Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1608 (4.8.1923)
- Date
- 1923-08-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer K190Ö Wien: Zum Abholen in ae.r Expedition, II.,Taborstr. 1-3, oder meiner Verscbleisptelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tschecho-Slovvakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. Mk.SO.GOQ.D eutschland: Mon.Mark 50.000. Frankr., Belgien: Monatl. Frcs. 8 M. 1608 ngf* Nachzahlungen DO hei Preiserhöhungen Vorbehalten iMWMWWMWWWUWWMWWUWWDMWWWW Wien. Samstag, 4. AugnA 1923 Tschcicho -Stowak«! i tschech. K 1«— Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon. 90 Lei Bulgarien Mon.75 Lewa Schweiz und das übrig« Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II.,Taborstraüsel— 3 Telephone: 44-0-38,43-3*19^ ab 6 Uhr abds. 19-48^,16-301 Tel.-Adr.: .Morgenzeituag*' Wien Oesterreichisches Postspar* kassen- Konto Nr. 150.692 5. ZrchMW Mgam md die emchSische, MM. kr. Wien, 4. August. Nohen dem großen deutschen Problem, welches täglich verworrener wird, bildet die ungarische Frage gegenwärtig die aktuellste Sorge Europas. Ungarn Hat sich allmählich zu einem chronischen Nebel für die Nachfolgestaaten herausgebildet und ist heute das HaupthinderrHs für eine politische und wirtschaftliche Konsolidierung der NationaPaaten. Alle Versuche der kleinen Entente, die ungarische Regierung zu einer Politik zu veranlassen, welche sie verttagssaihig und vertrauenswürdig machen könnte, blieben erfolglos. Die ungarische Regierung hat sich bisher unfähig erwiesen, eine innerpolitische Situation zu schaffen, welche geeignet wäre, die Nachbarstaaten cm die Friedfertigkeit Ungarns Amben zu machen. Im Gegenteil hat Horthy Ungarn durch feine weißterroristifchen Formationen, die Nachbarstaaten durch die ständige irredentiifüfche Propaganda und weitverzweigte Spionage unausgesetzt in Unruhe gehalten und sie zu militärischen Maßnahmen gelungen, welche die betreffenden Maaten auch finanziell in außerordentlichem Maße belasten. Diese Taktik hat Ungarn an den Rand des Ruins . getrieben und es genötigt, sich in seiner Not an das Ausland zu wenden. Das österreichische Beispiel lud zw Nachahmung ein, wobei die ungarische Negierung allerdings überschen hatte, daß auch das Ausland ein von bewaffneten Formationen überfülltes und zur gewaltsamen Wiedergewinnung der verlorenen Gebiete lverhetztes Ungarn.mit einem anderen Maßstab messen lweäe, als das in sein Schicksal sich ergebende, entwafflnete Oesterreich. So lange diese Auffassung über Unigarn die alliierten Großmächte und die kleine Entente ftr gleicher Weise beherrschte, konnte Ungarn auch' in der Tat an die Erlangung einer Anleihe und an einen ^wirtschaftlichen MchermHcm des Landes Ncht^denken, Mt dieser Ueberzeugung kehrte Gras Bethlen von seltner letzten Auslandsreise heim, ans welcher er überchmcht schr lehrreiche Erfahrungen zu sammeln in der 'Lage war. Nach seiner Rückkehr begann Bethlen einen! politischen Kurs einzuschlagen, der darauf angelegt war, ldem Ausland zu beweisen, daß er die Winke, die ihm von Maris und London aus gegeben wurden, richtig begriffen habe. Der ungarische Ministerpräsident hat aus seiner Auslandsreise die sich vorbereitende neue Politische Konstellation in