Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1625 (21.8.1923)
- Date
- 1923-08-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der englische Arbeiterfüihver Thomas sagte gestern in einer Rede in Chester, die augenblickliche Lage sei viel gefährlicher als die, welche 1914 bestanden habe. Die juristischen Beamten der Krone müßten nicht nur sagen, ob die Besetzung des Ruhrgebietes ein legaler Akt ist, sondern auch, ob der Versailler Vertrag wirklich ein gesetzlich veMndliches Dokument ist oder ob eine Verletzung der Bedingungen vorliege, unter denen der Waffenstillstand abgeschlossen wurde. Man dürfe nicht vergessen, daß der Waffenstillstand auf der Grundlage der 14 Punkte Wilsons abgeschlossen wurde. Als, Deutschland sich zu einem Waffenstillstand bereit erklärte, sei es gefragt worden, ob es bereit sei, die zu Lande, zur See oder in der Luft zugefügten Schäden wieder gutzumachen. Deutschland habe sich dazu bereit erklärt. Was jedoch die Pensionen für Sonaten und ihre Angehörigen betreffe, sei diese Forderung eine vorsätzliche Verletzung der Waffenstillstandsbedingungen. , ' Baldwin kehrt nach London zurück. London, 20. August. (Reuter.) Premierminister Baldwin, der gegenwärtig außerhalb Londons weilt, kehrt nach Einlangen der französischen Antwortnote in die Hauptstadt zurück. Weiters wird mitgeteilt, daß die Minister am Donnerstag eine Informationssitzung abhalten werden, wobei die französische Note erörtert werden soll. Ein amerikanischer Bericht Aber die Wirtschaftslage an der Rnhr. Washington, 20. August, (Wolfs.) Der Bevollmächtigte der ä m'e r ika n i s ch e n Verwaltung bei der Internationalen H<xvdels kg.mmer in Paris Davis„ Miles hat einen umfassenden Bericht über die wirtschaftliche Lage ön der Ruhr ausgearbeitet. Er vertritt darin t4ce Meinung, , daß, >venn die Besetzung des Ruhrgebietes aufhörte, Deutschland in der Lage wäre, besser als irgend eines der anderen großen Länder Europas normale Verhältnisse in der Industrie wieder zu gewinnen. Frankreich habe nur annähernd ein Drittel jener Menge Kohle und Koks ans dem Ruhrgebiet erhalten, die es voraussichtlich bei einer regulären Erfüllung der Reparationslieferungen bekommen hätte. Der Gedanke, daß Frankreich selbst an der Ruhr Kohle, Koks und Stahl ohne Mitwirkung der Arbeiter gewinnen könnte, sei unter Bedingungen, wie sie gegenlvärtig bestünden, phantastisch. Der Bericht ist von der amerikanischen Abteilung der Internationalen Handelska mmer veröffentlicht worden. - Pmmares Rede und die englische Presse. London, 30. August. (Tel.--.KomP.) Die Rede Pomeaves in Charleville wird heute nur von wenigen Zeitungen kommentiert. Die Blättevstimmen verweisen auf den gemäßigten Ton, den der französische Ministerpräsident diesmal anschlug, und drücken die Hoffnung ans, daß auch die französische Antwort ans die britische Note in gleichen: Tone gehalten sein wird. Der Teil der Rede, der von der Notwendigkeit spricht, die Entente aufrecht zu erhalten, wird gelobt, doch wird gleichzeitig erklärt, das; man sich nicht auf wesentliche Konzessionen Frankreichs gefaßt machen dürfe, Sie alte Forderung. Paris, 20. August. (Tel.-Komp.) Der Kolonialminister Garant hielt heute in Tönlon bei der Einweihung eines Kriegerdenkmales eine Rede, in der er davor warnt, sich durch die berechtigten Hoffnungen, die man in den Völkerbund fetzen könne, von den Gefahren ablenken zu lassen, die gegenwärtig Frankreich bedrohen. Die erste Notwendigkeit fei die Bezahlung der Reparationen durch Deutschland. Zu diesem Zwecke müsse sich die Nation hinter Poincare stellen, der Frankreich und alle seine nationalen Bestrebungen verkörpere. Sie Pläne zur Errichtung einer rheinischen Republik. Paris, 20. August. (Tel.-Komp.) Nach einer Meldung der „Chigago Tribüne" aus Washington habe .Staatssekretär Hughes die europäischen Regierungen mit Bezug auf den Vorschlag des Generals Allan ans die Errichtung einer rheinischen Republik sondiert. Die deutsche Regierung habe bereits eine formelle Ablehnung erteilt. Es sei darum wahrscheinlich, daß Amerika diese Frage fallen lassen wird. Jas neue deutsche Regiernngrirrogramm. Berlin, 20. Angust. (Tel.