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Wiener Morgenzeitung · 1923-08-08 · Heft 1612 (8.8.1923) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1612 (8.8.1923)
Date
1923-08-08
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Setze *0 .. Wien, Mtttvo'H and die Einführung' einer Devisenzentrale ihren Zweck voll«' kommen verfehlt hat. Die Reichsregierung hoffte, dnrch die Zn« lassung des freien DodisenverkchreS dem Devisenmangel infoferne steuern zu können, als nunmehr das Publikum, das einen Großteil der Devisen gehamstert hatte, durch diese Maßnahme veranlaßt werden könnte^ feine Devisen dem Markte zur BeMgung zu stellen und dadurch die Devisennot ein wenig zu lindern. Statt aber, daß eine Verminderung des Devisenbedarfes dadurch eingetreten wäre, ist im Gegenteil eine starke Vermehrung der Nachfrage zum Vorscheine gekonnnen. Die Industriellen, die NahrungZmittelimporteure und au-' andereil deutschen Wirtschästskreise, welche auf den Bezug von Rohmaterialien und Nahrungsmitteln ans dein Auslände angewiesen sind und infolgedessen bestrebt waren, sich die notivrndigen Devisen zu verschaffen, sind nunmehr, da sie in ihrem Bedarfs zur Zeit der Devisenzentrattfierung stark gedrosselt worden waren, mit ihreil vollständigen Ansprüchen heraüsgerückt und haben dadurch eine ganz unerwartete Verstärkung des Devisenbedarfes erzielt. Die Folge davon ivar, daß die geringen Mengen, welche dem Devisenmärkte zur' Verfügung standen, sehr rasch ausgenommen worden waren und die Nachfrage weiter horrend war. Da aber nichts mehr zu bekommen lvar, sind die Deviserl infolgedessen weiter sehr rasch in die Höhe gegangen. Die Panik vergrößerte sich angesichts dieser Umstände und die Rekordanbote für^evisen überstürzten sich. Unter diesen Umständen ist cs kein Wunder, daß das Pfund mit fünfzehn Millionen Mark bezahlt werden mußte und daß auch der Dollar mit fast fünf Millionen taxiert wurde. Dies bezeigte bestimmt.den Höhepunkt der Krise. . Wohl h-bcn angesichts dieser Verhältnisse die Berliner Kroßbanken rasch Notmaßnahmen zu ergreifen versucht und eine Erklärung versendet, in welcher sie gegen den freien Devrsenverkehr Stellung nehmen und nur mit dem Schlußkurs sich befassen wollen. Es kommt dies einer gewissen Drosselung des freien Devisenverkehres schr nahe. Es scheint dies aber nur eine halbe Maßnahme zu sein, der noch weitere eventuell folgen werden. Die Großbanken sehen ein, daß cs so nicht weiter gehen könne und daß sie trotz ihrer vorsichtigen Wirtschaftspolitik dennoch durch einen Zusammenbruch der Mark mir in das allgemeine Chaos hinein gezogen werden könnten. Sie suchen infolgedessen im letzten Augenblick doch nach irgeirdwelchrn Auswegen, die hier eine Rötung ans dem Chaos bringen könnten. Es ist eine Fühlungnahme der deutschen Industrie mit dem französischen Kapital in Aussicht genommen, um eventuell auf diesem Wege die Schäden der Ruhrkrise insofern zu mildern, als dadurch auch eine psychische Beruhigung der Bevölkerung und des Auslandes und damit auch eine bessere Beurteilung der Mark erzielt werden könnte. Eventuell könnte auch durch eine solche Maßnahme ein Weg zur Bereinigung der Rührkrise gesunden werden. Doch spielt sich alles hinter den Kulissen ab und,nach außenhin dringen nur vereinzelte ganz mckontrollrerbare Nachrichten. Wenn aber auch ein Ausweg aus diesem Chaos gefunden '.vevden könnte, so ist doch sehr unwahrscheinlich, -daß -weutnell eine Sanierung auf der Grundlage der heutigen Papiermark in Angriff genommen werden dürfte. Schon deuten verschiedene . Anzeigen Daraus hin, daß man die Papiermark überhaupt umgehen will und zu dem Mittel der Goldtnark