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Wiener Morgenzeitung · 1923-08-12 · Heft 1616 (12.8.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1616 (12.8.1923)
Date
1923-08-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Wp*c -w.^v.n > -'««">,''- «nf»«"; ’"v'»» XtllX Zionistenkongres» (Konqressausgabe). Einzelnummer K1000 W i e n: Zum Abholen in der Expedition,II.,Taborstr.l«3, oder in einer VerscMeisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien n. Oesterr. monatl. K 28.000 Ts che ch o-Sl owak ei: Mon. K 17. Jugoslawien: Mon. DinardO. Polen :Mon. Mk.45.000.D cutschland: Mon. Mk. 150.000. F r a n k r., Belgien: Monatl. Frcs. 8 y Nachzahlungen ""ÄS bei PreUerhöliunjen Vorbehalten Sir. 1616 Sir. 1616 Wien. Sonntag. 12. August 1923 Tschecho -Slowakei | «scheeh. K 1.20 Italien: Monat!. 10 Lire,. Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon.75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrassei—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19,: ab 6Uhr abds. 19-4S8,16-3011 Tel-Adr.: .Morgenzeitung“ Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 5. Zahrgang Anttseruitenpanama. 1 F. Wien, 12. August. I>n ungarischen Staate Herrschi seit den: Sturze des Koiumunistenregimes der sogenannte „christliche Kurs". Es ist dies jene Richtung der offenen oder verkappten Rassenschützer, deren sonderbares Christentum mit einem Bekenntnis zum Betharentum identisch ist, der Leute, welche die Superiorität ihrer christlichen Moral durch Pogrome und Rechtsbeschränkungen bütveisen und die gesetzmäßig oder verwaltungstechnisch betriebene Zurücksetzung des Judentums als notwendigen Selbstschutz im Interesse eines „antochthonen" Magyarentmns erklären, das bisher stets gewohnt war, parasitisch auf Kosten fremder Arbeit zu leben. Wie es mit der wahren Moral der christlichen Volks- und Staatsretter bestellt ist, haben wieder einmal die letzten Debatten tot ungarischen Parlament gezeigt, und der Gestank, der aus den Enthüllungen der Opposition aufsteiat, die freilich moralisch auf der gleichen Höhe steht wie die Regierungsmehrheit und der es sich beileibe nicht um eine Reinigung dtzs politischen Misthaufens, sondern lediglich um den Weg zur Macht und Futterkrippe handelt, ist so stark, daß man selbst hier, wo man an Superlative der Korruption gewöhnt ist, sich des Gefühles der Ueberraschung nicht erwehren kann. So wie ein echter deutscher Mann nach des Dichters Wort keinen Franzmann leiden kann, doch seine Weine gern trinkt, so huldigt alles, was heute in Ungarn politisch obenauf schwimmt, jener doppelten Moral, die seit je zu den kennzeichneirden Eigenschaften des politischen Antisemitismus gehört. Während in Versammlung und Presse alle Register 8es Rassenhasses gezogen, die dumpfen Massen: mit dem Gifte der Verhetzung infiziert werden, und der kleine, ehrliche, solide Jude daran glauben muß, bleib^— hinter den Kulissen — das Einvernehmen mit den' jüdischen Exponenten des Kapitalismus, mit jenen 'Juden, welche in der Regel alle.Beziehungen zn ihrer Gemeinschaft gelöst haben und denen der Gedanke ntt Geschäft und Geldsack höher steht als jegliche Verpflichtung zur Solidarität, ungetrübt. Ungarn ist das Schicksal des besiegten Staates nicht erspart geblieben und das Intermezzo des Knn-Bolschewismus hat die Zerrüttung der Verhältnisse im Lande noch gesteigert. Der