Europa wahrzunehmen Gelegenheit gehabt und er verstand es, den Wert Ungarns sowohl als Freund wie auch als Feind der einen oder anderen Mächtegruppe ins richtige Licht zu setzen und für die Zwecke seines Landes auchnnützen. Ursprünglich ProtektionMnd Frankreichs, hat Ungarn auf sein Guthaben als Bezwinger des Bolschewismus an der Schwelle Zwischen Oft. und West daranflvs gesündigt und sich um Wohlwollen oder Mißgunst der Nachfolgestaaten wenig gekimrmert, suchte, sich vielmehr an die Gegner der kleinen -Entente^ an Italien und Polen, anznlehnen. Als es sich jedoch hevcmsgestM hatte, daß Frankreich nicht gewillt ist, die kleine Entente Ungarn zu Liebe zu brüskieren, und als in Italien Mussolini zur Herrschaft gelangte, rmd als schließlich die Angova- Regiernng einen, entschiedenen Sieg iiber die Alliierten davontrug, nützte die ungarische Diplomatie die GesinnungsverwaMschaft mit Mnssolini.ans^ um mit Hilfe Italiens bei jener Gruppe Anschluß zu' finden, die bei der künftigen Nrseinanderfetzung durch keinerlei Gefühlsrückfichten an die kleine Entente gebunden ist. Der Regierungsantritt Bawwins in England, die Verschärfung des gespannten Verhält-msses zwischen England und Frankreich, wobei Italien sich auf die Seite Englands, stellte, begünstigte das diplomatische Unternehmen des Grasen Bethlen. In der Abrechnung zwischen England und Italien einerseits und Frankreich und Belgien andererseits bildet Ungarn ails' Gegengewicht gegen die frankophile kleine Entente einen wichtigen Posten. DeshaH wurden in England immer mehr und immer einflußreichere Stimmen zugunsten der ungarischen Anleihe laut und es ist hierfür bezeichnend, daß se>lbst liberale Blätter wie „Manchester Guardian", welche bisher ihrem Programm gemäß jode Verbindung mit Ungarn, so lange das gegenwärtige veattionäre Regime besteht, Mahnten, jetzt m den wärmstey. Tönen für die ungarische Anleihe eintreten. ‘ ■ 'X " ' Der tschecho-slowakische! ÄußemmNister Dokwr Venesch hat sich dieser neuen Silnation in äußerst geschickter Weise angepaßt. Die Konferenz der Keinen Entonte-in Sinaia führte zu dem Beschluß, daß die kleine . Entente die ungarische 'Anleibe unter gelvif^n Kauteleu Mch der enMchen Erklärung. Me Aufnahme in der englische« Seffentlichkeit: Für ein weitere» Fortfchrelte« auf dem BeWMgnngsweg mit Deutschland. - Appell an den Wllerbnnd oder internationale Konferenz. London, 3. August. (Tel. d. „Wr. Movgenzeitmg".) Die Regierungserklärung wird von der Presse sehr geteilt beurteilt. Die rechtsstehenden konservativen Blätter „Daily Mail" und „Morning Post" finden, daß sie zu weit gehe, indem sie in abfehbarer Zeit eine weitere' Entfernung v on Frankreich in Aussicht stelle. Die regierungstreuen konservativenZeitungen „Times" und ,D«ilh Telegraph" dagegen zollen dem vor'si-chtigen Vorgehen Baldwins, der nichts iiberstürzt, vollen B e i s a l l. Die liberal e n und sozialistischen Zeitungen halten die ErMrnng z i e mlich allgemein, indem sie die Une iltschlosfenheit der Regierung kritisieren, die heute noch nicht wisse, wo hinaus sie eigentlich will, trotzdem sie einer Lage gegenüberstünde, die nicht plötzlich aufgetreten sei, sondern schon seit Monaten bestände: Ein Appell an die öffentliche Meinung der Welt verspräche sehr