seine Zu- -flucht zu nehmen gedenkt. Es dürfte dann die Papiermark vollkommen verschwinden. Was schon vor fünf Wochen an dieser Stelle über den Tod der deutschen Reichsmark gesagt wurde, scheint sich in jeder Hinsicht zu bewahrheiten. Die letzte Stunde der' Papiermark scheint geschlagen zu haben. ■■BSMMrefvMnnairranranaua Copyrr^’ 1923 Slndi&ri.’' t'krbsten: R.LSvSt-Verl.v. > -l.eiprix. (58. tfüriiC*::"' 1 Zn faltig Slim. Roman von I. Opaioschu. Autorisierte Uebertragung aus dem Jüdischen vonSiegf: ied Schmitz. Von der-ersten Minute an hatte Mordechai Kaya ne lre'bgewonuen; zum ersten Male sah er einen gebildeten Juden, der den Chassidismus achtete. Kahane verglich d'e Chassidim mit den Es sä er n und' sah in ihnen den Protest des jüdischen Ge ist cs gegen den starren und erstarrten Buchstaben der Thora:. Pcstht die Form, das Instrument ist die Hauptsache, sondern der Geist, der das Instrument geschaffen hat. Das ist der Chassidismus. Der Jude Kahane war cs, der dem Grafen, welcher in Towianskis Ideen verstrickt war und sich von der polnischen Besreiungsbewegurig abseits hielt, dazu brachte, sich dieser, mit Leib und Seele in die Arme zu Wersen. Krasuopolsn konnte Mordechai nicht ausstehen; er glaubte nicht, daß der Stutzer, welcher sich viel darauf einbildet:, daß er das Polnische ohne jüdischen Akzent sprach, e'.u Enkel des durch seinen Scharfsinn berühmten Rabbi V ’ ' ’d) sein solitc. Kra-mopolsli langweilte sich in Kozk, da er keine Tanzpartnerin hatte; er wünschte, die Ferien würden so schnell kvie möglich enden und brachte täglich Felicia weiße Rosen. In den drei Monaten war Mordechai ein anderer ge- :,;rbcn; mel hatte er dem Onkel zu verdanken, der mit ihm jeden Tag studierte, sprach und ihm Bücher zu lesen gab. Immer seltener' ging Mordechai an den Hof des Raöbi. auch Reb Itsche sah er selten uns.fühlte, daß er in e .r zu engen Welt gelebt hatte. rc Diener öffnete eine Seiteutür und verbeugte sich: „Tas Abendbrot ist fertig!" „Meine Herren," Felieia stand auf, „zu Tisch!" „Ich weiß nicht, ob er ein Scharlatan ist," Kahane ' starch auf, „aber wenn ein .Pole gegen die Befreiung Polens sein .kann..." CSteret MovgenAeittms. Sesterreichifchr RaÄuMant. Zuncchme des Bmschatzes um 89 WMqrden und des Noten« Umlaufes um 878 MMavder,. Nach dem letzten Ausweis der Oesterrsrchischtzn Nationalbank vom 7. August 1W3 beträgt der NatmvuMavf 6M; Mflliavden und tveist also eine Znncchmevon 978 MMardsn auf. HinM-en hat sich das Wechselportcheuille um,1V.MMiavdrn vermindert und beträgt 658 Milliarden. Der Barschatz weist eine neuerliche Zunahme von 29,25 Milliarden ach und beträgt 3020 Milliarden. Nachstehend der offizielle Kommentar zum Banknoten« answeis: Zum Monatsschluß haben stärkere Abhebungen von den Girokonten statbgesunden, die im Ausweis dvr OHsrreichiischen NationMank dom 31. Juli 1923 in einer Verminderung der , sofort fälligen Verbindlich ketten um 278 Milliarden: dei-Avichzeitiger entsprechender Vermehrung des effektiven Notenu'inilanfes zum Ausdrucke kommen. Bei Einbeziehung der sofovt fälligen BerbiMichkeiten weist die GesamtzirckuLation eine Zunahme um rund 100 Milliarden Kronen ach, Mvohl der Stand des Esckomvteportesienjlles auch in der Wien Juliwoche eine bescheidene Verminderung, um etwa 10 Milliarden Kronen, zeigt. Abgesehen von Zuflüssen an Devisen im Werte von 29 Milliachen Kronen m den Barschatz, steht diese Erhöhung des Notenumlaufes, ebenso!vie die Veränderungen bei den anderen Aktiven und sonstigen Passiven mit den Bewegungen im Zusammenhänge, w3ch>e die DurHühr.ug der a'bgeschlossenen. Vereinbarungen mit der österreichischen Geschciiftsfülhrmrg u-nd