Gesellschaft, welche bereit war, Blut in Strömen fürs Vaterland fließen zn lassen, und die wie ins Mark getroffen ausschreit, wenn inan sich an ihrem Gute vergreist, war die Teilnahme etlicher als Inden geborener, tveltsremder Doktrinäre am Kun-Regime ein willkommener Anlaß, die aufgewühlten Masseninstinkte auf die Juden loszulassen. Es gehört nicht viel Psychologie dazu, um zu wissen, daß antisemitische Hetze das probateste Hilfsmittel bei der Aktivierung der eigenen reaktionären Absichten ist, und der ans den abgewirtschafteten Trägern des alten Systems und den Feudalgrafen bestehende Klüngel erwies sich rasch als gelehriger Schüler zaristischer Methoden. Die Bankendebatte im ungarischen Parlament entfernt endgültig die letzte Hülle von der christlich-ungarischen Horthy-Rassenschützer-Moral, wie auch die von den Ministern unternommenen Vertuschungsmanöver aussallen mögen. Sie sind sich alle gleich und eknander wahrhaft würdig, von Herrn Bethlen, dem Ministerpräsidenten angefangen, der im hohen Hause, ein echter Patriot, gewissermaßen das Mißtrauen zur eigenen Währung legitimiert, deren Znkuuft dem Auslande bei dem Werben um die Anleihe in den rosigsten Farben ausgemalt wird, bis nt deu hohen Staatsbeamten und dein letzten Rassenschützer; alle die Leute, die sich mit den offiziell als jüdisch verpönten Banken ins intimste Verhältnis zu setzen wußten, um auch ihr Teil davonzutragen, wenn die Börsenspekulation ihre Geschäfte macht. Das Sprichwort von der einen Hand, welche die Andere wäscht, bewährt sich in diesem Falle in seinem vollen ilutfange. Die ungarischen Bankjuden, die in Magyarischem Chauvinismus jedem „Erwachenden" die Wage halten, können unbesorgt: sein; ihr Geschäft wird weiterblühen und ihnen wird auch in der „christlichen Ordnung" kein Haar gekrümmt werden. Sie, die mtt an die Interessen ihrer Klasse denken, und chenen Schicksal und Ehre ihres Volkstums Hekuba ist, -werden finden, daß es sich auch für Juden in Horthy-Ungarn herrlich leben läßt und, werden die Politik hemmungsloser Mimikry als Höhepunkt der Manneswürde prei- Die Fewish Agency. Ser 13. Nonistenlorigretz. (Spezialbericht der „Wiener Mörgerrzeiturig") Karlsbad, 11. August. Re (Situation auf dem Kongreß. (Bon unserem Karlsbader Berichterstatter.) Karlsbad, 11. August. Das Problem, das diesen Kongreß bewegt, ist, wie schon bekamt, die Frage der Heranziehung nichtzi artistischer Kräfte zur Aufbauarbeit in Palästina. Nach dem amerikanischen Programm, das in den Vorschlägen von Baltimore ausgedrückt wurde, die ein bebesonderes Gewicht dadurch erhielten, daß ihre Formulierung und Annahme in Gegenwart des PÄsidenten Weizmann erfolgt ist, wird verlangt, daß die zionistifche Leitung durch Kooptation von Vertretern u-ichtFiomstrscher OrgLnrscrtionen ergänzt und dann zur Jewish Agency ausgebildet .werden soll. Nach Artikel 4 des Mandats ist die Jewish Agency der von der jüdischen Nation zu stellende Beirat, welcher der Palästina-Regierung bei Aufrichtung des jüdischen nationalen Heims mit Rat und Tat zur Seite stehen soll. Die Durchführung dieses Programms wäre nach den BaWmorer Dovschlagen einer kleinen Leitung anznvertrauen. Diese Vorschläge finden Wohl die Zustimmung eines großen Teiles der Organisation, doch erwecken sie nicht unbeträchtlichen Widerspruch, vor allem bei den zionistischen F ö d era.t i du e u, hei den A r b eite rg r u pp e.n und bei den Glaub enstreue u. Mch osn Teil der Landsmannschaften hat sich diesem Widerstande augeschlosserr. Wohl sind sich a^^reife.