-Komp.) Nach der „Zeit* wird die große politische Aussprache im Hauptausschusse des Reichstages, in der das Reichskabinett sein neues Programm entwickeln wird, am Donnerstag stattfinden. , Bor Der Demission der Reichsbankleitung. Berlin, 20. August. (Tel.-Komp.) Dem „8 Uhr-Blatt" zufolge glaubt man in gutunterrichteten politischen Kreisen, daß die Herren Hav enst ein und Glafenap aus der von vielen Seilen erhobenen Rücktrittsfordemng die Konsequenzen ziehen und sehr bald ihr Demissions-- gesuch einreichen werden. Die Gefahr der Arbeitslosigkeit. , Berlin, 20. August. (Tel. der „Wiener Morgenzeitüng^.) ’ Die stets w a chse n de Te n e r u n g.macht sich immer empfindlicher geltend. Die- Kohle ist itmt 63 Prozent erhöht worden und soll demnächst eine w e i L e r e st-a r k e S t e i g e r n n g erfahren, ein Umstand, welcher die Lage der Industrie sehr bedrohlich gestalten könnte. Schon werden vielfach Arbeiter« entlassnngen gemeldet, und verschiedene Betriebe mußten ei n g e st e l l t werden. Man befürchtet, daß die Arbeitslosigkeit in der nächsten Zeit sehr stark anschwellen wird, durch welchen Umstand die bisher erhaltene Ruhe und Ordnung stark gefährdet werden könnte. Schon gegenwärtig haben zahlreiche Artikel die Weltmarktparität überschritten. Die Vorgänge im Ruhrgebiet. Düsseldorf, 20. August. (Wolfs.) Bon den anläßlich des Handgranatenattentates n Haft genommenen Geiseln sind nunmehr fünf samt den Familien unter Beschlagnahme der Wohnungen ausgewiesen worden. Düsseldorf, 20. Angust. (Wolfs.) Die Franzosen haben hier eine Milliarde L o h n g e l d e r s i st i e r t und gleichzeitig eine Druckerei stillgelegt sowie die dort befindlichen Summen an Reichs- und Ttadtgeldcrn fortgenommen. Krupp wird nach Frankreich überfährt. Düsseldorf, 20. August. (Wolff.) Wie verlautet, wird K r u p P v. B o h l c u, offenbar zwecks Verschärfung seiner Strafe, nach einem französischen Gefängnis überführt werden. Die Sabotageorganifation. Brüssel, 19. August. Ein deutscher Ingenieur namens M enge n ist als Leiter der Organisation verhafrct worden, die die A1 t e u t a t e in Aachen verübt hat. Adengen hat gestanden, einer Vereinigung anzugehören, deren oberstes Haupt sich in Deutschland befinde und die mehrere Evsenbahnatteutato ansgeführt lsätte. Abschied. Der letzte Tag des Kongresses. -7. Karlsbad, 19. August. Um halb 5 Uhr morgens, als schon der Tag zu den Fenstern hereinsah, sang man im Saal und auf den Galerien die Hatikwah. Noch drei Hammerchläge und dann die Schlußformel Sokolöws: Der 13. Kongreß ist geschlossen. Als man hinaustrat baute gerade das Komitee für Arbeitslose und soziale Fürsorge im Karlsbader Bezirk Zelte und Tische vor dem Schützenhau^ für einen Blumentag. Der Zionistenkongreß, der für fast drei Wochen die internationale Kurstadt in ein jüdisches Zentrum verwandelt hatte, war beendet. Die Nachtsitzung, in der man die letzte Feile an das Werk legte, war von dem heißen Atem der Kämpfe erfüllt, die sich um die zu wählende Leitung entsponnen hatten. Die Kämpfe waren unmittelbar nach der großen Programmrede Weizmanns mit aller Wucht ausgebrochen. Noch am Tage vorher schien die Position Weizlnanns unhaltbar. Eine geschlossene Opposition, deren Kern die demokratische Fraktion bildete und die nach links und rechts, bei Sozialisten und Orthodoxen taktischen Anschluß fand, stand ihm gegenüber und die Vertrauenskundgebung der Landsmannschaften hatte nur dank der Autorität des von allen Parteien mit höchstem Respekt behandelten Oberrabbincrs Dr. C h.a j e s einen Achtungserfolg errungen. Weizmanns Programmrede erwies sich als ein Akt großer Klugheit. Sie galt dem Kongreß als ein Beweis, daß der Präsident wieder zu den demokratisch-nationalen Grundlagen des Zionismus zurückgefunden habe. In der Tat ist dieses Programm, das der Präsident sorgsam durchgearbeitet hatte und )ncht frei entwickelte, sondern verlas, eine Vereinigung aller in der politischen Debatte ausgetretenen Meinungen, und es war sofort sichtbar/ daß die Mehrheit des Kongresses sich mit den hier vorgezeichneten Richtlinien zufrieden erklärte. Um diesen Eindruck sofort politisch zu verwerten, erschien Herr Weizmann noch in der Nacht im Zimmer des Permanenzansschnsses und legte dort seine Liste für die