den Aktionären der Oeisterreichischmngarischen Bank notwendig machte. Insbesondere wurden der Vuntesregieruvg die Beträge zur Verfügung gestellt, welche ihr aus dem Titel der BanknotechteuerschuMnMl und ihres Anteiles an. dem Gebarungs- und LiguidationsMerschuß der österreichischen Geschäftsführung gebühren. M-eiters wurden die Aktionäre der Oesterreichisch-ungarifchen Bank für den Einlösnngspreis, bezw. Umtauschwert ihrer Aktien in den Büchern der Oesterreichischen Nativnamarck' erkannt. Endlich wurden bekanntlich von der Oesterreichischen Nationalbank zufolge der erwähnten Vereinbarungen auch die Gebäude der Zweiganstalten in den Ländern und das Druckereigebäude in Wien, Bankgasie 3, samt Errichtung und Dmckereünaschinen erworben, d'e mit dem Gestehuntzspreiije als besonderes Mtivum auSgewiesen werden. In DurWihrung des Zwischen der Oesterreichischen Nationalbank und dem Burrdesministerinm für Finanzen abgeschlossenen Ue'berern-k-ommens über die Verzinsung und Tilgung der DarlehenssHuld des Brrndes ergab sich ferner eine Verminderung dieser Schuld um die Summe der vereinbarten Ttlgungsquoten für sieben Monate mit zirka 7,5 Milliarden Kronen. Der Wiener Börsenverkehr der nächsten Woche. Gestern abends fand eine Plenarsitzung der Wiener Börsokammer statt, welche sich mit der Feststellung der Börsentage inr die nächste Woche befaßte. Diese Beratung ist deswegen notwendig geworden, weil am Mittwoch der nächsten Woche, <m welchem Tage gewöhnlich bei dem dreitägigen Börsenverkehr der Börsentag abgehalten wird. Feiertag ist und infolgedessen dieser Tag in der nächsten Woche entfällt. Es ist nun beschlossen worden, den Börsentag auf Donnerstag zu verschieben, so daß in der nächsten Woche am Montag, Donnerstag und F r er tag die Börse abgehalten wird. Me KotiorMg der österreichischen BölksrbmrdiMl'chhe an der Wiener Börse. In einer Wiener TaHOMung wurde bemängelt. daß die österreichische 'TeilansM'be der BWVbundanl'ei'he, noch nicht an der Wiener Börse kodiert ist und daß sie von der Nationalbank nicht lombardiert werde. — Der Beschluß der BrsMmmer über die Notievuna der VA'^rbund« anleihe und der Beischluß des Generalrates.der Nationalbank über die- Zulassung zur Lombandievung liegen bereits vor. Die LieserbarDoitserklävung, die daMiit M'amncenihängienldL Cinstellnng in das Kursblatt der Wiener Börse und/ Lombar-, diernngen durch die Nationalbank setzen iedoch lieferbare Stücke voraus und können demnach erst nach der Fertigstellung der Jrttevimsscheine der Vv:!teribundanileihe erfolgen. Der Wiener Finanzmarkt. Im gestrigen Privatverkehr ha! sich trotz be§ vollständigen Zusammenlbruches der Mavk, der 8. AuMsi 1988 M LM in derr hiesigen Fina-nZkreisen eine poMche Aüfvegung hsÄMaevnsen hat. dennoch eine feste Dendem vchaMM. wruwtöv-' brochener Nachfrage beMmsten Mma-M«t«n. die '«W Steigerung m. mehr M 20X00 Kronen echchren hoben. lM waren semer J^i-GüdprioviMen stark beigchvt rmld waven mMhüfte KursstSigerungen zngüstcmden worden, wenn. Mgchcmpt ein Angebot vorhanden Mveisen wäre. Eis echdÄt sich daS Jm» tzücht, wonach die SchwievWMn der EAedigung des Mdlbahnaökords rmmittMar vor der Boilegung stechen. Die GiWM der SüdbahnverwaLiu-ng. welche sich mit Mer Attgelegenhyst belassen wird,, flndet Mernwrgen stabt. Erbohvung des Pakirfchachtes. Wie ans Lemberg gemeldet wird, ist am 8. d. der der ,,Jvlag"-MwlWmaessllsckM^' gehörige Schacht Baku in Borhslaw nach larrgeren PohvunM fündig geworden. Die Ausbeute soll sehr güMig sein. Wiener Warenbörse. (Eigenbericht der „Wiener MorgeMeÄnng".') In Deutschland weisen Preise andauernd Steigerungen auf und die weiteren Erhöhungen aller Fabrikpreise