^d^tz-Zioihistzischett:,Organisation -beLoußt daß WerMchrittz Hllichtgionisten, u u t e r a' l l c n N m«st ä n d e n üngdst r e b't werdenniüsse. Doch entstanden Differenzen über die Wege, welche zu diesem Ziele ztt sühreu. hätten. An den am-erikaNische lt Vorschlägen wird vor allem abgelehnt, daßdie Zuziehung nichtzionistischer Kreist auf Grundlage eines D i ktats der Exekutive zu erfolgen hätte. Die linken und rechten Gruppen gehen wieder von der Ansicht aus, daß lediglich ein jüdischer Weltkongreß die Kompetenz erhalten könne, eine Gesairutvertretung des jüdischen Lölkes in der Jewish Agency zu konsütuarcu. Da jedoch die allgemeine Einsicht zmn Durchbruche kam, daß die Einberufung ' eines Weltkongresses in absehbarer Zeit nicht möglich sei, so wurde diese Form besonders von den Anleri-kanern als Verschleppung in das Unendliche betrachtet und abg-elchut. ^ine verhältmsniäßig kleine Gruppe hatte sich von vornherein auf den StaudPuE gestellt, der Leitung bei allen Versuchen zur Ausführung des Baltimore-Programms freie Hand zu lassen, doch mit der Einschränkung, oaß eine definitive Lösung nur unter der K o n t r o I l e d e r G e f a uit torganisation erfolgen dürft, weil hierdurch die einzige Garantie geboten werde, daß die zionistische Bewegung als solche nicht bagatellisiert und in ihrem Gefüge nicht gelockert würde, ehe noch eine erprobte Organisation da ist, die sie albläsen fcura. Man kann heute bereits seststellen, daß dieser Gedanke A l I g e m e i n g n t gawordeir st. Soüvohl der Präsident Weizmarrn als auch die amerikanische Föderation haben diesen Standpunkt akzeptiert, und cs ist wahrscheinlich, daß die Frage, die sicherlich die Zionistische Organisation und den Kongreß sehr schwer belastet, in diesenr Sinne g ü n st i g g o l ö st werden wird. Die radikalen Gruppen von rechts und links dürften wohl spei ihrem Widerstande beharren, doch wird immerhin ein in diesem Sinne gefaßter Beschluß des Kongresses von der Gesamtorganisation als Wille des Kongresses betrachtet und respektiert werden. Freitag arbeiteten alle Kommissionen bis zum Eintritt der Sab hat ruhe. Heute ruhte die Arbeit, doch fanden vielfach unverbindliche Besprechungen Zwischen deu Führern der Parteien statt. Diese' Konferenzen verfolgtem Sen Zweck, die Entwirrung der Situation hevbeiznsühren. Die Mrs rach i-Föderation, die schon bisher, ein geschlossenes Auftreten vermissen liefe: ist weiter bau schweren inneren Differenzen ergriffen. Der radikale Flügel unter Führung Färb st ei ns will seine Forderungen mit den schärfsten Mitteln durchsetzen, begegnet jedych dem Widerstande der Mehrheit. Samstas-Nnchtfihung. Beginn 9 Uhr abends. Vorsitzender Dr. Motzkirr. Mit der heutigen Sitzung beginnt die große Debatte des Kongresses über die Jewifh Agency. Der erst» Referent ist Dr. Solo w e j t s ch i k. Dr. Solowejtschik (Misch): Die Frage der Jeüvifh Agency ist.irr der General» debatte vielfach behandelt worden, sie, muß aber einer tieferen Betrachtung uirterworfen Werden. Wir wollen neue Menschen heranziehen, alber in jedem Lande sind die Voräusfetznngen verschieden. Es muß eine Form gefunden werden, die für alle Länder paßt. Es ist ein Kam>pf gegen die Geographie. Leider ist diese Frage