschwester", ja sogar am „Rinaldo Rinaldini", findet. Eine Zeitlang schien es, als ob das Kino mit seinen grellen Sensationen diese Literatur ablösen würde. Aber so phantastisch und wirkungssicher die Bilder des Films auch sind, sie vermögen niemals beit Höhepunkt jener Phantasie zu erreichen, mit der sich die Leser der Volksromane ihrer Lektüre bemächtigen. Denn die Welt der Kolportage bedeutet ihnen vor allem Wunfchersüllung. Alle Menschen möchten gut, schön und reich fein. Da die Wirklichkeit mit diesen Gamben sparsam wirtschaftet, bleibt nur die Flucht in das Buch übrig, ein Buch,, das diese Dinge in atemerregender .Handlung verspricht. Je grauer der Tag aus den. einfachen Menschen lastet, desto bunter und prächtiger wollen sie die knappen Freistunden ausfüllen. Die Lektüre soll sie nicht beruhigen, sondern anregen, am liebsten aufregen und in eine Welt versetzen, die sich von der ihren völlig unterscheidet. Sie lehnen als langweilig altes ab, was sich irgendwie an die MiEichkeit bjndet, N-as den Versuch macht, die Logik des Lebens auf die Literatur zu übertragen. Es ist oft gesagt worden, die Kolportage verderbe den Geschmack und mache weite Kreise unfähig, Kunstwerke zu genießen. Das ist richtig; es fehlen diesen Romanen alle dichterischen Elemente, fehlt jedes Gefühl für die Sprache, die sich imnrer in Superlativen bewegt und sich in Häufungen der Bilder nicht genug tun kann. Die aufdringliche Moral, die den Traktätchen nichts nachgibt, die unerträgliche Sentimentalität, die - schiefen Zeichnungen ganzer Gesellschaftsklassen, das Abenteuerliche, das logisch denkende Leser zum Lachen reizt, sind auch in der Tat nicht danach angetan, den Geschmack zu veredeln. Die Ablösung der Kolportage, deren heftweifer Vertrieb ein kapitalistischer Zufall ist, und den ehemals schlechten Vermögensvetzhältnissen der arbeitenden Klasse entgegen kam, kann nur von Schriftstellern erzielt werden, die über die in Deutschland seltene Gabe der Span it}t u g verfügen und romantisch-phantastische Handlungen zu erfinden vermögen. Meder ein Wiener abgrststrzt! Aus Mallnitz wird gemeldet: Bei der Besteigung des Ankogels ist Dr. Politzer aus Wien abgestürzt. Er halte die Tour in Begleitung seiner Frau unternommen. Die Leiche ist geborgen worden. « unsere Leser in Pole« und Deutschland! Infolge des tiefen Kursstandes der polenmark und Reichsmark sind wir genötigt, in nur teilweiferAnpaffung an die hohen Selbstkosten die Bezugsgebühren der „IDienet Blorgenzeitung" für Polen und Deutschland wr ab 1. September 1933 '&a wie folgt zu erhöhen: Polen: Blonalsabonnement poltt. Markt 70.000 Deutschland: „ Reichsmark 500.000 ItaitttMtö &ec Jäte MalMitllM" .. Fremdenverkehr und Msumgeblihrm. Während nrau sich auf der Wiener Enquete zur 'He» buug des Fremdenverkehrs den Kopf dariiber zerbricht, warum Oesterreich von den Fremden gemieden wird, handhabcrl die österreichischen Konsulate im Auslände einen Bisumwucher, welcher es den meisten Fremden geradezu unmöglich macht, Oesterreich aufzusuchen. So verlangen die österreichischen Konsulate in Italien zum' Beispiel von dort ansässigen polnischen Staatsbürgern oder solchen Polen, die aus der Rückreise aus Italien Oesterreich berühren wollen, für das Ein- oder Durchreis e v i s u nr nicht tveniger als 150 Lire pro Person. Das österreichische Konsulat in Zürich fordert — sage und schreibe — die Kleinigkeit von 126.50 Schweizer Franken pro Paß für das österreichische Visum. Nur allzu begreiflich, daß ins Ausland reisende Polen einen weiten Umweg unt Oesterreich machen und es vorziehen, via Deutschland in die Schweiz oder nach Italien zu reisen? Die österreichischen Konsulate berusen sich darauf, daß diese Vifumsätze im Reziprozitätswege mit Polen vereinbart wurden und daher nicht ermäßigt tvevden können. Verstößt aber schon die Vereinbarung derart wucherischer