Sueben auf Sie Marktpreise in Chemikalien nicht ohne Wirkung. Gegen den 27. Juli ist Aetzkali von 60.000 auf 105.000 Mark, Avtznatron von 55.000 auf 100.000 Mark. Anttchlor palf. von 18.000 auf 46.000 Mark, Bleiglätte von 200.000 auf 800.000 Mark, Bleiweiß vorr 170.000 auf 270.000 Mark, gelbLlaues Kali von 850.000 auf 500.000 Mark, Weinsteinsäme von 820.000 rnf 400.000 Mark gestiegen. An der gestrigen Warenbörse konnte man schon etwas Lebhaftigkeit bemerken, wenn auch noch geringe Abschlüsse zü verzeichnen waren. . So herrschte unter anderem Interesse für Chlorkalk 110/115 prompt greifbare Ware tranfit, Kristallsoda, Naphthalin, Aetznatron tranfit und Ammoniaksoda tranfit. Für den letzteren Artikel legte man ab Wien 2600 Geld, unter 2750 K. konnte man jedoch keine Ware erhallen. AuSgeboten wurdenr Harz am. F. G. zu 5300 K. verzollt, inländisches bell zu 4800 K., G. H. zu 4660 K., Milchsäure technisch zu 12.500 K., zu Genußzwecken zu 32.000 K.. Toiletteseife zü 28.000 bis 42.000 K. pro Dutzend, Kernseife 70 Prozent zu 13.600 K. pro Kilogramm, Paraffinkerzen zu 8800 K. pro Kilogramm, Antichlor kristallisiert zu 3600 K., Chlorkalzium geschmolzen . 70/75 zu 1800 K., Chromalaun zu 9700 K., Glyzerin 28 B6 chemisch rein zu 28.500 K.. Minium Bleiberger zu 10.900 K., Paraffin 50/52 in Tafeln 31t 6500 K., Bienenwachs zu 26.000 K. (gelb) transit Wien, Weiusteinsäüre kristallisiert spießig zu 46.000 K., Soda Bic. B. zu 4100 K., Terpentinöl vierfach rekt. zu 26.000 K. Oele und Fette wiesen in eiyigen Gattungen schwächere Tendenz auf, so bröckelten Preise in Sesmnöl I. Pressung um- 200 K. auf 18.300 K., Agmi-Speiseöl um 200 K. auf 16.800 K., Schweinefett tpurs Iard) Kistenpackung rnu 200 K. auf 21.500 K. ab.. Schweinefett (pure lardl Faßpacküng notiert 28.40 Dollar pro 100 Kilogramm transit Wien, Elain sap. 97/98 notiert um 100 K. höher 18.400 K. Kolonialwaren hatten mäßiges Geschäft, einige Artikel wurden zu herabgesetzten Preisen ausgeboten, wie z. B. Kaffee Santos PrimeS Wille zu 39.000 K. (— 1000 K.), Rio VII Johuston zu 31.800 K. (— 300 K.), amerikanischer Kakao (in Fässern ü 100 Kilogramm) zu 22.000 K. (—, 1000 K.), Kümmel zu 43.000 K., Bruchreis II neue Ernte Bruck^-zu 4900 K., Zucker zu 4.15 tschech. K. prompt (— 5 Punkte), Würfel zu 3.20 tschech. K. (— 5 Punkte), pro Oktober—Dezember ab Grenze und ab Lager Wien 11,700 K. (— 300 K.), bosnische Pflaumen 95/100 zu 5100 K. (— 100 K.) portugiesische Sardine» zu 5950 K. (4- 100 K.). Für KokoS geraspelt war Interesse vorhanden. Mehmörkte in Et. Marx. - (Eigenberichts der „Wiener Morgenzeitung".) B 0 r st e n v i e h m a r k t. Der Auftrieb bei Marktbeginn belief sich auf 2659 Schweine, darunter 1142 Fleischuno 1517 Fettschweine. Von den noch angemeldcten 937 Stück ist ein Großteil im Laufe des Verkehres eingelaugt. Der Provenienz nach waren 304 inländische, 424 ungarische, 1190 jugoslawische, 448 holländische, 37 dänische und 136 Stuck flhwedische. Bei ruhigem Verkehr sind gegen die Vorwoche nennenswerte Preisveränderungen nicht zu konstatieren. Es notierten: Fettschweine schwere, je nach Oualität, 21.000 bis 23.000 K., Bauernschwenle 23.500 bis 25.500 K. und Fleischschweine, je nach „Er will diganze Welt befreien!" unterbrach ihn KomarowsEi. „Was heißt das, die ganze Well?" Kahane faßte Komaro-wski bei der Hand. „Unsere Renegaten sagen genau dasselbe! Es genügt ja — Mickitzwicz ging in diesem Punkt mit ihm auseinander! Da Sir aber seine Lehren so vergöttern, so muß ich Ihnen sagen, daß es nicht seine Lehren sind'; damit tut man einem großen Polen und Denker unrecht, wie es Heine-Wronski war! Von den Teilen, welche aus der