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Wiener Morgenzeitung · 1923-08-11 · Heft 1615 (11.8.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1615 (11.8.1923)
Date
1923-08-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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■BWMWiimni'Mau XIII. Zionistenkonqress (Kongressausgabe), Einzelnummer K1000 Wien: Zum Abholen in der Expedition, II., Taboretr.1-3, oder in einer Vcrschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tschccho-Slowakei: Mon. K 17. J u go s 1 .v*v i e n: Mon. Dinar40. Pole:.: Mon. Mir.45.000.1) eutscbland: Mon. Mk. 150.000. Prankr., Belgien: Monatl, Frcs. 8 PS' Nach «nhl u Qgen bei Preiaerhöhunjen ■Vorbehalten lener Tsehecho -Slowakei i tschech. K 1.20 Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon.75 Lew«, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II.,Taborstrassei—3 Telephone: 44-0-38.43-3-19, ab.6 Uhr abds. 19-483,16-301 Tel.-Adr.: .Morgenzeitung“ Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Nr. 1619 Me«. Samstag. 11. August ISA 9. ZahrgMg Ter “; . vom Ende? , F. 2ß t c n. 11. August. Die deutsche Republik kann heute zum fünften Male ihr Verfassungsfest feiern. Die Negierung hat den Wunsch geäußert, daß der Gedenktag, der Weimarer Verfassung ohne lautes Gepränge begangen .werde, aber man muß befürchten, daß sich tn die traurige Feier eine sehr unfestliche Musik mischen wird. Die Nachrichten aus Deutschland geben ein nahezu trostloses Bild von' Zerfahrenheit s Not und Panikstimmung. In der Reichshauptstadt Berlin machen sich Erscheinungen geltend, welche wie der Auftakt zur nahenden Katastrophe anmuten. Der Bahnverkehr stockt, .die Arbeiter beginnen die Betriebe zu verlassen, die Zeitungen erscheinen nicht, auf dem Devisenmarkt herrscht ein vollständiges Chaos, der Mangel an Geldmitteln macht sich immer fühlbarer, die Reichsbank ist außerstande, auch den wichtigsten Anforderungen zu genügen, ruck» die Banken beginnen ihre Schalter zu schließen, weil sie keine Notenbestände mehr auszuweisen haben. Die Lebensmittelnot macht sich immer empfindlicher geltend und die Verelendung der Massen wächst von Tag zu Tag. Die streitenden Druckereiarbeiter haben ihren Genossen in der Notendruckerei Wohl bewilligt, ihre hastende Arbeit, die dem Bedarf nicht mehr nachzukommen vermag, fortzusetzen, aber dieses Entgegenkommen allein reicht Wohl nicht aus, um die Gefahr abzuwehren. Der deutsche Reichstag ist programmgemäß am Mittwoch Zusammengetreten. Herr Cuno hat eine nichtssagende Rede gehalten und zum Gaudium der Kommunisten, welche ihre Saat reisen sehen, den starken Mann gemimt; es sind verschiedene Gesetzesvorlagen angenommen worden, welche ein weiteres DurchhaAew. im Nuhrkarnpfe ermöglichen sollen,' und der. passive Widerstand bleibt weiter das Um und Auf aller fe gierungsweisheit. Auch der schweigsame Außenminister ist zu Worte gekommen, um nach einigen achtungsvollen Verbeugungen vor der Idee des Völkerbundes in verschwommenen Worten die Bedenken anzudeuten, welche' Deutschland hindern, sich um die Mitgliedschaft im Völkerbund zu bewerben. Die deutschen Regierungserklärungen haben kein Quentchen Neues gebracht. Die .Hoffnung auf ein rasches und entschiedenes Eingreifen Englands ist geschwunden und so bleibt nur der passive Widerstand übrig, der bisher Deutschland au den Rand des Abgrundes