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Wiener Morgenzeitung · 1923-08-05 · Heft 1609 (5.8.1923) · p. Seite 23

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1609 (5.8.1923)
Date
1923-08-05
Page
Seite 23 (sequence 23)
Language
German
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* 1 v 4 (i* * . Nr. 1609 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitung» 5. August 1923 Seite 23 Copyright i9»s Gy fUtüwlt-Veriag,Wien-Leipzig, Nachdruck verboten. (66. Fortsetzung.) Zu Polens WAderu. Roman von I. Opatoschu. Autorisierte Uebertragung aus dem Jüdischen von Siegfried Schmätz. „Wie man-^s nimmt." ^,Jch habe gestern mit Rudnicki gesprochen, der zwei Söhne im ersten Aufstand verloren Hat, er sagt dasselbe. Er meint, der Bauer werde nicht mittun." „Kahane sagt," Felicia lächelte, „wenn auch der Ausland eine verlorene Sache sei, so müsse man ihn doch unternehmen, es sei noch schöner, tragischer . . „Ach, Ka—ha—ne," Jossel sprach den Namen spottend aus, „der führt immer große Worte im Munde! Er meint doch, jetzt, wenn Rom sich von der Macht des Papstes befreit habe, werde man Jerusalem auch befreien und es den Juden wiedergeben. Nur gut, daß er nicht befiehlt, -die Juden mögen sich organisieren und sich Jerusalem selbst von den Türken holen." ,/Du lachst über alles." „Ich meine es ernst," Jossel faßte Felicia bei der Hand, „wir JMn sind ein sonderbares Volk. Entweder wir -halten uns ganz abseits oder wir nehmen uns mit LeÄ» und Seele einer Sache an, so daß wir zu allererst daher -das Genick brechen." ,Menn man jung ist", Felicia lächelte. ,Mrvst du besser?" Jossel fühlte sich. alt, gebrochen, abgelebt; er hatte Krrcht, es zü zeigen, streichelte Felicia tote eine Tochter und sagte -bitteüd: „Entschuldige mich für heute, Felicia, ich bin nicht ganz wohl, geh' du zu deinen Gästen, ich will mich hinkegen." Mas Mt dir?" „Gar nichts, ich fühle mich ein wenig müde." Er küßte sie aus die Wange. „Gute Nacht!" , ,Mute Nacht!" Jossel blieb mit gekreuzten Armen und gesenktem Kopf sitzen und sah mit seinen müden Angen lange nach der Tür,, durch die Felicia entschwunden war, als hätte sie etwas zurückgelaffen; plötzlich zuckte er die Achseln, wie um alles von sich abznschütteln-, nnd vertiefte sich -wieder in Goethes Faust. „Die große Felicia trat ins Nebenzimmer; dort stand sie eine Weile mit gerunzelter Stirn und aufeinander gepreßten Lippen, wie ein trotziges Mädchen, wenn es den Eltern etwas zu Trotz , tun will.'Sie ärgerte sich über sich selbst: warum hatte sie jetzt ihren Mann ausgesucht, ihn gestreichelt und Ihm gute Worte gegeben wie eine Romanheldin, die sich schuldig fühlt und, weil sie Augst vor des Mannes Verdacht -hat, ihn fortwährend umschmeichelt? Felicia zündete Licht an und las den Brief, welchen ihr Komarowski beim Eitritt in die Hand gedrückt hatte. Sie zitterte. Der gar junge Komarowski mit dem blonden Schnurrbärtchen, den blauen Kinderaugen und den abgerissenen, zusammenhanglosen Reden hatte ihr gleich bei der ersten Begegnung imponiert. Sie verstand selten, was er sprach, da sie seine Gedanken nicht miteinander verknüpfen konnte; das gefiel ihr noch mehr> denn sie fühlte sich dadurch frei von all der Klarheit, Logik und Berechnungdie in ihrem Hause herrschte. Nach Komarowskis erstem Besuch sagte Strahl seiner Frau, der junge Komarowski erinnere ihn an ein schönes Roß, das, sobald es den Reiter aus sich spürt, sich nicht mehr halten kann. Ihr gefiel der Vergleich. Es war ihr ein Rätsel, wie jemand stets begeistert sein konnte; ganze Tage dachte sie über KomarowsRs Wesen nach und es verwirrte sie immer mehr. Wie ein Musch, der gar keine Vorstellung von der Sonne hat, sich dennoch an ihren Strahlen wärmt, so fühlte sich Felicia glücklich, wenn Komarowski sich in ihrem Hause befand. Felicia knüllte, den Brief zusammen und warf einen Blick, in den Spiegel, der seitwärts stand; sie war zufrieden mit dem matten, ruhigen Gesicht, welches sie darin sah, Und lächelte, als sie sich erinnerte, daß Komarowski sie im Briefe gebeten Hatte, sie möge ivarten, er sei ihrer nicht