Kabbala genommen sind, will ich nicht erst sprechen. Und da-nn,' wie erklären Sie seine Weltpolitik? Die Bemühungen, sowohl den Papst zu gewinnen als auch R-othschild, rrämlich Rochschilds Millionen?" „E^ war doch eine Weltbewegung!" unterbrach 5tomarowski. „Sie sagen das?" Kahane lachte laut. „Zwei Prosessoren, der Mystiker Pierre Michel und eine histerische Französin aus dem Quartier lgtin, das nennen Sie eine Weltbewegung?" - ' ‘ „Und unter den Jndcwß" „Unter den Juden konnte Tckwianskis Lchre keine Wurzel fassen, selbst Mickiewicz' Predigten im Beth Hamickrasch haben nicht gebo-lsen. Wissen Sie warum? Weil jeder Chassid, jeder zerlumpte, ausgemergelte Jude mit Kaftan und Schläfenlocken selbst ein Towianski ist. Sie machen aber kein Wesen davon, weil es uns im Blute liegt! Die paar Juden, welche sich Towianski angeschlossen haben, können Sie an den Fingern abzählem Sein Adjutant Gerschon Rahm war ein gewöhnlicher Lump und die polnischen Juden, die sich Rabbinen nannten, sind alle ehemalige Kinderlehrer; und ausgediente Nikolai-Soldaten!" „Zn "Tisch, zu Tisch!" Felicia betrat als erste das Speisezimmer. >/Se'hen Sie nur, wie sich Kahane in Hitze rckdet!" Krasttopolsbi lenkte Felicias Aufniierksamkeit auf Ka-hane und ahmte seine Hanidbewogungen nach. „Dafür sind Sie nie ernst," Felicia wies den Em- Mentikn ihre Plätze an, „nehmen Sie sich ein Beispiel an Kahane . . ." . „Ich fürchte aber .Haare zu tc" :.v Krasnspo-lski. lachte selbst über schm.Bemertuv.-u. Kahane fuhr sich instinktiv nach dem Kopf, auf dem -die Haare so schütter waren, daß man'sie zählen konnte; lächelnd wandte er sich an Felicia: - „Sie verstehen, die Natur ist ökonomisch; wenn man Rabbi Leiibnsch zum Großvater hat, den die polnischen Juden den „Eisenschädel" nennen, dann braucht der Enkel überhaupt kein Hirn, schon der Harmonie halber. . . Die Natur -darf nie zuviel verschwenden; Großvater und Enkel bedenken? Tie Komarowski müssen ja auch etwas bekommen, nicht wahr?" „Gewiß, gewiß," Komarvws-ki klopfte Kahane auf die Schulter und goß sich ein Glas Wein ein, „gut gesagt! Ein wunderbares Volk, das jüdische! Towiansti hat recht, trenn er sagt, die Franzosen hätten einen einzigen Lichtpünkt gehabt; Lvs tvar Napoleon, dessen Lichtschein die finsteren Geister verjagte, tvelche am Meirschenhcrzen nagtest und Äe Seelen dumpf machten. Solcher Lichtpunkte aber hatten urvd haben die Juden unzählige! Ich trinke auf.die wunderbare Misch? Rasse!" Die Weingläser klangen aneilmnder.-Man begann zu essen. Als Filicia sich über die Lampe bLngte, um den Docht höher zu schrauben, bemerkte Mordechai, daß ihr cttras auZ dem Busei: heraussiel. Er wollte sich sofort Lücken, um «3 aufzuheben und ihr zu überreichen; instinktiv aber stellte er den Fuß davanf, sah sich um, ob es niemand bemerkt hatte, und errötete stark. Er konnte dem Gespräch bei Tische nicht mehr folgen, denn er fühlte, wie das Stückchen Papier unter 4-eiucm Fuße brannte und ihn versengte und war sicher, alle hätten gesehen, was er geivn, und hielten ihn für einen Dummkopf. Nur ein Bauer vn der Schenke, wenn er sieht, daß jemandem eine Münze zu Boden fällt, stellt den Fuß auf sie. .So^ etwas kann nur ein Dummkopf turu Er redete sich selbst ins Gewissen, das Blatt sofort aufzu» heben und es Felieia zurückzugeben. Vielleicht aber darf niemand davon etwas wissen? Dieser GedaEe beunruhigte ihn; unbeweglich, ohne mit dem Fuße rühren, saß er, bis das Abendessen zu Ende.war; als dann alle ins nächste Zimmer gingen, steckte er das Blatt rasch in die Tasche und ging ihnen langsam nach. (Fortsetzuna folgt.) BRStMHPBU

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