wenig. Die Zeitungen befürworten aber einmütig die Entsendung einer getrennten englischen Antwort auf die deutschen Vorschläge. Die ,Jimes" erklären, daß die Regi-e-vung am Donnerstag einen entscheidenden Schritt vorwärts getan halbe. Die Politik, die England verfolge, finde übrigens die Unterstützung der öffentlicher^ Minnng der gan-zen Welt. „Daily T e l e g r a p h" beschäftigt . sich mit der Frage, was jetzt geschehen wird. Der Ton der Erklärung seieher für die Mächte und lasse daraus schließen, daß das KaihL« e tt entschLosMnäK,die A ngeleg enheit nicht noch mehr zu verfchärfen. Dadurch, daß das Kabinett beschlossen hat, die Note zu verWntlichen, hat es mrr.zu devstehen gegeben, daß es di« Unterhandlungen mit Frankreich als beendet betrachte. Wenn Poineare seinen Standpunkt n ich t ände r t, so sei entweder ein Appell a n den Völkerbund oder an eine internat ionale Konferenz nröglich. Der letztere Schritt sei wahr-- s ch e i n l i ch e r, da ein Appell an den BWerbund diesen e rfchüttern würde. d e r s r a n z ö s i s ch e n A n t w o r tn o t e an d ie Regierung. Darin heißt es unter anderem: Ueberzeugt von der DrirvgliWeit -der Frage, hegt die ftanzöfische Regierung gleichfalls den sehnlichen Wunsch, eine Lösung im Einvernehmen mit Großbritannien zu finden. Nach vier Jahren des Äbwartens, der Versuche aller Art, von Ultimaten und aufeinanderfollgenden Moratorien, die ohne Wirkung geblieben sin!- ufw., find die französische und die belgische Regierung zu dem Schlüsse gekommen, daß nur die Methode, zu der Deutschland im Jahre 1871 gegriffen hat, von nun an angewendet werden muß. Wir werden das Pfand, das wir halten, nur schrittweise aufgebeu und nach Maßgabe der Zahlungen, die wir erhalten. Die brittsche Regierung ist der Ansicht, daß die Ruhrbesetzung nicht die gswünschte Wirkung gezeitigt hat. Wir teilen diesen Pessimismus nicht. Wir sind in das Ruhrgebiet nicht eingedrungen, um dort die voWständige und sofortige Zahlung der Reparationen zu suchen. Wir wußten sehr wohl, daß die Ausbeutu-ng des Ruhrgebietes durch die Verbündeten nicht für sich allem die notwendigen Smn'men verschaffeu würde, selbst wenn das Reich uns gemäß dem Friedensvertrag die Kohle hätte nehmen und die Steuern einheberr lassen, die wir dort einzuhvben beschlossen hatken. Was wir wollten, war, in Deutschland durch Zwang den Zahlungswillen zu schaffen und zu erreichen, lvas wir seit vier Jahren angestreibt 'haben: die Anerkennung seiner B e rp f l i ch t u ir g e n d u r ch D e u t s ch l a n d nicht vom all- \ gemeinen und theoretischen Standpunkt, sorwern vom Praktischen Standpunkt aus. ktsatzwM in Leeds. London, 3. Arigust. (Tel. der „Wr. Morgenzeituug".) Für das evledigt-c, bisher von den Konservativen innvgchaibte Mandat von Leeds fand nmrmehr die Ersatzwahl statt, welche nach einevr heißen Wahlkampf mit dem Siege des konservativen Kandidaten Sir Ch. Wilson endete, der 13.085 Stimmen erhielt. Der Kandidat der Arbeiterpartei erhielt 11.369 Stimmen, was gegenüber den allgemeinen Wahlen einen Zuwachs von zirka 3500 Stimmeri bederrtet, wcil)rcnd die Kouserv-rtiven über 1000 Stimmen verloren. Die „Daily News" befürworten einen Appel l - a n den Völkerbund. Diesen könne allerdings Fva-rckveich nicht zur