wert, die Juden seien die wunderbarste Rasse. Wieder öffnete sie den Bvief: „ . . . ich glaube, die Zeit wird bald kommen, bald, uns zuliebe,. . die Welt muß befreit werden. Unter den drei Völkern, welche dazu ausersehen sind, den Messias zu bringen, befindet sich auch das jüdische. Wir leben in einer wunderbaren Zeit! Ich glaube bald, bald .... werde ich Dir zu Füßen fallen, die Spur Deiner Schritte küssen und den Staub der Welt in mich einsaugen, auf daß Du geläutert Dich erhebest und ich Dir frei sagen kann — komm'! Mit dem Licht Deiner Angen werden wir die Lösen Geister verjagen, die in Scharen auf der Erde wimmeln. Der Glanz des siebenten Boten, den Gott auf die Erde niedersenden muß, und der schon unter uns weilt, wird auf Dich fallen, mein Engel. Das Feuer Deiner Augen, es wird so ianter leuchten, daß alles Schlechte verschwindet und di« Erde zum Himmel wird! «- ' Und wenn Du nicht mit mir gehen wirst, so werde ich 51t Deinen Füßen liegen wie ein treuer. Hund und niemanden 51t Dir lassen, daß kein Stäubchen auf Dich falle, Du, meine Mater dolorosa! Erst gestern war ich bereit, mein Leben hinzugeben, aus daß Rom nicht in die Hände des Antichrist falle. Das Gewehr auf der Schulter, mit dem Losungswort „Petrus Apostolus prineeps apo-stolorum" zog ich mit den Oesterreichern fort, um die ungläubigen Italiener riiederzuwerfen. Und was war das Ende? Ich, ein guter Katholik, habe mit meiner Waffe das Christentum begraben geholfen! Und niemand wagt mir das Wort Antichrist ins Gesicht zu schleudern! Kahane hat recht — wir leben in einer wunderbaren Zeit, das alte Rom hat sich befreit! Hörst Dü, be—freit! Und wenn ich alt werde und nicht mehr zu Deinen Füßen liegen kann, so will ich mein eigenes Herz zerfasern und auf den blutigen Saiten vor Dir spielen, daß alle ringsum der Wahnsinn fasse — die Ahnen mögen es ihren Enkeln überliefern, daß einstens ein unglücklicher Graf Komarowski und eine leidende Felicia lebten . . . O, wenn Du Komarowski kenntest! Er ist imstande, zu fühlen, was Adel von mehr als vierzig Ahnen bedeutet! Der Schleppe Deines Kleides, Felicia, -den Zöpfen Deines schwarzen Haares ziehen sich mehr als vierzig Generationen nach! Vierzig Generationen! Ich beuge vor euch mein sündiges, mein krankes Haupt! Es ist mir so elend ohne Dich, so elend mein Engel... Ich warte, daß Polen mich schnell rufe . . . inzwischen renne ich mit dem Kopf an die Wände, schweige und warte'. . ." Diese Briese machten Felicia wahnsinnig und verwirrten ihre Gedanken so, daß sie nicht wußte, was rings um sie geschah. Die Phrase, daß hinter ihr vierzig- Adelsgeschlechter stünden, daß ihr Adel älter sei als der de? ersten Potenkönigs, ging ihr nicht aus dem Kopf. Das ist echter Komarowski! Aber sie war seiner nicht sicher, nie sprach sie mit ihm davon, und wenn sie das Gespräch auf diese Bahn lenkte, so wich er aus. Der leiseste Ruf hätte genügt, daß sie dem Polen folgte; sie hatte keine Gewissensbisse, sah nicht ein, warum sie es nicht tun dürfte und dachte nicht an die Eltern. Aus Furcht vor dem Bankrott hatten sie sie verkauft, ihr einen Großvater zum Mann gegeben; nein, keinen Großvater, einen Großvater hat man lteb; irgend einen strengen, klugen Onkel hatten sie ihr zum Mann gegeben, sollte sie da Mitleid mit ihnenhaben? (Fortsetzung folgt.) Vertag Psychoanalytische Literatur Freud, Psychopathologie des Alltagslebens. K 45.000.-. Geb. K 54.000.-, Wer tief and ganz menschlioh die Freudschen Entdeckungen empfindet, wird von einem Sdatier «griffen. (Frederik van Beden in der »Frankfurter Zeitung*.) Mag jeder seine Distanz bewusst wählen, wie es ihm richtig dnd netwendig scheint, seine Betrachtung aller Dinge ist irgendwie doch durchdrungen von Freud. Der schuf eine neue Perspektive. Nene geistige Reize, neue Beschäftigung. Stoff. („Vossische Zeitung".) Die Lektüre ist auch für Uneingeweihte ungemein anregend, sie schult daspsychologische Denken. („B erliner Klinische Wochenschrift*.) — Jenseits desLustprinzips.K21.000.