Sätze gegen die guten Sitten, so verursacht ihre Einhe'bung durch die österreichischen Konsulate vollends einen berechtigten Boykott des Landes zmtt Schadeir des Fremdenverkehrs. Es ist eben ein Widersinn gegenüber Polen, das sich dem Fremdenverkehr absichtlich verschließt, das Reziprozitäts- Prinzip auzuiwendcn, wenn man — wie Oesterreich — auf Fremdenverkehr Wert legt! krhöhung der Kohlenpreise. Angeblich infolge Lohnerhöhungen, die in Polnisch-Ober» schlesien cm die Bergarbeiter bewilligt wurden, hat sich die oberschlesische Kohleukonveutiou veranlaßt gaschen, die Kohlenpreise mit Wirksamkeit vorn 16. d. um 50 bis 60 Prozent ab Grube zu erhöhen. Gleichzeitig sind die Kohlentarffe ans den deutschen Bahnen, die znm Teile bei den Transporten nach Oesterreich berührt werden müssen, um 2000 Prozent erhöht worden. Demzufolge sollen die Verkaufspreise für oberschlesische Steinkohle in Wien mit Gültigkeit vom 31. d. lauten: sür Kohle in offen geladenen Fuhren loko Rutsche Nordbahn pro 100 Kilogramm 03.400 K. (bisher 74.000 K.), für Kohle in plornbiorten Säcken (einschließlich Abtragens) pro 100 Kilogramm 102.800 K. (bisher 83.400 K.) Ae PogromstaiiW auf der Ausstellung des „Fdgeslom". Atls Riga meldet I. C. B.: Alts dein stättstrschen Material der Ausstellung des Idgeskom (Jüdisches gesellschaftliches Komitee in Rußland) geht hervor, daß von 1919 bis 1921 819 Pogrome stattgefunden 'haben. Davon seien 430 Pogrom« vom Bandenführer Stas, 171 von den Truppen Denikins, 129 von den Petljura- Banben, 45 von den Banden Balachowitsch' und 44 von fceu P ölen veranstaltet worden. Das erste Wische Spital ln Fugoslawien. Wie uns aus Belgrad berichtet wird, fand vorgestern itt Subotica die Eröffnung des e r st e n jüdische n Spitals in Jugoslawien statt. Bei der feierlichen Eröffnung waren Vertreter der Regierung, des Ministeriums für soziale Fürsorge und des Ministeriums für Sozialpolitik vertreten. A l l e R a b b r n e r des Landes waren anwesend. Die Ansprache hielt Dr. Alkalay und der Oberrabbi n -er. Me Schistskataftrophe auf der Weichsel. Aus Ploek wird uns berichtet: Auf der Weichsel itt der Nähe von R a d z y n ereignete sich eine Schiffskatastrophe, welche 34 To d e-s o pfer forderte. Ein Segelschiff, das ein Floß im Schlepptau hatte und Arbeiter nach der Weichselinsel bei Dunhnow transportierte, kenterte infolge eines starken Sturmes. Die Insassen sprangen aus oaS Floß, das aber infolge Ueberlastung sank. Der Sturm machte eine Hilfeleistung unmöglich. Von allen Insassen konnten sich bloß drei Kinder retten. Ae LebensmittelmSrkte. Zu den hohen Fleifchpreisen und den nicht gerade billigen Gemüsepreisen soll sich in nächster Zeit noch eine Erh ö h u n g der ohnehin hohen F e t t p r e i s e gesellen. In der Großmarkthalle war, w.e gewöhnlich am Montag, nur schwacher Verkehr zu bemerken. Die Ankünfte mit der Bahn waren günstig, es waren im ganzen 16 Waggons ii$t verschiedenen Fleischgattungen angelkommen. Mit Rücksicht darauf, daß der Rindermarkt in St. Marx eine günstige Auftriebszisfer aufweist. erwartet man eine Entspannung der Fleischpreise. Gestern blieben die Freise für alle Fleischsorten unverändert. _ Schlechter Wetter. Die Wetterlage hat sich nicht gebessert. Deutschland hat Negenwetter. In Oesterreich war es heute meist trüb, kühl und regnerisch. Die Temperatur blieb vorwiegend unter 20 Grad. Voraussage: Keine wesentliche Besserung. * Mandatar-Besprechung. Die Mandatare der BeHMstadt und Brigittenau sowie die Ausschnßmitglioder der Bestrkssektionen 2 und 20 versammeln sich heute um 8 Uhr, abends zu einer wichtigen Besprechung im Cast- Reif, 2. Bez., Taborstraße 49 (Klubsaal). * Sterbesall. Die Gemahlin des Chefredakteurs des „Abend", Alexander Weiß, Frau Stephanie Weiß, ist Mitts woch den 16. d. nach langem Leiden gestorben. DaK LMl» Leaammis bat in.alfae Wille stattaMnden.'