Feststelln-ng der deutschen Za-HlungssähigLeit ergreifen. Unterdessen aber hat fofe englische R egierungdi« Ausgabe, ohne Verzugdie allgeweine Regelung der Reparationsfragc vorzuschlägen, dabei aber Frankreich die Möglichkeit offen zu lassen, sich diesen Verhandlungen anzuschließen. Bettaguug des englischen Parlaments. London, 3. August. Das Parlament hat sich bis zum 13, November vertagt. BerllsseuMchuug der srauzöfischea Antwort. Paris, 3. August. Mit Rücksicht auf die gestrige Debatte ' im britischer Parlament verösfentlicht ldie ßrauzösische Regieruarg heute den Wortlaut Beschlagnahme von Lohngeldern durch die Franrosen. Proteststreik der Arbeiter. Gelsenlirchen, 3. August. Die Franzosen haben einen für die Belegschaft der Gelsenkirchener Gußstahlwerke bestimmten Geldtransport in der Höhe von einen Milliarde Mark wgggenommen. Kurz darauf beschlagnahmten sie einen Geldiransport in der Höhe von 2 M i lliarden Mark, der für die Belegschaft der Zeche „Rhein-Elbe" bestimntt war und sofort zur Auszahlung hätte kommen sollen^ Die begleitenden Beamten wurden verhaftet, aber nach kurzer Zeit wieder fteigelassen. Die Belegschaften der Zeche „Rhein-Elbe" sind in eineu 24stündigen Proteststreik getreten wünschenswert erachtet. Die Feststellung ist eigentlich durchaus keine Wsrümng irr der PolM der Keinen Entente. Die Vorbedingungen für die Anleihe, an Ungarn sind für die kleine Entente dieselben geblieben. Wenn in diesem Beschluß etwas neu ist, so ist es höchstens die Annahme, daß in der Politik des Grafen Bethlen eine Wendung in der Richtung emgetveten sei, welche die ErMnng der Vorbedingungen glaubhafter macht ^rls es bisher der Fall war. Wie zur Bekräftigung dieser Annahme spielen sich in Ungarn tn den letzten Tagen politische Szenen ab, die der Welt dartun sollen, daß die Rechtsradikalen in der Regierungspartei unter der Führu>ng Gömbös' die Schwenkung Bethlens gegen die Mitte nnWlligen, und daß i Gras Bethlen entschloffen ist, sich dieses Ballastes ans seinem Wege zur Erlangung der Anleihe zu eNtledigem - . .! ' Die ungarische Regierung hat gegenwärtig ihre schwerste Krise seit ihrer Existenz - zu bestehen. .Der gWhKejtig-mw dem Austritt der /.Gömbös-Gruppe ausgÄrocheue ^^Eisenbabnerrtteik*...verschärf ihre So-r. Dieser Streik wurde nicht von den Gewerkschaften itrtl den Sozialdemokraten, sondern von den Gömbös- Leuten, irr deren Heerbann die Lokomotivführer stehen, geschürt und gefördert. Dadurch wird möglicherweise die Auseinandersetzung zwischen der Bethlen-Regierirng und den Erwachenden Ungarn beschleunigt. Das große Rätsel in diesem Kampfe ist und bleibt der' Reichsverweser Horthy. Gömbös und seine Knappen galten immer als die Leibgarde des Reichsverwefers gegen die legitimisüschen Beftrebuugerr der Grafencligue. Bisher hat Horthy es zu verhüten gewußt, daß den Erwachenden ein Leid geschehe. Sie durften ungestvaft die größten Verbrechen.begehen. Mm nimmt Bethlen, wie er verbreiten läßt, den Kampf gegen die Leibgarde Horthhs aus. Er verhängt das Starchrecht und droht mit Enthüllungen über die „Gömbös-Atafra". Es fragt sich bloß, ob und wann Horthy ihm während dieser Justifizierung in den Arm fallen wird. Davon hängt das Schicksal Bechlens und vielleicht auch dcisjemge Ungarns ab. 0