gebracht hat. Damit aber im Gesamtbild ein bezeichnercker Zug nicht fehle, ist auf den Notenwechsel zwischen Berlin und der sozialdemokratischen sächsischen Regierung zu verweisen, .in welchem sich, wenig verhüllt, die beiden Regierungen der mangelnden Beachtung drohender Umsturchestrebungen bezichtigen, und der sächsische Ministerpräsident hat in öffentlicher Ver- . scrmmlung behauptet, es bestehe eine Uebereinstimmung zwischen der Reichsregierung und den rechtsradikalen Geheimorganisationen, die zur Organisierung des aktiven Widerstandes att den Grenzen des Ruhvgebietes konzentriert seien. Es ist angesichts der immer bedrohlicher werdenden Situation iu Deutschland im Augenblick müßig, zu untersuchen, ob Frankreich tatsächlich auf den Zusammenbruch der deutschen Einheit und die Loslösung der Rhein'laude spekuliert oder aber, ob die französische Gewaltpolitik ein Mittel sein soll, England und Amerika zum Eingehen auf das Programm einer Kompensation oder gar einer Streichung der gewaltigen französischen Kriegsschulden zu zwingen. Die Zeit drängt und für Deutschland ist jetzt nicht der Moment für diplomatische Erwägungen und Wahrscheinlichkeitsrechnungcu. Die Haltung der Regierung und der Parteien, der bürgerlichen wie der Sozialdemokraten, läßt jede Hoffnung auf eine Umkehr sinken, und Enno bleibt, weil sich niemand im Ernst traut, ihn abzulösen. Der deutsche Reichstag ist von allen guten Instinkten verlassen und wieder wie vor neun Jahren steht das poli- . tisch ungeschulte, weil stets gegängelte Volk führerlos am Rande des Abgrunds, weil dem chauvinistischen Nationalgefühl der Gedanke unerträglich war, daß sich im Juden Rathenau der Mann fand, der befähigt war, eine Brücke zu den Westmächten zu schlagen und ehrlichen Erfuttungswillen glaubhaft Zn machen.' Es ist ein trauriges Verfassimgsfest, das heute die deutsche Republik feiert und die Furcht ist nicht unbegründet, daß der Geburtstagsfeier der Verfassung von Weimar ein stürmisches Begräbnis auf dem Fuße folgen karm. Zer 13. Die Generaldebatte. — Sokolows und Weizmanns Schlußreden. (Spezialbericht der „Wiener Morgenzeitung".) Karlsbad, 10. August v Donnerstag-Nachtsitzung. Die, Nachtsitzrmg hat bis 2 It h t gedauert. Eine Entspannung -hat sie nicht gebracht, obzwar Sokolow, der um Mitternacht das Wort ergriff, sich bemühte, der Opposition goldene Brücken zu bauen. Die Sitzung war ungemein bewegt. Es gab wieder stürmische Szenen, die sich einmal. Ivährend der Rede W e i z m a n n s, bis zum Tumult steigerten. In den Abendstunden 'war der Antrag, die Redezeit aus zehn Minuten zu beschränkten, abgelehnt worden, dagegen wurde in der Nacht der Antrag, die Rednerliste zu schließen und die dreißig vovgemevkten Redner zum Verzicht auf das Wort zu bewegen, a ng e n o m m e n. Schon dies -hatte eine sehr erregte Stimmung geschaffen. Als mm nach 11 Ahr ein Vertreter der amerikanischen Räbbinervevernigiung Agudas Haraba-nim, Rabbiner Lockers ohu (Kanada), der als Gast des Kongresses anwesend ist, das Wort zu einer kurzen Ansprache erhielt, führte seine. Rede zu sehr . erregten Szenen. Er wandte sich Polemisch mit erhobener Stimme gegen die Linke und sagte: keines VerdrehungMnste Helsen Euch, solange Ihr in -'Evqz- Israü ,>fcefe"';effet, .Ivich /^ kein neues jüdisches Palästina geben. . Diese Aeußerumg provozierte einen furchtbaren Sturm. Man rief-ihm zu: Sie sind