von der Presse zu einer Streitfrage gemacht worden. Es wurde künstlich pie Meinung gezüchtet, daß es in dieser Frage Ja- und ' .Neinsager gibt. Die Frage lautet überhaupt nicht ob. sondern wie die Heranzichung erfolgen soll. , . Der Redner stellt fest, daß die Meümngen nicht nur in der Organisation, sondern auch in der Exekutive verschieden warerr. Ich habe den Auftrag, einen objektiven Bericht über die Differcrizen innerhalb der Exekutive zn geben. Daneben werde rch nür auch gestatten, meine pevsöniliche Ateinung zu sagen. Daß die Frage der Heranziehung überhaupt diskutiert wird, ist die Frucht nuferer politischen Erfolge. Früher arbeiteten wir fnb speeie aeternitatis, jetzt aber unter dem Zwange einer Frist. Ju unserem Kalkül' ist das Element „Zeit" beschränkt worden, dielfes zwingt^ uns zur Heranziehung neuer Kreise. Die englische R egierung hat erklärt, daß sie an der Frage der Form der Jewish Agency desinterelsieri ist rurd den Zionisten freie Haub gibt. Eines steht fest: Äaß durch die Evweb ternng der Jewish Agency der Zionismus nicht den Charakter einer Volksbewegung verlieren darf, ebenso darf auch der soziale Charakter des Kolo ic i f atio nswerkes nicht angetastet werden. Die^ JewiH, Agency wird immer mehr der Träger der konzentrierten/ n a t i o n ahn Euergi e des Judentums werden müssen, tvenn sie ihre im Mandat vorgeschriebene Aufgabe erfüllen will, weshalb diese Frage ein Ze.ntralproblem der Zionistischen Organisation ist. Unverantwortlich ist es, zn sagen, daß an der Zionistischen. Organisation nichts gerührt wird, wenn die Jewifh Agench erweitert wird. Das ist unmöglich, wir werbere unbedingt verlieren. Die Zionistische Orgarnsation muß Atachtbefuguisfe aufgeben. Es ist ferner zu bedenken, daß diese Institution einen internationalen Charakter hat und daß wir nicht mehr wevderr zurück können, wenn die neue erweiterte Forur der Jewifh Agench ins Leben getreten ist. Die letzte zionistische Jahreskonferenz hat als die richtige Form für die Heranziehung der N i ch t z i o n i st e n den jüdischen Weltkongreß erachtet. Wir hatten aber wahrlich kein Glück mit dem jüdischen Weltkongreß. Ich glaube an - den jüdischen Weltkongreß, r"ir*r"-""r~m ""1 M 11 liiiranmerii arn mBasmmn*am»*maw«isMFaB*R sen, die ihren Mann zu nähren weiß. Die Feinde der heutigen politischen Machthaber aber erhalten neues erwünschtes -Matepial, um die GefähMchkeit «des Judentums ' zu beweisen,' welches -die reinen Seelen ^derrassenchristlichen Unschuldsengel zu verführen vermochte. Die, jüngste Budapester Affäre ist in niancher Hinsicht besonders lehrreich. Sie beleuchtet die Praktiken einer politischen Korruption, welche ihr antisömitisches System einer Auffaffung anKupassen vernrag, die fm Jargon der antisemitischen Verlemnder als jüdisch bezeichnet wird und beweist, wie wenig man Anlaß hat, an die Ankündigung von Reinigung'sprozessen zu glauben, welsche-durch die Zurückdränguug etlicher, besonders ver- ^dächtiger Gesellen eingeleitet werden sollen. So lange der „christliche Kurs" unter Horthys Patronanz am Ruder bleibt, ist Ungarn als ein Hemmschuh der fortschreitenden europäischen Entwicklung anzusehen und man muß darauf gefaßt sein, daß cs noch Zeit erfordern wird, bis die als Christen dvapierten GeschästSPvr'rtikrr von-der Tribüne verschwinden werden.. (

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