—.; Eine geistvolle, feinsinnige Schrift, Überaus weitgreifend und die ganze Sexualproblematik umspannend. („Zeitschrift für Sexualwissenschaft*.) — Massenpsychologie u. Ich-Analyse. Geb. 31.600.—. Anregend, mehr noch des Lohes: aufregend. („Vossische Z ei tung“.) Das Ich und das Es. K 17.500.—. , Freud bringt sein Korn in dia Scheuern. (Alfred Dttblin in der „Vossischen Zeitung*.) Das Buch ist tief und dunkel wie ein schwarzes Gewässer. („Neue Freie Presse“.) Rank* Der Künstler. K 24.500.—. Rank hat auf dem Wege zur Seelenschau des Künstlers eine ganze Menge psychologischer Faktoren auf den sexuellen Gehalt hin geprüft und mit schüner Prägnanz demonstriert.'(„All gern eine Zeitung*.) Reik, Der eigene u. der fremde Gott. K 70.000-—. Geb. K 91.000.-, Aus dem Inhalt Jesus und Maria im Talmud. Der hl. Epiphasius verschreibt sich. Die psychoanalytische Deutung des Judasproblems. Die Unheimlichkeit fremder Götter und Kulte usw. Ein geistreiches Buch. Ein Versuch, die Erscheinungen der religiösen Feindseligkeiten und Intoleranz zu erklären. Reik ist einer der hellsten Köpfe unter den Psychoanalytikern. (Alfred Döblin tu der „Vossischen Z eitun g“.) . Bnrnfeldy Zum Gemeinschaftsleben der Jugend. Geb. K 84.000.—. Arbeiten aus dom jüdischen Institut für Jugend» forschung und Erziehung. Ossipow. Tolstois Kindheitserinnerungen. K 70.000.—. Geb. K 91.000.—. Auf der gigantischen Persönlichkeit des grossen Russen ruht hier zum erstenmal der geschärfte und geläuterte Blick psychoanalytischer Erkenntnis. Es kreuzen sich dabei die Wege Tolstoischer Sexualgrübelei mit denen der psychoanalytischen Eroslehre. Neufeld, Dostojewski. K 24.500,—. Unter den Dichtern der Vergangenheit standen einige dem Wissen um die wesentliche Sache des analytischen Seelenknnde sehr nahe. Am nächsten Dostojewski. (Hermann Hesse in der „Frankfurter Zeitung*,) LoreilZj Der politische Mythus. K 31.500.—. In seiner edlen Wissenschaftlichkeit die Wage des Für und Wider liebevoll austarierend, ein Apotheker magischer Destillate and wiederum — wäre das Wort von Hermann1 Bahr nicht so zerbeslt: ein Barockmansch, dosiert er seine Gedanken. In keiner Bibliothek eines politischen Menschen, ein jeder ist’s, dem Zeitnng cm Bedürfnis ist. sollte das Bach fehlen. („Klagenfurter Zeitung“.) Groddeck, Der Seelensucher. Ein psychoanalytischer Roman. Geb. K 63.000.—. So was FrecheB, Ungeniertes, raffiniert Gescheit- Verrücktes ist von Erzählern unserer Sprache noch nicht gewagt worden..; Eine Figur so voll der kostbarsten. Narrheit ist noch durch keinen deutschen Roman gewandelt... Solche lustige Abenteurerfahrt des Gedankens hat noch kein deutscher Mann gewagt, (Alfred Polgar im „Berliner Tageblatt*.) — Das Buch vom Es. Geb. K 91.000.—. Ein ungewöhnlich geistreicher Kerl. („Frankfurter Zeitung“.) Ein Schalk, der lustig, ausgelassen und frivol ist unddoehzumDenkenroizt. („Freimaurer Zeitung“.) Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens» K 88.500.—. Geb. K 62.500.—. Das Tagebuch ist ein Juwel. Noch niemals hat man in solcher Klarheit und Wahrhaftigkeit in die Seelenregungen hineinblicken könnenj welche die Entwicklung des Mädchens unserer Gesellschafts- und Kulturstufe in den Jahren der Vorpubertät kennzeichnen. (Prof. Freud.) Der Londoner Zensor war sicher der Meinung, es komme ausschliesslich in Wien vor, dass das Denken und Fühlen junger Mädchen durch bevorstehende physiologische Erscheinungen lebhaft beschäftigt wird. In der Kontinentalrasso steckt die Schweinerei. („Frankfurter Zeitung“.) BjPü wm trickwaren C mJB aller Art iosoo engl. Kostüme, Jacken und Damenwesten zu fabelhaft billigen Preisen HELICZER & €0., WIEN I^Grölsdorfgasse 7 mb—iiflfgflflpiyypyi BANKHAUS Nengröscbel & Lindner Kommanditgesellschaft Wien, I., Schollenring 35 Telegramme »Neugrelind« Telephone 13-3-59, 16-3-91 und 18-3-04 Effekten, Devisen und Valuten 256 Generaldirektion u. Zentralbureau: WIEN, VI. Mariahilferstrasse 47 Verkaufshäuser In Wiens I. Rotenturmstrasse 12 II. Taborstrasse 21 IV. Suttnerplatz 3 VI. Mariahilferstrasse 47 VII. Neubaugasse 26 IX. Alserstrasse 6 IX. Nussdorferstrasse 14 X. 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