Exekutive vor. Herr Ussischkin, der ihm anl Kongreß am schärfsten entgegengetreten war, fehlte in diesem Borschlag. Sokolow nahm dagegen Stellung und in seiner Rede zeigten sich auch andere schwere Nleinuugsverscbiedenheiten zwischen ihn; und Weizmann, der nach dieser Rede den Saal verlassen hatte. In dieser Differenz lag der Angelpunkt der Situationen, und alle Arbeit, die in den Beratungen dieses Ausschusses geleistet wurde, drehte sich immer wieder um Ussischkin. der seine ganze Persönlichkeit einsetzte, um das System Weizmanns zu stürzen. Es mußte eine Einigung zwischen Weizmann und Sokolow gesucht und gleichzeitig eine Lockerung der Opposition angestrebt werden. Beides gelang den Benu'ihnngen des Vorsitzenden des Pernwncnzansschnsses Herrn Stricker, der, in stetem Kontakt mit den Amerikanern, alle Energie aufwendete, um den steuerlos gewo.rdenen Kongreß wieder zur regulären parlamentarischen Arbeit zu führen. Mit dem Anschluß des MiSrachi an die Mehrheit war dieses Ziel erreicht. Der Kampf um die Leitung dauerte aber ununterbrochen fort und wurde erst zur Mitternachtsstunde des letzten Tages tut Sinne Weizmanns entschieden. Es gibt nur mehr eine Exekutive und Herr Ussischkin gehört ihr nicht an. Nur mit der Forderung einer homogenen Leitung konnte Weizmann nicht durchdringen. Er mußte den Oppositionsmann Soloweitschik akzeptieren, doch wird dieser ein unpolitisches Ressort zu führen haben. Der Kongreß, ernn'idet und abgespannt durch die Organisationsdebatte, die über Gebühr ausgedehnt und alle Gourmands der Geschäftsordnung auf der Tribüne versainmelte (die Herr Motzkin einmal nur durch verzweifelte Derbheit freibekommen konnte), trat mit befreitem Applaus der Liste bei. Nur Dr. Nacht hielt den: ansgeschiedenen Ussischkin den Nachruf. Die politischen Resolutionen, die noch knapp vor Torschluß vorgelegt wurden, begründete der Obmann der politischen Kommission Dr. S ch a l i t niit einer kurzen Einleitungsrede, in der er ihren Inhalt in die Formel zufammenfaßte: Es ist nichts verändert, der Zionismus bleibt. Er ist die nationale Bewegung des Judentums und er ist nur der Vollstrecker des Willens der Nation. Das ist auch tatsächlich der Eindruck gewesen, den alle Delegierten lnitgenonnnen haben, daß die Kämpfe schließlich das Resultat, die Einheit zwischen Bewegung und Leitung herzustcllen, auch erreichten. Es war nicht $u vermeiden und es ist auch nicht zu b»dauern, daß diese Kämpfe stellenweise durch Erregung verschärft wurden. Wir sind keine Hammelherde und es ging um ein Ideal, dem man auf verjchiedmen Wegen, aber mKer Einsetzung aller Persönlichkeit zustrebt. Wir sind die alten geblieben, und was nun zu geschehen hat, wird sich nur auf der Basis der zionistischen Palästina-Idee vollziehen können. Auch die Iewish Ageney, wie immer sie zusammengesetzt wird, wird nur im zionistischen Geist arbeiten können. ' Präsident Weizmann begibt sich von Karlsbad aus nach einem Kurort in Südtirol, um sich von den Anstrengungen des Kongresses zu erholen. Die Delegierten Dr. Gelber und Dr. Waldmann, Mitglieder der oppsitionellen demokratischen Fraktion, haben am vorletzten Tage des Kongresses die Leitung der' österreichischen Landsmannschaft schriftlich verständigt, daß sie aus dieser austreten. * Im Kongreßgebäude ist es still und ruhig geworden. Es amtieren imr noch mehr die zionistischen Bureaus, die mit der Liquidation beschäftigt sind. Die blau-weißen Fahnen sind eingczogen und die von B u d k o gezeichneten Mauerverkleidungen abgenommen. Auch aus dem Straßenbild ist das Kvngreßabzeichen verschwunden, und die Hakenkreuzler, die mit so viel Angst das Schützenhaus betrachteten, können wieder aufatmen. Am Sonntag wird im selben Hotel der Bund der Deutschen in Böhmen seine Demonstrationsversämmlung halten. Da wird wieder über die jüdische Weltherrschaft gesprochen werden und irgend ein Redner wird die Geheimnisse der Weisen von Zion zitieren. Wir möchten aber sagen, daß uns die Karlsbader Bevölkerung mit vollster Gastfreundschaft entgegengekommen ist und daß, abgesehen von kuriosen Diskussionen an den Stammtischen, auch viel Verständnis für die hohe politische und ethische Bedeutung des zionistischen Ideals zu merken war.