kein Delegierter, das ist eine schamlose Provoka- , tdm. Wir dulden diese Beleidigung der jüdischen Arbeiter nicht. Die Anke drängte gegen das Rednerpult, vor'und infolge - devcchdcmernden < Erregung und des LLkvts ^MÄte nicht DWtzMMd - tM"E dev 'Tribüne zurück. Me. LiM guMerte dies durch, lauten Beifall, an Ämr sich in der'etsten- Verwirrung einzelne'Mismchimit-' Meder betelligten. Da sich'aber die Misrachi bald Wer die Situation orientierten, kam es von dieser Seite zu einem Sturm, der sich besonders gegen - die Geschälfsführung Lipskhs und gegen den Terror der Anken Ivendeie. Die Misvachi erhoben sich von den Sitzen und machten Miene, ^demonstrativ den Saal zu verlassen. Die Lärmszenen dauerten minutenlange fort, bis schließlich der Vorsitzende Lipsky unter dom Beifall der Misrächi das Kongreßpräsidium verließ. An seiner Stelle übernimmt Sokolow den Vorsitz. Er konnte nach einiger Zeit die Erregung beschwichtigen und Rabbiner Lockers» hu konnte doch noch zu einigen Begrüßungsworten Gehör finden. s Von stürmischem Beifall 'begrüßt, ergriff Sokolow Vas Wort. Ein, Redner, sagte er, hat in seiner Rede die Situation so dargestellt, als ob.in der Frage der Iewish Agency der Präsident der Organisation auf der einen und alle anderen Mitglieder per Exekutive auf der anderen Seite stünden. Ich erkläre für meine Person, daß es wohl in dieser Frage zu keiner allgemeinen Ansicht in der Exekutive gekommen ist, aber es gibt keinen konstitutionellen Konflikt. Es gibt Meinungsvevschiedenheiten, die sich nur auf die. Geschäftsführung iumrhM der Exekutive beziehen. Ich gebe zu, die politische Lage isternst und wir wollen sie nicht optimistisch auffassen," aber sie ist weit davon entfernt, tragisch zu sein. Wozu diese einseitige Schilderung. Man. darf nicht vergessen, daß die Bestätigung des Mandats ein großer politischer Erfolg ivar. Wissen Sie nicht, wie schwer es lvar, alle Hindernisse der Mandatsibestätigung zu überwinden? Wisserr Sie rächt, daß die Balsour-Deklaration -und das Mandat knapp vor der Bestätigung nur an einenr dünnen Faden hing? Wie nahe lvar man. der neuerlichen Vertagung der Mandatsbestätigung? Ich kann mir das alles nur so erMven, daß falsche Informationen-vorliegen. Daß alle Delegationen, die von Palästina nach London geschickt wurden und von nicht zu unterschätzenden Kräften unterstützt lvairen, bisher noch stets eine negative Antwort bekommen haben, ist auch unser Erfolg. Warum sollen wir davon sprechen,, welchen Nutzen bringt Ns Einseitigkeit? Man sagt uns, wir hätten anders reden > sollen. Wer was imnrer man von uns sagt, p o l i t i s ch e Bettelei soll man nns nicht dorwerfen. Wir müssen Tatsachen schassen. Man sagt, daß Keine Volker auch ohne Kanonen viel erreichen und zwar nur durch den organisierten BolkswMev. Wber wo itz der evchoMche WiM VoWÄville? Wv Wbm von ihm in London, Paris und San Remo gesprochen und nian hat nns geglaubt. Jetzt? müssen wir ein Dokume n t dieses Willens vorlegen. H arding halt zu mir gesagt: Der Zionismus ist ganz schön, aber es gibt Juden, die dagegen sind. Darum müssen wir die - p o l i t i f ch e Tatsache zum Ausdruck bringen, daß ganze jüdische Volk Erez Israel verlangt. Wie kann sich nun diese Tatsache manifestieren. Damit mie ich zu der Frage, über welche der Kongreß, geteilter Meinung ist. Die B!einuugsverschie!de.nheit ist nicht durch die Frage selbst bedingt, sondern durch den Mythos, welcher sich um diese Frage hernmgebildct hat. Es sind zwei Parteien da, und zwar gestatten Sie den Kalauer: Zi o n i st e n und H e ra n z i o n i si e n.- (Heiterkeit.) Es ist ein Unglück gwesen, daß man diese Frage zur Wahlkanrpfparole gemacht hat. Da es für die Presse nicht genug Sensation »gab, hat sie diese Sache weidlich ausgenützt. Damit ist Herrn Grünbaum Gelegenheit gegeben worden, seine schöne Rede zu halten, die ich mit beiden Händen unterschreibe. Und mir ist.es leichter zu unterschreiben, da ich ja nicht, in der demokratischen. Fraktion ivar. (Heiterkeit.) Es ist nur traurig, daß Herr Grünbaunr es für notwendig hält, aüf einem Zionistischen Kongreß die A n fang Sgrüude des Zionismus vorzutragen. / Die Frage, die beschÄftigt,-istnicht -evstr'jn'.lchter-- ZestHenkstanden. Sie stammt aus der Zeit wo wir den Keren Hajesfodgeschaffen haben. Wir haben das jüdische Volk aufgefordert, Geld für den Palästina-Aufbau hevzugeben. Jeder vernünftige Mensch hat vorausgesetzt, daß wir den Leuten, die das tun, auch Einfluß werden. ein räumen müssen. So hacken wir neben den organisierten Zionisten noch eine große Zähl von Menschen, die sich für den Palästina-Ausbau interessieren, aber nicht dazu zu haben sind, sich zionistisch zu organisieren. Diese beiden Gruppen muß man irgend wie vereinigen. Das ist >7as o r g a in satoris ch e -Problem, mit dem wir uns beschäftigen. Sie müssen der -Fmge der Iewish Agency ihr ganzes AugenmeA schenken. Ich meine, daß in diese Körperschaft Vertreter von OrMnsatioueil einzubeziehen sind, die verantwortlich 'sind, vor der Zionistischen Organifati-on und vor dem Organ, das gememschastlich mit uns geschaffen werden wird. Die zionistischen. Mitglieder werden dem Kongreß verantwortlich bleiben. Wenn Vertreter, jüdischer Organisationen vorhanden sind, die am Aufbau Palästinas mitavbeiten wollen und den: Bedingungen zustimmen, daß der Vorsitzende der Iewish Agency, der jeweilige Präsident der Zionistischen Organisation sei, und wenn sie noch eine Reihe anderer Bedingungen akzeptieren, die garantieren, daß der Geist der Iewish Agency in unserem Sinne sein wird, dann wollte wenigstens ich nicht die Verantwortung tragen zu sagen, wir wollten sie nicht ausiwhmetty wir wollen weiter allein das . Budget stellen. Herr Fischer, Sie behaupten, daß die Frage dek Ie-wifh Agency iwch nicht reif rst, weil wir keine Unterlage haben. Ich. erkläre aber: es ist kein Plan, sondern eine Tatsache, daß der Board of Deputies in England mit uns in Verhandlung«! trat und bereit ist, unter günstigen Bedingungen mit uns zusammenzuarbeiten. Mein letztes Wort aber ist: Wenn wir die anderen in unsere Reihen aufnehmen, so. soll das mit Würde, Freundlichkeit und Liebe geschehen. (Lebhafte Beifall.) Um 1 Uhr nachts erhält Präsident Weizmamr das Wort. Der Kmrgreß empfängt ihn mit stürmischen Ovationen. Me Anwvseiwen erchebeu sich von ihren Sitzen. Werzmann führt aus: Es hat eigentlich nicht viel Berechtigung, Sie in dieser späten Stunde noch lange sich» zuhalien, zumal die wichtigsten Punkte von .Herrn Sokolow bereits besprochen worden sind. Wenn ich dies aber doch tue, so geschieht es deswegen, weil viele Redner mir die Ehre erwiesen haben, sich mit mir zu beschäftigen. (Herterksit.) Ich werde vechrchen, Herrn GrünLanm 8

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